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Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit mehr als 4000 Teilnehmern am Hochzeitshaus

Willy Brandt in Hameln

Der DGB-Kreisvorsitzende Volker Eggers war noch nicht lange im Amt, als er Anfang 1986 zum landesweiten Treffen des Deutschen Gewerkschaftsbundes nach Hannover fuhr. Dort wurden gewerkschaftspolitische wie organisatorische Fragen besprochen und das Motto des 1. Mai bekanntgemacht: „Mitmachen, stark sein, die Zukunft gestalten.“ Zuletzt hieß es: Willy Brandt möchte den 1. Mai in Niedersachsen feiern. In welcher Stadt könnte der Ex-Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger auftreten?

veröffentlicht am 27.04.2019 um 10:40 Uhr

Bei der Maikundgebung des DGB am 1. Mai 1986 redete Willy Brandt auf der Terrasse des Hochzeitshauses. Am Mikrofon steht Bärbel Wildhage, Personalrätin bei HERTIE. Sie sprach über die angekündigte Schließung des Kaufhauses. Foto: Klaus-Dieter Suhr

Autor:

Dr. Gesa Snell
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Volker Eggers hatte noch keine Zusage für einen Mai-Redner in Hameln. Allerdings gab es im Vorstand des DGB-Kreises Hameln-Pyrmont einen Beschluss, dass am „Tag der Arbeit“ keine Parteipolitiker auftreten sollten. Als es aber um Politik-Urgestein Willy Brandt, einem der bekanntesten Gesichter der SPD ging, zögerte der DGB-Kreisvorsitzende nicht lange. So schnell es ging, stimmte er sich mit seinem Vorstand ab. Niemand wollte die Möglichkeit verpassen, eine so bedeutende Persönlichkeit auf die heimische Bühne zu bringen. Willy Brandt galt als politischer Visionär und aufgrund seiner Ostpolitik als „Kanzler der Versöhnung“.

Brandt hatte selbst einmal berichtet, er sei schon als Schüler in Hameln gewesen. Später brachte ihn seine politische Laufbahn immer wieder in die Stadt. Als Regierender Bürgermeister von Berlin hatte er 1960 den hiesigen „Berliner Platz“ eingeweiht – der nach der deutschen Wiedervereinigung ein Stück der Berliner Mauer erhielt –, 1961 die Zählerfabrik AEG besucht und 1965 Heinz Frehsee im Bundestagswahlkampf unterstützt. Als Bundeskanzler war er zweimal hier, zuletzt 1982 als Parteivorsitzender.

In Hameln war man stolz auf den prominenten Gast. Um seine Rede auf dem Pferdemarkt wurde ein Programm entwickelt. Eggers hatte alle Hände voll zu tun, um den straffen Terminplan zu organisieren. Dazu kamen die hohen Sicherheitsanforderungen für Willy Brandt. Die gesamte Strecke des Mai-Demonstrationszuges musste vorher festliegen und wurde auf Risiken hin geprüft.

Dewezet vom 2. Mai 1986.

Eggers war erleichtert und froh, als Willy Brandt am Donnerstagmorgen pünktlich eintraf. Gut gelaunt nahm das aktive Mitglied der IG Druck und Papier am großen Umzug vom DGB-Haus durch die Innenstadt bis zum Hochzeitshaus teil. Fahnen repräsentierten die einzelnen Gewerkschaften, viele Transparente machten auf die Anliegen der Arbeitnehmer aufmerksam. Dazu gehörte auch der Kampf um die Hamelner Hertie-Kaufhausfiliale. Die bevorstehende Schließung sollte 280 Arbeitsplätze kosten. Ein Drama für die Stadt, die in den vorangegangenen Jahren bereits viele Arbeitsplätze verloren hatte, etwa bei der Schiffswerft Hameln, dem Baugeschäft Stock sowie dem Eisen- und Hartgusswerk Concordia.

Die Arbeitslosenquote überstieg die zehn Prozent. Es lag sicher auch an dieser Situation, dass zuletzt mehr als 4000 Menschen auf den Pferdemarkt kamen, um die gewerkschaftliche Maifeier zu begehen. In seiner Einführungsrede sprach Eggers das aktuelle politische Umfeld an und übertrug das Mai-Motto auf die Region. Im Vorjahr war in Hameln-Pyrmont ein Kreisverband der rechtsextremen sogenannten Freiheitlichen Arbeiter Partei (FAP) gegründet worden. Bald darauf hatten dessen Mitglieder auf dem Friedhof Wehl demonstriert, „wo mehrere hingerichtete KZ-Schergen begraben liegen, darunter der Kommandant von Bergen-Belsen, Josef Kramer“. („Der Spiegel“, 12/1986). Es war zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten gekommen. Aus diesem Anlass mahnte Eggers, „der Kampf gegen zunehmende Ausländerfeindlichkeit und das Wiedererwachen neonazistischer und antisemitischer Tendenzen“ sei eine wichtige Aufgabe gewerkschaftlicher Arbeit.

7 Besuche hat Willy Brandt Hameln im Laufe seines Lebens abgestattet

Willy Brandt begann in seiner anfänglich oft etwas trockenen Art, doch schnell riss er das Publikum mit. Als Maßnahme gegen den Jobabbau verlangte Brandt eine Arbeitszeitverkürzung und eine aktive Beschäftigungspolitik. Er kritisierte: „In der BRD gibt es zur Zeit die höchste Abgabenbelastung für den Bürger seit 1949, die höchsten Sozialhilfeausgaben und die meisten Firmenpleiten.“ Vor diesem Hintergrund könne man schwerlich von einem Aufschwung reden. Dann kam Brandt auf aktuelle dramatische Ereignisse zu sprechen, deren weltweite Folgen noch gar nicht abzuschätzen seien. So war nicht einmal eine Woche vor dem 1. Mai der Atomreaktor in Tschernobyl explodiert. Die Nachricht hatte einige Tage gebraucht, bis sie die Weltöffentlichkeit erreichte. Bald gab es Warnungen davor, sich bei Regen an bestimmten Tagen im Freien aufzuhalten. Nicht viel weniger schockierend war der Anfang April vermutlich von libyschen Geheimdienstkräften verübte Bombenanschlag auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“. Drei Menschen starben in dem vor allem von US-Soldaten frequentierten Tanzpalast. Willy Brandt ging auf die amerikanische „Bombardierung libyscher Städte als Antwort auf den Berliner Terroranschlag“ ein. Sie forderte viele Opfer.

Deshalb äußerte Brandt seine Verwunderung darüber, dass diese „amerikanische Machtdemonstration“ anscheinend von vielen begrüßt worden sei. Vor diesem erschreckenden, weltpolitischen Panorama mochte der niedersächsische Skandal um das „Celler Loch“ beinahe amüsant wirken. Ursprünglich hatte man angenommen, der 1978 auf die Mauer des Gefängnisses in Celle verübte Sprengstoffanschlag sei das Werk von Terroristen gewesen. Wenige Tage vor dem 1. Mai war aber durch eine Recherche der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ bekannt geworden, dass der Anschlag inszeniert war. V-Leuten des Verfassungsschutzes sollte eine Legende verschafft werden. Die Landesregierung, die Anstaltsleitung und die Anti-Terror-Einheit GSG 9 seien informiert gewesen. Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) sagte: „Ich bin sicher, dass unsere Bevölkerung genau das von mir verlangt.“ In Hameln kritisierte Brandt diese Einschätzung deutlich.

Nach Abschluss der Hauptrede startete das Gewerkschaftsfest auf dem Pferdemarkt. Der Sonnenschein trug wie die vielen Stände zur guten Stimmung bei. Der 73-jährige Brandt hatte weitere offizielle Termine. Er wurde vom Ersten Bürgermeister Ingo Albrecht im Bürgermeisterzimmer des Hochzeitshauses empfangen und trug sich im Beisein von Oberstadtdirektor Eduard von Reden-Lütcken und Gästen in das Goldene Buch der Stadt ein. Zuletzt traf sich der weitgereiste Gast mit Vertretern der Verwaltung und SPD-Politikern zu einem Essen in der „Börse“. Über diese Maikundgebung und den „Coup“ des DGB Hameln-Pyrmont wurde noch lange gesprochen. 1987 trat am 1. Mai dann wieder ein hauptamtlicher Gewerkschafter auf: der niedersächsische DGB-Landesbezirksvorsitzende Karl Neumann.



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