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In Naturwäldern ist Forstwirtschaft ausgeschlossen / Naturschutzbund fordert mehr unberührte Waldflächen

Wo Axt und Säge nichts verloren haben

Unberührte, sommergrüne Laubwälder, in denen Jahrhunderte alte Bäume zwischen zerfallenen sowie jungen, vitalen Bäumen stehen, sind deutschlandweit die Heimat von mehr als 4300 verschiedenen Pflanzen- und Pilzarten sowie von über 6700 Tierarten. Ein solcher Naturwald ist für viele Menschen ein Ort der Ruhe und Besinnung und ein einzigartiges Naturerlebnis. Doch in Deutschland gibt es ihn nach Ansicht des Naturschutzbundes (Nabu) viel zu selten.

veröffentlicht am 09.02.2013 um 00:00 Uhr

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Seit gut 40 Jahren gibt es Naturwälder. Sie entwickeln sich ohne forstwirtschaftliche Nutzung und ohne direkte menschliche Einflussnahme. Teils sind Bäume in Naturwäldern schon mehrere Hundert Jahre alt. Wanderer dürfen diese Wälder betreten, das Verlassen der Wege ist jedoch streng verboten. Es wäre auch viel zu gefährlich, denn Bäume wachsen, sterben und fallen auch um – normale Folgen natürlicher Dynamik.

Weniger als 2 Prozent der Waldfläche Deutschlands hat der Nabu als deklarierten Naturwald ausgemacht. Das soll sich in Zukunft ändern: Im Rahmen des Konzepts „Urwälder von Morgen“ setzt sich der Verband dafür ein, dass weitere Waldflächen aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen werden. Das Ziel: Der Anteil von Naturwäldern an der Gesamtwaldfläche soll bis zum Jahr 2020 5 Prozent betragen.

In Niedersachsen müssten dazu etliche weitere Wälder als Naturwald ausgewiesen werden. Derzeit gibt es 107 dieser wild wachsenden Waldgebiete, die etwa 4470 Hektar Fläche einnehmen. Das entspricht rund 1,3 Prozent der gesamten Waldfläche.

Im Rahmen des Projekts „Natürliche Waldentwicklung als Ziel der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ will der Nabu dazu erstmalig alle Waldflächen im Bundesgebiet erfassen und weitere Gebiete für potenzielle Naturwälder identifizieren. Die Ergebnisse werden Mitte des Jahres erwartet.

Mit der Zivilisationsgeschichte der Menschheit hat sich auch die Nutzung der Wälder verändert. Das reicht zurück bis ins Hochmittelalter. Damals begannen die Menschen, Holz gezielt zu nutzen. Die Rodung der Bäume und die Übernutzung des Waldbodens führten zu einem versauerten, nährstoffarmen Grund, auf dem nur noch der Anbau von anspruchsloseren Nadelbäumen möglich war. Das ist auch heute zum Teil noch der Fall. Zu diesem Wirtschaftssystem gehört auch, dass die Bäume bereits genutzt und verjüngt werden, bevor sie die Alterungs- und Zerfallsphase erreicht haben. Doch genau diese bieten die notwendigen Strukturen für den Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Da es nach Ansicht des Nabu nun aber eben kaum noch in ihrem Naturzustand belassene Wälder gibt, sind demzufolge viele Tiere und Pflanzen, die auf den Naturwald als Lebensraum angewiesen sind, vom Aussterben bedroht.

Seit das Umweltbewusstsein in den 1970er Jahren gestiegen ist, existieren auch andere Leitbilder, etwa das des naturnahen Waldbaus. Doch die Reifung von Bäumen über ihr wirtschaftliches Nutzungsziel hinaus widerspricht den forstwirtschaftlichen Interessen, möglichst schnell viel Holz zu ernten, um so maximalen Gewinn zu erzielen.

Dass ungenutzte Waldflächen für den Erhalt der Artenvielfalt dringend notwendig sind, ist wissenschaftlich unumstritten. Die Forstwirtschaft kann etwa durch Erkenntnisse aus den unbewirtschafteten Naturwäldern Rückschlüsse auf die Entwicklung der Wirtschaftswälder ziehen. Bereits 1992 sprach sich die Länderarbeitsgemeinschaft für Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung dafür aus, dass 5 bis 10 Prozent der gesamten Waldfläche ihre natürliche Entwicklung nehmen kann. Dies wurde später auch vom Sachverständigenrat für Umweltfragen bestätigt. Im Jahr 2007 fand dieses Konzept Eingang in die nationale Biodiversitäts-Strategie, die die biologische Vielfalt in Deutschland sichern soll. Demnach sollten 5 Prozent der Wälder als Naturwälder ausgewiesen werden; insgesamt 10 Prozent der öffentlichen Waldflächen aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen werden.

Infolge intensiver Forstwirtschaft sei seither aber zu wenig passiert, kritisiert der Nabu. „Während wir den Wert von Urwäldern in aller Welt als grüne Lunge und als Hotspots für Artenvielfalt erkannt haben, sind wir bei der Ausweisung von Urwäldern von morgen in Deutschland kaum vorangekommen“, so Nabu-Präsident Olaf Tschimpke.

Niedersachsens Naturwälder haben derzeit eine durchschnittliche Fläche von 43 Hektar. Der Naturwald Saubrink/Oberberg bei Coppenbrügge im Landkreis Hameln-Pyrmont gehört mit rund 245 Hektar zu den größten im Land und wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt. Wie Christian Weigel, Leiter des Forstamts Oldendorf, berichtet, gibt es in seinem Zuständigkeitsbereich in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont sieben ausgewiesene Naturwälder.

Der Hohenstein mit knapp 59 Hektar Fläche ist der größte Naturwald im Forstamt Oldendorf; die „Luhdener Klippen“ am Kamm des Wesergebirges (5,8 Hektar) und die „Rinderweide“ (3,4 Hektar) gehören zu den kleineren Gebieten. Bislang seien keine weiteren Waldflächen im Rahmen des 5-Prozent-Ziels aus der Nutzung genommen worden. „Aber hier wird auch schon sehr viel Naturschutz betrieben. Die Entscheidung, ob noch mehr Wälder aus der Nutzung genommen werden, liegt nicht bei uns, sondern bei der Politik“, so Weigel.

Nach Auffassung des Naturschutzbundes sollten insbesondere alte Waldbestände von der forstwirtschaftlichen Nutzung ausgeschlossen werden – und das möglichst großflächig. Naturwälder sollten mehrere 100 Hektar umfassen, um möglichst vielen verschiedenen Arten einen Lebensraum bieten zu können, argumentieren die Naturschützer. Diese Flächen könnten auch als Quellgebiete dienen, also als Ausgangsort für die Wiederverbreitung bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Doch auch kleinere Wälder können von großer Bedeutung sein. Einige wertvolle Biotope, wie zum Beispiel Auenwälder, hätten von Natur aus eine recht geringe Flächenausdehnung. Sinnvoll sei aber eine Ausbreitung der Naturwald-Gebiete auf mindestens 40 Hektar, denn: „Eine natürliche Waldentwicklung findet erst ab einer größeren Fläche statt“, sagt Stefan Adler, Waldreferent beim Naturschutzbund.

Bislang gehen die Bundesländer sehr unterschiedlich mit dem 2007 verabschiedeten 5-Prozent-Ziel um. „Besonders vorbildlich hat das Saarland gehandelt. Dort sind bereits 10 Prozent der öffentlichen Wälder aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen worden. Auch das Land Thüringen hat ein eigenes Konzept entwickelt“, sagt Adler.

In Niedersachsen hingegen sehe das anders aus. „Dort ist uns momentan kein laufendes Projekt des Landes zum Erreichen des 5-Prozent-Ziels bekannt“, so Stefan Adler. Hinzu komme, dass Waldflächen, die als Naturwald infrage kommen würden, weiterhin forstwirtschaftlich genutzt und abgeholzt werden. „In Niedersachsen wird es jetzt spannend, denn wie die neue Regierung mit dem Thema umgeht, bleibt abzuwarten“, lautet Adlers Einschätzung.

Naturwälder sind ihrer natürlichen

Dynamik überlassen – forstwirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete ist verboten.

Damit soll die biologische Artenvielfalt gesichert werden. Naturschützern geht die Förderung der unberührten Natur nicht weit genug. Sie verlangen mehr Raum für die „Urwälder von morgen“.

Beim Betreten von Naturwäldern ist Vorsicht geboten: Abgebrochene Äste, die herabstürzen, sind keine Seltenheit.

Fotos: Archiv/ll



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