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Wo sind die fünf Meter Vinyl geblieben?

Kaum zu glauben, aber ein Drittel der Deutschen kann sich das gar nicht mehr vorstellen: Sie war eine große schwarze Scheibe, die recht empfindlich war und stets gepflegt werden wollte. Und wenn man den Tonarm des Plattenspielers auf sie setzte, erklang Musik. Vor 80 Jahren wurde in New York die erste Schallplatte vorgestellt. Sie entwickelte sich zu einem Massenmedium. Redakteur Philipp Killmann hat sich bei Fans und Musikern umgehört: Woran denken Sie, wenn Sie sich heute an Ihre Schallplatten erinnern?

veröffentlicht am 09.10.2011 um 11:02 Uhr
aktualisiert am 13.10.2011 um 13:12 Uhr

Kaum zu glauben, aber ein Drittel der Deutschen kann sich das gar nicht mehr vorstellen: Sie war eine große schwarze Scheibe, die recht empfindlich war und stets gepflegt werden wollte. Und wenn man den Tonarm des Plattenspielers auf sie setzte, erklang Musik. Vor 80 Jahren wurde in New York die erste Schallplatte vorgestellt. Sie entwickelte sich zu einem Massenmedium. Redakteur Philipp Killmann hat sich bei Fans und Musikern umgehört: Woran denken Sie, wenn Sie sich heute an Ihre Schallplatten erinnern?

Von Frank Westermann

Es war 1978, ich war 18, und ich war todunglücklich. Gerade war die dritte Platte der Stranglers erschienen, im schicken Schwarz und Weiß, so hieß sie ja auch. Das Problem: In Deutschland hatte ich zwar problemlos ein Exemplar von Black & White erhalten, schließlich hatte der Punk auch die norddeutsche Provinz erreicht, aber etwas fehlte: Einer begrenzten Auflage lag eine Single bei, in weißem Vinyl, auf dem die Würger einen Burt-Bacharach-Klassiker durch den orgelgeschwängerten Kakao zogen: Walk on by. Ein paar Wochen später war ich in Schweden, als ich dort einen Plattenladen besuchte, fiel mir als allererstes die Stranglers-Platte in die Hände – mit der Bonussingle. Weil ich die Platte ja schon hatte, habe ich die Single kurzerhand in die neue Platte von „Boss“ Bruce Springsteen gesteckt: Die Texte von „Darkness on the edge of town“ kannte ich dann am Ende des Urlaubs auswendig, zur großen Liebe hat es aber nie gereicht. Auch meine Begeisterung für die Stranglers kühlte ab dem vierten Album spürbar ab. Und geklaut habe ich danach nie wieder. Aber danke, Boss, für die Hilfe damals.
Frank Westermann ist Redakteur und kauft noch heute Vinyl.

Von Arne Boecker

Es war 1975, und ich war glücklich. Queen hatten „A Night At The Opera“ rausgebracht, nach meiner Erinnerung die erste Platte, die ich mir kaufte. Natürlich bei Niemitz, weil die Zeiten, in denen ich nach der Schule drei Stunden pro Tag in dem kleinen, komplettzugerauchten Plattenladen von Reiner in der Krummen Straße verbrachte, noch nicht angebrochen waren. „Bohemian Rhapsody“ war eine Art Erweckung. Das monströse Stück stand wochenlang auf Platz 1 einer Deutschlandfunk-Hitparade, die montags gegen 20 Uhr endete. Wenn meine Mutter mich winters vom Trampo-Training abholte, musste sie die paar Meter von der Sporthalle am Ratsgymnasium bis zu unserem Haus in der Schachtstraße kunstvolle Umwege fahren, bis „Anyway the wind blows...“ gehaucht worden war. Ich bin jetzt 48 und werde langsam vergesslich, aber „A Night At The Opera“ (und „A Day At The Races“) kann ich heute noch am Stück runtersingen, selbst wenn man mich nachts um halb drei weckt (was nicht ratsam ist). Übrigens haben „Queen“ später einige der scheußlichsten Pop-Hymnen gesungen, die je auf Vinyl gepresst wurden („Who wants to live forever“), aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Arne Boecker ist freier Journalist und hört Musik heute im Netz.

Von Lars B. Kugel

Ich fand sie 1993 in Flensburg in meinem letzten Familienurlaub: meine erste Gangsta-Rap-Platte. Als angehender DJ war ich dabei, mir eine kleine Plattensammlung anzulegen, ich war also ständig auf der Suche nach Vinyl. In einem Flensburger Plattenladen kaufte ich mir das gerade erst aus den USA importierte Album „Music to Driveby“ von Compton’s Most Wanted. Und diese Platte hat mir den Küstenurlaub dann deutlich verschönert, denn in der Ferienwohnung gab es sogar einen richtigen Plattenspieler. Ich hörte die Platte ständig! Wenn auch nur über einen Kopfhörer, wegen meiner Eltern. Dieses Album war mein erster Kontakt mit Rap, der dermaßen gangsta-mäßig, authentisch und smooth zugleich produziert war. Kein Wunder, schließlich kamen die Jungs aus Compton, L.A., wo immer die Sonne scheint. Ich war damals 17 Jahre alt und sofort Fan. Ich höre diese Platte, die im Internet heute locker mit 70 Euro gehandelt wird, bis heute.
Lars B. Kugel ist Rapper aus Haddessen.

Von Günter Beyer

Der ganze Sound, die verdammt guten Songs, das Spiel der Hammondorgel, die Stimme – alles hat bei Uriah Heep Wiedererkennungswert, da geht man automatisch mit. „Easy Livin“ - wenn ich gut drauf bin, stimme ich spontan dieses Lied an. Es war das erste Stück, das ich 1982 mit 22 Jahren von der Band gehört habe, das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Natürlich habe ich alle Alben, aber auch die Cover haben für mich einen großen künstlerischen Wert. Sie sind immer extravagant und mit einer bestimmten Aussage sehr auffällig. Deshalb habe ich mir das Cover des Albums „Abominog“ von einem Künstler in Airbrush-Technik auf die Haube meines Autos zaubern lassen. Dort schaut den Betrachter eine böse Fratze an, doch wenn man das Gesicht länger betrachtet, kommt der Verdacht auf, dass der Teufel uns listig angrinst. Der lacht sich fast kaputt über diese Welt, in der die Menschen so viel falsch machen. Vielleicht ist aber auch so ein kleiner Teufel in jedem von uns drin.
Günter Beyer betreibt die Kneipe Günter’s Kurve in Kükenbruch.

Von Andre dos Santos Maquina

Das war 1993 in Espelkamp, und ich war gerade aus Angola nach Deutschland gekommen. Ich ging in den einzigen Plattenladen, den es in der Gegend gab, da stieß ich auf „Cherish“ von Kool & the Gang, die ich damals noch nicht kannte. Auf dem Cover waren aber lauter schwarze Künstler zu sehen, und weil ich bereits von Hip-Hop begeistert war, griff ich blind zu, denn eine Möglichkeit, vor dem Kauf in die Platte reinzuhören, gab es nicht. Wieder im Internat hörte ich mir die Platte mit meinem Cousin und meinem Bruder an. Doch zu unserer Überraschung bekamen wir keinen Rap zu hören, sondern Funk und Soul. Aber der Song hat bei mir sofort eingeschlagen, die Melodie und alles, das war einfach schön. Dabei war der Song ja schon damals ein paar Jahre alt. Der Song hat mich in der Zeit meiner ersten Freundin begleitet, und auch später, wenn ich Liebeskummer hatte. Im Grunde bin ich über Kool & the Gang zur Musik gekommen, manchmal rappten die ja auch ein bisschen.
Andre dos Santos Maquina ist Musiker aus Rinteln.

Von Jens Meyer

Lange Rille, schrill und laut! Rückblickend erscheint mir der Sprung von Vader Abrahams Schlümpfen zum australischen Hardrock ein bisschen sehr übertrieben. Aber was will man machen, so als Jüngster im Bunde von nunmehr drei reichlich verrockten Brüdern. Uwe, acht Jahre älter und an Weihnachten 1979 also 17 Lenze, hatte mir zum Fest „Let There Be Rock“ von AC/DC geschenkt und meinte das total ernst – die erste Platte für den Lütten sollte ein Kracher sein. War eher wohl sein Geschmack als meiner. Aber ich legte sie auf und ging durch die Wände. Meine Fresse, was’n Sound! Die ollen Schlümpfe, noch als schrabbelnde Kassette im Billigtapedeck abgedudelt, hatte ich schnell abgehakt und dem Bandsalat zugeführt. Ich quälte die Nadel meines Dual-Plattenspielers, bis die Rille zu glühen drohte. „Whole Lotta Rosie“, „Bad Boy Boogie“ und schließlich das krachende „Overdose“, von dem ich nicht wirklich wusste, dass es Überdosis bedeutet, doch ich war ja nun selbst auf Droge. Ich zog mir Vinyl rein, laut und dreckig, schwarz und kreisrund. Und wie ich mich an diese Zeiten erinnere, frage ich mich, wo denn die fünf Meter Vinyl geblieben sind? Stehen die auf dem Hausboden meines Vaters? Ich muss mal wieder in der Vergangenheit stöbern. Wenn ich sie finde, werde ich sie mit einem Antistatiktuch streicheln, einpacken und wieder in die dunkle Ecke stellen. Einen Plattenspieler habe ich nämlich nicht mehr.
Jens Meyer ist Redakteur und hört immer noch AC/DC.

Von Stefan Wünnemann

Ich stöberte in der Plattensammlung meiner Eltern und wählte willkürlich eine Platte aus. Als kleiner Kerl von sechs Jahren wusste ich nicht wirklich, was ich tat. Die Platte, „Please Please Me“ von den Beatles, legte sich praktisch von alleine auf. Und das sogar sauber und ordentlich! Die Lieder kamen gut bei mir an. Schon nach kurzer Zeit sang ich sie liebend gerne mit, auch wenn ich kein Wort Englisch verstand. Besonders die Mundharmonika in „Love Me Do“ hat mir sehr gut gefallen, auch die brachiale Art zu singen bei „Twist and shout“ beeindruckte mich sehr. Aber Seele kotzen, das war noch nie meine Stärke.
Stefan Wünnemann ist Musiker aus Hameln.

Von Robert Pflug

Die Liebe zur schwarzen Scheibe begleitet mich von Kindheit an. Als meine Eltern mich zum ersten Mal an ihre heilige Musiktruhe ließen, war es um mich geschehen - und verschwommen ahnte ich, dass meine berufliche Zukunft etwas mit Musik zu tun haben würde. Früh zog es mich zum Jazz, zu den Mädchen und zur Avantgarde. Besonders eine Schallplatte von Iannis Xenakis, dem großen griechischen Modernen, hatte es mir angetan. Sie war außerordentlich experimentell und ergiebig. Auf dem Plattencover wurde man aufgefordert, sich seiner Kleidung zu entledigen, sich wie Gott uns erschaffen hatte zwischen die Stereoboxen zu setzen, möglichst an die Spitze des perfekten Stereodreiecks, und die Musik, die überwiegend aus Interferenzen bestand, auf die nackte Haut wirken zu lassen. Ich war neugierig, aber skeptisch. Hören durch die Haut? Es war prickelnd und seltsam. Es funktionierte tatsächlich. Eine Art Ganzkörpererfahrung, Gänsehaut pur sozusagen. Ich weiß nicht, wie Xenakis, der Klangzauberer, das alles so hingekriegt hat, aber ich meine, mich noch dunkel erinnern zu können, dass ich manche Freundin zu dieser Hörerfahrung eingeladen hatte.
Robert Pflug ist Musikproduzent in Rinteln.

Von Dr. Feyzullah Gökdemir

Meine erste Lieblingsplatte war ein Album von der Gruppe Boney M. Ich war 12 oder 13 und kaufte mir die Platte von meinem Zuckerfestgeld. Gesehen habe ich Boney M. zum ersten Mal in der Türkei im Schwarzweiß-Fernsehen. Besonders auffallend waren für mich die Kostüme der Musiker. Das Outfit war sehr schrill, besonders das des Sängers mit seinen Stiefeln mit hohen Absätzen. Auf einer türkischen Hochzeit spielte eines Tages die Band das Lied „Ma Baker“ von Boney M. Ich forderte ein Mädchen zum Tanzen auf. Aber sie wollte nicht - leider. Später kaufte ich mir in der Türkei noch eine Platte von Boney M.: „Rasputin“. Diese Platte ist heute noch in der Türkei bei meiner Schwester. Und wann immer ich dort bin, höre ich sie mir auch an. Und dann kommen all die schönen Erinnerungen an damals wieder hoch.
Dr. Feyzullah Gökdemir ist Integrationsbeauftragter im Nachbarlandkreis Hameln-Pyrmont.

 

Von Ecki Stieg


Heute unvorstellbar: 1970, ich war 10 Jahre alt, hat man tatsächlich noch sein ganzes Geld für eine so genannte 7"-Single ausgegeben. (Für die Jugend: Die Single war eine kleine, schwarze aus Polyvinylchlorid hergestellte Scheibe mit Loch in der Mitte. Was drauf war, waren keine Daten, sondern eine spirallförmige Rille, die man sogar anfassen konnte.) Im Radio gab es damals nur zwei Musiksendungen und in Rinteln gab es nur zwei Plattenläden: Karl Eckel und Radio Bertram. Frau Bertram war eine kettenrauchende, freundliche ältere Dame, die mir immer gute und fachmännische Tipps gab ("Kauf doch nicht diesen David Bowie. Der sieht doch aus wie ein Mädchen!") und zu einer meiner Musikbezugsperson wurde, die mich nachhaltig sozialiserte. Schon allein deshalb, weil ich bei ihr stundenlang alle neuen Singles in ihrem dicken Zigarettenqualm hören konnte, ohne dass sie mich rausschmiß. Ohne Frau Bertram hätte ich nie "Do The Strand" von Roxy Music entdeckt. Dafür gebührt ihr ewiger Dank.
Ausserdem unterrichtete mein Vater ihren Sohn. Aus diesem kausalen Zusammenhang ergab sich auch der ein oder andere Preisnachlass. 5 DM für zwei Songs (wobei die B-Seite meist zu vernachlässigen war). Damals viel Geld und man hatte ja nichts. Bei 50 Pfennig Taschengeld in der Woche konnte man nur hoffen, dass T.Rex ihre Singles nicht zu schnell hintereinander veröffentlichten. Dies geschah leider häufiger und ich musste all meinen jugendlichen Charme einsetzen, um Frau Bertram davon zu überzeugen, dass mein Lebensglück eng mit dem preisgünstigen Erwerb von "Telegram Sam" verknüpft ist. Was meist gelang. Für meine Singles habe ich, bis ich 13 Jahre alt war, immer kleine Altäre gebastelt. Hören konnte ich sie nur auf dem Plattenspieler meines Vaters, denn ich hatte selbst keinen. Und das auch nur, wenn er nicht da war, denn seine Toleranzgrenze war bei "Whole Lotta Love" von Led Zeppelin bereits überschritten.
Es ist heute kaum mehr nachzuvollziehen, was dieser "Schatz" (und das waren nicht mehr als 20 Singles, danach wurde ich wohlhabend, bin auf Langspielplatten umgestiegen und Vater schenkte mir seinen Monoplattenspieler) für mich damals bedeutete. Es war eine kleine Welt, zugleich das Fenster zur Welt, in die ich wollte.
Ein Mikrokosmos, der alle Wunder dieser Welt nicht nur versprach, sondern auch einlöste. Die erste Single (bei mir war es "Holy Holy Life" von Golden Earring) ist wie der erste Kuss, der erste Sex oder die erste Alkoholvergiftung: Man vergisst sie nie mehr im Leben. 

Ecki Stieg war früher bei "radio ffn" und arbeitet heute als A&R bei Made In Germany Music.



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