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Betten- und Schlafexperte Jürgen Maack über Klimadecken, feuchte Schlafzimmer und das Comeback der Daunenfedern

Wie man sich bettet, so schläft man

Jürgen Maacks Augen leuchten auf, wenn man ihm solche Fragen stellt. Bettdecken, und alles, was man über sie wissen kann, sind seine echte Leidenschaft. Zwar ist er eh ein Mann von Fach und muss es auch sein, führt er doch ein Bettengeschäft in Rinteln, wo er, obwohl bereits im Rentenalter, seinem Sohn immer noch zur Seite steht. Doch geht sein Forscherdrang in Sachen Bettdecken weit über das hinaus, was man im täglichen Umgang mit Kunden wissen muss. Unzählige Vorträge hielt er bereits über sein Thema, auch im Radio trat er als Experte für Hörerfragen auf, 25 Jahre lang leitete er den Fachausschuss für „Gesundheit, Schlaf und Zudecken“ und 2010 wurde er – eine seltene Auszeichnung – von einer großen Bettenfachzeitschrift zur „Persönlichkeit des Jahres“ gekürt. Alles wegen der Bettdecken.

veröffentlicht am 07.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:20 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Dass man eine Matratze sorgfältig auswählen soll, auch das Kopfkissen und den Rahmen eines Bettes, ist den meisten Leuten klar“, sagt er. „Nur nützt das alles wenig, wenn man sich keine Gedanken um die richtige Zudecke macht.“ Ihn habe immer fasziniert, dass Menschen zwar in der Not damit klarkommen, auf dünnen Isomatten, weichen Sofas, ja sogar auf dem bloßen Fußboden zu schlafen, dass sie beim Schlafen aber so gut wie nie unbedeckt sein wollen, ganz egal, ob die Raumtemperatur das prinzipiell zulassen würde. Selbst in der Sommerhitze würde man sich wenigstens ein Bettlaken über den Körper ziehen, in der Kälte lieber den Mantel als Zudecke benutzen, statt ihn einfach anzubehalten. Ob kleines Kind, ob Erwachsener: Man brauche dieses Ur-Gefühl, geschützt zu sein, gegen Kälte, Blicke und zum Beispiel auch unliebsame Insekten.

Was nun die in vielen europäischen Landen bis ins letzte Jahrhundert hinein so beliebten Federbetten betrifft, so wünschte sich bereits Karl der Große (748-814) keine andere Art der Zudecke, unter anderem deshalb, weil sich diese großen, bauschig-schweren, durch keine Steppnähte unterteilten Decken wie von selbst um den gesamten Körper schmiegen und dabei keine Lücke lassen, durch die es hineinziehen könnte. Früher allerdings waren die Schlafzimmer meistens sehr feucht, im Winter bildeten sich Eisblumen am Fenster, man brauchte Decken, die wirklich wärmten, zugleich aber in der Lage waren, den nächtlichen Schweiß aufzunehmen, ohne dabei selber feucht zu werden. Gänsefedern sind dafür besonders gut geeignet.

Doch erforderten diese Zudecken ein hohes Maß an Pflege. Jeden Morgen mussten die Betten ausgeschüttelt werden, bis die Federn locker flogen, und dann eine Weile möglichst am offenen Fenster auslüften. Außerdem waren die Federfüllungen aus hygienischen Gründen regelmäßig zu reinigen. „O, als ich noch in der Lehre war und die Leute ihre Federbetten zum Reinigen brachten, da konnte ich feststellen: Die Betten müffeln alle!“ erzählt Jürgen Maack. Da heute Häuser längst wesentlich besser isoliert sind und eine hohe Luftfeuchtigkeit in Schlafzimmern kaum noch vorkommt, habe man sich nach und nach anderen Materialien und Deckenarten zugewendet.

Probeliegen gehört bei der Auswahl von Matratze und Zudecke einfach dazu. Fotos: tol

Feuchtigkeit bleibt trotzdem das wichtigste Stichwort, wenn es um Zudecken geht. „Frieren und Schwitzen, beides stört den Schlaf. Warm aber kriegt man es immer, man muss nur mehr drauflegen“, sagt Maack. „Das Problem ist die Feuchtigkeit, die unvermeidlich entsteht, wenn der Körper sich erwärmt und über den Stoffwechsel seine Temperatur reguliert.“ So entdeckte man um das Jahr 1925, dass neben den allerdings sehr kostbaren reinen Daunendecken Zudecken aus Schafwolle nicht nur bis zu 30 Prozent ihres eigenen Gewichts an Nachtschweiß aufnehmen können, sondern zudem über lang anhaltende Selbstreinigungskräfte verfügen. 1960 gab es die ersten Zudecken aus synthetischen Materialien, eine auf den ersten Blick großartige Erfindung, hatten sich viele Menschen doch schon daran gewöhnt, unter ehr leichtgewichtigen, trotzdem wärmenden Decken zu schlafen. Der große Nachteil, der erst Jahrzehnte später durch neue Materialentwicklungen ausgeglichen werden konnte: Synthetik kann gar keine Feuchtigkeit speichern, die Schläfer stellten fest, dass sie selbst bei moderaten Temperaturen in Schweiß gebadet waren.

Dafür kamen in den 1970er Jahren Decken aus Kamel- und, für ganz luxuriöse Wünsche, solche aus Kaschmirziegenwolle in Mode, edle Naturmaterialien, die von sich aus all’ das mitbringen, was wir Menschen für ein gesundes Schlafklima benötigen: Ein Haar, das perfekt darauf abgestimmt ist, auch extreme Temperaturunterschiede bewältigen zu können, leben doch beide Tierarten in Gegenden, wo es tags heiß, in den Nächten aber eiskalt werden kann. So fein ist das Haar besonders der Kaschmirziege, dass aller Schweiß eines warmen Tages längst wieder abgegeben ist, wenn das Tier nachts vor Kälte geschützt sein muss.

In gewisser Weise ahmen moderne synthetische Decken, jetzt „Klimadecken“ genannt, diesen Effekt nach. Die Synthetikmaterialien sind so fein, dass ein Kilometer Faden gerade mal ein Gramm wiegt. Dieser Faden wird auch noch in sich gekräuselt, sodass Feuchtigkeit durch die unzähligen winzigen Zwischenräume entweichen kann. Hinzu kommt, dass diese Bettdecken keine Allergien auslösen und völlig problemlos zu waschen sind.

Leider sind sie trotzdem nicht für jeden Menschen die perfekte Wahl. „Klimadecken“ neigen dazu, sich elektrisch aufzuladen, zumindest dann, wenn man sie mit Mikrofaser-Bettwäsche bezieht. Und sie lassen etwas vermissen, was für so manchen Schläfer große Bedeutung hat: das Gefühl einer tiefen Beruhigung, das Kunststoffe, im Gegensatz zu Naturmaterialien, so nicht unbedingt bieten können.

Bei all’ diesen Entwicklungen ist das ehemalige dicke Federbett doch nicht ganz verloren gegangen, sondern hat seine verjüngende Auferstehung in Form von Daunendecken erlebt. Die werden gesteppt, und zwar idealerweise so, dass die feinen Daunenfedern nicht verrutschen und sich schließlich alle am Fußende ansammeln, die Decke aber trotzdem noch schmiegsam genug ist, um den Körper angenehm zu umhüllen. Täglich gelüftet werden müssen sie ebenso wie die alten Federbetten, doch genüge es, so Jürgen Maack, sie einfach über einen Stuhl zu legen oder ins Wohnzimmer, wo es meistens wärmer ist als im Schlafbereich. „Hausfrauen wollen ja immer alles schnell in Ordnung haben“, sagt er. „Doch bei Daunenbetten ist es am besten, das Bett ein bisschen lotterig zu lassen. Also nicht gleich wieder alles ordentlich zudecken – dann lüftet auch gleich die Matratze mit aus.“ Und noch ein Tipp von ihm: Gerade im Weserbergland mit seiner hohen Luftfeuchtigkeit sei es gar nicht angebracht, den halben Tag lang das Schlafzimmerfenster geöffnet zu halten, ja, selbst nachts könne die mit der an sich angenehm frischen Luft eindringende Feuchtigkeit sogar im Sommer das Schlafklima insgesamt eher verschlechtern als verbessern. „Viele meinen, man solle sein Schlafzimmer möglichst wenig heizen, doch so ganz stimmt das nicht“, sagt Maack. „Es ist gut, wenn tagsüber die Sonne hinein scheint, und wo das nicht geht, ruhig mal ordentlich die Heizung hochstellen, damit die Luft möglichst trocken wird. Im Schlafzimmer gar einen Luftbefeuchter aufzustellen, das wäre kontraproduktiv.“

Perfekt ist eine Bettdecke, wenn man möglichst ruhig unter ihr liegen mag. „Jedes nächtliche Umwenden der Decke, ja nur das Herausstrecken eines Beins, damit der Körper abkühlt, stört die natürlichen Schlafphasen“, weiß Jürgen Maack. Damit die individuell passende Bettdecke gefunden wird, sind ausführliche Gespräche über Schlafgewohnheiten, Gesundheitszustand, Körpermaße und insgesamt den jeweiligen „Schlaftyp“ nötig. Stellt sich heraus, dass jemand ein unruhiger Schläfer ist, dann kann durchaus das gute alte Federbett zum Zuge kommen. Das ist dick und schwer und kann so manchen nächtlichen Zappelphilipp angenehm beruhigen.

Ältere Menschen erinnern sich vielleicht noch daran, wie es damals war, vor langer Zeit, als man noch unter dicken, schweren Federbetten schlief, aus denen sich richtige „Betthöhlen“ bauen ließen, in welchen man winters warm und sommers kühl schlafen konnte, rundherum um- und eingehüllt wie ein Baby im Mutterleib. Gefüllt mit Entenfedern und Daunen sind diese Bettdecken eigentlich bestens für einen erholsamen Schlaf geeignet. Trotzdem ist ihre Zeit

vorüber. Warum eigentlich? Und wie überhaupt müssen Bettdecken beschaffen sein, damit wir wohl und gut in Morpheus Arme sinken können?



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