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Wie das Glück unsere Sprache beeinflusst

Die Suche nach dem Glück ist ein langer Weg. Ein ewiges Streben nach etwas, das in der Zukunft, in der Vergangenheit, direkt vor uns oder doch in uns selbst liegt. Auf dem Rücken der Pferde, unter einem Stern, im Spiel und in der Liebe suchen die Glücklosen zum Teil ein Leben lang. Ist das Glück immer da, und nur manchmal für kurze Zeit verreist, rennt es uns hinterher, während wir alle nach dem Glück rennen? Auf der langen Suche findet man Pilze und Kekse, doch gestillt wird der Hunger nach dem Glück nur selten ganz. Gesättigt wird dabei aber vor allem eins: das Phrasenschwein.

veröffentlicht am 09.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Catherine Holdefehr

Sucht man in Wörterbüchern der Redewendungen, findet man viele Seiten zum Stichwort Glück. Nicht ungewöhnlich, findet Dr. Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Glück sei eines der zentralen, klassischen Themen, die die Menschheit seit jeher beschäftigten, das habe immer auch auf die Sprache Auswirkungen. Eine Redewendung ist eine Kombination aus Wörtern, deren Gesamtbedeutung nicht aus ihren Einzelteilen errechenbar ist. Durch ihre häufige Verwendung ist sie jedoch innerhalb der Sprachgemeinschaft bekannt.

Mit der Frage, wie man glücklich werden könne, eng verbunden ist die Definition dessen, wonach gestrebt wird: Was ist Glück? – so lautet die einfache und doch schwere Frage. Denn was den einen glücklich macht, muss nicht für alle gelten. Jeder ist seines Glückes Schmied, und somit nicht nur für das eigene Glück verantwortlich, sondern jeder Mensch besitzt damit auch die Definitionshoheit, was er als solches empfindet. Entscheidend sind dabei nicht die objektiven Tatsachen, sondern das subjektive Erleben, weshalb in der Glücksforschung auch der Begriff „subjektives Wohlbefinden“ statt „Glück“ verwendet wird. Hans im Glück aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm ist über jedes seiner – objektiv betrachtet – ruinösen Tauschgeschäfte glücklich. Nur der eigene Schlüssel zum Glück passt genau. Dadurch kann es auch zu widersprüchlichen Aussagen zum Glück kommen: „Glück entsteht nicht durch Besitz, Macht oder Prestige, sondern allein durch Beziehungen mit Menschen, die man liebt und respektiert“, verheißt die eine Redensart; „Was Glück ist, weiß man erst, wenn man geheiratet hat, und dann ist es zu spät“, lehrt zynisch eine andere.

Nicht einmal die Tatsache, ob Glück von der eigenen Anstrengung abhängt, verrät der Begriff „Glück“. Muss man sein Glück nur am Schopfe packen und schmieden oder ist es ein Rindvieh, das seinesgleichen sucht; hängt es von dem Stern, unter dem man steht, oder allein vom Zufall ab? Die Redewendungen machen auf eine grundsätzliche Unterscheidung aufmerksam: zwischen Lebens- und Zufallsglück. In den meisten Sprachen wird diese Unterscheidung begrifflich verdeutlicht: So unterscheidet die englische Sprache zwischen „luck“ und „happiness“, im Französischen gibt es dafür die Vokabeln „fortune“ und „bonheur“, im Lateinischen „fortuna“ und „felicitas“. Im Deutschen hingegen gibt es für die Tatsache, durch einen zufälligen Zustand begünstigt zu sein, und dem subjektiven Wohlempfinden nur einen Begriff. Sprachlich deutlich gemacht wird es durch die Verwendung: „Glück haben“ und „glücklich sein“.

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  • Mit Kairós, dem Gott des Augenblicks, lässt sich das Glück beim Schopfe packen.

Deutlich älter ist der Begriff des Zufallsglücks, im Mittelalter habe es den Begriff des Lebensglücks noch nicht gegeben, sagt Simon. „Der Begriff des Glücks war im Mittelalter nicht positiv, sondern neutral: Es gab gutes und böses Glück.“ Auf gut Glück sagen wir noch heute, hier ist der neutrale Begriff des Zufallsglücks erhalten geblieben. Deutlich werde diese Denkweise in der bildlichen Darstellung des Rads der Fortuna. Die Glücks- und Schicksalsgöttin aus der römischen Mythologie wird oft mit verbundenen Augen dargestellt, wie sie ein Rad dreht. Das Glück ist blind, willkürlich, vom Schicksal bestimmt, so wird entschieden, wen das Rad nach oben trägt, und ihm die Welt zu Füßen legt, und wen es überrollt. Das Rad bestimmt über gutes und schlechtes Glück – über das Schicksal.

Glück im Sinne von „glücklich sein“, sei erst Mitte des 18. Jahrhunderts, in der literarischen Epoche der Empfindsamkeit, vermehrt aufgetaucht, sagt Simon. „Der äußere Einfluss wurde auf den inneren Zustand übertragen. Das ist ein häufiges Phänomen der Sprachveränderung.“

Doch wenn nun also nicht mehr allein die launige Fortuna, sondern der Mensch selbst sein Glück schmieden kann, wie wird man dann glücklich? Wie dieses Lebensglück erreicht werden soll, dafür gibt es unzählige Tipps: „Mit dem Glück geht es oft wie mit der Brille, man hat sie auf der Nase und weiß es nicht“; „Wer vom Glück immer nur träumt, darf sich nicht wundern, wenn er es verschläft“, lauten nur zwei der unzähligen Ratschläge. Aktiv werden, darauf kommt es an: Das Glück ist mit den Tüchtigen. Der Unterschied zum Zufallsglück werde auch durch die Entstehung der Redewendung „das Glück beim Schopfe packen“ deutlich, sagt Simon. „Sie geht vermutlich auf den griechischen Gott Kairós zurück.“ Der Gott des rechten Augenblicks wird als Mann, der vorne am Kopf eine dicke Haarsträhne hat, hinten aber kahl ist, dargestellt. „Wer nicht wartet, bis er vorbeigegangen ist, sondern selbst aktiv wird, bekommt ihn am Schopf zu fassen.“ Eine Glückssträhne hat man so vielleicht auch.

Doch bei allem Aktionismus gilt, zu bedenken: Arbeit allein macht auch nicht glücklich. Geld auch nicht, Glück im Spiel hat Pech in der Liebe zur Folge. Selbst wer das Glück gefunden zu haben glaubt, sollte sich nicht in Sicherheit wiegen, denn Glück und Glas, wie leicht bricht das. Als Trost bleibt jedoch: Scherben bringen Glück. Das heißt, auch wenn nicht alles glücklich ist, hat manch ein unglücklicher Glückspilz noch „Glück im Unglück“ – zumindest in Deutschland. „Dieser Gedanke des Trostaspektes von Glück, auch im Unglück noch etwas Positives zu sehen, hielt man im 17./18. Jahrhundert für eine deutsche Eigenart. Die Franzosen bezeichneten dieses zwiespältige Glück als „le bonheur allemand“, sagt Simon.

Zum Glück für alle anderen Völker ist das reine Glück für jedermann bestimmt. Für die Tüchtigen, Tapferen, Mutigen und sogar für die Dummen mit mehr Glück als Verstand – fairerweise, wenn Denken tatsächlich Glückssache sein sollte. Man kann es losen, treffen, geschenkt bekommen, in Tropfen, kleinen Dosen, Quäntchen, Prisen oder sogar portionsweise ist es zu haben. Nur kaufen kann man es nicht. Nicht allein für sich selbst sind Menschen auf der Suche, auch anderen wünscht man es gerne – nicht immer uneigennützig, denn, so heißt es, das Glück könne sich verdoppeln, wenn man es teilt. Nur wer es nicht zu schätzen weiß, tritt es mit Füßen, oder lässt sich vom Rad der Fortuna überrollen. Für alle anderen gilt: Glück ist überall. Da kann man doch von Glück reden, oder?

Wie wird man glücklich, was gibt es für Glücksrituale und warum lässt sich Glück nicht erkaufen? Vier Wochen lang kommt

mit Ihrer Zeitung das Glück in zahlreichen

Facetten ins Haus. Vielen Fragen rund um das Thema Glück werden wir bis zum

31. März nachgehen. Heute: Glück in der Sprache – Redewendungen zum Glück.



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