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Lügen, Aussagen und Geständnisse: Für die Wahrheit gibt es keine Garantie

Wie wird der wirkliche Hergang einer Straftat rekonstruiert?

Steht in Gerichtsurteilen immer die Wahrheit? Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft? Und wie geht die Presse damit um? Wir haben mit verschiedenen Experten gesprochen, die sich im schwierigen Geschäft der Wahrheitsfindung bestens auskennen.

veröffentlicht am 30.05.2017 um 08:45 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:27 Uhr

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Zitterpartie für einen Polizisten: Eine Taxifahrerin aus Minden beschuldigt den Kriminalbeamten, sie auf einer privaten Fahrt nach Stadthagen mit dem Messer bedroht zu haben, bevor er auf einem Feldweg ausgestiegen sei, ohne zu bezahlen. Erst vor dem Landgericht in Bückeburg stellt sich im Dezember 2012 heraus: Den Überfall hat es nie gegeben, die Geschichte ist erfunden.

Im Prozess wird die Aussage der wegen Betruges vorbestraften Taxifahrerin zerpflückt. Ihre Darstellung steckt voller Widersprüche. Für den angeklagten Polizisten, seit 14 Monaten vom Dienst suspendiert, hätte eine mehrjährige Haftstrafe die Entlassung aus dem Beamtenverhältnis zur Folge gehabt. Sein Leben wäre zerstört gewesen. Am Ende wird er freigesprochen. „Das möchte ich nicht noch einmal erleben“, atmet der 33-Jährige auf. „Es ist erschreckend, wie schnell man in Verdacht kommen kann, eine Straftat begangen zu haben“, stellt Richterin Dr. Birgit Brüninghaus fest. Das Motiv der Taxifahrerin bleibt unklar. Für den Polizisten war der Weg zur Wahrheit lang und steinig. „Dieser Fall ist ein besonders krasses Beispiel für Zeugen, die lügen – einer von mehreren Problemkreisen, vor denen wir stehen“, erklärt Dr. Thorsten Garbe, Vizepräsident des Landgerichts in Bückeburg und dessen Sprecher. Wann sagen Zeugen die Unwahrheit? „Das Problem ist, dass man ihnen nicht hinter die Stirn gucken kann“, führt Garbe aus. Aber man kann es versuchen.

Garbe und sein Richterkollege Dr. Jens Rass sind gleichzeitig Referenten, betraut mit der Schulung von Richtern und Staatsanwälten, die noch Assessoren sind, Anwärter auf die Beamtenlaufbahn. Das Thema: „Tatsachenfeststellung vor Gericht.“ Die jungen Juristen werden mit dem aktuellen Stand der Aussagepsychologie vertraut gemacht. Sie lernen zum Beispiel, dass eine Aussage, die in mehreren Vernehmungen immer komplett gleich bleibt, im Zweifel eher darauf hindeutet, dass die Geschichte ausgedacht ist. Gutachten können hilfreich sein, speziell bei Kindern, psychisch Kranken oder Opfern mit weit unterdurchschnittlicher Intelligenz. „Doch auch Aussagepsychologen können falsch liegen“, gibt Thorsten Garbe zu bedenken.

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Garbe ist Vorsitzender einer Strafkammer, die sich mit Berufungsverfahren befasst. „Als Richter war ich bei dem Geschehen nicht dabei. Ich kann daher auch nicht garantieren, dass meine Urteile immer mit der Wahrheit übereinstimmen“, sagt er. „Für meine Entscheidungen bin ich darauf angewiesen, dass mir Zeugen die Wahrheit sagen. Wenn ich Zweifel habe, überprüfe ich das natürlich ganz genau.“ Garbe verfolgt „das Ziel, die Wirklichkeit abzubilden“. Doch auch Richter könnten nicht ausschließen, „dass wir mal einem gerissenen Lügner aufsitzen – oder dass sich sogar der gutgläubigste Zeuge irren kann“. Nach den Zeugenaussagen muss Garbe die Überzeugung gewonnen haben: „Ja, so ist es gewesen.“ Weil Urteile falsch sein können, gibt es in Deutschland mehrere Instanzen. Eine Garantie bietet auch das nicht. „Selbst wenn ein Angeklagter in zweiter Instanz plötzlich gesteht, muss dies nicht heißen, dass er die Wahrheit sagt“, erklärt Garbe. „Das Geständnis kann zum Beispiel auch taktische Gründe haben.“

Problemkreis Nummer zwei: Es gibt Zeugen, welche die Wahrheit sagen möchten, sich aber irren. Manchmal kommt das sogar reihenweise vor. Nils-Holger Dreißig, heute Sprecher der Bückeburger Staatsanwaltschaft, hatte als Richter in Hannover einen Fall, in dem es um eine Messerstecherei im Bus ging. Kaum zu glauben, aber alle Zeugen irrten sich. Die Wahrheit war auf den Bildern der Videoüberwachung zu sehen.

Die Suche nach dem, was wahr ist oder dafür gehalten wird, gehört bei Dreißig zum Job. Amtsermittlungsgrundsatz heißt das. „Wir müssen von Amts wegen die Wahrheit erforschen“, erklärt der Staatsanwalt. Für Gericht und Polizei gelte das ebenfalls, während Verteidiger nicht verpflichtet seien, zur Wahrheitsfindung beizutragen. „Die Aussagekraft polizeilicher Ermittlungen und von Gerichtsurteilen steht und fällt mit den Beweismitteln, die zur Verfügung stehen“, sagt Dreißig. Bei Geständnissen geht er „mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es auch so war – aber wir überprüfen das.“

Als eher unsicher gilt der sogenannte Zeugenbeweis. Menschen neigen dazu, Lücken in ihrer Erinnerung auf eine Weise zu schließen, die ihnen plausibel erscheint. „Der Knallzeuge“, so Dreißig, „hat einen Unfall nur gehört, nicht aber gesehen. Trotzdem schließt er daraus, wie sich das Geschehen abgespielt haben muss. Vor Gericht behauptet der Zeuge dann, den Unfall gesehen zu haben.“

Zu den objektiven Beweismitteln gehören DNA-Spuren und Fingerabdrücke. „Sie bilden jedoch nur einen kleinen Ausschnitt ab.“ Schlüsse, die Juristen aus den Indizien ziehen, können falsch sein. „Das Strafverfahren ist ein dynamischer Prozess“, erinnert Dreißig an einen Fall aus Lauenau (Landkreis Schaumburg): Ein Handwerksmeister, der seine Frau umgebracht haben soll, wird vor Gericht plötzlich von seiner früheren Geliebten schwer belastet. Sie will Augenzeugin der Bluttat gewesen sein. Im Vorfeld des Prozesses hat die Geliebte monatelang behauptet, zur Tatzeit auf einem weit entfernten Parkplatz gewesen zu sein. Nun widerruft sie ihre bisherige Aussage. Mindestens eine Version ist also falsch, wenn die Zeugin nicht sogar zweimal gelogen hat. „Wie es in allen Einzelheiten gewesen ist, kann nur der Angeklagte aufklären“, sagt Dreißig. „Ich bin überzeugt, dass das Gericht in diesem Fall im Kern die Wahrheit herausgefunden hat.“ Am Ende wird der Ehemann wegen Totschlags zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Bückeburger Schwurgericht glaubt der Ex-Geliebten, führt darüber hinaus aber auch eine Reihe von Indizien an, die nach Überzeugung der fünf Richter für die Schuld des Mannes sprechen. Zu einer Verurteilung darf es nur kommen, wenn keine vernünftigen Zweifel mehr bestehen. Gerichtssprecher Dreißig erklärt das so: „Theoretisch könnte man sich noch eine andere Version ausdenken, wie es gewesen sein könnte. Aber die muss plausibel sein.“

Falls sich im Prozess einmal herausstellt, dass die Wahrheit anders aussieht als das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen, nimmt Dreißig die Polizei in Schutz: „Manche Tatsachen tauchen einfach später auf. Hinzu kommt, dass die Verteidigung nicht alles sofort vortragen muss, was sie vom Angeklagten weiß.“

Wie sollen Journalisten erkennen, was die Wahrheit ist, wenn es oft nicht einmal die Juristen wissen? Gisela Friedrichsen, eine der bekanntesten deutschen Gerichtsreporterinnen, findet die Beachtung der Unschuldsvermutung vor dem Hintergrund des beträchtlichen Einflusses von Medien besonders wichtig. „Leider genügen Vokabeln wie ,mutmaßlich‘ oder ,angeblich‘ nicht mehr“, wird sie zitiert. „Der Journalist muss heute bei der Bewertung von Ermittlungsergebnissen, die ihm Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilen, ausdrücklich auf deren Vorläufigkeit hinweisen.“ Die reine Wahrheit im Gerichtsverfahren gibt es nach Überzeugung Friedrichsens so wenig wie die reine Objektivität im Journalismus.

Sabine Rückert, ebenfalls eine bekannte Gerichtsreporterin, hat der Justiz bereits mehrfach Fehler nachgewiesen. „Wenn ich aus guten Gründen zu der Einsicht komme, dass einem Menschen von der Strafjustiz Unrecht geschieht, mache ich das öffentlich“, sagt sie. „Der Strafjustiz auf die Finger zu schauen, dazu ist die Presse da.“

Journalisten auf der Suche nach Wahrheit sprechen nicht nur mit den Pressestellen von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft, sondern mit allen Beteiligten, Zuhörer eingeschlossen. Was später wie berichtet werden darf, regelt der Pressekodex. Persönlichkeitsrechte müssen beachtet werden, Angeklagte sind kein Freiwild. Anzuklagen und zu richten haben Journalisten nicht. Sie haben zu erklären, was vor Gericht geschieht.

Wer seriös berichten will, muss ein juristisches Grundwissen haben und die Begriffe kennen. Gerichtsreporter müssen jedoch keine Juristen sein, denn sie repräsentieren die Öffentlichkeit und sollen vor allem gesunden Menschenverstand mitbringen – als kritische Beobachter. Abwägen müssen sie am Ende selbst. Ob das dann die Wahrheit ist? Unfehlbar sind auch Journalisten nicht.



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