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Schifffahrtsamt muss Zufluss aus Edertalsperre drosseln

Weser sinkt auf 60 Zentimeter - Niedrigwasser und die Folgen

WESERBERGLAND. Der Weser-Pegel fällt. Am Samstag kurz vor Mitternacht wird er bei Hameln-Wehrbergen auf 60 Zentimeter gefallen sein. Etwa sechs Stunden später ist dann mit 85 bis 87 Zentimetern auch in Rinteln maximales Niedrigwasser erreicht. Das hat Folgen für Schifffahrt und Tiere. Ein Überblick.

veröffentlicht am 22.08.2018 um 18:25 Uhr
aktualisiert am 23.08.2018 um 10:20 Uhr

Das Naturschutzgebiet „Auenlandschaft Hohenrode“ – zwischen Rumbeck und Strücken – fällt langsam trocken. Das hat Konsequenzen für die Tierwelt.  Foto: Kathy Büscher
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Von Ulrich Behmann und Leonhard Behmann

Diese Niedrigwasser-Stände prognostiziert Bau-Ingenieur Odo Sigges, gewässerkundlicher Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) in Hannoversch Münden. Zum Vergleich: Im Super-Sommer 2003 fiel der Pegel in Hameln auf 70 Zentimeter. Am 30. November 1921 waren es dort laut WSA nur 28 Zentimeter, jedoch ist unklar, wie es dazu gekommen ist. „Man muss in diesem Zusammenhang die Frage stellen: Welche Regulierungsbauwerke gab es damals im Fluss?“, sagt Sigges. Der niedrigste jemals in Rinteln erfasste Wasserstand wurde 1959 gemessen: 65 Zentimeter. Bereits am Dienstagabend gegen 20 Uhr hat die Bundesbehörde damit begonnen, die Wasserabgabe aus der Edertalsperre zu drosseln. Sukzessive, um negative Folgen für die untere Eder zu verhindern.

„So etwas kann man nur ganz langsam machen“, erklärt der Experte. Der Füllstand der Talsperre ist durch die Dürre-Periode dramatisch zurückgegangen. Bei 40 Millionen Kubikmeter Wasser wird gedrosselt, besser: muss gedrosselt werden. Ansonsten würde die obere Eder trockenfallen.

Seit dem frühen Mittwochmorgen fließen pro Sekunde nur noch sechs Kubikmeter Wasser aus der Edertalsperre. Das ist die Mindestabgabe. Am Dienstag waren es noch 28 Kubikmeter/Sekunde. Die Maßnahme macht sich nicht sofort in Hameln bemerkbar. Die Wellenlaufzeit von der Talsperre bis zum Pegel Wehrbergen beträgt etwa 51 Stunden.

Wie sich das extreme Niedrigwasser auf Fische und andere Lebewesen auswirken wird, vermag Sigges nicht zu sagen.

Sollte es so trocken bleiben (ein kräftiger Gewitterschauer bringt kaum etwas), wird es Ende September kritisch. Die Edertalsperre wäre aktuellen Berechnungen zufolge zu diesem Zeitpunkt nur noch mit 20 Millionen Kubikmeter Wasser gefüllt. „Dann fließt nur noch das raus, was von der Eder reinkommt“, erklärt Sigges. Das sind etwa 1000 Liter/Sekunde. Der Pegel würde abermals fallen.

Ralph Schwekendiek, stellvertretender Leiter des WSA-Außenbezirks Hameln, kann dem niedrigen Wasserstand auch etwas abgewinnen. „Wir können uns jetzt Bereiche von Bauwerken angucken, die wir sonst nicht sehen – die Schleuse, die Wehre, die Fischpässe und die Liege- und Verladestellen. Die liegen aktuell größtenteils frei und können ohne Hilfe von Tauchern inspiziert werden.“ Interessant für die Experten ist die Beschaffenheit der Gründungen.

Gefährlicher Fluss

Angeleint und von der Feuerwehr gesichert: Ulrich Behmann wagt den Selbstversuch.                           Foto: juni

Zu Fuß die Bundeswasserstraße Weser überqueren – bei einem Pegel in Wehrbergen, der 94 Zentimeter anzeigt? Ralph Schwekendiek, stellvertretender Leiter des WSA-Außenbezirks Hameln, behauptet: „Nein, das schafft niemand.“ Ulrich Behmann und Jan-Philipp Hullmann wollten die Aussage des Experten überprüfen. Begleitet von der dreiköpfigen Besatzung eines Rettungsbootes der Feuerwehr Hameln, angeleint und gesichert, sind die Journalisten am Weserbogen bei Wehrbergen in den Fluss gestiegen.

Um es vorweg zu nehmen: Wasserbaumeister Schwekendiek hat recht. Die ersten 30 Meter ist der Fluss seicht, dann wird es 1,50 Meter tief. Eigentlich kein Problem, sollte man meinen. Aber die Strömung auf den restlichen 25 Metern ist zu stark. Sie liegt derzeit zwischen 3,6 und 4,3 km/h. Zum Vergleich: Mit 9 km/h ist die Strömung an den berühmt-berüchtigten Latferder Klippen die schnellste im gesamten Flussverlauf. In der Weser zu baden, das ist nicht ohne: Es gibt gefährliche Strudel, eiskalte Strömungen und stellenweise bis zu sieben Meter tiefe Löcher. „Die Gefahren werden nicht harmloser, wenn der Pegel sinkt“, warnt Schwekendiek. „Deshalb ist es gefährlich, ein Bad in der Weser zu nehmen.“

Müssen Weserfähren ihren Betrieb einstellen?

Fährmann Winfried Lammich lotet den Wasserstand aus. Noch ist genug Wasser unter dem Rumpf seiner „Lilli Marleen“. Foto: leo

Mit einer langen Stange lotet Fährmann Winfried Lammich am Fähranleger von Großenwieden den Wasserstand aus. Noch ist genug Weserwasser unter dem flachen Rumpf seiner blau-weißen „Lilli Marleen“. Aber wie wird das wohl am Samstag aussehen, wenn der Weserpegel in Rinteln nur noch 85 und der in Hameln 60 Zentimeter anzeigt? Das Problem: In Großenwieden kann bei einem weiteren Rückgang des Pegels die Festmachvorrichtung der Fähre nicht mehr genutzt werden, da irgendwann die letzte Sprosse nicht mehr erreicht wird. „Wann das konkret sein wird, bleibt abzuwarten“, sagt Landkreis-Sprecherin Sandra Lummitsch. Die Konsequenz wäre, dass dann die Fähre aufgrund der schifffahrtsrechtlichen Bestimmungen im Zwei-Mann-Betrieb gefahren werden muss. „Unter Berücksichtigung der arbeitszeitrechtlichen Regelungen zu Ruhetagen wäre die Folge, dass wir den Betrieb nicht an sieben Tagen in der Woche aufrecht erhalten können, sondern an einzelnen Tagen schließen müssten. Bei extrem niedrigem Wasser könnte es sogar passieren, dass der Betrieb eingestellt werden muss“, heißt es aus dem Kreishaus.

In Grohnde stehen die Zeichen auf Entspannung. Elmar Günzel, Erster Gemeinderat der Gemeinde Emmerthal, rechnet nicht mit Problemen. Die Fähre habe nur einen sehr geringen Tiefgang. Sie könne auch bei einem Wasserstand von 60 Zentimetern fahren.

Nicht bange vor dem, was da kommen wird, ist Alfred Huck. „Ich pokere im Moment mit der Weser. Noch kann ich nicht genau sagen, wie sich der niedrigere Wasserstand auf meine Hochseilgierfähre auswirken wird“, sagt der Fährmann der Fähre Veltheim/Varneholz. Am Wochenende fahren will er auf jeden Fall. „Meine Fähre hat voll beladen einen Tiefgang von 30 Zentimetern. Wenn es Probleme geben sollte, nehme ich eben weniger Personen mit“, sagt der Mann, der von Freunden und Bekannten „Käpt’n Huck“ genannt wird, gelassen. Der erfahrene Fährmann hat die Pegel von Rinteln und Vlotho ständig im Blick und errechnet so den Wasserstand bei Veltheim. Mit der rund zehn Meter langen historischen Personen-Fähre, die erstmals im Jahr 1661 erwähnt worden ist, können Wanderer und Radfahrer die Oberweser bei Veltheim und Varenholz überqueren.

Flotte Weser fährt im Stauwasser

Die „Hameln“ und die anderen Schiffe der Flotte Weser fahren auch bei Niedrigwasser – zumindest im Staubereich. Foto: Dana

Auch die Flotte Weser ist von dem extrem niedrigen Wasserstand der Weser betroffen. Doch Reeder Jörg Menze bleibt gelassen. Zwischen Hameln und Emmerthal sei genug Wasser vorhanden – da ist er zuversichtlich. Das sei der Staubereich. „Da gibt es überhaupt keine Probleme – auch nicht, wenn der Pegel bei Wehrbergen auf 60 Zentimeter fällt. Alle Fahrgastschiffe können dort fahren, nicht nur die Flachgänger.“ Ergo: Alle Rundfahrten und Eventfahrten finden auf diesem Streckenabschnitt statt – das Stauwasser macht’s möglich.

„Der Wasserstand liegt dort konstant bei einem Meter.“ Andernorts macht sich das extreme Niedrigwasser allerdings schon bemerkbar. Ab Samstag werden Bodenwerder, Polle, Höxter und Bad Karlshafen bis auf Weiteres nicht mehr angefahren. Menze reagiert und holt zusätzliche Schiffe in die Rattenfängerstadt – vier „Pötte“ der Flotte Weser legen dann in Hameln an und ab.

Kiesschifffahrt hat Probleme

Noch fährt der Kiesfrachter „Radial“, doch ab Samstag wird das Wasser knapp. Foto: leo

Besonders schwer trifft es die Kiesschifffahrt auf der Weser bei Rinteln. Durch das Niedrigwasser können die Transporte nur noch mit Einschränkungen durchgeführt werden. „Wir fahren im Moment noch, aber wir können unsere Schubleichter nicht mehr voll beladen. Der Schubverband hätte sonst zu viel Tiefgang“, erzählt Sascha Wagener, Geschäftsführer beim Rintelner Unternehmen „Ahe Schaumburger Weserkies“. Normalerweise schiebt das Schubschiff „Radial“ pro Schute 650 Tonnen Kies vom Abbaugebiet bei Ahe zum Werk in Engern. „Aber das geht schon seit ein paar Wochen nicht mehr. Dadurch entsteht uns ein wirtschaftlicher Schaden. Wie groß dieser genau ist, kann ich derzeit noch nicht sagen“, sagt Wagener. Sollten sie sich die Prognosen bestätigen, müsste die Kiesschifffahrt auf der Oberweser eingestellt werden.

Polizei steigt vom Boot aufs Auto um

Wasserschutzpolizei auf Streifenfahrt in Rinteln – demnächst müssen die Beamten auf das Auto umsteigen. Foto: leo

Noch patrouillieren die Beamten der Wasserschutzpolizei in Nienburg auch bei Niedrigwasser auf der Weser bei Hameln und Rinteln. Mit ihrem Streifenboot „W 31“ und dem Schlauchboot „W 25“ können die Ermittler zwar noch überall auf der Oberweser fahren. „Sollte der Wasserstand aber in Hameln tatsächlich auf 60 Zentimeter fallen, könnte es hier sogar für Streifenboote mit geringem Tiefgang problematisch werden“, erklärt der Stationsleiter der Wasserschutzpolizei in Nienburg, Frank Schäfer. Dann werden die Wasserschutzpolizisten gezwungenermaßen auf Streifenwagen umsteigen. Die Wasserschutzpolizei in Minden musste ihr großes Streckenboot schon gegen ein kleineres Streifenboot mit wenig Tiefgang tauschen. Viel Schifffahrt dürfte es bei diesem Extrem-Wasserstand dann ohnehin nicht mehr geben. Selbst für Sportboot-Fahrer wird es problematisch.

Nabu sorgt sich um Amphibien und Austernfischer

Tümpel trocknen aus, der Amphibien-Nachwuchs verendet. Verlassen bald seltene Vögel die Auenlandschaft? Foto: Büscher

In der Auenlandschaft sorgen die niedrigen Pegel der Weser für Probleme. Sandbänke liegen frei, und Tümpel sind ausgetrocknet. „Das ist besonders schlimm für Wasserfrösche, Erdkröten, Faden- und Teichmolche“, sagt Dr. Nick Büscher, Vorsitzender des Nabu Rinteln. Sie haben hier Laich abgelegt. Jetzt, wo die Tümpel ausgetrocknet sind, ist der Nachwuchs verendet. Mit dem fallenden Wasserstand schwinden auch natürliche Barrieren in der Auenlandschaft. „Galloways und Ziegen sind bereits ausgebüxt“, erzählt Dr. Büscher.

Normalerweise würde sie ein Zaun an der Flucht hindern. „Doch der geht nur noch ein Stückweit ins Wasser“, berichtet Dr. Büscher. Mit Sorge beobachten die Naturschützer eine Sandbank. Auf ihr machen Austernfischer und Kormorane Rast. Die kleine Insel schaut schon seit Mai aus dem Wasser. „Wenn nicht bald der Pegel steigt, dann wird sie zuwachsen. Austernfischer würden die Sandbank nicht mehr anfliegen, wenn auf ihr Gras wächst. Im schlimmsten Fall würden sie aus der Auenlandschaft verschwinden.“

60 Zentimeter bedeutet 69 Prozent Produktionsausfall

Das Turbinenhaus in der Hamelner Pfortmühle  Foto: Stadtwerke

Ein 60-Zentimeter-Pegel bei Wehrbergen hätte erhebliche Auswirkungen auf den Betrieb der Wasserkraftanlagen der Stadtwerke Hameln, denn: Bei einem Wasserstand von 65 Zentimetern hat die Weser nur noch einen Durchfluss von 38,2 Kubikmeter/Sekunde. Der sogenannte Ausbaudurchfluss der heimischen Kraftwerke ist auf je 32,5 Kubikmeter/Sekunde am Werder und auf 35 Kubikmeter/Sekunde an der Pfortmühle ausgelegt. In der Summe sind das 100 Kubikmeter/Sekunde, was einem Wasserstand von 1,45 Meter entspricht.

Derzeit mussten die Anlagen bereits um 25 Prozent gedrosselt werden. Sollte sich der Pegel bei 60 Zentimeter einpendeln, muss der Anlagenbetrieb um etwa weitere 40 Prozent reduziert werden. Die Anlagen wären dann um zirka zwei Drittel ihrer Leistung reduziert. „Im realen Betrieb hieße das, dass nur noch eine Anlage mit einem Durchfluss von etwa 35 Kubikmeter/Sekunde betrieben werden kann“, sagt Stadtwerke-Prokurist Helmut Feldkötter. 60 Zentimeter Wasser bedeutet für das Unternehmen einen Produktionsausfall von zirka 69 Prozent.

Beim Kraftwerk geht’s nur um die Flusstemperatur

Das Atomkraftwerk Grohnde – in Hameln darf der Fluss nach der Einleitung des Kühlwassers in Grohnde (Durchmischung) nicht wärmer als 28 Grad sein. Derzeit ist die Weser in Hameln 23,2 Grad warm.  Foto: ube


Das Kernkraftwerk Grohnde will die Lage täglich neu bewerten und dann entscheiden, welche Maßnahmen möglicherweise erforderlich sind, um die wasserrechtlichen Auflagen zu erfüllen. In Hameln darf der Fluss nach der Einleitung des Kühlwassers in Grohnde (Durchmischung) nicht wärmer als 28 Grad sein. Zudem gibt es die Maßgabe, dass es „drei Grad Temperaturunterschied geben muss – zwischen der Entnahme in Grohnde und der Messstelle in Hameln. „Das könnte relevant werden, wenn die Durchflussmenge der Weser sinkt“, meint PreussenElektra-Sprecherin Almut Zyweck.

„Die Weser von oben“

Das Magazin „Die Weser von oben“ zeigt auf 172 Hochglanz-Seiten die Weser in all ihrer Schönheit und Vielfalt: Luftbilder, Reportagen, Fakten. Das Hochglanz-Magazin ist zum Preis von 9,80 Euro in den Geschäftsstellen von Dewezet und Pyrmonter Nachrichten erhältlich und kann auch online im Shop unter www.dewezet.de bestellt werden.


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