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Vergessene Pyrmonter Jugendzeitschrift war Vorgängerin der größten deutschen Illustrierten

Wie mit Zick-Zack die „stern“-Stunde kam

Am 1. August 1947 brachte die Zick-Zack-Verlag GmbH das erste Exemplar zum Preis von einer Reichsmark in einer Auflage von 30 000 Stück heraus. Lizenzträger waren laut Impressum die Bad Pyrmonter Gerhard Ritter als Chefredakteur und Franz Otterpohl. Sie schafften sich auf Vorschuss ein Auto an, das Ritter auf der Fahrt nach Hannover aber bald an einen Baum fuhr. Er hatte bei der Braunschweiger Zeitung volontiert und die Nr. 1 mit einigen „Leihgaben“ von ausländischen Blättern „angereichert“. Als er aber in der 4. Ausgabe auch bei der „Zeit“ abschrieb, wurden 150 Mark Schmerzensgeld fällig.

veröffentlicht am 08.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 08.10.2013 um 10:53 Uhr

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Otterpohl erfand den Namen des Blattes. Als sich herausstellte, dass der für das Blatt ursprünglich vorgesehene Titel „Ping-Pong“ in Bayern schon vorhanden war, kam er auf „Zick-Zack“. Er war von den Engländern auch zum Jugendpfleger des Kreises Hameln-Pyrmont bestellt worden, musste aber, nachdem er sein ihm zustehendes Auto verliehen hatte, wieder entlassen werden. Kurt Bacmeister war der Dritte im Bunde. Der Stadtjugendpfleger hatte eine Probenummer zunächst unter dem Titel „Jugend und Welt“ aufgelegt und unter diesem Namen auch die Verlags-Räume in der Brunnenstraße 37 angemietet. Später leitete Bacmeister die „stern“-Rätselecke. Eine Schlüsselstellung nahm jedoch der Journalist Günter Dahl ein, der einen „handgreiflichen“ Vorzug besaß. Der Verfasser konnte ihn noch vor seinem Tode (2004) ausführlich sprechen und stützt sich hier auf dessen Informationen. Dahl hatte Zeitungswissenschaft studiert und wurde bei einem Luftangriff verschüttet und schwer verletzt. Im April 1947 saß er nachts auf dem Trittbrett eines überfüllten Zuges, der ihn zu einem Vorstellungsgespräch befördern sollte. Neben ihm hing ein Mann außen am Zug-Gestänge, der etwas Brot dabei hatte, Dahl besaß eine Büchse Rübenkraut. Sie teilten ihre Vorräte und Dahl erzählte, dass er Journalist werden wollte und eine Schreibmaschine besaß. Man tauschte die Adressen und Ende Juni kam ein Brief aus Bad Pyrmont: „Erinnern Sie sich an die Bahnfahrt? Wir drei Freunde wollen eine Jugendzeitschrift machen, sollten Sie interessiert sein, bringen Sie Ihre Schreibmaschine mit.“

Dahl fuhr also nach Bad Pyrmont. „Die Enttäuschung der Herren war groß, als ich mit leeren Händen kam. Ich fand schnell heraus, warum: Der Zick-Zack-Verlag besaß selbst keine Schreibmaschine. Der Mann, den ich nachts auf dem Trittbrett kennengelernt hatte, und ein anderer, sehr junger, der sich als Chefredakteur ausgab, verschwanden im Nebenzimmer. Der dritte blätterte mit unbewegtem Gesicht in meinen Geschichten, die ich in den vergangenen zwei Monaten geschrieben hatte, und murmelte: ,Na ja‘ und ging dann ebenfalls nach nebenan. Ich hörte sie flüstern: ,Wichtig ist doch nur, dass er seine Schreibmaschine mitbringt, dafür nehmen wir den armen Kerl in Kauf. Sein Geschreibe ist nicht der Rede wert. Vielleicht lernt er’s ja noch…‘ Als der Mann zurückkam, sagte er gnädig, der Verlag sei bereit, mir die Chance als Volontär zu geben. Ob ich sofort anfangen könne? Am nächsten Tag kam mein Vertrag: 150 Reichsmark im Monat. Und: Herr Dahl verpflichtet sich ausdrücklich, dem Verlag seine Schreibmaschine zur Nutzung zu überlassen.“ Dahl wurde später auch vom „stern“ übernommen und Henri Nannen machte ihn zum Leiter des Medizin-Ressorts: „Das macht der Dahl, der hat sowieso alle Krankheiten.“ Da hatte dieser schon Ischias, wusste aber noch nicht, „wie man das schreibt“.

Dahl schilderte auch, wie es in der Redaktion zuging, die sich im Gebäude des Lokals „Felsenkeller“ befand, das seinerzeit noch gegenüber der Dunsthöhle lag. Der Vertriebsleiter König, der über keinen eigenen Schreibtisch verfügte, nutzte dafür den vorhandenen Flügel. Zweimal in der Woche war im Lokal Tanz angesagt. Der Vertriebschef brachte dann die Redaktions-Akten vorübergehend ins Schlafzimmer der Kellnerin und spielte eigenhändig zum Tanz auf …

2 Bilder

Foto-Journalist mit

der Fähigkeit, Kohlen zu organisieren

Verantwortlich für die Bildredaktion war Fred Bode und dann Hans Eckensberger, der später in der SPD-Zentrale in Bonn für Herbert Wehner arbeitete. Beachtenswert ist auch die Mitarbeit des danach sehr bekannt gewordenen „stern“-Foto-Journalisten Eberhard Seeliger. Er besaß eine Leica und die Fähigkeit, Kohlen für die Redaktion zu organisieren. Die Redakteure Karl A. F. Günther und G. L. Schwill traten später als erfolgreiche Buch-Autoren hervor. Der Illustrator Hans-Georg Lenzen wurde Professor für Gestaltung in Düsseldorf und übersetzte die von Sempe gezeichneten Geschichten vom kleinen Nick.

Das Baseler Büro nahm Helmuth Runge ein. Eine bekannte Institution war der Vertreter des Londoner Büros: Egon Lehrburger, alias Egon Larsen. Der in 27 Sprachen übersetzte Buch-Autor hatte im Krieg für die deutsche BBC-Sektion gearbeitet, neben dem Zick-Zack schrieb er für die Süddeutsche Zeitung und war ab 1954 Londoner Korrespondent des Bayerischen Rundfunks. Die junge Truppe produzierte ein Magazin, über das 1996 beim Tode Henri Nannens, die Pyrmonter Nachrichten schrieben: „Allerdings sind die Spuren dieser Zeitschrift wohl für immer verwischt.“ Doch nun, im Jahr des 100. Geburtstages des legendären Blatt-Machers, hat der Autor dieses Beitrages von einem britischen Antiquar eine vollständige und druckfrische Ausgabe aller erschienenen Hefte erworben. Sie sind sonst wohl nur noch in der Deutschen Nationalbibliothek vorhanden.

Ein Blick in diese Magazine fördert aufschlussreiche Einsichten zutage. Der Chefredakteur Ritter schrieb im 9. Heft: „Es gibt kein Deutschland mehr. Und kaum wird es je wieder ein Deutschland geben, es sei denn, es geschieht noch irgendein Wunder… Politisch haben wir ausgespielt, bleibt uns noch das Geistige, da liegt unsere Chance. Wir werden der Welt beweisen, dass wir auf dem Gebiet des Geistes noch nicht ausgespielt haben. Dieses Deutschland lebt noch. Der Tradition eines Goethe, eines Herder und Lessing werden wir getreu sein, jene sollen uns Richtung weisen. Darin liegt noch der Sinn unseres Daseins, da herein legen wir unsere Arbeitskraft und unseren Aufbauwillen. Verplempern wir uns nicht in politischen Utopien.“

Ein Leser notierte: „Als ich Ihre Zeitschrift zum ersten Mal in die Hand bekam, erkannte ich sofort, dass sie das ist, was man hier inmitten des Zeitungsparadieses Berlin so wenig findet: vielseitig, lebendig, unterhaltend und trotzdem lehrreich.“ Genau das spiegelt sich auf den Seiten der Jahrgänge 1947/48 wider. Da tauchen große Namen aus der deutschen Literatur auf: Goethe, Heine, Büchner, Stifter, Rilke, Hesse. Berichtet wurde über zeitgenössische Musik von Hindemith bis Britten, über Kunst vom Im- und Expressionismus bis zum Surrealismus. Reportagen aus aller Welt befassten sich mit den Stars des Sports, der Leinwand oder mit der ersten Hannover-Messe. Zusammen mit dem modernen Layout und mit vielen Fotos, Illustrationen und Karikaturen vermittelte man Allgemeinbildung.

Doch schon bald begannen die Lizenzträger, sich zu zerstreiten. Es wurde bei der aus Papiermangel streng limitierten Auflage, die bei W. Giradet in Essen gedruckt wurde, geschummelt. Es fehlte an Geld und Gemeinsamkeit. Dieser Zwist wurde auch offen vor den Engländern in Hannover ausgetragen. Es kam sogar zu einer wüsten Balkon-Szene, von dem der aufgebrachte Ritter sich herunterstürzen wollte. Darauf entzogen die Engländer am 28. April 1948 die Lizenz. Im Mai rief Press Chief Mr. Deneke bei Henri Nannen an und fragte ihn, ob er die Lizenz für Zick-Zack haben wolle. Der hatte zu einer Jugendzeitschrift keine Lust, aber auch sofort den Hintergedanken, daraus früher oder später ein Magazin für Erwachsene zu machen. Nannen: „Das war meine Stern-Stunde. Ich nahm die Lizenz.“

Damit gelangte Zick-Zack an die hannoversche Verlagsgesellschaft m.b.H., in der auch die FDP-nahe Abendpost des Lizenzträgers Nannen erschien. Ab 21. Mai kamen noch fünf Ausgaben der Zeitschrift in Bad Pyrmont unter seinem Namen heraus. Laut Dahl trat der „gut aussehende, große, schneidige Hund, dem ich alles verdanke“ in Offiziers-Reithosen und Stiefeln auf. Er kündigte bestehende Verträge, übernahm die Räume der „Jugend und Welt GmbH“ in der Pyrmonter Brunnenstraße und ließ das Inventar verladen und nach Hannover bringen. Dagegen liefen eine einstweilige Verfügung und die Intervention beim niedersächsischen Presseausschuss, um seine Lizenz zurückzuerlangen, ins Leere. Aus der Lizenzgeschichte des „stern“ vom Oktober 1948 geht hervor, dass in beiderseitigem Einvernehmen mit Mr. Deneke die Genehmigung zur Namens- und Formatänderung am 6. Juli regulär und offiziell erteilt wurde. Erst 15 Tage vorher war in den drei Westzonen die Währungsreform in Kraft getreten.

Und so las sich das alles in der letzten Ausgabe: „Mitunter kann aus einem bloßen ZickZack ein richtiggehender Stern werden. Das ist eine Frage der Geschicklichkeit oder des Zufalls. Nun, lieber Leser, das Glück sollst Du haben: Vom nächsten Heft an heißt diese Zeitschrift nicht mehr ZickZack, sondern stern. Natürlich kann man einen Namen nicht ablegen wie einen alten Rock. Das Gesetz kennt im Wesentlichen zwei Gründe für eine Namensänderung: die Adoption oder die Heirat. In unserem Fall trifft beides zu.“ Der neue Lizenzträger habe die Zeitschrift nämlich adoptiert und mit dem nächsten Heft werde der Kern der alten Redaktion mit neuen (insgesamt sechs) Kräften vermählt. „Der stern wünscht sich als Leser keineswegs den (noch immer nicht ganz ausgestorbenen) Jawohl-Sager und auch nicht den Wiederkäuer irgendeiner nach einem patentierten Rezept verabreichten geistigen Nahrung, sondern den kritischen, gerade durch unsere dunkle Zeit hellwach gewordenen jungen Menschen, der sich nicht gleich jede Jacke anzieht, auch wenn er gar keine mehr besitzt.“ Zick-Zack war 14-täglich, mit 32 Seiten erschienen und kostete eine Mark; der neue „stern“ kam wöchentlich, mit 16 Seiten im größeren, für Bildreportagen geeigneteren Format, für 0,40 Mark heraus. Am 1. August ging er mit 130 735 Exemplaren und Hildegard Knef auf der Titelseite an den Start.

Nannen hatte damals bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Während seines Kunst-Studiums war er 1936 unter anderem Stadionsprecher bei den Olympischen Spielen und arbeitete auch am Olympia-Film von Leni Riefenstahl mit. Als Kriegsberichterstatter gehörte er, wie eine ganze Reihe von Presse-Leuten aus den NS-Propaganda-Kompanien, zu jenen, die nach 1945 Karriere machten: Werner Höfer, Walter Henkels, Josef Müller-Marein, Peter von Zahn, Paul Sehte, Ernst Rowohlt. Nannen gründete 1946 die „Hannoversche Neueste Nachrichten“ und war von 1947 bis 1949 auch Chefredakteur der „Hannoverschen Abendpost“. In einem TV-Interview antwortete er 1983 auf die Frage, ob er sein Leben nochmals an einen Punkt zurückdrehen wolle: „Ach, dann würde ich es gerne auf den Punkt zurückdrehen, wo wir angefangen haben, den stern zu machen. Wo alles noch ganz unsicher und schwierig war, wo wir ein paar Mal vor der Pleite gestanden haben, wo’s kein Papier gab, weil die Engländer uns das Papier gesperrt hatten, weil wir so aufmüpfig waren. Das waren Zeiten, in denen es ungeheuer spannend und interessant zuging.“ Bad Pyrmonts Zick-Zack hat seinen Anteil daran.

Es ist so gut wie unbekannt, dass bei der Gründung einer der erfolgreichsten Illustrierten der Welt Bad Pyrmont gewissermaßen Pate gestanden hat. Denn erst die Existenz einer dort herausgegebenen Zeitschrift erlaubte den Aufstieg des Magazins „stern“. Als eine der damals nur etwa zehn durch die Alliierten bis zur Währungsreform lizenzierten Illustrierten erschien in Bad Pyrmont alle 14 Tage das Heft „Zick-Zack“, gedacht und gemacht als „Zeitschrift für junge Menschen“.

Titel der dritten Zick-Zack-Ausgabe (oben). Die Redaktion arbeitete im Lokal „Felsenkeller“ (Bild links). Der Verlag hatte Räume in der Brunnenstraße 37.

Verlag R. Schönbach



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