weather-image
11°
×

Stottern – weshalb das Problem entsteht, was man dagegen tun kann und wie es sich damit lebt

Wie ein Albtraum

Es ist schrecklich, wenn man genau weiß, was man sagen will, und dann schon daran scheitert, auch nur das erste Wort auszusprechen“, sagt Wolfgang Westphal. Er sei damals ein radikaler Einzelgänger gewesen, ein komischer, leicht verrückter Kerl in den Augen der anderen. „Nur im Musikunterricht fühlte ich mich wohl, und im Chor“, so Westphal. „Das war meine Rettung.“

veröffentlicht am 02.11.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:43 Uhr

ri-cornelia2-0711

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Etwa ein Prozent aller Erwachsenen in Deutschland hat mit dem Stottern zu kämpfen. Die allermeisten von ihnen sind Männer, eine Tatsache, die für die Forschung dafür spricht, dass auf jeden Fall auch erbliche Komponenten an dieser „Störung des Redeflusses“ beteiligt sind.

Die moderne Hirnforschung entdeckte bei Studien an erwachsenen Stotterern typische Störungen in der linken vorderen Gehirnhälfte, in Bereichen, die für das Sprechen zuständig sind. Zahllose Muskeln, die für ein flüssiges Sprechen sorgen, können dann nicht ohne Weiteres mit der nötigen Perfektion aufeinander abgestimmt werden. Dass viele Stotterer kein Problem damit haben, Lieder zu singen und dabei jedes Wort flüssig zu artikulieren, es liegt daran, dass das Singen überwiegend von der ungestörten rechten Gehirnhälfte gesteuert wird. Ein Glück für den hochmusikalischen Kantor Wolfgang Westphal.

Er mag kaum glauben, dass Stottern eine genetische Komponente haben soll. So weit er es sieht, ist er in seiner Familie der Einzige, der davon betroffen ist. „Für mich ist ziemlich klar, wie das mit dem Stottern angefangen hat“, sagt er. „Mit einer Ohrfeige nämlich.“ Als kleines, nicht besonders selbstbewusstes Kind habe er einem Besuch seinen Namen nennen sollen und das aus Schüchternheit verweigert. Sein Vater wurde darüber so wütend, dass er ihm einen Schlag ins Gesicht verpasste. „Von da an war es mit dem normalen Sprechen vorbei.“ Es wurde so schlimm mit dem Stottern, dass man ihn zu einem Psychologen schickte, was damals, in den 1960er Jahren eher ungewöhnlich war. „Es hieß, ich sei ein sogenannter ,Vater-Stotterer‘ “, erzählt er. „Man nahm an, die Strenge meines Vaters sei die Ursache für meine Sprechprobleme.“

Heutzutage würde man da keinen so zwingenden Zusammenhang sehen. Wohl aber geht man davon aus, dass auch äußere Umstände zum Ausbruch des Stotterns beitragen und es verstärken können. Deshalb bezieht man bei Stottertherapien, wie sie etwa die Rehabilitationsklinik Werscherberg bei Osnabrück anbietet, möglichst auch die Eltern mit ein.

„Oft sind es gerade die besonders besorgten Eltern, die es ihrem Kind unabsichtlich noch schwerer machen, weil sie so viel Aufmerksamkeit auf das Stottern richten“, so Ulla Wortmann, die Therapeutische Leiterin in dieser Klinik für Kommunikationsstörungen. In den vierwöchigen ambulanten Therapien geht es neben systematischen Sprechübungen auch darum, zu lernen, mit Stresssituationen umzugehen. „Eltern können ihren Kindern am besten helfen, wenn sie selber gelassen bleiben.“

Aufmerksam auf das Sprechverhalten der Kinder zu achten, ist trotzdem wichtig. Meistens zeigt sich das Stottern bereits im Vorschulalter. Je eher man dann mit einer Behandlung beginnt, desto besser stehen die Chancen, dass sich das Stottern nicht automatisiert. Dabei unterstützen Gruppentherapien das Bewusstsein für die typischen Stresssituationen, in denen das Stottern ausgelöst wird. „Nur wenn diese Auslöser in die Wahrnehmung rücken, kann man lernen, ihnen entgegenzusteuern“, so Ulla Wortmann.

Direkt heilbar sei das Stottern zwar nicht, in Krisensituationen flamme es oft wieder auf. Aber man könne es so in den Griff bekommen, dass die stotternden Kinder zu Erwachsenen werden, die alles in allem ganz normal kommunizieren.

Vier Wochen mindestens dauert so eine Therapie. Das ist mit ein Grund dafür, warum Stotterer eher selten zu den Patienten in den logopädischen Praxen gehören. „Wir haben es meistens nur mit leichtem Stottern zu tun, im Zusammenhang mit anderen Sprechstörungen“, sagt etwa die Krankenhäger Logopädin Friederike Syska. „Wo echtes Stottern vorliegt, überweisen wir eigentlich immer an eine der Spezialkliniken. Es ist eben nicht mit einem Termin pro Woche getan.“

Vergleichbare Auskünfte erhält man fast immer, wenn man in den logopädischen Praxen der Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont nachfragt. Es gibt schon hier und da einen kindlichen Stotterpatienten. Immerhin haben fünf Prozent aller Kinder mit einer Stotter-Problematik zu tun. In den meisten Fällen allerdings handelt es sich um das „Entwicklungsstottern“, das auch wieder vorbeigeht.

Flüssig sprechen mit Heinz-Erhardt-Gedichten

Was nun Erwachsene betrifft, die mit dem Stottern zu kämpfen haben, so behelfen sie sich oft mit einer Art Selbsttherapie. Kai Jürgens zum Beispiel, Rintelner Heilerziehungspfleger, dreht immer wieder kleine Videos, in denen er vor der Kamera steht und sich vorstellt, er spreche zu einem großen Publikum. „Ich übe, bewusst sauber zu artikulieren“, sagt er. „Das ist wie ein Sprechtraining. Wortspiele eignen sich auch gut, Heinz-Erhardt-Gedichte mit ihren Reimen und dem Sprachrhythmus. Schwierig wird es, wenn ich erst überlegen muss, was ich sagen will.“ Nur, wenn man weiß, dass er „eigentlich“ stottert, merkt man das hin und wieder an leicht verzögerten Übergängen in seinem Sprechen. „Kann sein“, sagt er lächelnd, „dass ich wegen des Stotterns Heilerzieher geworden bin. Es hat mir sehr geholfen, zu sehen, wie ich anderen helfen kann.“

Auch Wolfgang Westphal geht davon aus, dass wachsendes Selbstbewusstsein ein gutes Mittel gegen das Stottern darstellt. Als Kind verbrachte er ein halbes Jahr in einem „Sprachheilheim“. Einerseits habe ihm das gutgetan, weil er dort auf Leidensgenossen traf, die es noch viel ärger als ihn getroffen hatte. Endlich war er nicht mehr dieser Außenseiter, der in der Schule gehänselt wurde und nur dann mal glänzen konnte, wenn er im Deutschunterricht Balladen rezitierte oder im Chor als Solist auftrat. „Nach diesem halben Jahr aber stotterte ich schlimmer als zuvor“, meint er. „Ich glaube, wir haben uns alle gegenseitig nur noch mehr angesteckt.“ Fast ganz verschwunden sei sein Stottern erst, als er in Rinteln vom Kantor an der Nikolaikirche zum Kreiskantor aufstieg, als Dirigent große Konzerte gab und sich einen Namen gemacht hatte. „Wenn ich vor einer großen Menge spreche und in meiner Rolle aufgehe, läuft es völlig problemlos“, sagt er.

Die Heilpraktikerin und Psychotherapeutin Ute Huge aus Hameln wundert sich nicht über solche Geschichten. In ihrer Praxis hat sie regelmäßig stotternde Erwachsene als Patienten. „Viele Stotterer haben es mit einem Selbstwertmangel zu tun“, sagt sie. „Das ist ein Teufelskreis: je unsicherer man sich fühlt, desto mehr stottert man, und je mehr man stottert, desto unsicherer fühlt man sich.“ Ihr therapeutisches Mittel ist die Hypnose. Die Stotter-Patienten haben meistens bereits Sprechtherapien hinter sich, sehen aber, dass sie in angespannten Situationen doch wieder stammeln und stottern. „In Stresssituationen funktioniert das Gehirn anders als in Alltagssituationen“, sagt sie. „Dann steht bei einigen das Wissen aus der logopädischen Therapie plötzlich nicht mehr zur Verfügung.“

Die Hypnose-Therapie soll typische angstbesetzte Stotter-Szenarien mit positiven Gefühlen in Verbindung bringen. Man imaginiert unter der Hypnose eine kritische Sprechsituation, etwa ein Bewerbungsgespräch, einen Flirt, eine Auseinandersetzung, nachdem zuvor ein beruhigendes Stimmungsbild entworfen wurde. Während der entspannenden Hypnose ist selbst dann das flüssige Sprechen gar kein Problem. „Mit diesem Aha-Erlebnis, diesem Wissen, das man es ja kann, beginnt die Besserung“, so Ute Huge. Nach und nach gelinge es, die chronisch gewordene Angst durch positive Gestimmtheit zu ersetzen und so das Stottern gar nicht erst einsetzen zu lassen. Krankenkassen übernehmen die Hypnosetherapie-Kosten allerdings nicht, da ihr Nutzen als wissenschaftlich unbestätigt gilt.

Der aus Rinteln stammende Volljurist Jörn Edling stottert ebenfalls seit seiner Kindheit. Ihm halfen Therapien in der Bad Nenndorfer Logopädie-Praxis Tebbe. Manchmal noch überschlägt sich sein Sprechen im sogenannten „Poltern“. Gefragt, was er sich in solchen Situationen von seinen Gesprächspartnern wünscht, antwortet er: „Am besten finde ich, wenn sie weiter zugewandt zuhören. Manche nehmen einem Stotterer ,die Wörter aus dem Mund‘. Mich stört das eher nicht, wenn ich merke, dass es gut gemeint ist und nicht einfach nur aus Ungeduld geschieht. Allgemein würde ich aber sagen, man sollte einen Stotterer lieber aussprechen lassen, damit er nicht quasi ,entmündigt‘ wird.“

„Es fühlte sich oft wie ein Albtraum an“, sagt Wolfgang Westphal. „Wie diese Träume, in denen man weglaufen will, aber nicht von der Stelle kommt. Meine ganze Kindheit war davon geprägt.“ Der Rintelner Musiker und ehemalige Schaumburger Kreiskantor spricht vom Stottern. „Ich war ein furchtbarer Stotterer“, sagt er.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige