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Willkommen im Schaumburg der Superlative

Schaumburg gibt es zweimal auf der Welt: in Niedersachsen und im US-Staat Illinois. Seit gut drei Jahrzehnten ist der Austausch zwischen den Kommunen rege und kreativ – und die Zeit als Schaumburger in Schaumburg, USA, eine Erfahrung, die einen so bald nicht mehr loslässt. Ein Erfahrungsbericht.

veröffentlicht am 21.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.05.2011 um 11:49 Uhr

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Ist man als deutscher Schaumburger zu Gast bei Einwohnern der Stadt Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois, dauert es nicht lang, bis die Fragen kommen: Wart ihr schon einmal in den USA? Welchen Ruf haben Amerikaner in Deutschland? Sprechen alle Deutschen so gut Englisch? Was haltet ihr von unserem Präsidenten?

Und ab und zu muss man auch unwillkürlich lächeln; da wird schon mal gefragt, ob in Deutschland auf der linken Straßenseite gefahren wird, und man wird den Eindruck nicht los, dass Deutschland für vermeintlich weitverbreitete Merkmale wie Kopfsteinpflaster und Lederhosen genauso gemocht wird wie für seine Autos und seine Ingenieurskunst. Dass das Deutschlandbild vieler Amerikaner eher einem Märchenbuch denn der Realität gleicht, sollte allerdings schnell zu verzeihen sein: Schließlich ist man vom deutschen Schaumburg aus in rund sieben Autostunden in Paris, während man vom amerikanischen Schaumburg aus nach rund sieben Stunden gerade mal in Nashville, Tennesse, ist.

Doch trotz oder vielleicht gerade, weil manche Amerikaner ihren Kontinent oder gar ihr Land noch nie in ihrem Leben verlassen haben, bringen sie den deutschen Besuchern eine Gastfreundschaft entgegen, wie man sie hier wohl lange suchen müsste: Natürlich kannst du mein Auto benutzen, hier ist der Schlüssel zu meinem Haus, der Kühlschrank ist voll, bedien dich. Ist man gemeinsam essen oder einkaufen, muss man regelrecht eine Debatte lostreten, um auch mal selbst etwas zahlen zu dürfen.

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Der Ausblick auf den fast 60 000 Quadratkilometer großen Michigansee im nahen Chicago.

Rund 150 Jahre ist die Geschichte der Stadt Schaumburg alt, für US-Standard biblisch, für Deutsche eher neuere Geschichte. Als im Jahr 1840 die ersten deutschen Aussiedler in die gerade frisch zur Besiedlung freigegebene Gegend kamen, hieß die Stadt noch „Sarah’s Grove“. Die Überlieferung will es, dass 1851, während einer Einwohnerversammlung, über einen neuen Stadtnamen gestritten wurde – bis ein Friedrich Nerge, ursprünglich aus Reinsdorf bei Apelern, mit der Faust auf den Tisch schlug und rief: „Schaumburg schall et heiten!“

Seitdem hat sich freilich eine Menge getan in der 75 000 Einwohner zählenden Stadt, die rund eine Autostunde von der drittgrößten Stadt der USA, Chicago, entfernt liegt.

Wer verstehen will, wie dieses Schaumburg funktioniert, der sollte die Stadtbücherei aufsuchen. Nicht nur, um sich ein Buch über die Geschichte der Stadt auszuleihen, sondern, um den Bestand an Büchern, Hörbüchern, DVDs, CDs, Schallplatten und digitalen Dateien, der insgesamt über zehn Million Euro wert ist, zu bestaunen.

Auch wenn die amerikanische Wirtschaft immer noch am Boden liegt, sich die Immobilienpreise im Keller befinden, während sich Arbeitslosenzahlen und Benzinpreise auf nie gekannten Höchstniveaus befinden, geht es Schaumburg noch vergleichsweise gut. Die Zentrale des Elektronikkonzerns Motorola sitzt dort, mit der „Woodfield Mall“ ist dort die fünftgrößte Einkaufsstraße des Landes angesiedelt, in der derzeit 285 Geschäfte zu finden sind – in direkter Nachbarschaft zu mehreren Outlets und Einkaufszentren. Weiterer großer Anziehungspunkt ist das Einrichtungshaus IKEA, das hier vor rund zehn Jahren eine der ersten Filialen der USA eröffnete.

Dieses in Schaumburg angesiedelte Gewerbe bekommt der Gemeinde gut, denn rund 80 Prozent der Grundsteuer, egal ob von Motorola oder von einer fünfköpfigen Familie gezahlt, gehen in Schaumburgs Bildungseinrichtungen.

Und so ist die dreistöckige Stadtbücherei eines von vielen Vorzeigestücken der Stadt mit einem zur Verfügung stehenden Budget von 15 Millionen US-Dollar (etwa 10,5 Millionen Euro) pro Jahr. Es ist die zweitgrößte Bibliothek in Illinois, hat eine Million Besucher pro Jahr, 300 Angestellte, es gibt große Sektionen für die sechs in Schaumburg meistgesprochenen Sprachen neben Englisch, nämlich Spanisch, Polnisch, Hindi, Urdu, Japanisch und Chinesisch. Allein die Jugendabteilung umfasst 600 000 Bücher, es gibt eine Abteilung für körperlich behinderte Menschen mit speziellen Computern, ein Kindertheater, einen Werkraum, sein Bewerbungstraining kann man genauso absolvieren wie einen Sudoku-Kurs.

In der Kinderabteilung werden allerdings auch gern Ratgeber ausgeliehen, die verraten, wie das eigene Kind in Schultests besonders gut abschneidet, damit es später den Sprung auf eine gute Schule schafft. Die Zahl der Kinder, die eigens auf diesen Zweck zugeschnittene Förderprogramme besuchen, liegt auch im recht wohlhabenden Schaumburg im hohen fünfstelligen Bereich. „Das ändert sich derzeit mit der Obama-Regierung“, sagt Bibliotheksleiterin Stephanie Sarnoff. Der US-Präsident habe den starken Konkurrenzdruck aus dem amerikanischen Schulsystem genommen.

Auch die insgesamt 27 Schulen und die Universität des Bezirks profitieren von der Grundsteuer-Praxis und den Verkaufssteuern der Einzelhändler, 285 Millionen US-Dollar (rund 199 Millionen Euro) stehen dem Bezirk somit jährlich zur Verfügung.

So wird an der Blackwell-Grundschule zum Beispiel parallel in Englisch und Gebärdensprache unterrichtet: Obwohl nur zwölf der insgesamt 300 Schüler hier hörgeschädigt oder taub sind, sollen die Kinder integriert aufwachsen. Ebenso gibt es zahlreiche Grundschulen, an denen zweisprachig auf Englisch und Spanisch oder auch mal auf Japanisch unterrichtet wird.

Seinen Stolz auf Schaumburg kann auch der (schwedischstämmige) Al Larson, seit 1987 Bürgermeister von Schaumburg und mit seinen 72 Jahren gerade zu weiteren vier Jahren im Amt vereidigt, nicht verbergen: Von einer „Schaumburg myth“, einem Schaumburger Mythos, der durch die USA gehe, spricht er. Dieser „Mythos“ hat seinen Ursprung vor allem in einer Tatsache: Die Einkaufsmöglichkeiten in Schaumburg sind beinahe unendlich.

Genauso wie das nahe Chicago ist auch Schaumburg ein Produkt sorgfältiger Stadtplanung: In den 60er Jahren griff der Stadtentwicklungsplan des damaligen Bürgermeisters, um aus dem eher ländlichen Schaumburg eine attraktive Stadt zu machen. Der Plan wurde mit der Eröffnung der „Woodfield Mall“ im Jahr 1971 beendet, Einzelhandel, Industrie und Wohnungsbau entwickelten sich überdurchschnittlich, ganze Stadtteile wurden von Grund auf renoviert, Ghettos wurden zu Parkanlagen umgestaltet.

In den 90er Jahren kamen neben mehr Gewerbe auch Restaurantketten und eine Schnellverbindung zum internationalen Flughafen O’Hare dazu, 2000 erfolgte die letzte große Baumaßnahme mit einem 30 000 Quadratmeter großen Messezentrum, gleichzeitig Designer-Hotel mit 500 Räumen.

Glaubt man Bürgermeister Larson, ist Schaumburgs Entwicklung noch nicht beendet: Folgen sollen noch ein Kulturzentrum sowie schnellere Verkehrsanbindungen nach Chicago. Gerade hat Schaumburg sein Baseballteam aufgelöst, es soll neu besetzt werden und besser spielen.

Keine Frage, die Dimensionen in den USA sind im Vergleich zu Deutschland ganz andere. Um diese Unterschiede aber nicht zu Grenzen werden zu lassen, sondern um „Brücken zu bauen“, wie sie es im eigenen Motto benennt, kümmert sich seit 1983 auf deutscher Seite die Schaumburger Deutsch-Amerikanische Gesellschaft (SDAG). Mal besuchen jugendliche Sportmannschaften oder Bands einander, mal einheitliche oder gemischte Berufsgruppen aus Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenpfleger.

Eine Art Kulturschock lässt sich wohl kaum vermeiden: Die USA sind ein Land, in dem Rassismus noch immer ein großes Thema ist und der Bürgerkrieg regelmäßig nachgespielt wird; in dem „gleich um die Ecke“ heißt, dass man eine Viertelstunde mit dem Auto braucht; in dem man sich in jedem Supermarkt leicht verlaufen kann; in dem viele Menschen nicht mehr wissen, wie eine lebendige Kuh aussieht.

Gleichzeitig ist der Aufenthalt in einer Gastfamilie, die sich ein Bein ausreißt, um dem deutschen Besuch die besten Seiten der eigenen Stadt und des eigenen Landes zu zeigen, eine Erfahrung, die einen nicht mehr loslässt. Und wenn es zurück ins eigene Land gehen soll, sind bislang bei jedem Abschied Tränen geflossen.

Informationen: Mehr Informationen über die SDAG gibt es unter www.sdag-shg.de.



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