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In Niedersachsen einmalig: Wennigser Schüler bestimmen selbst, was an ihrer Schule verbessert werden soll

Wer will mehr Döner in der Mensa?

Wenn Schüler gefragt werden, was an ihrer Schule unbedingt verbessert werden soll, sind die Antworten eindeutig: Eine Dönerbude muss her, die Toiletten sollen saniert werden, und ein freier Internetzugang über W-Lan wäre auch nicht schlecht.

veröffentlicht am 18.02.2013 um 00:00 Uhr

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Das sind ganz pragmatische Wünsche. Und es sind allesamt Vorschläge, die beim „Schülerhaushalt“ an der Wennigser Sophie-Scholl-Gesamtschule die meisten Stimmen erhalten haben. 1000 Schüler wurden dabei gefragt, mit welchen Maßnahmen der Schulalltag verbessert werden könnte. Interessant an dem Projekt Schülerhaushalt: Die Kinder und Jugendlichen aller Jahrgangsstufen dürfen hierbei im Rahmen eines 7000-Euro-Budgets selbst bestimmen, was an ihrer Schule tatsächlich verändert wird.

Der Schülerhaushalt ist ein Pilotprojekt der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung. Die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Wennigsen ist bislang die einzige Schule in Niedersachsen, die dabei mitmacht. Daneben bestimmen noch Schüler von fünf Schulen im ostwestfälischen Rietberg über ihr Budget selbst ab.

„Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Lebensumfeld ganz konkret mitbestimmen können“, fasst Alexander Koop die Ziele des Pilotprojekts zusammen. Der 36-Jährige ist im Weserbergland aufgewachsen, in Hameln zur Schule gegangen und betreut jetzt den Schülerhaushalt als Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung. „Der Schülerhaushalt ist für uns besonders spannend, da es nur wenige Ansätze zur Kinder- und Jugendbeteiligung gibt, die alle mit einbeziehen, bei denen die Jugendlichen wirklich etwas für sie Relevantes verändern können und die auch mit geringem Aufwand angesichts knapper Kassen umsetzbar sind“, sagt Koop.

Für die Sanierung der Schultoiletten reicht

der Schüleretat nicht aus

Der Begriff „Haushalt“ mag in Zusammenhang mit Schulpolitik und Finanzplanung für junge Menschen wohl eher öde und verstaubt, für Schüler zuweilen auch ziemlich langweilig klingen. Der Blick an den Deister nach Wennigsen beweist aber das Gegenteil: Von Desinteresse ist kaum eine Spur zu sehen. Bei der Abstimmung über die Verbesserungsvorschläge haben nahezu alle Schüler mitgemacht. Die Beteiligung lag bei 92 Prozent. Davon wird bei Wahlen sonst wohl nur geträumt.

An die 30 Verbesserungsvorschläge haben die Wennigser Schüler im Rahmen des Projekts erarbeitet. Jeder Vorschlag, der mindestens fünf Unterstützer gefunden hatte, wurde im Vorfeld der Abstimmung angenommen. Die Wennigser Gemeindeverwaltung hatte als Schulträger den Schülern eine Rückmeldung zur Umsetzbarkeit und den Kosten der einzelnen Vorschläge gegeben. Dann wurde in geheimer Wahl per Wahlurne abgestimmt: Die Dönerbude, bessere Toiletten und freies W-Lan bekamen die meisten Stimmen. Aber auch ein größerer Sanitätsraum, weitere Tischtennisplatten oder die Einrichtung einer „Knutschhütte“ gehören zu den Wahlvorschlägen.

„Nicht alle Vorschläge sind ganz ernst gemeint“, sagt Wennigsens Bürgermeister Christoph Meineke. „Hinter dem Vorschlag, eine Dönerbude einzurichten, steht der Wunsch nach einem anderen Angebot in der Schulcaféteria“, meint er. Meineke ist „selber erstaunt“ darüber, mit welchem Eifer die Schüler den Schülerhaushalt angegangen sind. Der Bürgermeister ist im September 2006 als parteiloser Kandidat überraschend zum jüngsten hauptamtlichen Bürgermeister Deutschlands gewählt worden. Damals war Meineke 27 Jahre alt. Mit „mehr Beteiligung“ als politisches Ziel war der Volkswirtschaftler in den kommunalen Wahlkampf gegangen. 2012 hat die Gemeinde Wennigsen einen Preis für Online-Partizipation gewonnen. Der Schülerhaushalt ist nun ein weiterer Baustein in Richtung mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten.

„Der Schülerhaushalt ist ein Experiment“, stellt Wennigsens Bürgermeister klar. „Er ist aber auch eine neue Mitwirkungsmöglichkeit, bei dem Schüler lernen, gemeinsam Politik zu machen, um das eigene Umfeld zu verbessern.“

Derzeit läuft die Umsetzung der Vorschläge, über die bereits im Dezember abgestimmt wurde. Der Schülerrat erstellt nach Meinekes Angaben eine Prioritätenliste, die noch mit Schulleitung und Verwaltung abgestimmt werden muss. Sicher ist aber schon jetzt, dass nicht alle Schülerwünsche auch eins zu eins umgesetzt werden können. 5000 Euro hat die Gemeinde aus ihrem Schuletat für den Schülerhaushalt freigegeben, von der Schule kamen noch einmal 2000 Euro aus eigenem Budget.

Neue Schultoiletten aber würden deutlich mehr Geld kosten, als der Schülerhaushalt hergibt. Bei der Einrichtung eines freien Internetzugangs gebe es noch rechtliche Probleme, die zu klären wären, so Meineke. Und der Wunsch nach einer Schuluniform würde auch das Schülerbudget sprengen. Die Verwaltung schätzt die Kosten auf etwa 150 Euro pro Uniform. Bei 1000 Schülern in Wennigsen machte das gut 150 000 Euro aus.

Dennoch bleiben die Ergebnisse aus dem Schülerhaushalt nicht ungehört: Die Gemeinde Wennigsen hat angekündigt, die Sanierung trotzdem in Angriff zu nehmen. „Für die Schultoiletten werden wir 2014 Geld im Haushalt bereitstellen“, sagt Meineke. Im Wennigser Rathaus jedenfalls wird der Schülerhaushalt ernst genommen. „Wir investieren viel Zeit in die Umsetzung“, so der Bürgermeister.

Die Gemeindeverwaltung hat inzwischen die Kosten für einige Vorhaben entwickelt, sie sind im Internet unter www.schuelerhaushalt.de einsehbar. Für mehr Sitzmöglichkeiten in der Pausenhalle zum Beispiel veranschlagt die Kostenrechnung der Gemeindeverwaltung gut 3000 Euro. Die Ausstattung eines neuen Sanitätsraums würde etwa 1000 Euro kosten. Bei einer neuen Betontischtennisplatte wären die Schüler mit knapp 2500 Euro dabei, inklusive Montage, versteht sich. Das alles sind Maßnahmen, die durch den schülereigenen Haushalt finanziert werden könnten. Was davon umgesetzt wird, ist noch offen.

Sofort umgesetzt wurde bereits der Vorschlag, den Vertretungsplan der Schule im Internet zu installieren. So könne jeder Schüler von zu Hause aus den Vertretungsplan lesen.

Die Idee des Schülerhaushalts stammt übrigens aus Brasilien, wie Projektmanager Koop berichtet. Die Küstenmetropole Recife setzt schon seit Langem auf Bürgerbeteiligung. Im Rahmen eines „Bürgerhaushalts“ entscheiden dort mehr als 100 000 Menschen jedes Jahr über Entwicklungen und Veränderungen in ihrer Stadt.

Ein Element des Verfahrens in Recife sei auch der Schülerhaushalt, den die Bertelsmann-Stiftung „als Ansatz für Deutschland besonders spannend“ fand. Für Alexander Koop zeigt sich an diesem Projekt ganz deutlich, inwieweit politische Institutionen Verantwortung an Bürger abgeben wollen. Mit Blick auf die Deistergemeinde sagt er: „Die Vorschläge zeigen, dass die Schüler die Möglichkeit ernst nehmen und ihre Schule mitgestalten wollen und können.“

Nach den ersten Erfahrungen will die Bertelsmann-Stiftung nun alle Materialien und auch die Internetplattform weiteren Schulen und Kommunen zur Verfügung stellen. Laut Koop ist geplant, weitere Projekte des Schülerhaushalts an anderen Orten zu begleiten.

Der „Schülerhaushalt“ soll erst einmal nur ein Experiment sein. Rund 1000 Schüler bestimmen in Wennigsen am Deister darüber, was an der Sophie-Scholl-Gesamtschule verbessert werden soll. Sie bekommen Geld in die Hand und dürfen selbst entscheiden. Ein Beispiel dafür, wie Kinder und Jugendliche Politik machen.



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