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Will denn niemand mehr Hausfrau sein?

Ursula Gauglitz’ Wangen sind rot wie die eines Mädchens – „ja, das ist bei mir immer so, wenn ich aufgeregt bin“ – als sie mit dem Mikrofon in der Hand zu den etwa 80 Frauen spricht, die sich im Hotel Stadt Kassel in Rinteln versammelt haben. Das Lampenfieber, das auch ihre Stimme etwas zittern lässt, entsteht nicht, weil sie nicht daran gewöhnt wäre, öffentlich zu sprechen, im Gegenteil: Seit 20 Jahren leitet sie als Erste Vorsitzende den Rintelner Frauenverein, dessen Jahreshauptversammlung sie gerade eröffnet, unter anderem auch, um ihren Rücktritt zu erklären. Sie ist nervös, weil etwas in der Luft liegt, das sie bis jetzt nur vage umschreibt mit den Worten: „Vielleicht ist nun die Stunde da…“

veröffentlicht am 24.02.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:01 Uhr

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Die Frauen, die an langen Tischen bei Kaffee und Kuchen sitzen, sind fast alle über 70 Jahre alt. Sieben von ihnen werden für die 30-jährige Mitgliedschaft im Verein geehrt, eine ganze Reihe sind sogar noch länger dabei. Sie kennen sich untereinander, viele sind bekannt in der Stadt, gestandene Frauen, die sich beruflich und in Vereinen und Institutionen engagierten. Als sie dem Frauenverein beitraten, war es noch der „Hausfrauenbund Rinteln“, eine der damals über 40 niedersächsischen Ortsgruppen des großen „Deutschen Hausfrauenbundes“. Dass sie sich vor sechs Jahren umbenannten in den schlichten „Frauenverein“, es war wohl bereits der erste Schritt hin zur bevorstehenden „Stunde“, die Ursula Gauglitz’ Wangen so rot leuchten lässt.

„Hausfrauenbund“ – was heute etwas anachronistisch, ja bieder klingen mag, war bei seiner Gründung im Jahr 1915 geradezu revolutionär. Damals hatten sich in Deutschland im Zuge der aufkommenden Frauenrechtsbewegung bereits erste Frauenverbände gegründet. Lehrerinnen, Hebammen, auch kaufmännische Angestellte schlossen sich seit Ende des 19. Jahrhunderts zusammen, um in der männerdominierten Welt ihre Rechte und Interessen besser durchsetzen zu können. Die Hausfrauen aber blieben weitgehend auf sich gestellt, zumal ihre Arbeit als „natürlicher Beruf“ galt, als quasi angeborene Aufgabe: Frauen waren das „Herz der Familie“, während die Männer die Rolle des alleinigen „Versorgers“ übernahmen. Hedwig Heyl, Gründerin des „Deutschen Hausfrauenbundes“, wollte unter anderem einfordern, dass Hausarbeit als qualifizierte Berufstätigkeit anerkannt würde, gleichberechtigt neben anderen Berufen.

Dieses Ziel wurde allerdings niemals wirklich erreicht, es musste scheitern, solange die Hausfrauenarbeit weiterhin eine unbezahlte Arbeit blieb, inzwischen immerhin, wenn Kinder zur Familie gehören, durch eine kleine eigene Rente honoriert. Doch sorgte der Deutsche Hausfrauenbund dafür, dass es eine regelrechte Ausbildung zur Haushaltsführung gab, die seit dem Jahr 1925 mit einer Meisterprüfung abgeschlossen werden konnte.

So manche Groß- und Urgroßmutter der heutigen Generationen ging auf eine Hauswirtschaftsschule, wo sie den Beruf der Hausfrau von der Pike auf erlernte, angefangen beim Kochen und Wäschewaschen, bis hin zur Haushaltsbuchführung, Kinderpflege und Organisation von Festen. Hedwig Heyls Bestseller „Das ABC der Küche“ war dabei eine Art Lehrbuch für die Logistik der Haushaltsführung.

Als sich vor 40 Jahren der Rintelner „Hausfrauenbund“ gründete, hatten die beiden Gründerinnen Eva Kalinowski und Inge Brandt gerade die Infa-Messe in Hannover besucht, die sich damals noch nicht an „Familien“ richtete, sondern eine „Informationsmesse für Frauen“ war, für Hausfrauen, hervorgegangen aus den ersten ähnlichen Verbrauchermessen, die der „Deutsche Hausfrauenbund“ vor dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen hatte. Die beiden Rintelnerinnen waren am Stand des „Deutschen Hausfrauenbundes“ (heute: DHB – Netzwerk Haushalt) gewesen und schnell überzeugt von dem Konzept, Hausfrauen einerseits durch Vorträge und Seminare weiterzubilden, sie andererseits aber auch politisch zu stärken und im Sinne von Emanzipation und Gleichberechtigung in der Öffentlichkeit zu vertreten.

In diesem Gründungsjahr 1972 war Ursula Gauglitz erst 23 Jahre alt und kaufmännische Angestellte, die allerdings mit ihrer Heirat, weil ihr Mann es sich so wünschte, ihre Erwerbstätigkeit aufgab, nicht Ungewöhnliches noch bis Ende der 1970er Jahre, wo in Sachen Gleichberechtigung ein heute absurd wirkendes Ungleichgewicht herrschte: Erst seit 1977 gilt das Partnerschaftsprinzip in der Ehe. Das heißt: Die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau wurde aufgehoben, und erstmals durften verheiratete Frauen auch ohne Einverständnis ihres Mannes erwerbstätig sein. 20 Jahre zuvor noch besaßen Hausfrauen keinerlei finanzielle Eigenständigkeit und mussten sogar ihr in die Ehe eingebrachtes Vermögen und eigenen Verdienst in die Hände der Ehemänner übergeben.

So ist es kein Wunder, dass die Mitgliedszahlen im Rintelner Hausfrauenbund schnell anstiegen, bis sie weit über hundert, ja bei fast 200 Mitgliedern betrugen. Immer noch besitzt der „Deutsche Hausfrauenbund“ als „Berufsverband der Haushaltsführenden“, insgesamt etwa 60 000 Mitglieder in 400 Ortsvereinen. In den ersten Jahren nach der Neugründung in der Nachkriegszeit ging es nicht nur darum, den Hausfrauen und Familienmüttern zwanglose Freizeitmöglichkeiten anzubieten, damit sie der manchmal bedrückenden sozialen Isolation als nicht erwerbstätige Frauen entkommen könnten; es waren auch nicht nur informative Veranstaltungen rund um Haushalt, Gesundheit oder Lebensmittelkunde im Programm, sondern es ging immer auch darum, sich auf moderate Weise an der emanzipatorischen Frauenbewegung zu beteiligen und zusammen mit dem Dachverband dafür einzutreten, dass sich, wie es eine 72-jährige Dame an einem der Tische im „Stadt Kassel“ sagt, die „Hausfrauen nicht immer unterbuttern“ lassen.

Vor 20 Jahren gaben die beiden Gründerinnen ihr treulich und mit viel Organisationstalent geführtes Vorstandsamt im Rintelner Hausfrauenbund ab, und vermutlich standen sie dabei nicht viel anders als nun Ursula Gauglitz vor ihrer versammelten Mannschaft, aufgeregt und mit leicht belegter Stimme. Dass man nach zwei Jahrzehnten Vorstandsarbeit mal zurücktreten will, traf ringsum auf Verständnis. Die Sorge, die umging: Dass sich keine Nachfolgerinnen für die verantwortungsvollen, arbeitsintensiven Aufgaben finden würden. Hätte sich damals nicht schließlich Ursula Gauglitz gemeldet, zusammen mit der Freundin Edith Krüger, wer weiß, ob sich der Hausfrauenbund in Rinteln nicht aufgelöst hätte.

Denn viele Ortsvereine bundesweit überstanden die 1990er Jahre nicht und verschwanden mehr oder weniger stillschweigend aus der Öffentlichkeit, darunter zum Beispiel auch der Hamelner Hausfrauenbund. Frausein heißt eben nicht mehr in erster Linie und fast unausweichlich „Hausfrausein“. Nicht verwunderlich, dass Ursula Gauglitz mit ihren 63 Jahren als Jungspund gilt, ebenso wenig verwunderlich, dass in den letzten Jahren kaum Mitglieder dazukamen, nur immer mehr Frauen entschwanden, aus Altersgründen oder weil sie starben.

Sieht man nach Hameln, so finden sich dort etwa 20 Interessenverbände speziell für Frauen, zusammengeschlossen in der AHF, der Arbeitsgemeinschaft Hamelner Frauenverbände. Ein Verein, der dem „Hausfrauenbund“ ähnelt, ist nicht mehr dabei.

Auch die Rintelner benannten sich nicht ohne Grund um in den „Frauenverein“ und nahmen vor sechs Jahren das „Hausfrau“ aus ihrem Titel heraus, indem sie sich vom „Deutschen Hausfrauenbund“ ablösten: Längst schon waren über die Hälfte der Mitgliedsfrauen erwerbstätig gewesen und nur noch „Teilzeit“-Hausfrau. Und zudem erschien es den Rintelnerinnen, dass der Landesverband nicht mehr genug für den Ortsverband täte, keine neuen Anregungen brächte, keine Referenten zu spannenden Themen mehr aussendete. „Wir sind eigentlich eher sowas wie ein Freizeitverein geworden“, sagt Ursula Gauglitz. „Tolle Treffen mit Wandergruppe, Gesprächskreis, Literatur- und Spielkreis und einem Gedächtnistraining – das konnten wir auch ohne Zahlungen an den Verbund organisieren.“

Da steht sie nun vor 80 Frauen und leitet zum letzten Mal die Jahreshauptversammlung. An ihrem Rücktrittswillen gibt es keinen Zweifel mehr, nicht noch einmal wird sie sich überreden lassen, doch noch einmal zu kandidieren. Lang ist die Liste der über 70 Einzelveranstaltungen des letzten Jahres, darunter Städtereisen und Bildungsausflüge, Feste und Messebesuche. Niemand, niemand ist da in der großen Runde, der in die Fußstapfen des alten Vorstandes treten würde. „Das Ehrenamt ist wohl passé“, meint Gründerin Eva Kalinowski und viele nicken und flüstern Sätze wie: „Wir haben eben auch keine Zeit – und wir sind nun mal alt.“ Ursula Gauglitz hat nichts anderes erwartet, keine hat etwas anderes erwartet. „Die Stunde – nun ist sie wirklich gekommen!“ Die Stunde der Auflösung. Es ist vorbei. Wer schon einen Mitgliedsbeitrag für das kommende Jahr eingezahlt hat, der bekommt ihn zurück. Ein kleiner Trost: Die Wandergruppe trifft sich weiterhin, ebenso wie die Montagsgesprächsrunde und auch der Literaturkreis. Heute aber zerstreuen sich die Frauen schnell. Fürs Erste ist alles gesagt.

Die Gründung des Hausfrauenbundes vor fast 100 Jahren erschien zur damaligen Zeit geradezu revolutionär. Frauen schlossen sich zusammen, um in der von Männern dominierten Welt auf ihre Rechte und Interessen zu pochen. Heute organisieren sich Frauen anders. Hausfrau, einst der „natürliche Beruf der Frau“, ist nun eine Option unter vielen.

„Die Stunde ist gekommen“: Ursula Gauglitz (r.) gibt die Auflösung ihres Frauenvereins bekannt.

Foto: cok



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