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„Wir machen hier einfach unseren Job“

Es hat ein bisschen gedauert, aber Renate Strate blieb hartnäckig und setzte ihren Willen durch: Ehemann und Firmenchef Friedrich Strate stimmte zu, die Produktion wurde umgestellt: auf die herrlich nostalgischen Bügelflaschen. Das war ein Wagnis, eine richtungsweisende Entscheidung am Ende der 70er-Jahre, aber es hat sich gelohnt: Der Bügelverschluss setzte sich durch, heute ist die Detmolder Privat-Brauerei der zweitgrößte Abfüller von Bügelflaschen.

veröffentlicht am 18.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 10:51 Uhr

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Geführt wird sie heute von drei Frauen, nach dem Tod von Friedrich Strate 1995 haben Renate und ihre beiden Töchter Friederike und Simone das Heft des Handelns in die Hand genommen. Im übernächsten Jahr feiert die Privat-Brauerei ihr 150. Jubiläum, gebraut wird in der fünften Generation. Das erwirtschaftete Geld wird jedes Jahr wieder investiert.

Mutter Renate und ihre beiden Töchter erzählen gern von „ihrem“ Unternehmen, Pressetermine sind erstaunlich unkompliziert zu bekommen, große Erklärungen sind gar nicht notwendig: „Schauen Sie einfach vorbei.“

Sie sind den Umgang mit den Medien gewohnt, sie stehen seit vielen Jahren im öffentlichen Fokus. Friederike war einst Deutschlands jüngste Braumeisterin, und nur zu gerne erinnert sich derjenige, der hier schreibt, an einen Besuch vor gut 25 Jahren: Zwei Stunden lang wurde der (eher unerfahrene) Schreiberling der Landpostille durch die Brauerei geführt, wurde jede Frage und jeder Fotowunsch sofort und gern erfüllt. „Wir freuen uns über das Interesse an unserem Betrieb und sind sehr stolz, wenn über uns berichtet wird“, erklärt Simone Strate.

Das Qualitätsprodukt mit dem nostalgischen Bügelverschluss.

Die Aufgaben sind klar verteilt. Mutter Renate überwacht die Unternehmensstrategie, Tochter Simone (41) hat als kaufmännische Leiterin die Zügel im Hintergrund fest in der Hand, während Friederike (46) für Verkauf, Marketing und die Brauereiführungen zuständig ist. Aber Mutter Renate, so betonten die beiden Töchter, habe noch ein besonders Talent: Sie sei der „Produktscout“, sie habe nahezu immer ein Gespür dafür, welches Produkt gut gehen werde und was weniger gut bei der Kundschaft ankommen werde.

Denn längst sind die Zeiten, in denen nur eine Biersorte gebraut wurde, vorbei, heute herrscht Vielfalt im Angebot, es gibt nicht nur mehrere Biersorten, sondern auch eine Menge Produkte, die auf dem Bier basieren: vom eingelegten Schinken bis zur Marmelade mit einem Schuss Bier. Rund 15000 Besuchsgäste verzeichnet die Brauerei pro Jahr, da summieren sich die zusätzlichen Angebote schnell.

Nicht nur in Detmold bringen Frauen frische Ideen in eine Branche, die einst fest in ihrer Hand war. Im Mittelalter betrieben Frauen gemeinsam kommunale Brauhäuser, Töchter wohlhabender Familien brachten einen Sudkessel mit in die Ehe. Erst die Gilden und die Industrialisierung im 19. Jahrhundert machten die Bierproduktion zur Männersache.

In der Region, für die Region: Dieses Motto des Hauses Strate wurde in den letzten Jahren konsequent ausgeweitet und umgesetzt, „unser Distributionskreis reicht ganz bewusst nur 120 Kilometer um die Braupfanne herum“, erzählt Simone State: Dies ermögliche kurze Wege zum Endverbraucher und entlaste die Straßen von überflüssigem Verkehr in weitere Regionen.

In den letzten drei, vier Jahren hat die Brauerei in Frauenhand ganz bewusst ihre Zulieferer umgestellt. Soweit es irgend möglich ist, wird alles aus dem Absatzgebiet bezogen: von der Fahne über die Plakate und Kästen bis hin zum Werbematerial und Dienstleistungen: Alles wird an heimische Unternehmen vergeben. Simone Strate nennt ein konkretes Beispiel: In den Vorjahren erhielten alle Großkunden zu Weihnachten Lebkuchen aus Süddeutschland. „Irgendwann haben wir uns gefragt, warum eigentlich?“ Jetzt gibt es als Weihnachtsgeschenk einen Glühbierstollen aus einer heimischen Bäckerei: die „Lippische Schnucker-Rose“. Bewusst wurde dabei auf Orangeat und Zitronat verzichtet, da sie nicht aus der Region kommen, stattdessen beinhaltet der Stollen heimische Äpfel, Pflaumen und Nüsse. Das führt auch zu Synergieeffekten, erklären die beiden Schwestern: Wer für die Brauerei Strate produziere, der greife auch zum Detmolder Bier. Und wer auf die regionalen Handwerker setzt, auf kurze Wege zu den Ansprechpartnern vor Ort, der weiß, warum nach einem verheerenden Brand der Gaststätte in der Innenstadt - dem Brauhaus - nach nur zwei Monaten der Wiederaufbau abgeschlossen ist: Alles in Mittelstand, alle stammen aus der Region - man hilft sich.

Wer im Jahr 39 Millionen Flaschen abfüllt und auf den nostalgischen Bügelverschluss setzt und sich so zum zweitgrößten Bügelverschlussflaschenabfüller Deutschlands entwickelt, der spart pro Jahr eben auch 39 Millionen Kronverschlüsse, die ansonsten entsorgt werden müssten. Die Privatbrauerei investiert seit Jahren zielstrebig in den Umweltschutz. Ein Blockheizkraftwerk und ein neuer Dampferzeuger wurden Anfang 2011 in Betrieb genommen.

Für dieses regionale Engagement und für den unermüdlichen Einsatz im Umweltschutz wurde die Familie Strate mit dem „Unternehmerpreis des Jahres 2000 Ostwestfalen-Lippe“ ausgezeichnet. Friederike und Simone nahmen die Auszeichnung entgegen und sahen es so: „Wir machen hier einfach nur unseren Job“, erklärten sie damals in ihrer Dankesrede.

Bodenständig sind sie, die drei Strate-Frauen, das merkt man schnell. Sie wissen, was sie wollen, und dazu ziehen sie spürbar an einem Strang. Schon als Kinder haben sie hier in der Brauerei gespielt, haben dem Vater zugehört, der sie stark geprägt hat. Damals fuhren täglich drei Laster auf den Hof, heute ist es ein Vielfaches. Seit Anfang der 80er hat sich der Jahresausstoß von 10 000 Hektoliter Bier fast verfünfzehnfacht. Auch Friederike Strate hat daran einen großen Anteil: Als Braumeisterin hat sie als eine ihrer ersten Handlungen den Biergeschmack geändert: nicht mehr so herb, etwas milder und runder. Die Absatzkurven zogen schnell nach oben und so ziemlich jede andere Brauerei in Deutschland nach. „Vom Kleinen ins Große denken ist viel einfacher als umgekehrt“, zitiert Friederike Strate ihren Vater Friedrich, der 1995 an Krebs gestorben ist und noch heute im Wohnhaus von mehreren Räumen von der Wand blickt. Wer sich mit einem der rund 40 Angestellten unterhält, der schon etwas länger bei Strate arbeitet, wird eine Formulierung immer wieder hören: Man habe die Ehre gehabt, den Chef noch kennengelernt zu haben.

Aber was in erster Linie zählt, das ist natürlich die Qualität des Produktes: Die Brauerei verwendet ausschließlich hochwertigen, echten Hopfen aus den (unter Bierkennern weltberühmten) Regionen Tettnang und Hallertau und sonnengereiftes, natürliches Malz. Auf künstliche Extrakte und Aromen wird konsequent verzichtet.

Auch die Braugerste soll aus Lippe kommen. Nach der Streichung der Zuckerrübensubventionen orientieren sich die Landwirte der Region um und suchen neue ertragsreiche Anbaualternativen. Strates richteten Fachsymposien aus, der Malzlieferant verdeutlichte die besonderen Anforderungen, die Braugerste erfüllen muss. Nach drei Testjahren konnten 2010 erstmalig 40 Tonnen heimische Braugerste geerntet werden. Und die Biertreber werden ausschließlich von heimischen Landwirten täglich frisch als hochwertiges, eiweißreiches Viehfutter in der Brauerei abgeholt. Andere Brauereien entsorgen durch große nationale Firmen, die lukrativere Preise zahlen. Und noch ein Alleinstellungsmerkmal kann die Brauerei für sich verbuchen: Auf klassische Reklame verzichtet man und sponsert lieber 800 Vereine und Organisationen in der Umgebung.

Man geht mit der Zeit, aber bis zum Tod des Vaters gab es nur eine Biersorte. Inzwischen gibt es neben dem Detmolder Pilsener auch Landbier, Weizen und zwei Mischgetränke. Auch das Detmolder Glühbier mit Kirschsaft, Zimt und Nelken hätte der Vater wohl nicht gebraut. Und schon gar nicht das alkoholfreie Bier, dass auch Tochter Friederike niemals, niemals brauen wollte. Unter großen Gelächter erzählen die beiden Schwestern die Geschichte hinter dem neuen Produkt: Als Simone mit ihren beiden Kindern schwanger war, litt sie unter dem Bierverzicht: Ihr fehlte ganz einfach der leckere Geschmack. Halt durch, habe Friederike sie damals immer ermuntert. Das hat sie auch. Als die ältere Schwester dann aber ebenfalls ein Kind erwartet und auf das gleiche Geschmackserlebnis verzichten musste, dauerte es ganze zwei Monate, dann wurde auch alkoholfreies Detmolder produziert. Der Grad der Betroffenheit lässt auch im Hause Strate einige Produkte schneller entstehen!

Die Strates lieben ihren Beruf und ihre Stadt, das spürt man: In der Region, für die Region. Und das Image der Frauen-Brauerei, sagt Renate Strate, das sei zwar recht hilfreich, weil es einen hohen Wiedererkennungswert habe, aber im Grunde sei es doch so: „Es ist doch schnuppe, ob heute ein Mann oder eine Frau eine Brauerei führt. Man muss seinen Job gut machen, darauf kommt es an.“

Wir gehen langsam nach draußen, ein Rosenbeet im Brauerei-Park zeigt die lippische Rose.

Regional wirtschaften, die Umwelt schonen und die örtlichen Strukturen stärken: In Detmold geht die Privat-Brauerei Strate seit einiger Zeit ganz neue Wege. Mit großem Erfolg: Die Produktpalette wächst und wächst, rund 800 Vereine und Organisationen können gleichsam nebenbei unterstützt werden. Über ein Alleinstellungsmerkmal verfügt man in Ostwestfalen auch: Die Brauerei wird von drei Frauen geführt.



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