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Wer wohnt denn hier? Wild im Wandel

Das Weserbergland zählt zu den wildreichsten Regionen in Norddeutschland. Interessanterweise hat sich das Vorkommen der Wildarten in den 154 Jagdrevieren des Landkreises Schaumburg jedoch grundlegend verändert. Das ist besonders markant an den Abschussstatistiken abzulesen. Zwar liegen Schaumburgs Kreisjägermeister Heinrich Stahlhut-Klipp noch nicht alle Zahlen des letzten Jahres aus den Jagdrevieren vor, aber eines kann Stahlhut-Klipp schon sagen: „Den Hasen in unserem Landkreis geht es ziemlich schlecht. Wir haben ein echtes Problem.“

veröffentlicht am 09.02.2012 um 06:00 Uhr

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Der Kreisjägermeister spricht dabei weniger von den veränderten Umweltbedingungen für die Langohren, als vielmehr von einer Seuche, die derzeit unter den Hasen grassiert. „Viele Hasen sind von dem EBHS-Virus befallen“, meint Stahlhut-Klipp. EBHS – das steht für „European Brown Hare Syndrome“. Das Virus rufe Entzündungen von Leber und Milz bei den Feldhasen hervor, führe zu inneren Blutungen und letztendlich zum plötzlichen Tod, erklärt Stahlhut-Klipp.

Hasen und Kaninchen waren einstmals die am häufigsten erlegten Wildarten in heimischen Jagden. Nun ist ein Großteil des Bestandes in den Schaumburger Wäldern betroffen, die Jäger hätten Dutzende tote Tiere aufgefunden. „Im letzten Jahr hat sich der Hasenbesatz um etwa die Hälfte reduziert“, schätzt der Kreisjägermeister die aktuellen Folgen des Virusbefalls ein. Aber auch ohne tödliche Krankheit habe sich die Anzahl der Hasen am Waldrand und in den Feldern stark reduziert. Noch in den 70er Jahre verzeichneten Schaumburgs Jäger Abschusszahlen bei Hasen zwischen 1500 und 1600. „Seit einigen Jahren sind es aber nicht mehr als 400“, so der Kreisjägermeister. Ganz abgesehen von dem derzeit grassierenden Virus sagt Stahlhut-Klipp: „Bedroht ist der Hase aber nicht.“

Die Ursache für diese Entwicklung ist in der gravierenden Umgestaltung unserer Kulturlandschaft – sowohl in der Landwirtschaft als auch im Waldbau – in den vergangenen 50 Jahren zu suchen: So fanden beispielsweise Hase und Kaninchen bis in die 50er Jahre noch eine kleinparzellierte Agrarlandschaft mit gliedernden Hecken und Gehölzbereichen vor.

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Bis in die 60er Jahre ging es dann in der Nachkriegszeit vor allem darum, möglichst schnell wieder genügend Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu produzieren. Dies gelang vor allem durch die nun zunehmende Mechanisierung. Aufgrund von immer mehr Maschinen konnte auf den Feldern immer mehr produziert werden. Der Einsatz von künstlichem Dünger und Pestiziden vereinfachte zudem die Arbeit erheblich. Die Bedingungen mit einem hohen Anteil von Kleinbetrieben und Flurzersplitterung waren jedoch nicht geeignet, die Existenz der ländlichen Bevölkerung langfristig zu sichern. Bereits Anfang der 50er Jahre begannen deshalb umfangreiche Maßnahmen zur Steigerung der Erträge. Im Rahmen der Flurbereinigung wurde die Landschaft nach ökonomischen Aspekten neu geordnet. Es wurde keinerlei Rücksicht auf ökologische Verträglichkeit genommen. Die neuen schleppergerechten Felder und kürzeren Anfahrtswege waren Teil einer weitreichenden Rationalisierung der Landwirtschaft.

In einer weiteren Entwicklungsphase bis in die 80er Jahre verstärkte sich der Wandel der Agrarstruktur. Die bis heute wirksame Tendenz zur Spezialisierung der Agrarproduktion setzte ein. Die traditionelle Produktionsvielfalt bäuerlicher Gemischtbetriebe wurde aufgegeben. Man richtete sich auf Hauptproduktionsrichtungen ein – sei es nun Getreideanbau oder Viehproduktion. Dadurch hat sich die Landwirtschaft zu einem Industriezweig entwickelt. Und hier liegt der Grund dafür, dass Meister Lampe heute des Jägers größtes Sorgenkind und nur noch in kleinen Stückzahlen anzutreffen ist.

Denn Hasen brauchen für ihre Ernährung eine Kräutervielfalt, die die moderne Landwirtschaft nicht bietet. Und ihre kurzohrigen Vettern, die Kaninchen, sind kaum mehr im Landkreis anzutreffen – es sei denn, vereinzelt in Parks oder auf Friedhöfen.

Die Abschusszahlen des Schalenwilds hingegen – also Rot-, Dam-, Schwarz-, Muffel- und Rehwild – sprechen für eine über die Jahrzehnte gestiegene Zahl an Wildtieren in den Wäldern. Die Rekordstrecke von 1600 erlegten Tieren im Jahr 2010 werden Schaumburgs Jäger in 2011 wohl nicht erreicht haben. Dennoch schätzt Stahlhut-Klipp die Strecke auf knapp 1000 Tiere. „Das ist ein konstanter Wert, den wir in den letzten Jahren immer erreicht haben.“ Konstant sei auch die Strecke beim Rehwild mit gut 2000 Tieren pro Jahr.

Dass das hauptsächlich den Wald bewohnende Schalenwild in immer größeren Stückzahlen die Reviere des Landkreises bevölkert, liegt an der wildfreundlichen Forstwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte. Waren bis in die 70er Jahre Monokulturen, Kahlschläge und dunkle Hochwälder für die hiesige Region prägend, so hat die moderne Forstwirtschaft wieder Licht und Pflanzenvielfalt in die Wälder gebracht: Forstreviere wurden als etagenreiche, lichte Mischwälder mit möglichst breiter Naturverjüngung aufgebaut, in denen eine krautreiche Flora aufleben konnte. Der Waldboden in den Schaumburger Wäldern bietet so wieder ein vielfältiges Nahrungsangebot für Wildtiere, die von der modernen Waldwirtschaft profitieren.

Erstmals taucht auf dem Erfassungsbogen für 2012 auch eine Tierart auf, dessen Rückkehr nach Niedersachsen nach Meinung der Wildbiologen ganz akut bevorsteht und nicht nur bei Jägern auf geteilte Meinung stößt: der Wolf. Hierzu werden die Waidleute nicht nur nach ihrer Meinung über diese Rückkehrer befragt, sondern auch nach Beobachtungen im eigenen Revier. Die Ergebnisse dieses „Wolfsmonitoring“ sollen zusammen mit dem Institut für Wildtierforschung an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover wissenschaftlich ausgewertet werden.

Mit Blick auf die Ausbreitung der Wölfe aus dem Osten und das Jagdverbot ist sicher, dass Niedersachsen in den nächsten Jahren wieder Wolfsland wird. Erste Wolfsmeldungen aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont waren nicht haltbar, aber Kreisjägermeister Heinrich Stahlhut-Klipp schließt die Sichtung eines Wolfes auch für die Schaumburger Wälder nicht aus, die grundsätzliche Rückkehr des Wolfes nach Schaumburg schon. „Vielleicht wird mal ein einzelner Wolf gesehen. Aber die Ansiedlung eines Wolfsrudels halte ich für unsere Region wegen der dichten Besiedelung eher für unwahrscheinlich.“

Die Wälder und Flure des Weserberglandes sind reich an Wild. Doch das Vorkommen der einzelnen Arten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Verursacher ist – wie sollte es anders sein – der Mensch. Derzeit sind die Hasen in den Schaumburger Wäldern zudem von einem tödlichen Virus befallen.



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