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Wespen – ihr Flugbenzin ist Zucker

So mancher Bäckerladen ist in diesem Sommer ein Wespen-Leckerland. Zehn, zwanzig Wespen krabbeln und surren zum Beispiel auf den zuckerüberzogenen Kuchenstücken im Tresen eines Rintelner Geschäfts, ab und zu verbrutzelt eines der Tiere in der UV-Lichtfalle, die von der Decke herabhängt. Gleichmütig bedienen die Verkäuferinnen: „Es hat einfach keinen Sinn“, sagt eine von ihnen. „Wir wissen auch nicht, wo die so massenhaft herkommen.“ Dr. Iris Heinrich, im Veterinäramt des Landkreises Schaumburg zuständig für die Lebensmittelüberwachung, hat prinzipiell Verständnis: „Sommer, das heißt Wespen“, meint sie. Trotzdem: Gänzliche Freiheit darf man den hungrigen Räubern nun doch nicht lassen.

veröffentlicht am 08.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Die Wespen sind nämlich sehr findige Tiere, deren ausgezeichneter Geruchssinn ihnen schnell verrät, wo es was Süßes zu holen gibt. „Die fliegen sich auf manche Orte richtig ein“, sagt die Wespenberaterin des Landkreises, Gundula Piehl. „Ich habe schon beobachtet, wie sie, noch bevor ein Bäckerladen überhaupt geöffnet hat, vor der Tür herumschwirren und darauf warten, dass sie freien Zugang zum Kuchen bekommen. Sie merken sich, wo sie Erfolg haben werden, und patrouillieren alle ihre Stationen ab.“ Wer da nicht Gegenmaßnahmen ergreift, wird bald zum beliebten Wespenausflugsziel. Kann man denn überhaupt etwas tun?

„Selbstverständlich!“, sagt der Hamelner Lebensmittelkontrolleur Matthias Rügge, der ganz kribbelig wird, als er von dem bei den Wespen so besonders beliebten Geschäft hört. „Man muss sogar was tun, wenn man sich nicht eventuell einer Ordnungswidrigkeit schuldig machen will. Jeder Betrieb ist verpflichtet, ein Konzept zur Schädlingsbekämpfung zu besitzen. Wo Wespen auf dem Gebäck herumkrabbeln, läuft was falsch. Die Tiere fliegen ja nicht nur Kuchen an, sondern landen vielleicht vorher auf ganz unappetitlichen Sachen. Sie können Krankheitserreger übertragen oder Ekelgefühle beim Käufer auslösen.“ Es klingt, als würde er am liebsten gleich von seinem Arbeitsplatz aufspringen, um sich auf eine Kontrollrunde zu begeben.

Seine Kollegin Iris Heinrich in Bückeburg sieht die Sache gelassener. „Unterscheiden Sie mal Theorie und Wespen“, sagt sie. „Ja, sie stellen ein gewisses hygienisches Problem dar. Aber im Grunde muss man mit ihnen leben.“ Natürlich müssten die Bäcker sichere Ware abgeben, die auch auf keinen Fall ekelerregend sein darf. „Wenn sich ein Schwarm Wespen dem Belag eines ,Amerikaners‘ widmet, fehlen nachher ganze Stücke.“ Aber je nach Standort hülfen manchmal selbst Fallen und andere Maßnahmen nur wenig, um die Wespen von dem fernzuhalten, wonach sie sich am meisten sehnen: Zucker – das Flugbenzin für ihr Alltagstätigkeiten.

Der Wespe ins Auge zu schauen, die Gelegenheit hat der Mensch eher selten. Fotos: dpa

Im „Backstop“, einem Selbstbedienungsbäckerladen am Rintelner Marktplatz, scheint das aber doch recht gut zu helfen. „Wir müssen uns besondere Mühe geben, weil die Kunden sich die Kuchenstücke selber aus dem Tresen holen und gestochen werden könnten“, erklärt Verkäuferin Annika Fleer. So bieten sie im Moment keine glasierte Ware an, lagern alle Schokokuchen in einem speziellen Kühlmodul und nutzen außerdem eine UV-Lichtfalle, die die Tiere zugleich ansaugt und dann im Inneren des Geräts tötet. Werden sie außen an elektrisch geladenen Drähten mit unangenehmem Geräusch gebrutzelt, dann könnten Einzelteile auf die Ware fallen, Beinchen, Flügel – Matthias Rügge würde bei so was keine Gnade walten lassen.

Dass überhaupt so auffallend viele Wespen unterwegs sind, dazu noch recht früh im Sommer, es hat mehrere Gründe. Einem schlechten Jahr für Wespen folgt oftmals eines, in dem sie sich besonders gut vermehren können. Dann nämlich hatten die Königinnen, die ganz alleine ein Nest bauen, um dort ihre Brut aufzuziehen, wenig Konkurrenz. „Und die ist hart bei den Wespen“, sagt Gundula Piehl. „Die Königinnen liefern sich richtige Kämpfe, wenn es darum geht, ein gutes Revier zu besetzen. Manchmal endet so ein Kampf tödlich für den Gegner, und eine Königin bezieht dann das bereits von ihrer Kollegin begonnene Nest.“ Sind aber nur wenige andere Königinnen auf der Suche nach Nistplatz und Nahrung, kann ein Wespennest sehr groß werden, viele Arbeiterinnen produzieren und dann zahllose neue Königinnen, die im kommenden Jahr eigene Nester gründen sollen.

All’ die fleißigen Arbeiterwespen – sie werden um die vier Wochen alt – sie jagen normalerweise überwiegend andere Insekten, weil sie das tierische Eiweiß zur Aufzucht der Brut benötigen. Sobald aber genug Königinnen und Drohnen erwachsen sind, haben die Arbeiterinnen sozusagen „frei“ und brauchen sich nur noch um sich selbst zu kümmern. Wie Touristen an beliebten Urlaubsstränden sich in die Szene-Bars stürzen, finden sie mit sicherem Instinkt den Weg in die verlockenden Bäckerläden. Eiweiß interessiert sie nicht mehr, Zuckerkost ist angesagt. Dieses Jahr, das einen warmen, trockenen Frühling besaß, begann der Nestbau besonders früh, und dementsprechend früh konnten die meisten Arbeiterinnen schon entlassen werden.

Das merkt man auch an den Obstständen auf den Wochenmärkten. Kirchen, Pfirsiche, Erdbeeren, alles sehr beliebt bei den Wespen. „Ich bin sauber!“ betont da Obsthändler Jan Peters auf dem Rintelner Samstagsmarkt. „Bei mir gibt es keine angequetschte oder angegorene Ware.“ Das stimmt. Ständig kontrolliert er die Früchte und sortiert aus, was es den Wespen leicht machen würde, an den Fruchtsaft heranzukommen. Dicke Häute zu durchstechen, das gefällt ihnen nicht. „Da würden sie ja fast mehr Energie verbrauchen, als sie dann aufnehmen“, so Wespenberaterin Gundula Piehl.

An besonders warmen Tagen aber und an Ständen, wo die Verkäufer viel anderes zu tun haben, da wimmelt es manchmal so sehr von hungrigen Wespen, dass man kaum an die Ware herankommt. „Was soll man machen“, sagt Lebensmittelkontrolleurin Iris Heinrich. „Auf dem Wochenmarkt kommt eben alles zusammen: Früchte, Kuchen, süße Düfte. Man kann ja schließlich nicht die ganzen Stände mit einem Insektenschutznetz überziehen. Es ist eben Natur.“ Abfälle müssten natürlich sorgfältig beseitigt werden, aber das sei ja sowieso eine Selbstverständlichkeit.

Es sind übrigens niemals die Königinnen, die dem Menschen in die Quere kommen. Von den Kuchenstücken beim Bäcker halten sie sich fern. „Leider weiß man nicht recht, woran es liegt“, sagt Gundula Piehl. „Bienen, die ja Nutztiere sind und – anders als Wespen – Honig produzieren, über sie wurden ganze Bibliotheken geschrieben, und Generationen von Forschern haben sich mit ihnen beschäftigt. Das Leben der Wespen ist nicht annähernd so gut erforscht.“

Dabei besitzen auch die Wespen ein Kommunikationssystem, über das sie ihren Nestgenossen mitteilen, wo es was zu erobern gibt. Auf Obstwiesen zum Beispiel, unter Kirschen- und Pflaumenbäumen, wo angegorene Früchte herumliegen, da versammeln sie sich wie Löwen an der Wasserstelle, um gemeinsam andere Insekten zu jagen. Liegt irgendwo ein totes Tier herum, sind bald auch Wespen zu Stelle und schneiden sich ganze Fleischstückchen heraus. Ins Nest zurückgekehrt, wissen die anderen Arbeiterinnen bald über den besonders ertragreichen Leckerbissen Bescheid. „Manchmal kleckere ich ein bisschen an meinen Bienenstöcken. Dann ist erst eine Wespe da und fünf Minuten später bereits fünf oder zehn andere“, so Gundula Piehl.

Die Wespenbeauftragte, deren Hauptaufgabe es ist, störende Wespennester umzusiedeln (die Tiere stehen unter Naturschutz und dürfen nicht einfach vernichtet werden), sie ist spürbar fasziniert von den Insekten, die sie zu schützen hat. Würde sie denn ein Kuchenstück kaufen, an dem sich Wespen bereits gütlich taten? „Hm, nein, eher nicht“, meint sie. „Am meisten stört mich der Gedanke, dass Wespen, die viel futtern, ja schließlich auch mal koten müssen.“ Ihr guter Rat für geplagte Bäckersleute: Statt Fallen aufzustellen, die die Tiere weniger locken als der Zuckerguss, sollten sie zusehen, dass die Insekten gar nicht erst in den Laden gelangen.“ In ihren Augen wären Fliegennetze und -vorhänge die beste Lösung. Dann könnte die Ladentür ruhig offenstehen, die Wespen aber müssten draußen bleiben, unter anderem deshalb, weil sie bei jedem Durchgang der Kunden durch den Luftzug vertrieben würden.

„Ich wünsche mir, dass man die Wespen nicht einfach als Störenfriede betrachtet. Wo viele Wespen sind, gibt es auch viele andere Insekten, die von ihnen gefressen werden. Würden wir Wespen rücksichtslos verfolgen, wäre das auch zu unserem Nachteil.“

Die gelbschwarz geringelten Räuber, die allzu gern mit Bienen, bisweilen sogar mit Schwebfliegen verwechselt werden, versetzen nicht selten ganze Frühstückstischgemeinschaften in Aufregung, sobald sie sich dem Marmeladenbrötchen oder dem Honigglas nähern. Doch Obacht: Wespen stehen unter Naturschutz!

Süße Früchtchen sind beliebte Zwischenmahlzeiten der Wespen, insbesondere wenn sie bereits faule Stellen aufweisen.



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