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Plastikteilchen in der Weser stark belastet

Wie ein Magnet für giftige Stoffe

HAMELN. Mikroplastik bindet deutlich mehr Schad- und Giftstoffe im Sediment als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis ist ein Forschungsteam gekommen, dass an der Nord- und Ostseeküste, in Elbe und Weser Proben genommen hat. Die Plastikteilchen in der Weser seien demnach stark belastet - mit Folgen für die Gesundheit.

veröffentlicht am 10.08.2016 um 18:48 Uhr
aktualisiert am 28.06.2017 um 15:51 Uhr

Michael Zimmermann

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Die Plastikteilchen sind bis zu drei- bis viermal so stark belastet wie das Sediment um sie herum. Ein Forscherteam um Prof. Dr. Gesine Witt von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg untersucht seit dem vergangenen Jahr neben der Schadstoffbelastung in den Gewässern auch die Plastikvermüllung. Mit dem Forschungsschiff Aldebaran unternahmen sie zwei Expeditionen, in denen sie mit Plastikschadstoffsammlern die Belastung im Sediment maßen. Mit 40 Probensammlern wollte das Team herausfinden, wie stark die Mikroplastikteile in Sedimenten an der Nord- und Ostseeküste, in Elbe, Weser, Trave und den Boddengewässern bereits mit Giftstoffen belastet sind.

Kleinste Plastikteile wirken demnach wie ein Magnet für Giftstoffe: Je länger sie sich im Boden befinden, umso mehr Giftstoffe binden sie an sich. Ein Giftcocktail entsteht, der über Würmer, Muscheln und Fische auch in die menschliche Nahrungskette gelangt. Wie ein Schwamm sammeln die Teilchen Dioxine und das Pestizid Polychloriertes Biphenylen (PCB). Die Stoffe sollen wie Östrogene wirken, teilweise krebserregend sein und das Erbgut schädigen. Im Körper von Organismen können sie sich wieder vom Kunststoff lösen. Der in der Industrie am meisten verwendete Kunststoff, Polyethylen bindet noch einmal doppelt so viele Giftstoffe wie Silikon.

Im Vergleich zu den umliegenden Sedimenten sind die Schadstoffwerte mindestens doppelt so hoch, für PCB besteht sogar ein 200 bis 500 Mal so hoher Wert. Sie hätte vorher schon Analysen mit Silikon durchgeführt, und dass Mikroplastik Schadstoffe binden, sei auch bereits bekannt gewesen, erklärt Gesine Witt. „Dass die Werte aber so viel höher sind als im Sediment, hätte ich nicht erwartet.“

Mit solchen Zylindern sammelten die Forscher Schlickproben. Foto: pr

Besonders Mikroplastik aus Weser- und Elbsedimenten sind stark mit PCB belastet. Je nachdem, wie fettlöslich sie sind, traten in den Proben Schadstoffe zwischen 1,5 und 280 Mikrogramm pro Kilogramm Polyethylen auf. Hohe Belastungswerte gibt es neben den Hafensedimenten in Stralsund und Rostock auch nahe einer Lübecker Kläranlage – und an der Wesermündung.

Zu beobachten sei, dass die Belastungen zumindest an der Elbe zur Mündung hin abgenommen hätten – gleiches könnte auch für die Weser gelten. Dann wären die Werte im Weserbergland wahrscheinlich noch deutlich höher als an der Messstelle weiter nördlich.

Eine weitere Erkenntnis: Je schlickhaltiger der Boden, umso mehr Schadstoffe sammeln sich an. Damit ist auch das Mikroplastik stärker kontaminiert als in sandhaltigen Böden. Nach Auskunft des Wasserstraßen- und Schiffahrtsamtes ist der Weserboden in Hameln eher sandig-kiesig beschaffen. Auch die Belastung mit Schwermetallen und Schadstoffen sei bei den Messungen des Amtes bisher „im Grünen Bereich“ gewesen, heißt es dort.

Das Hamburger Forschungsprojekt ist verbunden mit dem Projekt der Uni Bayreuth, die Mikroplastikproben im Wasser mit Spezialnetzen eingesammelt hatten. Dabei war eine geringe Belastung des Wassers festgestellt worden. Mit 0,487 Partikeln pro Kubikmeter blieb die Weser dabei unauffällig (wir berichteten). Ende des Monats will die Bundesregierung weitere Untersuchungsergebnisse zur Belastung der Gewässer und Böden vorstellen. Als Mikroplastik gelten Teilchen, die kleiner sind als 5 Millimeter. Sie sind mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Kläranlagen können diese nicht aus dem Wasser filtern, da die entsprechenden Filter sehr teuer sind und selten eingebaut werden. In Reinigungsmitteln und Kosmetikartikeln, aber auch in Textilien werden sie verwendet. Meistens entstehen die Partikel aber aus Plastikmüll, der durch Wind, Sonne und Wellen zerkleinert wird. Die Bruchstücke lagern sich dann im und am Gewässerboden, dem Sediment, ab.

Als nächstes wollen die Forscher feststellen, wie die Gifte im biologischen System wirken. Algen, Bakterien oder Fischeier könnten zum Beispiel durch Fehlbildungen oder gehemmtes Wachstum auf das Gift reagieren. Damit wäre auch eine Bedrohung der restlichen Umwelt und damit auch für den Menschen nachgewiesen. Zumindest bei Muscheln ist bisher bekannt, dass kleine Polyethylen-Körnchen Geschwüre und Entzündungen verursachen können.



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