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Wenn ein altes Fachwerkhaus schief steht – diese Techniken helfen

Wie hebt man ein Haus an?

Die Hamelner Altstadt zeichnet sich durch die vielen malerischen Fachwerkhäuser aus, die eng aneinander stehend die Fußgängerzone einrahmen. Was auffällt: wenige Häuser stehen gerade, die meisten neigen sich zur Seite. Das hat einen gewissen Charme - doch was passiert, wenn die Neigung zu stark wird?

veröffentlicht am 17.09.2018 um 12:01 Uhr

Der abgesackte Teil des Hauses muss weit hochgestemmt werden damit das alte Fundament durch ein Neues ersetzt werden kann und das Haus wieder gerade steht. Foto: WAL

Autor:

Lea Drewnitzky
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Das ist auch am Haus von Ingo Danielsen der Fall. In der Kleinen Straße baut der Landschaftsgärtner bereits seit sieben Jahren sein altes Fachwerkhaus wieder auf, zurück zum Urzustand. Eins der größten Probleme ist dabei das Absacken des Hauses in der Mitte – es müsste um etwa 30 Zentimeter angehoben werden. Das ist keine Seltenheit bei alten Fachwerkhäusern, so Thomas Schierschke vom Ingenieurbüro Schierschke. Die Holzschwellen, die als Fundament dienen, werden durch Feuchtigkeit oder Käferbefall oft marode und sacken ab. Auch in der Hamelner Innenstadt sei dies bereits passiert, so Schierschke. Bei einem Haus war beispielsweise die Innenwand um 20 – 30 Zentimeter abgesackt.

Im Fall des Hauses von Familie Danielsen gibt es noch ein zusätzliches Problem: Den starken baulichen Zusammenhang mit den Nachbarhäusern.

Manfred Röver, Interessengemeinschaft Bauernhaus

Um das über Jahrzehnte andauernde Absacken rückgängig zu machen, muss das Fundament verstärkt werden. Dazu können hydraulische Pressen verwendet werden, erklärt der 51-jährige weiter. Diese seien nicht größer als ein Schuhkarton, aber können den abgesackten Teil des Hauses so weit hochstemmen, dass das alte Fundament durch ein Neues ersetzt werden kann und das Haus wieder grade steht. Diese hydraulischen Pressen wurden, laut Schierschke, auch beim nachträglichen Anbau des Kellers vom Modehaus Kolle in den Achtzigerjahren verwendet. Um Platz für die Sportabteilung zu schaffen, wurde zunächst der Keller unter dem Haus gegraben. Anschließend wurde mithilfe der Pressen das Haus so weit angehoben, dass eine stabilisierende Stahlkonstruktion unter den Wänden eingesetzt werden konnte.

Im Fall des Hauses von Familie Danielsen gibt es, laut Manfred Röver, dem Landesbeauftragten der „Interessengemeinschaft Bauernhaus“, noch ein zusätzliches Problem: Den starken baulichen Zusammenhang mit den Nachbarhäusern. Diese wurden im Zuge einer Sanierung neu erbaut und dabei die Balken des Danielsen-Hauses teilweise mit eingemauert bzw. -betoniert. Hier müsse vor einer Anhebung genau abgeklärt werden, inwieweit Freilegungen oder Ersatzkonstruktionen möglich sind. Nun sei fraglich, wo das Haus angehoben werden könne, ohne einen Schaden zu verursachen. Auch haben sich die Balken aus Eichenholz oft über die Jahre so sehr verbogen, dass ein Anheben des Hauses zum Brechen der Balken führen könnte. Nun müsse, so Röver, zwischen dem Erhalt der denkmalgeschützten Originalsubstanz und der Sanierung ein Kompromiss gefunden werden, denn ein komplettes „Geradebiegen“ sei ohne Zerstörung nicht möglich.

Anwendung des URETEK-Verfahrens. Foto: Uretek
  • Anwendung des URETEK-Verfahrens. Foto: Uretek

Wie bei allen Fachwerkhäusern sollte während der Sanierung stets baubegleitend entschieden werden, was als Nächstes gemacht werden sollte. Fachwerkhäuser seien zwar grundsätzlich dafür geeignet, umgesetzt und bewegt zu werden, praktisch gibt es jedoch Grenzen, so der Fachwerkarchitekt weiter. Deshalb dürften solche Maßnahmen nur von Zimmerleuten mit langjähriger Erfahrung ausgeführt werden, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, wann es ratsam ist, den Hebevorgang abzubrechen. Bei Überschreitung dieser Grenzen können irreparable Schäden entstehen.

Für das Anheben an sich gibt es, laut Röver, verschiedene Möglichkeiten. Welche davon angewendet wird, müsse aber nach den baulichen Voraussetzungen im Einzelfall entschieden werden. Die von Thomas Schierschke erwähnten hydraulischen Pressen, die vom Prinzip einem Wagenheber ähneln, können eingesetzt werden, seien grundsätzlich gut geeignet, erforderten aber teilweise erhebliche Vorarbeiten, beispielsweise durch stabilisierende Hilfskonstruktionen. Gerade in engbebauten Situationen wie im vorliegenden Fall seien standardisierte Methoden nicht immer anwendbar, hier sei dann Improvisationstalent gefragt. Alternativ oder ergänzend kämen Flaschenzüge oder andere Hebezeuge in Frage, unter Umständen sogar ein Kran.Welche Methoden geeignet sind, müsse aber im Einzelfall entschieden werden – je nach örtlichen Randbedingungen und natürlich mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein.

Fachwerkhäuser sind zwar grundsätzlich dafür geeignet, umgesetzt und bewegt zu werden, praktisch gibt es jedoch Grenzen.

Manfred Röver, Fachwerkarchitekt

Eine weitere Technik zur Anhebung des Fundaments beschreibt Dirk Schünemann vom Ingenieurbüro Beye. Das Anheben von Häusern sei eher selten und werde vorwiegend bei Fachwerkhäusern gemacht, gelegentlich würden jedoch auch neuere Häuser absacken. Dies geschehe meistens durch einen jahrelangen, unbemerkten Wasserschaden. Bei der von Schünemann beschriebenen Technik handelt es sich um ein Konzept der Firma URETEK Deutschland GmbH: Hierbei wird eine spezielle flüssige Kunstharz-Mischung durch ein vorher gebohrtes Loch in den Boden gepumpt, erklärt Michael Herrmann, Marketing-Manager von URETEK. Das Harz dehnt sich im Untergrund unmittelbar aus und verhärtet, sodass Hohlräume aufgefüllt werden und der Boden verstärkt wird. Das Anheben des Fundaments ergibt sich durch eine gezielte Aufsprengung des Bodens durch die Injektion von dem Harz. Die Anhebung kann millimetergenau gesteuert werden und wird durch eine spezielle Lasermesstechnik überwacht.



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