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Die Weserflößer unterwegs: der harte Arbeitsalltag zwischen „Schnepper“ und „Kuhlbaum“

Wie Huckleberry Finn

veröffentlicht am 06.09.2016 um 12:14 Uhr

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Autor:

Philipp Killmann und Dr. Stefan Meyer

Wer Floßfahrten auf dem Fluss nur noch aus den Abenteuern von Mark Twains „Huckleberry Finn“ kennt, mag es überraschen: Denn nicht nur auf dem Mississippi herrschte einst ein reger Floßbetrieb – auch auf der Weser. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein fuhren Flößer die Weser hinab, mitunter von Hannoversch Münden bis nach Bremerhaven. Die Ware, die sie auszuliefern hatten, bildete dabei das Floß selbst: Holzstämme.

Wer in diesen Tagen das Floß auf der Weser vom Ufer aus lautlos vorübergleiten sieht, macht sich vielleicht romantische Vorstellungen vom Alltag der Flößer in früheren Zeiten. Doch die Flößerei war entbehrungsreiche, körperliche Schwerstarbeit, die ihren Mann nur notdürftig ernährte.

Dabei war früher mit Holz an sich viel Geld zu verdienen, denn Holz war das entscheidende Massengut des Mittelalters und der frühen Neuzeit, von dem große norddeutsche Städte, allen voran Bremen und Hamburg, unmittelbar abhängig waren. Dabei wurde es nicht nur zum Schiff-, Brücken- und Hausbau gebraucht. Auch die ab 1660 errichteten großen Festungsanlagen in Hameln, Rinteln, Minden, Nienburg und Bremen benötigten Unmengen an Holz für Fundamentierungen und Palisaden.

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Ein Flößer bei der Arbeit, aufgenommen um 1935. Foto: Museum Eulenburg

Und natürlich: Holz war der wichtigste Brennstoff. Für die Heizung von Wohnhäusern wie auch für Ziegeleien, Schmieden oder Brauhäuser. Nur nach und nach, eigentlich erst im 19. Jahrhundert, übernahm die Steinkohle diese Rolle. Die Fahrt der Weserflöße, meist für Bremen bestimmt, begann an den Flussufern von Reinhardswald, Bramwald und Solling. In Dörfern wie Gimte und Reinhardshagen nördlich von Hannoversch Münden lebten zahlreiche Familien oft seit Generationen vom Holztransport.

Hier wurden im flachen Wasser die Stämme fest miteinander verbunden. Ein kleiner Bretterverschlag oder ein Zelt auf dem Floß beinhaltete meist ein Strohlager, Wolldecken und das Gepäck der Flößer und bot einen primitiven Wetterschutz. Davor befand sich eine kleine mit Erde oder Stein unterlegte Feuerstelle, wo Kaffee oder kleine Mahlzeiten zubereitet wurden. Die Besatzung bestand meist aus zwei Mann. Dann begann eine Reise, die, den Rückmarsch der Flößer zu Fuß eingerechnet, drei bis vier Wochen dauern konnte.

Um 1900 betrug der Lohn für einen Flößer, der das Floß zusammenzubauen, die Fahrt zu bewerkstelligen und die Ware abzuliefern hatte, 70 bis 80 Mark – wobei die Kosten der Rückreise selbst zu tragen waren. Meist gingen die Flößer zu Fuß, teilweise von Bremen bis nach Hannoversch Münden. Die Postkutsche war zu teuer. Erst nach dem Ausbau der Eisenbahn fuhr man dann vierter Klasse zurück.

Immer wieder wurden beiläufig auch andere Güter auf Flößen transportiert, vor allem Zerbrechliches, wie Töpferwaren oder Glas. Die bedeutende Hannoversch Mündener Fayence-Manufaktur wickelte um 1800 einen Großteil ihrer Transporte nach Norden über die Flöße ab und gab Anlass für heftige, meist vergebliche Proteste der konkurrierenden Schiffer.

Navigiert wurden die Flöße durch an Bug und Heck angebrachte Ruder, „Schnepper“ und „Kuhlbaum“ genannt. Mit diesen rund 14 Meter langen Stangen mussten die jeweils zwei Flößer ihr Gefährt in der Strommitte halten. Eine heikle Angelegenheit, die viel Kraft und Geschick erforderte.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man an der Oberweser noch an etlichen Stellen mit Stromschnellen und Felsblöcken zu tun. Mit den Namen „Vlothoer Gosse“, „Liebenauer Steine“ und „Latferder Klippen“ verbanden sich Punkte, an denen ein Floß leicht auflaufen oder auseinanderreißen konnte. Zwischen gelösten Stämmen ins Wasser zu geraten, vielleicht noch im Winter oder kalten Frühjahr, war lebensgefährlich und nicht selten tödlich. Die Ausmaße der Flöße fanden ihre Grenze in den maximal 57 Metern Länge und acht Metern Breite der Hamelner Schleuse. Allerdings waren sie mit rund 45 Metern Länge meist deutlich kleiner. Das Transportvolumen lag damit bei rund 130 Festmetern. Die Fahrt von Münden nach Bremen dauerte bei günstigem Wasserstand etwas mehr als eine Woche, bis Rinteln waren es drei bis vier Tage. Genächtigt wurde in einem einfachen Holzunterstand auf Stroh. Im 20. Jahrhundert waren dann Zelte üblich. Bei weitem nicht alle Flöße gingen nach Bremen oder Bremerhaven. Auch kürzere Strecken wurden bedient.

In Hameln sprangen den

Flößern bei Stau die Fische auf die Flöße

In Hameln stauten sich Flöße und Schiffe vor der Schleuse, teilweise über fünf Kilometer. Einen Vorteil bot der Stau aber. Flößer Willi Waßmuth aus Gieselwerder an der Oberweser erinnerte sich in Roland Hennes Buch „Flöße von der Oberweser“ an Fische, die auf das Floß sprangen. „Das ist kein Flößerlatein“, betonte Waßmuth. „Das passierte nur in Hameln im Staugebiet. Dort schleifte das Floß mit dem Heck vor dem Schilf her. Die Fische kamen in Bedrängnis, konnten nicht ausweichen, sprangen hoch und einige landeten zwischen den Stämmen. (…) Es waren Weißfische, meist Rotaugen und Brassen.“

Als es die Schleuse noch nicht gab – sie wurde erst in den 30er-Jahren des 18. Jahrhunderts errichtet –, war das Hamelner Wehr bei Flößern wie Schiffern gefürchtet. Aber auch später stellte das Wehr eine Gefahr dar. Ehemalige Flößer in Gieselwerder berichteten von zwei ältere Kollegen aus dem Ort, die Anfang der 1930er-Jahre mal die Schleuseneinfahrt verpassten und mit dem Floß über das Wehr sausten. Das Floß brach auseinander, nur mit Mühe konnten sich die beiden Männer an Land retten.

Es war übrigens auch in Hameln, wo die Flößer von der Oberweser ihr „Weserschiffer-Patent für Floßführer“ erwarben, das allerdings nur von Hannoversch Münden bis Minden gültig war.

In Rinteln bezeichnet die heutige Bodega-Beach-Bar am Weseranger genau die Stelle, an der früher die bestellten Flöße anlegten und abgebaut wurden. Damals war die Anlegestelle „Schröders Holzplatz“ bekannt. Benannt nach Holzhändler Heinrich Schröder. Der eigentliche Holzplatz habe sich etwa zehn Meter flussabwärts befunden, an einer Pferdetränke. Allerdings wurde dort nur selten Holz abgeliefert, eher wurde die Anlegestelle von den Flößern zur Übernachtung genutzt.

So etwa von Willi Waßmuth aus Gieselwerder. „Der zweite Tag der Floßreise endete meist im Raum Hessisch Oldendorf/Rinteln. Hier übernachteten die beiden Flößer im kleinen Zelt. Nur im Hochsommer gelang es manchmal, noch spätabends Minden zu erreichen“, schreibt Henne. Nachtfahrten waren verboten.

Mit dem Eisenbahnbau verlor die Weserflößerei ihre Bedeutung, kürzere Stämme oder hochwertige Bretter konnten nun über längere Strecken auch auf der Schiene transportiert werden. Während einerseits der Bau der Edertalsperre 1914 für einen verlässlicheren Wasserstand sorgte und gleichzeitig der Mittellandkanal ab Minden das Weitschleppen von Flößen bis ins Ruhrgebiet ermöglichte, bedeutete der Lkw-Transport für die Flößerei vor allem seit den 1950er-Jahren zunehmende Konkurrenz. Wurden 1947 noch 44 000 Festmeter Holz die Weser hinuntergeflößt, nahm die Frequenz nun rapide ab. Das Ende kam letztlich durch die Kanalisierung der Mittelweser nördlich von Minden 1956. Der einst so zügig dahinfließende Strom wurde nun durch mehrere Staustufen so träge, dass die Flöße nicht mehr vorankamen und unwirtschaftliche Außenbordmotoren benötigten. Noch bis in die 60er-Jahre hinein konnten immer mal wieder Flöße auf der Weser bewundert werden. Dann war es endgültig vorbei. Das letzte kommerziell gebaute Floß passierte Hameln und Rinteln vor etwas mehr als 50 Jahren, im Juli 1964.

Termine: Das Floß aus Reinhardshagen wird am Dienstagnachmittag in Bodenwerder erwartet, in Hameln am Mittwochmittag, in Gro-ßenwieden am Mittwochnachmittag und in Rinteln am Donnerstagnachmittag.



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