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„Wir machen alles zur Intensivstation“

Die Galeristin Dagmar Schill war es, die Witt-Skulpturen in einem Container zur „Art Fair“ nach Fernost verschifft hat. Dort machten die Chinesen aus dem ältesten Motiv von Witt, dem „Armformer“ einen „Arm-Akrobaten“. Witt hat es mit Humor zur Kenntnis genommen und seine Interpretation angepasst. Der Armformer – das ist für ihn jetzt ein Fenster mit Blick auf und in die Welt. Einen Kunstpreis hat Witt übrigens inzwischen auch.

veröffentlicht am 18.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Witt, Jahrgang 1943, trägt inzwischen eine Hornbrille, die er abnimmt, wenn man ihn fotografiert. Sein Haus am Mecklenburger Weg in Rinteln ist Atelier, Büro, Arbeitsraum und Ausstellungsort, auch Verkaufsausstellung. Gäste sind willkommen. Künstler stellt man sich im Chaos vor. Nicht so Witt: aufgeräumte Räume, Arbeiten in dicke schwarze Mappen oder Schubladen sortiert, in einem Regal beschriftete Kartons.

Die Rintelner, die in Witts Anfangsjahren doch ziemlich ratlos vor rostendem Eisen standen, haben ihn längst eingemeindet. Witt, das ist einer von ihnen, auch wenn er selber seine Existenz in der Provinz manchmal eher skeptisch sieht. Wie Künstler eben so sind.

Vielleicht war es die Ruderaktion an der Weser, die „Stromstelle“ mit THW-Helfern, Kanuten, dem DLRG und vielen Freiwilligen, die tapfer gegen den Strom angepaddelt haben, die Witt auch als Künstler haben in der Weserstadt ankommen lassen. Dazu das Foto am Weserufer im Schnee: Witt mit Paddeln, an den Armen festgebunden. Erster Flugversuch eines Pinguins. Zu dieser Pose gehört Mut. Menschen mögen so etwas.

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Wenn Kirche Mitte ist, war auch Witt da: Pastor Ulrich Wöhler bekam eine Witt-Engel-Stele zum Abschied geschenkt: ein Flügel, aber Blick nach oben. Auch die Johannis-Gemeinde hat jetzt einen.

Was hat er nicht alles unternommen, um seinen Rintelnern nahezukommen. Er hat Rintelns Gassen gemalt mit ihren Fachwerkhäusern, ganz „Old School“, heute kann er darüber lachen.

Er hat auf dem Marktplatz Holundersaft ausgepresst. Hommage an die altehrwürdige Kellerei Pomona. Als Mitstreiter bei der Aktion „Tropf der schwarzen Sonne“ Rintelns Kreative: Dr. Andreas Hoppe, Dr. Edwin Boroske, Museumsleiter Dr. Stefan Meyer, Wilfried Klute, Gymnasiallehrer a.D., der inzwischen verstorbene Ulrich Reineking, dann Markus Struck, der Fotograf.

Und Witt hat Schlagzeilen gemacht. Manchmal unfreiwillig. Welcher Künstler kann schon von sich behaupten, Diebe hätten eine tonnenschwere Skulptur von ihm aus dem Bauhof weggeschleppt? So passiert in Hameln. Sechs Mann, so rechnete Witt aus, müssten es theoretisch mindestens gewesen sein, um seinen Armformer wegzutragen. Wo der geblieben ist? Bis heute weiß man es nicht. Ein Armformer steht jetzt trotzdem in Hameln in der Fußgängerzone.

Dann das Politikum um die fliegenden Röcke in Bückeburg, eine Posse mit Happy End: „Rocki“ tanzt auf dem Kreisel. In Rinteln haben Stadtgärtner liebevoll ein Blumenrondell um die Eisenstele am Feuerwehrhaus gepflanzt, rebellische Kunst eingefriedet. Witt hat herzlich gelacht.

Er übermalte EKGs, die Datenblätter von der Messung der Herzströme, weil man Menschen nicht viel näherkommen kann. Dann stellte er die Bögen aus, was ihm viel Ärger einbrachte. Ein Galeriebesucher nahm die Herzenssache nämlich wörtlich, in diesem Fall den Datenschutz.

Witt wagt es auch, zu scheitern: ein Wasserstrahl, 90 Meter weit über die Weser, 20 Meter hoch, das war wohl zu ambitioniert für eine Kleinstadt. Das Mahnmal für die Hexenverfolgung, Erinnerung an die Hexenprozesse der Rintelner Universität hängt in der Luft.

Am Anfang stand „Audumla“ die Urkuh wie ein Appell: Maler, die Kühe malen, muss man mögen. Dann hat er Schilder prägen lassen, wie sie Fernfahrer in ihren Trucks mitführen, damit jeder weiß, wer hier am Steuer sitzt. Er hat mit Bierdeckeln („instant-filz“) wie mit Delfter Kacheln Wände bestückt, 1700 Bände mit marxistischer Literatur als „Wendegut” auf Paletten gestapelt.

Er hat in Öl gemalt, mit Bleistift, mit von ihm selbst erfundenen Techniken gearbeitet. Es gibt von ihm ein Set mit 30 Kunstpostkarten, die zeigen Witt den Rebellen, der, alle Schotten dicht, am Zeitgeist surft – gegen den Technikwahn, die hemmungslose Ausbeutung der Natur. Der nach dem Preis fragt, den unsere Zivilisation kostet.

Dann gibt es den ironischen Witt, den Spaßmacher, der Krokodile in Plastikeimern rudern lässt, Schulterpolster auf Postkartenständer spießt – „es ist alles eitel“, sprach schon der Prediger Salomon. Und immer wieder wilde Zeichnungen. Beuys lässt grüßen.

Es ist im Grunde immer das gleiche Thema, das ihn umtreibt, das er ständig variiert, eine Botschaft, von der er hofft, dass der Beschauer sie entziffern kann: sein Unbehagen an der uneinigen Dreieinigkeit von Menschen, Pflanzen und Tieren. Erdbewohner, die auf Augenhöhe miteinander umgehen sollten, weil jeder vom anderen abhängig ist.

So malt er Menschen, die aus Bäumen wachsen, Bäume, die aus Köpfen wachsen, zwingt Dinge in vegetative Formen. Dazu sagt Witt Sätze wie: „Wir machen alles, womit wir uns beschäftigen, zur Intensivstation.“

Da ist ihm die 13. Documenta in Kassel eine Genugtuung, ja, diese Anmerkung muss er loswerden, denn es freut ihn einfach, dass hier viele andere Künstler das Verhältnis von Menschen, Natur und Dingen neu definieren wollen. Wo eine Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev von fühlenden Pflanzen und Tieren spricht.

Witt, von Kunstkritikern und Journalisten umkreist, liest sich so: „Sein Werk erinnert an Mahnmale alter Kulturen“ (Klaus Zimmer); „Wie Sphinx und Zentaur“ (Peter Weber), „Feld- oder Herrschaftszeichen, schon aus der Ferne zu erkennen“ (Manfred Strecker); „die Landschaften, in denen sich Witts Wesen bewegen, scheinen gerade einer größeren Katastrophe entronnen zu sein“ (Norbert Nobis); „ironische Kommentare zum überzogenen Lifestyle einer ästhetisierten Gesellschaft“ (Roswitha Dilge). Man könnte auch sagen: sein Job – wozu sind Künstler sonst schließlich da.

Witt und der Widerspruch: Er liebt die Menschen, gleichzeitig misstraut er dem, was sie so alles anrichten. Er war beim G 8-Gipfel in Rostock und Heiligendamm und hat junge Leute fotografiert, die sich Sorgen um den Zustand dieser Welt machen. Wie er.

Dazu notiert: „Junge Haut spürt besser als altes Leder, wenn irgendwer an jenem Teppich zieht, auf dem das ganze Stück gespielt wird.“

Er hat einen Sommer lang, 93 Tage, in Rinteln und den Dörfern Gesichter fotografiert, jeden Tag ein neues, Zufallsbekanntschaften, keine Promis. Dann die Porträts übermalt. Das Buch „No Promi” ist konsequenterweise an der modernen Dorflinde, dem Treffpunkt unserer Zeit vorgestellt worden: bei Marktkauf. Witt liebt Landschaften und misstraut zugleich dem Idyll. Er zeichnet geradezu hingebensvoll sinnlich die sanften Linien der Weserberge und sehnt sich dabei nach München, ins Getümmel einer Weltstadt. Und macht darüber Bücher: nicht über München, dafür über Wien, über seine Künstler und Geschichten. Dass Beethoven in Wien 60 Wohnungen hatte, weil er ständig wieder auf die Straße gesetzt wurde, man liest es mit Vergnügen. Nachbarn mögen keine laute Musik. Auch wenn der Musiker genial ist.

Witt hat Bilder gemalt und malt Bilder, die man um sich haben kann, und das ist bei Kunst keineswegs selbstverständlich. Sie sind unaufgeregt, in angenehmen Farben und vegetativen Formen. Wenn Protest, dann ästhetisch. Witt hat es mit jedem Medium aufgenommen: tonnenschwerem Eisen, das er zu „Windys“ verbiegen ließ, die sich scheinbar schwerelos im Wind wiegen. Er arbeitete mit banalem Konsumgut, Leinwand und Farbe. Er ist Zeichner, Grafiker, Maler, Bildhauer, Objektkünstler, Fotograf.

Jetzt das Schreiben. Beim Schreiben sagt Witt, verbraucht man die wenigsten Ressourcen. „Wörter liegen kostenlos herum, man muss sie nur in die richtige Reihenfolge bringen.” Kein Computer steht auf dem Tisch – wie aus der Zeit gefallen.

Auch am Anfang des Geschichtenerzählers Witt steht wieder die Annäherung an seine Stadt. Da ist zuerst der „Glutofen“, das soziale Biotop der Fünfziger rund um die Hütte, es folgt das „Kiesloch“, wieder Jugendgeschichten. Dann „Langeoog“, wo er Urlaub macht. Manchmal mischt bei Witt, dem Schreiber, Witt, der Fotograf, mit. Bildbände entstehen: „Sommer am Steinhuder Meer“ und „Mitternachts-Shopping“.

Witt sagt, da kommt noch was, was anderes. Er müsse anscheinend bei allem, was er angeht, diesen Weg gehen, auch als Schreiber. „Erst Boden unter die Füße bekommen“, ehe er sich an Experimente wagt, an das, was Kunst eigentlich ausmacht.

Sechs Bücher sind es bisher, das Siebte wird am kommenden Montag, 20. August, im Kellner Verlag Bremen erscheinen: „Weserblues”. Am 14. September will er es in der Buchhandlung Sedlmayr in Rinteln vorstellen.

Witt ist ein Künstler mit vollem Terminkalender und hat treue Galeristen. Dr. Jürgen und Claudia Jesse haben ihn auf die Idee gebracht, seine Kunst zwischen Trödel auszustellen, bei „Trödelklaus“ in Bielefeld. Titel: „Wunderkammer“. Witt staunte über den Ansturm: „Das Publikum war begeistert, solche Emotionen erlebt man auf einer klassischen Vernissage selten.“

Die Jesses haben auch Weine, die in Kartons angeliefert werden. Das hat Witt zu Satyrn-Masken inspiriert, 40 Stück, aus den Weinkartons geschnitten, halb Mensch, halb Tier, die wilde Gefolgschaft des Dionysos.

Ebenfalls im September soll Witts Stele „Eiertanz“ im Prinzenhof vor der Sparkasse Schaumburg in Rinteln aufgestellt werden. Im Oktober eröffnet eine neue Glasflussausstellung, Titel: „Götterspeise fürs Auge“. Grüne Glasbrocken, beleuchtet, sehen ja auch so aus, sagt Witt. Ganz pragmatisch.

Ja, und dann gibt es bald noch den Jubiläumsband: 100 Seiten mit Arbeiten aus 30 Jahren.

30 Jahre EG Witt. Das ist kein Name, das ist ein Markenzeichen. EG Witt kennt man in der Welt der Kunst von Langeoog bis München, Stuttgart und Shanghai. Auch bei uns, in seiner Heimatstadt Rinteln, in Bückeburg und Hameln stehen Witts massive Eisenskulpturen für die Ewigkeit.

Rebell, Spaßmacher, aber vor allem Künstler

Die massiven Eisenskulpturen des Rintelner Künstlers EG Witt stehen für die Ewigkeit. Fotos: wm

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