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Zur Lage in Syrien: Interview mit dem katholischen Patriarchen Gregorius III.

„Wir Christen fürchten dieses Chaos“

Patriarch Gregorius III., Sie sind das Oberhaupt der katholischen Christen im Vorderen Orient. Wie ist derzeit die Lage der Christen in Syrien?

veröffentlicht am 26.10.2013 um 00:00 Uhr

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Wir sind in keiner schwierigeren oder besseren Lage als die anderen Menschen dort. Wir leiden ebenso wie sie unter den jetzigen Umständen. Wir sind genauso unter Druck und durch Kidnapping, Chaos und Explosionen gefährdet. Für uns besteht nur deshalb eine besondere Situation, weil wir die schwächste Gruppe darstellen. Inzwischen sind 36 unserer Kirchen zerstört.

Wer hat die Kirchen zerstört?

Der Krieg hat die Kirchen zerstört.

Das waren also keine islamischen Extremisten wie in Ägypten, wo Fundamentalisten koptische Kirchen niedergebrannt haben?

Patriarch Gregorius III.: „In Syrien hat es keine Christenverfolgung gegeben.“ wal

Teilweise waren das vielleicht Gegner von Christen. Eigentlich haben die bei uns Asyl gesucht, nachdem sie von der Armee vertrieben worden waren. Diese Menschen haben Sicherheit in unseren Kirchen gesucht und uns damit in Gefahr gebracht. Die Gegner der Regierung, die Bewaffneten und die Rebellen suchen sichere Orte. Die finden sie am ehesten bei den Christen, weil wir keinen Krieg führen wollen. Wir haben keine Milizen und sind nicht bewaffnet. Es ist die Situation dieser Revolution und es sind die Probleme zwischen Sunniten und Schiiten.

Heißt das, dass dieser Bürgerkrieg sich einerseits gegen das Regime von Präsident Assad richtet, andererseits aber auch Krieg zwischen Sunniten und Schiiten herrscht?

Das ist ein Teil des Problems. Die Lage ist aber noch schwieriger geworden, weil viele unkontrollierbare Gruppen nach Syrien gekommen sind. In Genf habe ich im September gehört, dass etwa 1200 verschiedene Gruppen in Syrien unkontrollierbar sind. In der deutschen Presse stand wenig später, dass es in Syrien rund 2000 Banditen und Abenteurer gibt. Das ist ein Ensemble von komplexen Gruppen. Das ist wirklich ein Chaos. Wir Christen fürchten gerade dieses Chaos und nicht den Islam.

Stimmt es, dass ein Teil der Rebellen in Syrien die Scharia einführen will?

Die Rebellen vielleicht, aber nicht die syrische Opposition. Fundamentalisten wollen die Scharia einführen. Und die Grausamkeiten in dem Krieg wurden von diesen Leuten verübt. Sie schlachten Menschen ab und haben sogar die Herzen der Getöteten gegessen. Das sind nicht unsere Sitten. Das sind importierte Dinge, die nicht vom Islam ausgehen. So etwas haben wir vorher noch nie erlebt. In Syrien hat es keine Christenverfolgung gegeben. Woanders vielleicht ja, in Ägypten teilweise oder in Pakistan. Aber nicht in Syrien. Wir können gut als Christen leben – manchmal vielleicht sogar besser als in Europa.

Das Verhältnis der Christen zum Regime von Präsident Assad ist also unproblematisch?

Unser Verhältnis zu Assad und der Baath-Partei ist nicht problematischer als das anderer Gruppierungen. Die Baath-Partei hat den Respekt der Bevölkerung in 40 Jahren Geschichte erworben und viel erreicht. Es gibt neue Universitäten, die Industrie entwickelt sich, die Landwirtschaft hat eine große Entwicklung genommen. Die Bevölkerung war zufrieden – mit dem Sohn zufriedener als mit dem Vater. Es ist unter seinem Sohn vieles leichter und offener geworden.

Sie verteidigen also Assads Regime?

Nein, ich will Assad nicht loben. Aber ich sehe das als Beobachter anders, als das hier in Deutschland beurteilt wird. Der Sohn ist in England aufgewachsen und hat andere Visionen als sein Vater. Eines ist klar: Nach dieser Krise wird Syrien anders sein. Allerdings besteht die Gefahr, dass Kräfte von außen unser gemeinsames Leben in Syrien beeinflussen. Wenn die Salafisten das von außen hereinbringen, dann ist das nicht nur eine Gefahr für uns, sondern auch für die Moslems. Es gab zum Beispiel in der Nähe von Damaskus einen Erlass, eine Fatwa von 34 Scheichs, dass Sunniten sich alles von den Schiiten nehmen können, ihre Häuser plündern, sich ihre Frauen und Kinder nehmen dürfen. Wer nicht Sunnit ist, wird zu ihrer Beute.

Gilt das auch für die Christen?

Das gilt für Christen und Schiiten gleichermaßen. Deswegen sagen manche, die Unterschiede zwischen Christen, Schiiten und Sunniten müssten verschwinden, um die Vision einer einigen Welt zu verwirklichen.

Sie zeichnen ein relativ positives Bild von der Baath-Partei und ihrem Führer Assad. Was hat Ihrer Ansicht nach die Demonstrationen vor zweieinhalb Jahren ausgelöst?

Nicht viel – und diese Demonstrationen brachten keine neuen Ideale, keine neuen Vorstellungen. Eher stellt sich die Frage: Was sollten die Demonstrationen bringen? Die Menschen sind frei, sie haben Lebensmittel, die Presse, religiöse Gemeinschaften, gute Schulen, eine gute Versorgung der Kranken. Was soll die Opposition also bringen?

Wie frei ist denn die Presse?

Sie ist schon ein bisschen gesteuert, aber seit 2005 doch viel freier geworden. Der junge Präsident hat viel Neues gebracht, vor allem für die Jugend. Die Bildungspolitik wurde zwischen 2005 und 2010 modernisiert, wir haben sogar Katechismus-Unterricht. Ich bin überzeugt, dass die Regierung mehr Neues auf den Weg bringen kann als die Opposition.

Wie finanzieren sich die Rebellen eigentlich?

Durch das Eintreiben von Schutzgeld. In der Stadt Yabroud müssen die Menschen monatlich 35 000 Dollar für die Rebellen aufbringen, natürlich auch die Christen. Und mit Geld aus den arabischen Staaten und anderen Ländern wurde alles bezahlt: die Kundgebungen und die Opposition. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Welche Bedeutung hat der arabische Frühling für Sie?

Mit Demokratie und Freiheit hat der arabische Frühling nichts zu tun. So schnell kann sich die arabische Welt nicht ändern. Es ist kaum zu hoffen, dass wir mehr Demokratie bekommen, denn alle arabischen Länder haben dasselbe System. Überall herrscht die Faust.

Was kann die Lösung für Syrien bringen?

Ich erhoffe mir viel von einer Einigung der Kräfte Syriens und von der geplanten Konferenz in Genf. Dabei müssten die europäischen Kräfte, die USA und Russland nicht nur eine politische Lösung herbeiführen sondern ein Wiederaufbauprogramm für die zerstörten Städte aufstellen. Wird das Problem Syriens gut gelöst, ist das die Zukunft für den Frieden, da bin ich mir sicher.

Welche Bedeutung hätte das für den Nahen Osten insgesamt?

Das wäre der erste Schritt auch für die Lösung des Problems zwischen Israel und Palästina.

Wo sehen Sie die Lösung zwischen Israel und Palästina?

Betrachten Sie nur die Ungerechtigkeit, die dort herrscht – die Mauer zwischen Israel und den Gebieten der Palästinenser. Und warum muss Israel ein jüdischer Staat sein? Warum? Wie können Europa und Deutschland das erlauben? Weshalb erkennen sie Israel als jüdischen Staat an? Das ist die Vorbereitung des Nahen Ostens als Gebiet schiitischer und sunnitischer Staaten.

Sind Sie optimistisch, dass die Konferenz in Genf eine Lösung bringt?

Ich hoffe, ich bete dafür. Wenn Deutschland, Frankreich, England, die USA und Russland einen gemeinsamen Weg gehen, kann die Konferenz erfolgreich sein.

Es ist das tägliche Grauen, das die Nachrichten aus dem Bürgerkriegsland Syrien prägt. Von wem wird dieser Krieg geführt. Sind es Kräfte von außen, die ihn bestimmen. Wir haben mit dem katholischen Patriarchen Gregorius III. über die Lage in seiner Heimat gesprochen. Angst bereitet ihm vor allem das Chaos im Land.



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