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Wie 1000 Euro eine ganze Familie retten

Wie 1000 Euro nicht nur ein Menschenleben, sondern gleich eine ganze Familie retten können, das haben Steffen Schöley und Daniela Jährig einfach mit der Videokamera festgehalten: Ein paar Minuten Film sagen mehr als tausend Worte. Die beiden Braunschweiger sind die Initiatoren des LiScha-Projekts in Nepal, aber dazu später. Dort, in einem Dorf in Nepal, war ein 28-Jähriger nachts im Schlaf in ein großes Feuer gerollt und hatte sich dabei fast die gesamte linke Seite verbrannt: Schulter, Rücken, Po, Oberbein - alles pechschwarz. Weil ärztliche Hilfe weit und breit nicht in Sicht war, hatte seine Familie die Wunden notdürftig mit Blättern abgedeckt, was vor allem die Fliegen fernhalten sollte. Drei Monate, also zwölf Wochen hielt der Mann durch, dann wurden die LiScha-Initiatoren auf das Schicksal aufmerksam. Sie organisierten acht Träger, die den Mann einen ganzen Tag lang bis zur nächsten Straße, durch steiles und schwieriges Gelände, trugen. Weiter ging es mit einem Jeep in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Dort wurde der Mann sofort operiert, ein halbes Jahr dürfte es dauern, bis die Heilung vollständig sei, ließen die Ärzte wissen. Es dauert acht Wochen, und es stand die ersten Tage Spitz auf Knopf. Wäre er gestorben, hätte er eine Witwe mit fünf Kindern zurückgelassen, die damit den Alleinverdiener der Familie verloren hätten. Chancen für die Witwe auf dem Heiratsmarkt? Gleich null. Und wenn doch, so hätte der neue Vater die fünf Kinder nicht anerkannt, sie wären zu Sozialwaisen geworden. Selbst in einem bitterarmen Land gibt es immer noch ein paar Stufen, die man hinunterfallen kann.

veröffentlicht am 13.12.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:26 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

1000 Euro, wie gesagt, hat die gesamte Hilfsaktion gekostet, in einem Land, in dem der Staat zwar Krankenhäuser in Städten wie Kathmandu baut, aber in Fällen wie diesem keinen Cent beisteuert für den Transport, die Behandlung oder die notwendigen Medikamente – was viele vor einer Operation oder dem Arztbesuch überhaupt absehen lässt: Es fehlt oftmals nur an ein paar Euro, aber dieses Hindernis ist dann so hoch wie das Himalaya-Gebirge.

Hier, aber nicht nur hier, hilft LiScha.

Als unsere Zeitung vor genau einem Jahr über die beiden Braunschweiger berichtet hat, die Wohnung und Jobs gekündigt hatten, um sich in Asien für ein Hilfsprojekt zu engagieren und dann nach einigen verlorenen Illusionen kurzerhand ihr eigenes Hilfsprojekt auf die Beine stellten, da zeigte sich das Weserbergland von einer sehr schönen, weil spendenfreudigen Seite. Und so melden sich Steffen Schöley und Daniela Jährig beim Weihnachtsbesuch auch in der Redaktion, um erstens, zu erzählen, was in diesem Jahr passiert ist, und zweitens, zu berichten, wie die Spendengelder verwendet wurden.

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Früher hatte ein Chepang gar keinen Kontakt zum Arzt. Das hat sich geändert. Unser Bild zeigt die Schlange vor dem Doktor.

Es ist viel passiert in den letzten zwölf Monaten, und wenn die beiden erzählen und dabei auch zurückschauen, dann sind sie immer noch ein wenig erstaunt darüber, was sie mit ihrem Helferteam schon bewegt haben. Das vielleicht wichtigste Ergebnis: Sie haben den Staat mit ins Boot geholt. Das ist keineswegs selbstverständlich in einem Land, in dem sich ein Verein wie LiScha um eine Menschengruppe kümmert, die ein Leben am Rand der Wahrnehmung führt: Die Chepang sind die einstigen Ureinwohner Nepals, die vor 70 Jahren noch in Höhlen und Wäldern lebten, aus ihrer angestammten Region und Lebensform vertrieben wurden und sich jetzt als Bauern durchschlagen, mehr schlecht als recht kämpfen sie mit den Folgen der Armut und der Entwurzelung. Sie haben keine Toilette, leben in Hütten aus Ästen, der Regen läuft durch, die Menschen werden krank. Schöley: „Kein Tier in Deutschland hat so etwas als Stall.“ Der Staat, ein bisschen aufgeschreckt durch das mediale Interesse, das LiScha mit guten Taten entfachen konnte, beteiligt sich jetzt zur Hälfte am Bau einer Schule, und weil die untere Hälfte immer schwerer zu bauen ist und auch deutlich teurer kommt, darf der Staat diese untere Hälfte bauen. Das hat er auch getan, die obere Etage ist fast fertig, dann stehen sechs Räume zur Verfügung – für 600 Kinder der Klassen eins bis zehn. Immer noch zu wenig, „aber wir wollen Schritt für Schritt gehen“, erzählen Daniela Jährig und Steffen Schöley. Die anderen vier Schulräume, die würden schon noch kommen. Bis zu zweieinhalb Stunden müssen die Schüler morgens zum Unterricht laufen, Nepal ist kein Land der kurzen Wege. Daher haben die beiden mit ihrer Organisation zwei weitere schon bestehende Schulen unterstützt, bezahlen Differenzen im Lehrerlohn, den die Dorfbewohner nicht ganz allein aufbringen können. Wobei Schule in Nepal anders einzuordnen ist als hier in Deutschland: 120 Schüler pro Klasse sind durchaus Standard, kein Einzelfall.

Auch wenn der Zugang für Kinder zu Bildung und hier vor allem die Mädchen – noch immer das Herzstück von LiScha bildet, so ist das alltägliche Tun deutlich von der Realität in der abgelegenen Region geprägt. Es gibt keine ärztliche Hilfe weit und breit, also rufen Daniela Jährig und Steffen Schöley einfach Gesundheitscamps ins Leben: Die Ärzte kommen in die Region und untersuchen die Menschen eben im Dorf. Wenn die Wege weit sind und keinerlei medizinische Ausrichtung in Sicht ist, muss man neue Strukturen aufbauen: Zuerst kamen die Allgemeinmediziner, dann die Frauenärzte (die Schulbank wird zum Gynäkologenstuhl), dann die Zahnärzte („Sie möchten mir eine Zahnbürste schenken?“, fragte ein Dorfbewohner am Ende des Gesprächs: „Das ist nett von Ihnen. Aber unsere Familie hat schon eine.“), schließlich die Fachleute für Hals, Nase, Ohren. Das Ergebnis: 900 Patienten in zwei Tagen, die Älteste war 92 Jahre und wurde von ihrem Sohn vier Stunden lang in einer Kiepe zum Dorf getragen.

Es waren Aktionen, die vor Ort halfen, von den Medien begleitet wurden, Öffentlichkeit herstellten und Aufmerksamkeit schufen, den Staat ins Boot holten und gleichsam nebenbei den Nepalesen ins Bewusstsein rief, dass es tief im Inneren des Landes ein vergessenes Volk gab, eben die Ureinwohner, die Chepang. Der Rest ist schnell erzählt: Das Projekt Bienenkorb (eine Spende von 75 Euro ermöglicht es einer Familie, mit der Bienenzucht den Lebensunterhalt aufzustocken), ist angelaufen: Als genug Spenden vorhanden waren, wurden 84 Körbe gekauft (Sammelkäufe verbilligen den Einzelpreis), dann wurden die Menschen ausgebildet.

Und die Patenschaften, die 20 Euro im Monat kosten und es einem Mädchen ermöglichen, einfach zur Schule zu gehen, Zugang zu Bildung zu erhalten und damit eine Zukunft zu haben? Die Zahl ist auch gestiegen, von 37 Paten Ende 2011 auf heute 107.

In Angriff genommen wurde auch ein neues Projekt, das sich Mikrokredit nennt. Weil ein armer Bauer von keiner Bad Bank der Welt einen Kredit erhält, wenn er keine Sicherheiten hat, wurden jetzt Gruppen gebildet, die selber bestimmten, wer wie viel in eine Kasse einzahlt. Und wenn jemand Geld für eine gezielte Anschaffung benötigt, dann kann er bei der Gruppe einen Antrag stellen. Was bedeutet das konkret?

„Zweimal im Jahr benötigen die Kinder Schulkleidung“, erzählen Steffen Schöley und Daniela Jährig“, und diese Schulkleidung muss genäht werden. Wenn es also im Dorf eine Schneiderin gibt, dann kann sie dafür einen Kredit für eine Nähmaschine beantragen. Und die Gruppe passt auf, dass dieser Kredit auch zurückgezahlt wird, bis zum letzten Cent.“ Zurzeit werden Schneiderinnen ausgebildet, erzählen die beiden, der Rest kommt dann von allein.

„Auf lange Sicht wollen wir uns überflüssig machen und die Menschen dort unabhängig,“, erzählen die beiden: „Wir geben ihnen doch nur die Hilfsmittel an die Hand.“ Dass die Menschen diese Hilfsmittel aber so schnell annehmen, das hätten die beiden aber auch nicht gedacht, bestenfalls gehofft.

Und selbst der unverantwortlichen Ungerechtigkeit, mit der die Güter dieser Welt verteilt sind, kann Steffen Schöley einen guten Aspekt abgewinnen: „Uns hier in Deutschland geht es gut. Und diese Welt ist notwendig, weil es dann Menschen gibt, die abgeben. Ohne sie könnten wir in Nepal nicht helfen.“

Spenden: Das Spendenkonto unter dem Projektnamen „LiScha Himalaya“ lautet 190 009 071 bei der Sparkasse Spree-Neiße, BLZ: 180 500 00.

Informationen gibt es im Internet unter: www.lischa-himalaya.org.

Als Steffen Schöley und Daniela Jährig vor einem Jahr unsere Redaktion besuchten, da stand ihr Hilfsprojekt noch ganz am Anfang: Weil es Mädchen und Frauen in Nepal an Bildung, medizinischer Versorgung und Geld fehlt, gründete das Paar „LiScha Himalaya“, einen Verein, der den Menschen in der Region Perspektiven bietet. In zwölf Monaten ist viel passiert –

über 100 Patenschaften für Kinder hat das Paar bis heute vermitteln können. Ein zweiter Redaktionsbesuch.



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