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„Kennen Sie den von den 130 Hamelner Kindern und den zwei Löchern von Hamlesch?“

Wie man einen Witz umzingelt

Wohin sind sie entschwunden? Wo sind sie geblieben? Nach den Gebrüdern Grimm sind die Kinder der Stadt Hameln nach Siebenbürgen geführt und dort aus einer Höhle hervorgetreten. Dennoch sind die 130 Frauen, Männer und Kinder bis heute wie vom Erdboden verschluckt. Was ist dran an dieser Version der Rattenfängersage? Was spricht für Siebenbürgen – und was dagegen?

veröffentlicht am 28.06.2016 um 11:18 Uhr

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Autor:

Julia Niemeyer und Ulrich Behmann

Der Schnaps war gut, das Essen reichlich. Das Fest der Kirchengemeinde von Reußdörfchen hat seinen Höhepunkt erreicht. Kuchen und Krapfen sind bereits angekündigt und die rund 50 Gäste in bester Stimmung. „Die Gedanken sind frei“, singen sie aus voller Kehle, und es klingt, als wäre ihnen das ernst. Die Gelegenheit scheint günstig. Für Fragen und Antworten.

Seit Tagen sind wir einem Phantom auf der Spur. Viel mehr, als dass es existiert, wissen wir noch nicht. Und dass es mit den Kindern zu tun hat, die der Rattenfänger durch eine Höhle nach Siebenbürgen entführt haben soll. In Hamlesch, dem Ort in Transsilvanien, der schon dem Namen nach eine Verbindung zur Rattenfängersage nahelegt, sprechen die Menschen darüber. Hinter vorgehaltener Hand, wie man es mit Dingen tut, die kein Außenstehender wissen darf. Aber nun sitzen wir ja mittendrin, essen und trinken gemeinsam und singen sogar dieselben Lieder. Die Gelegenheit scheint günstig, zum Insider zu werden und das Phantom zu stellen.

„Kennen Sie den Witz über die Hamelner Kinder?“

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  • Zu Besuch beim Gemeindefest in Reußdörfchen: Hier kennt jeder Sachse jeden – nur den Witz kennt scheinbar niemand. Foto: Juni

Kein Scherz. Genau darum geht es: einen Witz, den jeder kennt, aber keiner erzählen will. Nicht im Redaktionsbüro der Hermannstädter Zeitung, wo wir zum ersten Mal von ihm gehört haben und auch nicht im kleinen Garten von Frau Krech, einer betagten Hamlescherin, die lieber alte Bilder zeigte als Witze zu erzählen. Gelächelt hat sie, als wir danach fragten. Wir fanden: verräterisch. Dann hat sie weiter in ihren Büchern geblättert und von den Hühnern erzählt, die sie ganz alleine versorgt. Mit 82 Jahren, so klang das, hat man in Hamlesch andere Sorgen als einen alten Witz.

Wir hätten auch gerne andere Sorgen. Aber ein Witz, der von Hamelner Kindern handelt und ausgerechnet in Hamlesch erzählt wird, passt einfach zu gut in diese Geschichte, als dass man ihn ignorieren könnte.

Nun also das Gemeindefest – und auf ein Neues. Nach dem dritten Schnaps, mit vollem Magen und in gelöster Stimmung wird schließlich sogar in Deutschland gerne mal ein Witz erzählt. „Kennen Sie den Witz über Hamlesch und die Hamelner Kinder?“, fragen wir den Pastor, als er für eine Minute die Gitarre beiseitelegt. Um zu bekräftigen, dass selbiger bereits umzingelt ist, fügen wir hinzu: „Frau Ungar hat gesagt, Sie müssten ihn kennen.“ Beatrice Ungar ist Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung und hört das Gras auf den Hügeln Transsilvaniens wachsen. Doch auch sie kennt den Scherz nur vom Hörensagen über zwei Ecken. Nicht ungewöhnlich für einen Witz, aber schon merkwürdig, dass ihrer Version ausgerechnet die Pointe fehlt.

Der Pastor, der eben noch laut und fröhlich gesungen und vorher selbstbewusst von der Kanzel gepredigt hat, wird plötzlich sehr still. Vielleicht gäbe es da einen Witz, meint er schließlich vage und fragt, ob wir denn schon mit dem Herrn Weiss gesprochen hätten. Kennt denn der Herr Weiss den Witz, fragen wir zurück. Den Witz, nein, den kennt der Herr Weiss wahrscheinlich nicht, erwidert der Pastor, aber der Herr Weiss kennt Namen. „Sie sind doch wegen der Familiennamen hier“, sagt er noch, und es klingt, als wollte er uns freundlich ermahnen, nicht vom rechten Pfade abzukommen. Namen, nicht Witze, erzählen Geschichte in Siebenbürgen. Hier kennt jeder Sachse jeden. Mit Namen. Nur den Witz kennt scheinbar niemand so richtig.

Von zwei Höhlen soll er handeln, die man in Hamlesch „Löcher“ nennt. Doch auch die Löcher will niemand kennen. Spätestens dann nicht mehr, wenn der Witz ins Spiel kommt. „Kennen Sie den Witz über die Hamlescher Löcher?“, fragen wir hoffnungsvoll die nächsten beiden Kandidaten, an die uns der Pastor weitergereicht hat. Der eine kichert. Der andere bejaht. Na endlich! „Was sind denn das für Löcher?“, wollen wir wissen. Die Hamelner Kinder sollen in Siebenbürgen aus einer Höhle gekommen sein, Löcher sind also historisch betrachtet von größerem Interesse als ein Witz. Über den können wir später immer noch reden. Denken wir…

Ja, die Löcher, hebt der Erste an, und der Zweite erklärt: „´45 hatten wir nur ein kleines Stück Brot am Tag.“ Mit den Händen zeigt er die Größe. Wir hören zu, wie er von ´45 erzählt. Es wird eine lange Geschichte über schwere Zeiten. Eine Höhle kommt nicht darin vor. „Und die Löcher?“, fragen wir am Ende und ernten einen erstaunten Blick: „Welche Löcher?“ Na, die Hamlescher Löcher! Unser Gegenüber legt die Stirn in Falten: „In Hamlesch gibt es keine Löcher.“ Vielleicht hätte es mal zwei gegeben. Oder auch nur eins. Aber eigentlich kann er dazu nichts sagen.

Über uns trommelt der Regen aufs Vordach. Ungefähr im selben Rhythmus wie unsere Finger auf die Tischplatte. „Aber den Witz, den kennen Sie doch“, haken wir nach. Kandidat eins singt jetzt wieder, begleitet vom Pastor, der mit der Gitarre hinter uns steht und kräftiger in die Saiten schlägt als je zuvor. Wir sind geneigt, Absicht dahinter zu vermuten. Kandidat zwei schaut ehrlich überrascht: „Welchen Witz?“

„Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald“, singen 50 Siebenbürger Sachsen im Chor. Wir müssen beinahe schreien: „Der über die Hamelner Kind…!“ „Möchten Sie Krapfen?“, fragt eine ältere Dame mit Kopftuch, die plötzlich am Tisch aufgetaucht ist. Unser Gesprächspartner greift zu. Mit vollem Mund lobt er das Gebäck, danach wird es still am Tisch. Bis zum Ende des Festes sind alle Sachsen im Umkreis von 100 Metern mit Essen und Singen beschäftigt. Witze erzählen ist da schwierig…

Ganz zum Schluss erklärt sich der Pastor wenigstens bereit, mit uns nach Hamlesch zu fahren und uns den Ort zu zeigen, der Loch genannt wird. Eine halbe Stunde später stehen wir am Rand einer Schlucht und blicken in die Tiefe. „Das ist das Loch“, sagt der Pastor – und ergänzt: „Das obere.“ Wir horchen auf: Müsste es nach dieser Logik nicht ein zweites Loch geben? Das „Untere“ zum Beispiel…? Und hat er wirklich nie etwas von diesem Witz gehört, nach dem die Hamelner Kinder aus einem von beiden herausgekommen sind? Der Herr Pastor blickt noch einmal in die Tiefe und hat plötzlich einen wichtigen Termin. Vielleicht gibt es tatsächlich ein zweites Loch, erklärt er auf der Rückfahrt, irgendwo hinten im Dorf, wo die Weinberge sind.

Zwei Tage später sitzen wir mit einem anderen Pastor im Archiv der Siebenbürger Sachsen in Hermannstadt. Ja, er hat von den Hamlescher Höhlen gehört. Vom oberen und unteren Loch und auch von dem Witz, der darüber erzählt wird. Seine Frau, die als Pastorentochter in Hamlesch aufgewachsen ist, müsste es ganz genau wissen und den Witz im Original erzählen können. Leider ist sie nicht zuhause und viel wichtiger sei eigentlich auch dieses Buch über die Siebenbürger Sagen, das er jetzt dringend aus dem Archiv holen muss. Wegen des Witzes „über das vordere und hintere Loch“ könne man ja später noch telefonieren.

Der Anruf unterbleibt. Nach tagelanger Recherche unter widrigsten Umständen haben wir das Phantom so weit eingekreist, dass es keine Bestätigung von offizieller Seite mehr braucht. Es gibt ihn tatsächlich, den Witz über die Kinder und ihren Weg nach Hamlesch. Es gibt ein vorderes und ein hinteres Loch und die ungeklärte Frage, aus welchem von beiden die Hamelner Kinder herausgekommen sind.

Den Wortlaut des Scherzes können Sie sich jetzt wohl selbst denken, ohne einen Siebenbürger Sachsen zu fragen (und darüber können Sie sich wirklich glücklich schätzen). Außerdem können Sie vielleicht verstehen, warum er in Transsilvanien so ungern erzählt wird, wenn Journalisten aus Hameln anwesend sind.



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