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Erinnerung an die Sozialdemokratin Rosa Helfers / Ratsfrau in Hameln und Abgeordnete in Berlin und Hannover

„Wer zögert, der fällt!“

Sie ist die älteste Partei in Europa und feiert in diesen Tagen ihren 150. Geburtstag – die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die SPD. Am 23. Mai 1863 wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Seine Führung übernahm Ferdinand Lassalle. In Konkurrenz zu dem Arbeiterverein entstand 1866 zunächst die Sächsische Volkspartei, 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, geprägt von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Trotz unterschiedlicher Auffassungen in der Gewerkschaftsfrage und der Form des sich weiterentwickelnden deutschen Nationalstaates schlossen sich die beiden Organisationen 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammen, die 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands umbenannt wurde. Frauen durften damals übrigens nicht Parteimitglied werden – nicht etwa, weil die Partei ihnen die Aufnahme verweigert hätte, sondern weil das zu dieser Zeit geltende Vereinsrecht es ihnen untersagte.

veröffentlicht am 23.05.2013 um 00:00 Uhr

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Für Rosa Helfers war dies kein Hinderungsgrund, 1907 als 22-Jährige der SPD beizutreten – unter falschem Namen als Mann. Erst 1908 wurde das Verbot aufgehoben und Rosa Helfers konnte sich öffentlich zu ihrem politischen Engagement bekennen – es sollte der Beginn einer bedeutenden politischen Karriere sein, die sie zwar nicht in Ministerämter führte, aber ihr außerordentlich hohes Ansehen bei den Menschen einbrachte.

Geboren am 30. September 1885 in Hamburg, wuchs Rosa Boye, wie sie mit Mädchennamen hieß, in einem sozialdemokratisch geprägten Milieu auf. Von ihrem Vater ist nur bekannt, dass er der SPD angehörte und ein enger Vertrauter von August Bebel war. Von ihm hatte sie einen Leitspruch übernommen, der immer wieder in den wenigen später über sie geschriebenen Texten zitiert wird: „Bist Du gewillt, das Ziel zu erreichen, das Du gewählt, dann darfst Du nie weichen. Wer zögert, der fällt!“ Damals nicht selbstverständlich war die Tatsache, dass Rosa Boye nach der Volksschule eine qualifizierte Ausbildung erhielt – sie wurde Kindergärtnerin, ein Beruf, der gut zu ihr passte, wie ihr Leben später zeigen sollte, denn Rosa Helfers kümmerte sich ihr ganzes Leben lang immer um Menschen.

Noch keine 17 Jahre alt, heiratete Rosa Boye den aus Westendorf im Kreis Rinteln stammenden Sozialdemokraten und Glasmacher Ludwig Helfers in Hannover, wo sie 1907 mit ihrem SPD-Beitritt unter männlichem Pseudonym, wie Helga Altkrüger-Roller in ihrem Buch „Couragierte Frauen aus Hameln & Umgebung“ über sie schreibt, „im wahrsten Sinne des Wortes die ,erste Sozialdemokratin‘“ war.

1911 zog das Ehepaar Helfers nach Hameln um, wo Rosa politisch nicht untätig blieb, sondern sich unverzüglich in die Arbeit stürzte und die gewerkschaftliche Jugendarbeit leitete. Zudem engagierte sie sich in der Gefangenenfürsorge im Hamelner Zuchthaus. Einzelheiten aus dieser Zeit sind darüber nicht überliefert, aber das Los der Gefangenen sollte sie zeitlebens beschäftigen und begleiten. Als im November 1918 das Dreiklassenwahlrecht aufgehoben worden war und Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhalten hatten, muss es für Rosa Helfers eine Selbstverständlichkeit gewesen sein, politische Verantwortung zu übernehmen: Als einzige Frau wurde sie in Hameln Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates, der für kurze Zeit die Stadt regierte.

Als in Berlin 1919 die Arbeiterwohlfahrt als Selbsthilfeorganisation der Arbeiter gegründet worden war, wartete Rosa Helfers nicht lange und rief gemeinsam mit anderen die Arbeiterwohlfahrt (Awo) auch in Hameln ins Leben. Zudem war sie „Mitinitiatorin der Ortsgruppe der Naturfreunde, der Volksbühne und der Freidenker“, wie Christl Wickert in einem biografischen Aufsatz in dem Buch „Frauen machen Politik – Parlamentarierinnen in Niedersachsen“ über sie schrieb. Als im Februar 1919 die Kommunalwahl für das Kollegium der Bürgervorsteher ausgeschrieben wurde, stand, wie selbstverständlich, Rosa Helfers mit auf der Wahlliste und wurde als erste Frau in Hameln ins Stadtparlament gewählt, dem sie bis zu ihrem beruflich bedingten Rücktritt im Jahr 1929 angehörte.

Ihr politisches Engagement in Hameln blieb den Genossen in Hannover natürlich nicht verborgen – der kämpferischen Politikerin wurde für den Wahlkreis Südhannover die Kandidatur für den preußischen Landtag angeboten. Und Rosa Helfers zögerte nicht, auch hier politische Verantwortung zu übernehmen, bis die Nazis den preußischen Landtag abschafften. Ihr Engagement in der Gefangenenfürsorge führte dazu, dass sie sich in ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete als Expertin in Justizfragen einen hervorragenden Namen machte. Nicht genug, sie ließ sich zur Gefangenenfürsorgerin – heute würde man sagen zur Sozialarbeiterin – ausbilden und wurde 1929 erste und einzige Gefängnisdirektorin Deutschlands für die Frauenhaftanstalt in Berlin-Moabit, was auch zum Umzug von Hameln nach Berlin führte und ihre kommunalpolitische Laufbahn in der Rattenfängerstadt fürs Erste beendete.

Die Zeit in Berlin sollte nicht allzu lange dauern, denn als Sozialdemokratin war sie den 1933 an die Macht gewählten Nationalsozialisten natürlich ein Dorn im Auge, wurde als Gefängnisdirektorin entlassen und kehrte mit ihrem Mann nach Hameln zurück. Unerschrocken verschwand Rosa Helfers nicht etwa in der inneren Emigration, sondern kümmerte sich, so gut dies eben ging, um politische Häftlinge hinter den Mauern des Zuchthauses. Zugute kam ihr dabei das frühere Engagement in der Gefangenenfürsorge. Sie wusste, wer von den Zuchthausaufsehern SPD-Mitglied gewesen war und fand über sie Mittel und Wege, den Kontakt zu den Familien der Gefangenen herzustellen. Sie selbst besuchte diese Häftlinge so oft es die Gefängnisleitung zuließ und betreute diese Opfer der Nazis. Mehrfach wurde sie wegen ihrer Aktivitäten von der Gestapo in Schutzhaft genommen und geriet durch den Bericht eines V-Mannes, der von 1903 bis 1933 selbst SPD-Mitglied gewesen war, ins Visier der Gestapo-Leitung in Berlin, blieb aber bis nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 im Wesentlichen auf freiem Fuß. Danach teilte sie das Schicksal vieler ehemaliger sozialdemokratischer und kommunistischer Mandatsträger, die während der „Aktion Gewitter“ in Arbeits- und Konzentrationslager verschleppt wurden. Sechs Monate musste die 59-Jährige dort erdulden. Die Folge der dabei erlittenen Misshandlungen und schwerster Arbeit war ein Nierenleiden, das sie in den Nachkriegsjahren schwer beeinträchtigte. Die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges erlebte Rosa Helfers in Hameln.

Als die Amerikaner die Weser bei Ohr überschritten und Hameln Anfang April 1945 eingenommen hatten, stand Rosa Helfers in vorderster Linie, als es darum ging, Ausgebombten, Flüchtlingen, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen notdürftig zu helfen. Als Politikerin mit einwandfreiem Leumund wurde sie von den Briten in den Ausschuss für Wiederaufbau der Stadt beordert und im Juni 1945 als Fürsorgerin bei der Stadt angestellt und begann erneut mit der Arbeit als sozialdemokratische Kommunalpolitikerin, aber auch als aktives SPD-Mitglied auf höchster Ebene. Als unter der Leitung von Kurt Schumacher im Oktober 1945 in Wennigsen die SPD neu gegründet wurde, gehörte Rosa Helfer mit zu den Teilnehmern dieser Konferenz. Wenig später ernannten die Briten sie zum Mitglied des neuen erst hannoverschen, dann des niedersächsischen Landtages. Auch den Neubeginn des Hamelner Stadtrates am 1. Dezember 1945 erlebte Rosa Helfers als eine von zwei Frauen in dem 28-köpfigen Gremium. Es war noch ein Mandat kraft britischer Anordnung. Aber am 14. Oktober 1946 waren echte freie Kommunalwahlen. Neben Oberbürgermeister Heinrich Löffler errang Rosa Helfers als Einzige ein Direktmandat und rückte gemeinsam mit Löffler bei der Landtagswahl 1947 mit einem ebenfalls hervorragenden Wahlergebnis in den Landtag ein. Sie war die einzige Abgeordnete, die noch auf Erfahrungen der parlamentarischen Arbeit während der Weimarer Zeit zurückblickte. Wegen ihres anhaltenden Nierenleidens dauerte die politische Karriere von Rosa Helfers nur bis 1952 – die große Sozialdemokratin musste aus gesundheitlichen Gründen alle Ämter niederlegen. Sie starb am 1. März 1965.

Während die Stadt Hameln sich schwertat, ihre Verdienste für die Menschen in Hameln zu würdigen, wurde ihr 1960 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Erst im Zuge der Umgestaltung des britischen Scharnhorstgeländes wurde im Jahr 2004 eine Straße nach ihr benannt. Die SPD ehrte sie am 29. November 1997 mit der Benennung ihrer Hamelner Parteizentrale als Rosa-Helfers-Haus.

Die Hamelner Parteizentrale der SPD trägt seit 1997 den Namen Rosa-Helfers-Haus. Die Partei ehrt damit eine Frau, die sich früh politisch engagiert hat – erst mit falschem Namen, dann im preußischen und später im niedersächsischen Landtag. Der 150. Geburtstag der SPD ist Anlass, an sie zu erinnern.

Rosa Helfers gilt als eine der herausragenden sozialdemokratischen Politikerinnen sowohl der Weimarer Zeit als auch der frühen Geschichte des niedersächsischen Landtages. In Hameln wurde sie von vielen Menschen als „Mutter Rosa“ bezeichnet.SPD



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