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„Wie, und Du bekommst kein Geld dafür?“

Hmm – und Du bekommst gar kein Geld dafür?“ Das ist eine Frage, die Leonie Schittenhelm (18) so manches Mal zu hören bekommt, wenn sie von ihrem Engagement im Rintelner „Eine-Welt-Laden“ erzählt. Einmal in der Woche verkauft die Schülerin dort fair gehandelte Produkte aus Entwicklungsländern, bedient Kunden, macht die Abrechnung und räumt Waren ein und aus.

veröffentlicht am 15.02.2011 um 18:27 Uhr
aktualisiert am 15.02.2011 um 19:08 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

„Diesen Laden gibt es ja überhaupt nur, weil wir alle hier ehrenamtlich arbeiten“, sagt sie. „Der Gewinn liegt für mich in anderen Dingen als dem Geldverdienen.“

Leonie Schittenhelm ist ganz und gar nicht die Einzige, die so denkt. Niedersachsenweit sind es mehr als 40 Prozent aller Bürger über 14 Jahre, die sich bereit erklären, ihr Wissen, ihre Energie und ihre Zeit in Projekten, Vereinen und gemeinnützigen Organisationen zu investieren, umsonst. Selbst diejenigen, die so erstaunt fragen, ob es denn gar kein Geld dafür gäbe, tragen oft ihren Teil dazu bei, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein: All die Helfer in Sportvereinen und Jugendgruppen, im Naturschutz, bei der Feuerwehr oder im Technischen Hilfswerk, die wie selbstverständlich da mitarbeiten, wo sie gebraucht werden.

„Und es könnten noch viel mehr sein“, so Cordula Spillmann von der Kontaktstelle Ehrenamt Schaumburg in Stadthagen. „Viele Menschen spielen mit dem Gedanken, ein Ehrenamt zu übernehmen. Sie wissen nur oft nicht, wie genau sie es machen können.“

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Oft ergibt sich der Einstieg auf eine fast beiläufige Weise, so, wie es bei Leonie der Fall war. Mit 16 Jahren hatte sie in der Schule ein Referat über fairen Handel gehalten. Zum ersten Mal war ihr da bewusst geworden, wie sehr der eigene Luxus von der Ausbeutung anderer abhängt.

Im „Eine-Welt-Laden“ kam sie mit den Mitarbeitern ins Gespräch, und als man sie fragte, ob sie nicht jemanden kenne, der ab und zu einen Ladendienst übernimmt, sagte sie spontan selbst zu. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass sie eine Schülerin wie mich nehmen würden“, sagt sie. „Es ist ein wirklich gutes Gefühl, echte Verantwortung zu tragen.“

Dem Pastor im Ruhestand Christoph Dreyer (75) geht es da nicht viel anders. Auch er übernimmt Dienste im „Eine-Welt-Laden“, schon seit über zehn Jahren. „Ich liebe zwar meinen Schaukelstuhl“, sagt er. „aber nicht rund um die Uhr!“

Für ihn war ganz klar, dass er sich auch im Alter weiterhin unter die Menschen mischen und seine Fähigkeiten einbringen würde. Er ist im Vorstand des Rintelner Seniorenbeirats, engagierte sich bis vor Kurzem als Archivpfleger im Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg und genießt es ganz offensichtlich, auch mal mit einem so jungen Menschen wie Leonie zusammenzuarbeiten.

Beate Barenthin (57) aus Buchholz ist geradezu umgeben von lauter Ehrenämtern. Als sie neu ins Schaumburger Land zog und überlegte, wie sie hier Kontakte knüpfen könnte, las sie in der Zeitung von einem Treffen im „Café Ehrenamt“. Das ist ein (selbst ehrenamtlich ausgeführter) Beratungsservice in Stadthagen, Bückeburg, Rinteln und anderen Städten des Landkreises, wo Menschen, die nach einer sinnvollen Aufgabe suchen, in Kontakt gebracht werden mit Institutionen, die Ehrenämter zu vergeben haben. Das kann das Tierheim sein, das Betreuer für seine Schützlinge sucht, ebenso wie die Schule, die interessante AGs einrichten will. Hospizverein, Hausaufgabenhilfe, der Kinderschutzbund oder der Naturschutzbund (Nabu) mit seinen vielfältigen Aufgaben – „die Bandbreite ist so weit gefächert wie das Leben selbst“, so Cordula Spillmann von der Kontaktstelle Ehrenamt.

Für Beate Barenthin wurde es das Museum Eulenburg in Rinteln, wo ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer nur zu gerne genutzt werden. Seit dem Jahr 2005 betreut sie das Museums-Zeitungsarchiv und sorgt unter anderem mit einem Schlagwortverzeichnis dafür, dass Museumsleiter Stefan Meyer mit wenigen Klicks zu alten Artikeln findet, die für seine Arbeit wichtig sind. Schnell erweiterte sich ihr Aufgabenfeld bis hin zur Vorbereitung von Sonderausstellungen und der Mitarbeit im Arbeitskreis Archäologie, was wiederum dazu führte, dass sie sich am Projekt „Spurensuche“ der Schaumburger Landschaft beteiligt und in den PC einliest, was Bürger über historische Begebenheiten und Kulturgüter auf Formblättern notierten.

„Es muss nicht immer nur die Altenpflege sein, wo man sich engagiert“, meint sie. „Ich kann nur jedem raten, genau das zu machen, was ihm wirklich liegt und mit persönlicher Freude verbunden ist.“ Ein Rat, den Cordula Spillmann nur gutheißen kann. „Natürlich ist die Übernahme eines Ehrenamtes freiwillig“, erklärt sie. „Doch das bedeutet nicht, zu kommen und zu gehen, wie es einem gerade passt. Man lässt sich auf eine Verpflichtung ein, die jeweiligen Institutionen bauen auf Zuverlässigkeit.“

Das tun sie ganz besonders dann, wenn es darum geht, anderen Menschen in schwierigen Situationen zur Seite zu stehen. Ina Wehrsig aus Bad Nenndorf ist da ein gutes Beispiel. Die 74-Jährige hatte jahrelang ihre kranke Mutter gepflegt und bis ans Sterbebett begleitet. Auch danach wollte sie sich wieder für Menschen in Not engagieren, und als sie vom Pastor darauf angesprochen wurde, ob sie jemanden wüsste, der den „Grünen Damen“ beitreten würde, sagte sie: „O ja! Da kenne ich eine!“, und meinte sich selbst damit. Die „Grünen Damen“, das ist ein kleiner Kreis aus engagierten Frauen, die mehrmals in der Woche ins Krankenhaus gehen, um sich mit Patienten zu unterhalten und ihnen kleine Wünsche zu erfüllen.

Diese Arbeit leisten sie im Rahmen der bundesweiten ökumenischen Krankenhaus- und Altenheim-Hilfe, die 1969 gegründet wurde und ihren Namen von den grünen Kitteln ableitete, die die Helfer oft heute noch tragen, um sich von dem normalen Pflegepersonal abzugrenzen. „Nee, so einen Kittel ziehe ich nicht über“, meint Ina Wehrsig und kann sich diesen Eigensinn als Einsatzleiterin der siebenköpfigen Gruppe auch locker leisten.

Der Verein bietet Fortbildungen an, an denen sie jahrelang teilnahm, und einmal im Jahr gibt es ein Leiter-Treffen. „Für mich ist das Ganze ein Akt der Nächstenliebe“, sagt sie. „Unsere neuen Regeln schreiben ja vor, dass man mit 80 Jahren aufhören soll. Das kann ich mir aber gar nicht vorstellen.“

So mancher muss aber aufhören mit seinem Ehrenamt, nicht aus Altersgründen, sondern weil Ausbildung und der Einstieg in einen Beruf ihre eigenen Ansprüche stellen. Das ist mit einer der Gründe, warum es in so manchem Verein Probleme gibt mit dem jungen Betreuernachwuchs. Marcel Grohowski, 22-jähriger Stammesführer des Stammes „Helmburgis“ in Fischbeck, der eine kleiner Horde Pfadfinderjungs einmal in der Woche zur Gruppenstunde einlädt, er wird diese Aufgabe bald abgeben müssen, weil er ein Studium beginnt. Zum Glück gibt es bei den Pfadfindern ein paar ältere Teenager, die in seine Fußstapfen steigen werden, so wie er ja selbst die Aufgaben seines Vorgängers übernahm.

So sind es in der Mehrzahl Frauen mittleren oder höheren Alters, die Gelegenheit finden, ein Ehrenamt mit ihrem Alltag in Einklang zu finden. Karin Gerstenberg (74), ehemalige Altenpflegerin, Vorsitzende des DRK-Bückeburg und Leiterin der Bückeburger „Tafel“, hat schon unzählige Dienste bei den DRK-Sanitätern übernommen und stieg vor zehn Jahren gleich engagiert bei den Mitarbeitern der „Tafel“ ein. Dreimal in der Woche öffnet die Lebensmittelausgabe für Bedürftige, an die 40 Helfer, überwiegend Frauen, organisieren den Betrieb und Karin Gerstenberg übernimmt dabei als Leiterin einen ehrenamtlichen Fulltime-Job.

„Ich bin einfach noch nicht bereit dazu, mich nur noch auf mich und meine eigenen Angelegenheiten zu konzentrieren“, sagt sie. „Da muss schon der liebe Gott selbst kommen und sagen: Nun ist aber mal Schluss!“

Immer mal wieder melden sich Menschen bei der „Tafel“, um ihre Mitarbeit anzubieten. Ja, dieser direkte Kontakt zu Organisationen, die einen interessieren, sei durchaus ein guter Weg zum Ehrenamt, so Cordula Spillmann. Aber auch die Kontaktstelle Schaumburg ist genau die richtige Adresse, um einem Ehrenamt näherzukommen. Oft würden die Interessierten schon während eines ersten Gesprächs eine Idee davon bekommen, was für sie das Richtige wäre, sagt sie.

„Ich brauche da eigentlich nur aufzuzählen, was alles möglich ist, und schon heißt es: ,Ach ja, stimmt ja, daran habe ich gar nicht gedacht‘!“

Internet: Weitere Informationen gibt es unter www.freiwilligenserver.de.

Für 2011 hat die EU das „Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerbeteiligung“ ausgerufen. Die Welt würde anders aussehen ohne die freiwilligen Helfer. Und es könnte noch mehr von ihnen geben – doch viele Menschen wissen nicht, wie sie sich ehrenamtlich betätigen könnten. Hier einige Anregungen.

Arbeiten gern, auch ohne Bezahlung: die Schülerin Leonie Schittenhelm und Pastor a.D. Christoph Dreyer, hier im Rintelner Eine-Welt-Laden. Fotos: cok/pr.



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