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Wie sich die Ortsmitte verändert hat

Wo einst die Zuckerfabrik stand: 143 Jahre Emmerthaler Geschichte

Überquert man von Hagenohsen kommend die Valentini-Brücke und fährt in Kirchohsen die Berliner Straße entlang, sieht man zur Rechten die Neue Mitte mit den zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungs- und Gesundheitsangeboten. Diese setzen sich, wenn man rechts in die Hauptstraße abbiegt, auf der rechten Seite bis über die Bahngleise in Richtung Emmern fort und werden durch Wohnhäuser ergänzt. Viele Leser werden sich sicher noch daran erinnern, wie dieses Gebiet bis 1986 aussah, als sich auf dem 90 000 Quadratmeter großen Areal die Zuckerfabrik Emmerthal befand. Ein Blick zurück.

veröffentlicht am 17.04.2018 um 15:55 Uhr
aktualisiert am 17.04.2018 um 17:20 Uhr

Über 100 Jahre stand die Zuckerfabrik Emmerthal im Dienste der Landwirtschaft – ein gewaltiges Areal zwischen Weser, Bahnlinie und Hauptstraße. 1986 lieferten die Landwirte letztmals Rüben an. Bereits fünf Jahre später rückten die Abrissbagger an. Fo

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Alexander Tacke
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Es war die Zeit, als die Landwirte der Region die Rüben zu „ihrer“ Fabrik fuhren, in der seit 1876 Zucker produziert wurde. „Die langen Schlangen von Traktoren mit zumeist zwei Anhängern, vor der Fabrik in Warteposition aufgefahren, die Fabrikarbeiter auf ihren Türmen, von denen sie das Entladen und Abspritzen der Rüben dirigierten, der in der Luft liegende süßliche Geruch – das alles habe ich noch deutlich vor Augen beziehungsweise in der Nase.“ So beschreibt es Cord Hölscher aus Frenke, der als junger Mann gelegentlich auch mal einen Zug Rüben zu „unserer“ Fabrik gefahren habe, in der Feierabend-Rubrik der Dewezet am 7. März 2015.

Wenn manche Landwirte damals von „ihrer“ Fabrik sprachen, so war das nicht nur Ausdruck einer besonderen persönlichen Beziehung, sondern auch rechtlich korrekt. Denn als Aktionäre waren sie zugleich Miteigentümer der Zuckerfabrik. Hölscher, der als ehrenamtlicher Archivar des Historischen Archivs der Gemeinde Emmerthal Wissenswertes über die 110-jährige Geschichte des Unternehmens zusammengetragen hat, berichtet, dass sich aufgrund einer Anzeige in der Dewezet im Mai 1875 schon 75 Bauern der umliegenden Dörfer zur Gründungsversammlung zu einer Zuckerfabrik eingefunden und 400 Aktien zu je 1500 Mark gezeichnet hätten. Bereits 1925 sei die Zahl der Anteilseigner durch die Ausgabe neuer Aktien auf 350 gestiegen.

Wie sich die Ernte- und Produktionskapazitäten im Lauf der Jahre veränderten, belegen Zahlen des Gemeindearchivars. So sei die Anbaufläche von 500 Hektar im Jahr 1876 auf 5100 Hektar im Jahr 1976 gestiegen. Entsprechende Steigerungen ließen sich auch bei den verarbeiteten Rüben im gleichen Zeitraum verzeichnen: von 10 700 auf 190 850 Tonnen. Die Emmerthaler Fabrik habe darauf mit einem beständigen Ausbau reagiert. Doch die Marktbedingungen änderten sich. „Die Strategie ,Wachsen und Weichen‘ traf auch für die Zuckerproduktion zu“, erklärt der Gemeindearchivar. Die letzten Jahre der Fabrik in Emmerthal läsen sich „fast wie ein Krimi“, so Hölscher.

Aus heutiger Sicht zügig gingen die Verantwortlichen der Gemeinde Anfang der neunziger Jahre daran, eine Nachnutzung zu entwickeln. Nach und nach entstanden etwa Verkaufsflächen, Wohnungen und Kindertagesstätte. Der letzte Schritt steht bevor: In Ric
  • Aus heutiger Sicht zügig gingen die Verantwortlichen der Gemeinde Anfang der neunziger Jahre daran, eine Nachnutzung zu entwickeln. Nach und nach entstanden etwa Verkaufsflächen, Wohnungen und Kindertagesstätte. Der letzte Schritt steht bevor: In Richtung Weser begannen im Dezember die Arbeiten, um das große Neubaugebiet zu erschließen. Foto: wfx
Die Zuckerfabrik, 1876 in Betrieb genommen, prägte über Jahrzehnte das Leben im Kernort. Nach dem Aus folgte bald der Strukturwandel. Foto: Gemeindearchiv
  • Die Zuckerfabrik, 1876 in Betrieb genommen, prägte über Jahrzehnte das Leben im Kernort. Nach dem Aus folgte bald der Strukturwandel. Foto: Gemeindearchiv

„Erste Gerüchte über eine drohende Fusion wurden 1984 zwar noch dementiert. Aber Ende 1985 wurde den verblüfften Aktionären mitgeteilt, dass ein Übernahmeangebot der Firma Pfeiffer & Langen aus Köln vorliegt.“ Das Gegenangebot eines Konsortiums norddeutscher Zuckerfabriken und eine vierstündige erregte Debatte auf der Aktionärsversammlung hätten aber nichts geändert, bedauert der Frenker. Mit Mehrheit sei der Verkauf beschlossen worden. „Die letzten Rübenzüge führten schwarze Fahnen an ihren Traktoren mit“, erinnert sich Hölscher rückblickend an 1986.

Seit der Übernahme der Zuckerfabrik durch die Firma Pfeiffer & Langen im Jahr 1986 waren mittlerweile fünf Jahre verstrichen, bis im Februar 1991 der damalige Emmerthaler Gemeindebürgermeister Karl Heißmeyer verkündete: „Das Thema Zukunft der Zuckerfabrik kommt schneller auf uns zu, als wir noch vor ein paar Wochen geglaubt haben. Wir müssen noch in diesem Jahr mit einem Abriss der Gebäude und Anlagen rechnen.“ Über die mögliche zukünftige Nutzung des Industriegeländes äußerte sich Heißmeyer wie folgt: „Gut vorstellbar wäre eine Mischnutzung von Handel und Wohnen entlang der ehemaligen Bundesstraße 83, direkt darunter ein reines Wohngebiet und zur Weser hinunter ein Naherholungsgebiet.“ In der Sitzung des Bauausschusses wurde zudem geplant, den im Eigentum der Gemeinde befindlichen ehemaligen Parkplatz der Zuckerfabrik in ein sogenanntes Kern- und Mischgebiet für Handel und Gewerbe umzuwidmen und in das Areal der Zuckerfabrik mit einzubeziehen. Auf dem 11 000 Quadratmeter großen Parkplatzgelände und angrenzenden rund 60 000 Quadratmeter großen gemeindeeigenen Flächen sollte laut Planung ein großes Einkaufs- und Freizeitzentrum mit einer Vielzahl verschiedener Fachgeschäfte entstehen: vom Schuhmarkt über ein Reisebüro und gastronomische Betriebe bis hin zu Ärzten und Optikern und einem Lebensmittelmarkt.

Die letzten Rübenzüge führten schwarze Fahnen an ihren Traktoren mit.

Cord Hölscher, Gemeindearchivar

Im Mai 1991 gab der damalige Direktor der Zuckerfabrik Pfeiffer & Langen, Hans-Wilhelm Rosin, bekannt, dass die Rekultivierung der ehemaligen Klärteiche der Zuckerfabrik an der Landesstraße zwischen Hagenohsen und Latferde zu fruchtbarem Ackerland gelungen sei. „Wir können die angepachteten Flächen, die bereits zum Teil mit Weizen bepflanzt sind, bedenkenlos zum Jahresende an die Landwirte zurückgeben.“ Mit der Übernahme der Zuckerfabrik hatte sich Pfeiffer & Langen auch zur Rekultivierung der Flächen verpflichtet und zwei Jahre zuvor ein Ingenieurbüro beauftragt, ein Konzept für die Rückversetzung des Geländes in den ursprünglichen Zustand auszuarbeiten. Nach nur viermonatiger Arbeit waren alle Teiche und Dämme eingeebnet.

Während im Sommer 1991 die Abrissbagger die ehemalige Zuckerfabrik in ihre Einzelteile zerlegten, stellte der Gemeinderat die Weichen für die Zukunft des frei werdenden „städtebaulichen Filetstücks“, wie es der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Friedrich Brinkmann nannte, und stimmte einmütig für die Umwidmung des bisher reinen Gewerbegebietes in einen Wohn-Mischbereich. Dabei wurde das 85 000 Quadratmeter große Areal in drei Zonen unterteilt. Zone 1 direkt an der Hauptstraße sah ein Einkaufszentrum, ein Kreditinstitut und Firmen des Kleingewerbes vor. Nahtlos übergehen sollte dieses Gebiet in Zone 2, einen Wohnsektor mit weiteren Möglichkeiten für Kleingewerbe. Das Gelände der früheren Klär- und Schlammteiche der Zuckerfabrik wurde Zone 3. Diese sollte großzügig begrünt und für Naherholung ausgewiesen werden. Der 8000 Quadratmeter große einstige Parkplatz der Zuckerfabrik war für geschlossene Wohnbebauung vorgesehen.

Im November 1991 wurde verlautet, dass sich das Land Niedersachsen an den Kosten der Umwidmung beteiligen wolle. Besonders positiv habe man in Hannover die Emmerthaler Pläne zur Kenntnis genommen, in dem vorgesehenen Wohnbereich sozialen Mietraum zu integrieren. Damit würden den heute hier bereits untergebrachten Nichtsesshaften „vernünftige Wohnungen zu verträglichen Bedingungen und in einem freundlichen Umfeld“ zur Verfügung gestellt, teilte der damalige Referatsleiter Wohnungsbau im Sozialministerium, Enno Gossling, mit.

Bezüglich der geplanten Ansiedlung von Geschäften und kleineren Gewerbebetrieben verwies der damalige Gemeindedirektor Martin Delker auf erste Verhandlungen mit Interessenten. Das Ergebnis hänge aber nicht zuletzt vom Fazit des Bodengutachtens ab, das derzeit noch erstellt werde und genaue Auskunft über Standfestigkeit und Beschaffenheit des einstigen Fabrikuntergrundes liefern solle.

Industrielle Altlasten brauchten künftige Bauherren aber nicht zu befürchten, da Experten die gesamte Fläche in einer von der Gemeinde in Auftrag gegebenen Studie für unbedenklich erklärt hätten, so Delker.

Sieben Monate später lag noch immer „eine gigantische Trümmerlandschaft mitten im Ort“, wie in der Dewezet vom 5. Juni 1992 zu lesen war. Allerdings konnte der Gemeindedirektor bekanntgeben, dass insgesamt 20 000 Quadratmeter des Riesenareals „konkret verplant“ seien. Pläne für ein Wohnraumprojekt auf der Industriebrache lägen bei der Kreissiedlungsgesellschaft (KSG) längst in der Schublade, und auch beim Edeka-Konzern sowie bei der Volksbank im Emmertal seien die Bauanträge für die Ansiedlung an der attraktiven Seite zur Hauptstraße bereits ausgefüllt. Obwohl das Kreisbauamt bereits im März 1992 grünes Licht für den Bau des Lärmschutzwalls gegeben hatte, kam es zu Verzögerungen. Der Grund: Das Bollwerk aus Schutt und Erde würde über ein 2000 Quadratmeter großes Gelände führen, das der damaligen Deutschen Bundesbahn (DB) gehörte. Nach zähen Verhandlungen bot die DB der Gemeinde die Fläche schließlich zum Kauf an. So stand dem Bau des sechs Meter hohen und 125 Meter langen Lärmschutzwalls laut Delker „als erstem Schritt in die neue Zukunft unseres Filetgrundstücks“ nichts mehr im Wege.

Emmerthals Mitte - Damals und heute

Im Herbst wurde dann der Grundstein für einen Edeka-Markt mit einer Verkaufsfläche von 1350 Quadratmetern und 120 Parkplätzen sowie eine Bank gelegt. Auch die KSG verwirklichte auf 2600 Quadratmetern Fläche zwischen Bahngleisen und früherem Fabrikgebäude ihr 1,8 Millionen Mark teures Wohnprojekt und überzeugte mit einem Sanierungskonzept für das dortige ehemalige Arbeiterhaus. Jeweils 500 000 Mark stellten der Landkreis Hameln-Pyrmont und die Gemeinde Emmerthal bereit. Das Land Niedersachsen sagte ein Darlehen über 160 000 Mark sowie fünf Jahre lang je 25 000 Mark für jede geschaffene Wohneinheit zu. Am Ende entstanden im Inneren des Arbeiterhauses nach der Kernsanierung acht Wohneinheiten, jeweils zwischen 65 und 98 Quadratmetern groß, wärme- und schallisoliert, jeweils „Neubaustandard in einem alten Haus und jeweils zu erschwinglichen Mieten“, betonte der damalige KSG-Geschäftsführer Erhard Brünig. Allerdings denke man bei der KSG schon weit über das Vorhaben Arbeiterhaus hinaus. Denn die Bezirksregierung habe ihren Zuschuss ausdrücklich davon abhängig gemacht, dass am Rande des Fabrikgeländes „trotz sozial verträglicher Mieten kein Getto entsteht, sondern eine gemischte Wohnkultur“, machte Brünig deutlich.

1994 erhielt der Ort schließlich eine zentrumsnahe Aufwertung mit unterschiedlichen Angeboten. Neben Mehrfamilienhäusern und einem E-neukauf-Markt entstand an der Hauptstraße das sogenannte „Ärztehaus“ mit einem Bekleidungsgeschäft und einer Apotheke im Erdgeschoss sowie Räumen in den Stockwerken darüber, die als Arztpraxen genutzt werden sollten. Ein Jahr später eröffnete die Volksbank im Emmertal eine Filiale in unmittelbarer Nachbarschaft. Im März 1996 wurde dann das vorletzte Bauprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik verwirklicht: ein Kindergarten mit 633 Quadratmetern Nutzfläche für 68 Kinder in drei Gruppen, dessen Trägerschaft das Deutsche Rote Kreuz (DRK) übernahm. Den Hauptanteil der mit 3,5 Millionen veranschlagten Baukosten finanzierte mit über zwei Millionen Mark die Gemeinde. Der damalige Gemeindebürgermeister Karl Heißmeyer meinte, dass es nicht nur das Kindertagesstättengesetz sei, das die Emmerthaler Gemeinde zu diesem Neubau zwinge. Auch den Ansprüchen der jungen Eltern sei man gefolgt, die hier in zwei Gruppen mit 25 Kindern und einer integrativen Gruppe mit 14 nicht behinderten und vier behinderten Kindern ihren Nachwuchs unterbringen können.

Es vergingen 20 Jahre, bis die Bad Pyrmonter Rehse-Gruppe im Sommer 2016 das letzte freie Areal auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik zwischen Bahnstrecke, Weserauen und dem Einkaufszentrum kaufte. Unter dem Namen PuraVida Wohnbau plant das Unternehmen auf einer Fläche von rund 45 000 Quadratmetern den Bau von 40 bis 50 Einfamilienhäusern, gegebenenfalls auch Mehrfamilienhäusern, hieß es Anfang 2017. Obwohl der offizielle Verkauf der Grundstücke erst am 19. Juni 2017 startete, verzeichnete Geschäftsführer Stefan Rehse nach eigenen Angaben schon vorab „eine gewaltige Nachfrage von 48 Interessenten“. Am 1. Dezember des letzten Jahres begannen die ersten Bauarbeiten.

Grossmann sprach in diesem Zusammenhang von einem „bedeutenden Schritt“, weil damit der Strukturwandel auf dem ehemaligen Fabrikgelände erfolgreich abgeschlossen werde. Politik und Verwaltungsspitze der früheren Jahre hätten mit Weitsicht und guten Ideen gehandelt. „Das haben die Altvorderen richtig gut gemacht“, sagt der Bürgermeister, der dabei die „Neue Mitte“ einbezieht. „Für die Innenentwicklung von Emmerthal ist das ein Segen.“

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