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Wie aus Gammelwurst Energie wird

In der ehemaligen DDR wurde mit den Essensresten aus der „Specki-Tonne“ das Schwein hinterm Haus fett gefüttert. Deshalb nannte man die auch so. Die „Specki-Tonne“ gibt es noch heute – im Sprachgebrauch der Müllsortierer. Doch deren Inhalt landet nicht mehr in der Sau, sondern in speziellen Biogas-, mechanisch-biologischen Verwertungsanlagen oder in der Müllverbrennung.

veröffentlicht am 07.11.2011 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Nahrungsmittelabfälle zu reduzieren – darin sieht Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner eine vordringliche Aufgabe. Doch Speiseabfälle werden sich nicht grundsätzlich vermeiden lassen und Lebensmittel, die niemand mehr essen will, in Energie zu verwandeln, hat ökonomisch Sinn. Energie ist nämlich teurer als Schweinekoteletts und die Verwertung von Speiseresten als Tierfutter ohnehin nach einer EG-Verordnung verboten.

Die Antwort auf die naheliegende Frage, wie viel Lebensmittel von privaten Haushalten weggeworfen werden, hängt davon ab, von wem man das wissen will. Die Umweltorganisation WWF meint ein Drittel aller gekauften Lebensmittel wanderten ungenutzt in die Tonne.

Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, es sind nicht mehr als zehn Prozent. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner ging in einem Interview von Lebensmitteln im Wert von 330 Euro pro Kopf und Jahr aus.

Auf lokaler Ebene lässt sich diese Frage nicht beantworten. Denn der Biomüll, den die Abfallwirtschaftsgesellschaft Schaumburg (AWS) und die Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont einsammelt ist ein Mix aus Grünschnitt und Gartenabfällen, weggeworfenen Lebensmitteln und Speiseresten. Noch komplizierter: Wurst und rohes Fleisch oder Fisch kommen in die Restmülltonnen – und das ist eine andere Statistik.

Deshalb sagen die 23 000 Tonnen Biomüll, die die Schaumburger Abfallwirtschaftsgesellschaft (AWS) im letzten Jahr in ihren grünen Tonnen eingesammelt hat nichts über die Menge weggeworfener Lebensmittel aus.

Im Landkreis Hameln-Pyrmont nennt Ulrich Kaufmann, stellvertretender Betriebsleiter der Kreisabfallwirtschaft, vergleichbare Zahlen: 3900 Tonnen Biomüll aus den grünen Behältnissen, 23 375 Tonnen Gartenabfälle und Grünschnitt.

Dazu muss man wissen, dass in Hameln private Haushalte den überwiegenden Teil ihres Gartenabfalls zu den Kompostierungsplätzen fahren.

Die meisten Lebensmittelreste fallen in Gaststätten, Hotels, Krankenhäusern, Betriebskantinen und Gefängnissen an. Deshalb sammeln diese Speisereste Spezialisten ein.

Auf diesem Markt tummeln sich viele: Perfektioniert haben das System ReFood mit 17 Logistikstandorten in Deutschland und das Unternehmen Biocyling in Hamburg, eine Tochter des Veolia Umweltservice, der unter anderem in Rehren im Auetal sitzt. Dann gibt es noch das Unternehmen Dieter Körtner in Bad Oeynhausen.

Alle drei sind in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont tätig und holen ab, was Restaurant- oder Kantinengäste auf ihrem Teller liegen gelassen haben oder was in den Küchen anfällt. Dieser Mix aus Fleisch- und Gemüseresten ist zusammengekippt eine zähflüssige Pampe. Deshalb werden Tonnen abgeholt und gesäubert wieder hingestellt.

Diese Speisereste ernähren eine ganze Industrie, denn sie werden in speziellen technischen Verfahren in Biogasanlagen vergärt und produzieren Methangas, das wiederum in Strom und Wärme umgewandelt wird. Die Reststoffe aus diesen Anlagen verwertet die Landwirtschaft als Dünger. Und aus Speiseölen, beispielsweise altem Frittenöl, wird Biodiesel hergestellt.

Anders bei den privaten Haushalten. Was hier weggeworfen wird, darum kümmern sich die kommunalen Entsorger. Jeder kennt das: Da hat man Heringsfilets in Sahnesoße einkauft. Klasse Idee zu Kartoffeln. Aber die leider vergessen. Irgendwann wird der Kühlschrank aufgefüllt und die Heringe nach hinten geschoben, weil im Moment keiner Appetit darauf hat. Aus den Augen aus dem Sinn. Irgendwann die Packung aus den Tiefes des Kühlschrankes wieder hervorgeholt. MHD? Längst abgelaufen. Also ab in den Müll.

Der nicht gegessene Hering endet in Hameln-Pyrmont in der Müllverbrennungsanlage, im Landkreis Schaumburg wird der Fisch mechanisch-biologisch traktiert, dann übernehmen Mikroben den Fall. Das Ergebnis ist unterm Strich in beiden Fällen das gleiche: Aus Biomüll werden Strom und Wärme.

Wobei der BUND die Müllverbrennung in Hameln eher kritisch sieht – nicht nur wegen der Abgase, sondern auch, weil hier zu wenig der im Müll enthaltenden Energiemenge auch tatsächlich umgesetzt werde.

Im Schaumburger Entsorgungszentrum Sachsenhagen treibt das aus Bioabfall gewonnene Methangas zwei Blockheizkraftwerke an, die wiederum Strom und Wärme liefern. Ein drittes Blockheizkraftwerk soll demnächst in Betrieb gehen.

Den Inhalt der grünen Tonnen, also Gartenabfälle plus Lebensmittelreste, verarbeitet Schaumburg ebenfalls in eigener Regie: in Wiehagen in einer Tonnenrotte. Dort wird aus dem Biomüll Kompost, den wiederum Gärtner und Landwirte abnehmen.

Im Nachbarkreis wird Grünschnitt in Mieten kompostiert, Bioabfall geht an einen privaten Verwerter.

Färbt sich die Banane braun, ist der Joghurtbecher eingebeult, bedeutet das noch nicht, dass nach dem Verzehr der Notarzt kommen muss. Solche Lebensmittel tischen die Tafeln im Landkreis Schaumburg und Hameln-Pyrmont bedürftigen Familien auf. Ein Beispiel: 280 Familien sind es in der Schaumburger Kreisstadt Stadthagen, die regelmäßig Lebensmittel von der Tafel erhalten.

„Von den großen Märkten spenden alle außer Aldi“, sagt Michaela Hinse, beim DRK zuständige Koordinatorin für die Tafeln in Schaumburg.

Branko Koszic, Marktkaufleiter in Rinteln ist zufrieden mit der nach seiner Meinung gut funktionierenden Verwertungskette und so sehen es auch seine Kollegen: Über die Hälfte der aussortierten Lebensmittel gehen an die Tafeln, weil noch essbar, den Rest holen Weiterverwerter wie Reefood ab.

Aber es gibt ihn noch, den direkten Weg vom Brot in die Wurst. Zum Beispiel beim Biobauern Wilhelm Mohrmann in Exten. Der mästet seine Sauen mit altem Brot von Bäckermeister Klaus Keßler und dem Trester aus der Privatbrauerei des Hotels Waldkater.

Wie eine Familie vermeiden könnte, Lebensmittel wegzuwerfen, ist unstrittig: Nicht mit leerem Magen einkaufen, Mahlzeiten besser planen. In Restaurants und Gaststätten ist die Situation komplizierter. Jeder Koch kalkuliert seinen Wareneinsatz auf den letzten Cent, logisch, denn er will an den Essen verdienen. Aber zu klein sollten die Portionen auch nicht sein, sonst meckert der Gast. In den USA gibt es Doggie Bags, in denen man die Reste vom Super-Size-Burger mitnehmen kann. Bei uns problematisch, sagen Schaumburger Köche, obwohl der Gast das Recht hätte, das bezahlte Schnitzel einpacken zu lassen.

Eigentlich geht man im Handel und in der Gastronomie längst entspannt mit dem Thema um.

Doch es gibt Ausnahmen wie den Großbäcker Schäfer’s, der zum Betriebsgeheimnis macht, wie er altbackene Brötchen verwertet. Vielleicht ist den Großbäckern ja auf den Magen geschlagen, dass man ihnen vorhält, bis zum Ladenschluss die Regale immer wieder aufzufüllen, weil es der Kunde angeblich so will.

Seit es zur Political Correctness gehört, loszupoltern, wenn Lebensmittel nicht ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden, nämlich sie aufzuessen, sondern stattdessen kompostiert, verstromt oder verheizt werden, gibt es vor allem junge Politaktivisten, die einen neuen Sport entdeckt haben: Sie gehen „Containern“ oder zum „Dumpster Diving“.

Das heißt, sie wühlen in der Nacht Tonnen vor Supermärkten nach Essbarem durch. Dann wird gekocht und gegessen, was man da gefunden hat. Für Müll-Diving finden sich Tipps im Internet: Standorte vorher ausspionieren, gemeinsam losziehen, Gummihandschuhe und Taschenlampe nicht vergessen. Man will in den Tonnen ja sehen, wonach man grade fischt.

Illegal ist diese Verwertungsmethode auf alle Fälle – Diebstahl und beim Übersteigen einer Umzäunung Hausfriedensbruch. Die Piratenpartei fordert übrigens, Containern zu legalisieren. Mülltaucher gibt es auch in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont – nur wollen die Betroffenen nicht ihren Namen in der Zeitung lesen.

Es gibt Widersprüche die scheinen unauflösbar: Knackige Äpfel lockten in diesem Herbst an Bäumen, die Obsternte war gut. Äpfel lagen an Straßenrändern und auf Wiesen. Da liegen sie immer noch und vergammeln. Stattdessen kaufen wir Äpfel im Supermarkt für 1,99 Euro das Kilo. Eingeflogen aus Argentinien oder Südafrika. Und die haben angeblich eine bessere Ökobilanz, als die Äpfel aus Deutschland, die in Kühlhäusern gelagert werden. Und das soll man glauben. Früher hat man aus Fallobst Most gemacht worden – schmeckte gut und dröhnte auch. Bei Wesergold kann man noch selbst gesammelte Äpfel los werden. Die Saison ist inzwischen allerdings vorbei.

Die meisten Leute können nicht mehr kochen, das ist für Schaumburger Köche der entscheidende Grund, warum so viele Lebensmittel weggeworfen werden. Unsere Großmütter haben aus altbackenen Brötchen am nächsten Tag Semmelknödel und arme Ritter gezaubert. Was vom Sonntagbraten übrig geblieben ist, schmeckte als Fleischsalat oder im Nudelauflauf.

Matschige Tomaten? Kein Problem, die passten klein geschnippelt mit Olivenöl beträufelt und Knoblauch in die Pasta. Immerhin hat die aktuelle Diskussion einem neuen Buch auf den Markt geholfen: „Das Nichts wegwerfen Kochbuch“ (4,99 Euro).

Dass Convenience-Food, das sind halb fertige oder vorproduzierte Speisen, auf dem Vormarsch ist, hat die gleiche Ursache: Da gibt es Pfannkuchen im Plastikpack, weil der Homo smartphonicus mit dem Zusammenrühren von Mehl, Milch, Eiern und einer Prise Salz bereits überfordert ist.

Wenn Maden über den Deckel kriechen, wird es widerlich. Also kommt die im Kühlschrank vergessene Gammelwurst noch verpackt in die schwarze Tonne. Und was machen Müllspezialisten daraus? Gas, Strom, Biodiesel und Dünger.

Was beim Gast war, darf in der Gastronomie nicht weiter verwertet werden. Auch nicht das Brot aus dem Brotkorb, obwohl es der Gast vielleicht nicht einmal angefasst hat. Das ist eine eiserne Regel. Die Speiseabfälle kommen dann in eine gesonderte Tonne, die von Spezialisten der Müllentsorgung abgeholt und gegen eine neue ausgetauscht wird.

Foto: tol



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