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Weser lässt die Nordseestrände schäumen

Viele Nordseestrände sehen derzeit aus, als würden sie ein ausgiebiges Schaumbad nehmen. Doch was sich da weiß und flauschig auftürmt, ist keine Seife, sondern Algenschaum. Und dieser klebt, riecht unangenehm und verdirbt vielen Urlaubern das Badevergnügen.

veröffentlicht am 08.07.2010 um 16:18 Uhr
aktualisiert am 08.02.2011 um 17:04 Uhr

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Schuld an diesem Schaum sind winzige Algen, die massenhaft in der Nordsee vorhanden sind. Sie setzen beim Absterben Eiweiß frei, und dieses wird dann durch die Wellen aufgeschlagen – fast so, wie Eiweiß in einem Mixer zu Eischnee wird. Gesundheitsschädlich oder sogar giftig sind diese Schaumberge zwar nicht, doch sie sind ein Warnsignal. Denn entstehen können sie in dieser großen Anzahl nur durch zu hohe Nährstoffkonzentrationen im Wasser. Und zu deren Entstehung trägt auch unsere Weser bei.

„Die Qualität der Weser ist grauenhaft“, sagt Harald Gülzow, Diplom-Physiker und Vorstandsmitglied des Vereins „VSR-Gewässerschutz“, der seit 30 Jahren die Wasserqualität deutscher Flüsse überprüft. Erst in seiner letzten Messfahrt im Dezember 2009 hat der Verein erneut eine viel zu hohe Konzentration von Nitrat in der Weser nachgewiesen. Nitrate sind die Salze der Salpetersäure und gehören zu den Hauptnährstoffen im Boden. Dort werden sie von Mikroorganismen aus Luftstickstoff oder aus stickstoffhaltigen organischen Verbindungen gebildet. Und eben dieses Nitrat dient Pflanzen als Nährstoff und fördert durch sein übermäßiges Vorhandensein das Algenwachstum.

Die Messfahrt hat ergeben, dass der Nitratgehalt der Weser im Raum Holzminden etwas über 16 Milligramm pro Liter liegt, bis nach Minden steigt er sogar auf 18 Milligramm pro Liter an. „Das ist viel zu viel“, sagt Gülzow. Und auch der „Rat von Sachverständigen für Umweltfragen“ der Bundesregierung bestätigt diese Ansicht. Er fordert einen maximalen Nitratgehalt von 7,9 Milligramm pro Liter.

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„Grauenhaft“: Diplom-Physiker Harald Gülzow untersucht Gewässerproben.

„Um die Probleme der Nordsee in den Griff zu bekommen, müssen wir diese Werte unbedingt verbessern“, fordert Gülzow. Und das nicht nur der Nordsee, sondern auch unserem heimischen Gewässer zuliebe. Das Schwimmen in der Weser sei für den Menschen zwar immer noch unbedenklich, doch es gibt andere Probleme. „Vor allem in den Nebenarmen der Weser, in denen keine starke Strömung herrscht, fördert der Nitratgehalt starkes Algenwachstum und ist auch eine Gefahr für den Fischbestand“, erklärt Gülzow.

Für die heimischen Angler ist das nichts Neues. Sie bemerken seit Jahren, dass der Fischbestand in den stehenden und fließenden Gewässern immer geringer wird. „Es gibt bedeutend weniger Fische als noch vor einigen Jahren“, bestätigt der zuständige Mann für Öffentlichkeitsarbeit beim Sportfischerverein Hameln und Umgebung, Wilhelm Wehrhahn. Und auch Algenbildung beobachtet der Angler immer wieder. „Besonders jetzt ist sie in der Weser bei Hameln deutlich zu sehen – der Fluss erscheint braun“, was man Algenblüte nenne. Wehrhahn sieht die Hauptursache für die Algenbildung im hohen Salzgehalt. Hierdurch und durch eine intensiv wirtschaftende Landwirtschaft werden die Nährstoffe für die Algen geliefert, führt er aus. Was den verringerten Fischbestand anbelangt, führt der Pressesprecher der Sportfischer noch einen dritten Grund an: den Kormoran, der die Fischbestände kräftig dezimiere.

„Die Landwirtschaft ist der Hauptverursacher“, ist sich Harald Gülzow sicher. „Bei der Massentierhaltung fällt viel Gülle an“, sagt er. Und es gebe keine Kontrollen, wo diese Gülle bleibt. „So kommt es schnell zu einer Überdüngung des Bodens und damit zu einer Auswaschung des Nitrates ins Grundwasser.“

Dies sieht Hameln-Pyrmonts Kreislandwirt Karl-Johann Stukenbrock jedoch anders. „Hier in unserem Bereich gibt es keine Massentierhaltung, die Viehhaltung ist recht gering, sie liegt bei etwa 0,5 Großvieheinheiten, in anderen Regionen werden zwei Großvieheinheiten noch übertroffen.“ (Zur Erklärung: Eine Großvieheinheit entspricht der Menge an Futterenergie, die eine Milchkuh braucht. Diese Einheit stellt eine den verschiedenen Tierarten gemeinsame, auf den Futterbedarf ausgerichtete Bezugseinheit dar.) Der Kreislandwirt verweist darauf, dass im Weserbergland kaum Gülle ausgebracht wird, und wenn die Landwirte mit Gülle düngen, diese mit Schleppschläuchen direkt an die Pflanzen gebracht wird.

Karl-Johann Stukenbrock ist sicher, dass nichts aus dem Ruder laufen kann, denn jeder Landwirt sei verpflichtet, jährlich eine Düngebilanz zu erstellen. Aus dieser gehe genau hervor, wie viel gedüngt wird, wie viel Stickstoff dem Boden durch Pflanzen entzogen wird und was im Boden zurückbleibt. Eine Überdüngung sei für den Landwirt überhaupt nicht erstrebenswert. Mit seinem Schaumburger Kollegen Heinz Schweer ist er sich einig, dass ein hoher Düngereinsatz „zum einen Geld kostet und damit ökonomisch nicht sinnvoll ist, zum anderen vertragen viele Pflanzen eine zu hohe Stickstoffkonzentration im Boden gar nicht“, erklären sie.

Nach Ansicht Gülzows könne man die Wasserqualität jedoch nur verbessern, wenn man die Landwirtschaft „in den Griff bekommt“. Dann wäre es realistisch, die empfohlene Nitratgrenze von 7,9 Milligramm pro Liter innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erreichen. Und er hat auch schon einen Vorschlag, wie man die Landwirtschaft zum Einlenken bewegen könne: „Man könnte die Subventionen an die Art der Bewirtschaftung knüpfen. Dadurch könnte man erreichen, dass die Landwirte so wirtschaften, dass die Nitratbelastung minimiert wird.“ Als Beispiel für eine solche Art der Landwirtschaft führt Gülzow den ökologischen Landbau, also die Bio-Bauern, an.

Karl-Johann Stukenbrock erklärt, dass sich die Nitratbelastung aus natürlichen Prozessen ergebe. Überall, wo Mineralisation stattfinde, entstehe Nitrat. So auch im Wald und auf Brachflächen. „Die beste Nitratbindung ist eine gezielte Bewirtschaftung“, betont Karl-Johann Stukenbrock. Was den ökologischen Landbau anbelangt, so säen die Bio-Bauern Zwischenfrüchte aus, die Stickstoff bilden, um den Boden mit Nährstoff für ihre Früchte anzureichern. Landwirte wehren sich landauf, landab dagegen, dass sie als alleinige Verursacher angeprangert werden.

Die Aussage von Wilhelm Wehrhahn zur Problematik Salzgehalt bestätigt auch der Diplom-Physiker Gülzow. Nicht nur der Nitratgehalt, sondern auch die hohe Salzkonzentration beeinflusst die Wasserqualität. Gerade wegen der von dem Düngemittelproduzenten K+S geplanten Einleitung von zusätzlichem Salzwasser ist dieser Wert in den vergangenen Monaten verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. „Die Weser hat nicht die Qualität eines Süßwasserflusses“ sagt Gülzow. Für solch einen Fluss gelte der Grenzwert von 20 bis 50 Milligramm Salz pro Liter. Und die Weser liegt weit darüber. „In der Weser wurden bei Bremen 200 Milligramm Salz gemessen, in Minden sogar 400“, sagt der Wissenschaftler. Der Salzgehalt der Weser liegt demnach um das Zehnfache über dem natürlichen Wert. Und das hat Auswirkungen auf das Ökosystem. Denn schon ab 200 Milligramm lassen sich laut Gülzow Schäden für das Leben im Fluss nachweisen.

Und wie kann die Wasserqualität der Weser im Vergleich zu anderen Flüssen bewertet werden? „Sie liegt ganz klar im unteren Drittel“, sagt Gülzow. Die Lippe sei zwar noch etwas schlechter, da sie eine höhere Salzkonzentration habe – aber sogar der Rhein habe eine bessere Wasserqualität als die Weser.

Algenschaum an Nordseestränden – was geht das uns im Weserbergland an? Eine ganze Menge. Denn die Wasserqualität der Weser trägt maßgeblich dazu bei, dass auch das Nordseewasser immer schlechter wird. Der Fluss ist mit Nitraten belastet – als „grauenhaft“ bezeichnen Experten die Wasserqualität. Messwerte übersteigen die Empfehlungen um ein Vielfaches.

Am Nordseestrand türmen sich große Berge aus Algenschaum auf. Gefährlich ist der Schaum nicht, doch er veranlasst zum Nachdenken: In einem gesunden Gewässer nämlich würde es diese Mengen nicht geben. Fotos: pr./cok



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