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Wie der Nabu im Naturschutzgebiet Rahlbruch trotz Widerstände Lebensraum für die Gelbbauchunke schafft

„Wir wollen das Beste für die Natur“

MÖLLBERGEN. Da, genau, da ist der Bagger durchgefahren, man sieht noch die Spuren der Ketten: Da, genau da, gleich mehrfach weist der Möllberger auf die Spuren hin, über die bereits das Gras wächst. Was für ein Skandal: Der Nabu fährt mit schwerem Gerät ins Naturschutzgebiet.

veröffentlicht am 11.07.2016 um 19:42 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Es hat Kritik an diesem Nabu-Projekt gegeben, vollendete Tatsachen habe der Verband geschaffen, unter dem Mantel des Naturschutzes hätten die Arbeiten im Winter begonnen – zu einer Zeit, in der kein Landwirt auf den nassen Acker gefahren wäre. Das war im Februar. Der Nabu sei hier auf die Gehölzsaison im Winter außerhalb der Brutsaison festgelegt – gerade hier im Naturschutzgebiet, erklärt Christian Höppner Sinn und Zweck der Maßnahme. Das Naturschutzgebiet Rahlbruch bestehe aus Feuchtgrünland, sodass Radspuren bei Maßnahmen zu jeder Jahreszeit entstehen könnten, daher sei der Einsatz eines Baggers mit Moorfahrwerk notwendig.

Die Vorwürfe sind ein paar Tage alt, sie haben medienwirksam Wellen geschlagen und Höppner bleibt dennoch recht gelassen. Der Projektmitarbeiter des Gelbbauchunken-Projektes steht auf einer Wiese in der Ortsmitte von Möllbergen, in Sichtweite der Bach mit den Kettenspuren, und erzählt, was der Nabu hier so vorgefunden hat: viel Müll, weggeworfene Tische und Stühle, Hütten mit Plastikfolien, Toiletten und Töpfe, Wasserpumpen und -becken, die zum Teil in Beton eingefasst sind, Schrebergärten, Dränagen bis zum Bach, drei unterschiedliche Generationen an Stacheldrähten an manchen Holzpfosten. Den Zaun habe man entfernt und will ihn nun durch einen anderen und weniger gefährlichen Elektrozaun mit Glattdraht ersetzen, sagt Höppner, und eine Gefahr stelle er nicht dar, denn Wildtiere würden sich in kurzer Zeit an neue Zäune gewöhnen.

Gut 20 Möllberger hören zu, sie alle wollen wissen, was der Nabu hier eigentlich will. „Das Naturschutzgebiet Rahlbruch verbessern“, antwortet Höppner. Die Bevölkerung zuvor nicht mit ins Boot geholt zu haben, bedauert er, daraus habe man gelernt. Und: Noch bei keiner Vorstellung des Schutzprojekts habe es so viel Gegenwind gegeben, hat er der örtlichen Tageszeitung erzählt.

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Dabei hat der Nabu in Möllbergen nur praktiziert, was andernorts längst gängige Praxis ist: Flächen aufgekauft, „um die Natur zu fördern und nicht, um die Leute zu ärgern“, sagt Höppner. Aber dann haben die Möllberger halt im Winter gesehen, im Rahlbruch, da tut sich was, und weil die Informationen fehlten, hat schnell die Gerüchteküche gekocht, alles schaukelte sich hoch.

Aus der Sicht des Nabu hat man dabei nur in die Hände gespuckt und die Arbeit aufgenommen: Einzelgehölze wurden aus dem Feuchtgrünland entfernt, ebenso einige Kilometer Stacheldrahtzaun inklusive Bahnschwellen als Zaunpfosten und fremdländische Gehölze in der Fläche.

Es sind nur ein paar Kilometer von Rinteln, wo sich das Büro des Nabu-Gelbbauchunken-Projekts befindet, bis nach Möllbergen, bis ins Rahlbruchgebiet, aber man überschreitet dabei eine Landesgrenze, und man wähnt sich zuweilen danach in einer anderen Welt.

Gelbbauchunken?

Was denn für Gelbbauchunken? Die Fragezeichen sind den Bürgern im Gesicht abzulesen; und sie würden auch nicht kleiner werden, wenn man ihnen erzählen würde, dass dieses Projekt bis 2018 läuft, dass es mit drei Millionen Euro über sechs Jahre ausgestattet ist und dass sich fünf Nabu-Landesverbände für die Stärkung und Vernetzung von Gelbbauchunken-Vorkommen in Deutschland zusammengeschlossen haben. Besonders wichtig für das Überleben der Unken ist, dass isolierte Populationen wieder vernetzt werden.

Insgesamt werden durch das Nabu-Projekt praktische Maßnahmen in 130 Gebieten umgesetzt. Das alles sind Dimensionen, die für viele Mitwandernde, vor allem ältere, völlig neu sind: Mancher hängt noch einem Bild an, nachdem der Naturschützer Wind und Wasser lausche und ansonsten dem Ackerschachtelhalm sanft über den Kopf streiche und ihm dabei zuflüstere, nun wachs mal schön.

Das Rahlbruch-Gebiet ist bestenfalls ein Durchzugsort für den Lurch, ein sogenannter Trittstein. Wandernde Unken und andere Amphibien sollen hier durch die Artenschutzmaßnahmen profitieren, da sie ansonsten in unserer durchstrukturierten Landschaft keinen Platz mehr zum Leben finden.

Das Rahlbruch-Naturschutzgebiet ist eins der gemeinsamen Unken-Projektgebiete von den Nabu-Landesverbänden Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, und Dagmar Diesing von der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Minden-Lübbecke weist auf den aus ihrer Sicht besonders schönen Nebeneffekt einer Zusammenarbeit hin: Es gibt Fördergelder aus anderen Töpfen; der Landkreis profitiert also, ohne selbst Geld in die berühmte Hand nehmen zu müssen. „Erst die Förderung über das Projekt machte es dem Nabu überhaupt möglich, hier Flächen anzukaufen“, ergänzt Höppner.

Es ist ein sogenanntes Verbundprojekt: Die Stadt Porta Westfalica, der Kreises Minden-Lübbecke, das Gewässerentwicklungsprojekts des Kreises (WWE-Projekt) und das Nabu-Gelbbauchunken-Projekts wollen hier Hand in Hand arbeiten, und genau hier im Rahlbruch, da greifen die Projekte ineinander. Die Stadt kümmert sich um den Hauptteil der Müllentsorgung und hat dieses Projekt auf den Weg gebracht. Die Untere Landschaftsbehörde stellt ihre Verbundflächen mit zur Verfügung und unterstützt das Projekt. Ebenso die Untere Wasserbehörden von Kreis und Stadt, die zum einen für die Unterhaltung der Wassergräben verantwortlich sind und diese mit in die extensive Beweidung integrieren lassen. Das Gewässerprojekt kümmert sich praktisch um die Fließgewässerunterhaltung und Renaturierung. Dafür stellt der Nabu seine Ankaufflächen zur Verfügung, etwa für Uferaufweitungen, Eisvogelwände und die Anlage einer Sohlgleite.

Der Nabu legt auf den Flächen noch Gewässer an und hat mit Fördermitteln den Ankauf der Flächen ermöglicht – und damit die Voraussetzung geschaffen, dass hier öffentliche Gelder für die Müllentsorgung und Renaturierung eingesetzt werden können, erklärt Höppner.

Weitere Kleinstgewässer sollen angelegt werden, „und wir wollen auch eine Beweidung“, sagt Höppner, aus den Brachen und feuchten Wiesen sollen sich vielfältig strukturierte Biotopkomplexe entwickeln.

Wie viele Tiere hier auf sechs Hektar weiden werden, weiß Höppner noch nicht, aber es hängt auch davon ab, wie lange beweidet werden kann. Für das ganze Jahr würden drei Galloway-Rinder reichen, für drei bis fünf Monate würden man die doppelte Anzahl nehmen, damit, so Höppner, in der kürzeren Zeit der „Weidedruck“ erhöht werde. Um das Beweidungsprojekt erfolgreich zu starten, werden knapp sechs Hektar eingezäunt.

Das Beweidungskonzept wird eng zwischen Nabu und dem Kreis Minden-Lübbecke als Untere Landschaftsbehörde abgestimmt. Zum Schutz der Amphibienfauna werden Biotope angelegt. Zudem plant die Stadt Porta Westfalica die Räumung von Hütten und die Renaturierung von Fischteichen im Gebiet.

Durch die ineinandergreifenden Maßnahmen soll das Naturschutzgebiet weiter optimiert werden. Wertvolle Feuchtwiesen sollen durch die tierischen Landschaftspfleger entwickelt werden. Amphibien, Insekten und Vögel können von den neu angelegten Biotopen und der durch die Weidetiere verursachten Dynamik profitieren. Durch den geplanten Zaun werden keine öffentlichen Wege gesperrt, sodass die Erlebbarkeit des Gebietes nicht geschmälert wird.

Die in der Ortsmitte gelegene Sumpfniederung des Rahlbruchs ist von Bächen durchzogen, mit Busch- und Baumgruppen durchsetzt – und war ehedem von großer Schönheit. Pirol, Neuntöter, Braunkehlchen und Kiebitz konnten hier beobachtet werden, Bachforellen, Neunauge und Stichlinge waren Indikator für die einstige Sauberkeit des Fließgewässers, 1963 wurden die Wiesen trockengelegt oder verrohrt, die Idylle war dahin.

Seit 1993 ist das 28 Hektar umfassende Rahlbruch Naturschutzgebiet, es wird also nicht mehr gedüngt, sondern extensiv gepflegt und der Natur überlassen. Mehr Artenreichtum verspricht Höppner beim Rundgang, „wir wollen und werden das Rahlbruch nicht verschlechtern, wir wollen nur das Beste für die Natur“, immer wieder spricht er davon, den Standort aufwerten zu wollen.

Nach Worten des Nabu-Mannes habe das Projekt einige positive Zusatzeffekte. Weitere Ablagerungen von wildem Müll werden verhindert – und auch der Naherholungswert steige. Besucher des Rahlbruchs dürfen allerdings auch weiterhin die Wege nicht verlassen, weil es sich um ein Naturschutzgebiet handele. Höppner hat es am Tag nach der Führung durch das Naturschutzgebiet ein bisschen eilig, abends muss er in Porta Westfalica noch einen Vortrag zum Thema halten, Öffentlichkeit schaffen, und man hat ihn auch gebeten, unter seinen Vortrag zwei, drei Bilder der Gelbbauchunke zu mischen. Damit man mal sehe, wie dieses Tier so aussehe.



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