weather-image
Laienforscher und Uni-Wissenschaftler arbeiten gemeinsam an Forschungsprojekt / Auftakt in Bückeburg

Wer waren die Toten des 1. Weltkriegs?

Oft wird ihre Arbeit hoch geschätzt, hin und wieder werden sie auch belächelt: Heimatforscher befassen sich mit der Historie der heimatlichen Umgebung. Sie tun das aus Leidenschaft und verlangen kein Geld dafür. Für sie ist Heimatkunde ein Hobby. Obwohl Heimatforscher damit ähnliche Ziele verfolgen wie professionelle Wissenschaftler an Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen, arbeiten beide Sparten weitgehend unabhängig voneinander. Denn die Trennung von universitärer Forschung und Hobby-Forschung ist derzeit noch weit verbreitet.

veröffentlicht am 21.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

270_008_6423296_hi_schneider.jpg
Lars Lindhorst

Autor

Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Karl-Heinz Schneider, Professor am Historischen Seminar der Leibniz-Universität in Hannover und gebürtig aus Schaumburg, will diese strikte Trennung aber aufbrechen. Wissenschaftliche Forschung und historische Laienarbeit seien in den vergangenen Jahrzehnten nur dann in eine engere Berührung gekommen, wenn Wissenschaftler Laien fortgebildet haben, in Form von nur in eine Richtung verlaufender Bildungsarbeit, so Schneider. Laien und Profis sollen in Zukunft enger zusammenarbeiten, meint der Historiker. Das passende Projekt dafür hat Schneider auch zur Hand: Auf die Spuren des 1. Weltkriegs und dessen Auswirkungen in Schaumburg wollen sich Fach- und Hobby-Forscher demnächst gemeinsam begeben. „Über den 1. Weltkrieg in Schaumburg wissen wir noch sehr wenig“, sagt Schneider, der mit seinen Studenten für Anfang Juli zu einem Treffen nach Bückeburg einlädt.

Im Zentrum stehen dabei die Toten des 1. Weltkrieges. Schneider will in Erfahrung bringen, wer die Gefallenen waren, woher sie stammten und wo sie wohnten. Vier Millionen Tote habe es im 1. Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 gegeben, so Schneider, deshalb stellt sich für den Professor die Frage: „Wer sind die Toten überhaupt gewesen?“ Mittels sogenannter „Personenstandsnachweise“ haben die Studenten aus Hannover schon einige Sterberegister aus den Schaumburger Städten und Gemeinden erfasst. „Aber wir stehen noch am Anfang“, meint Schneider. Große Hoffnungen setzt der Historiker deshalb auf die Schaumburger Heimatkundler. Schneider wisse, dass es einige Privatforscher in Schaumburg gebe, die bereits Kirchenbücher und andere Listen durchforstet hätten. „Dort gibt es bereits großes Detailwissen“, ist Schneider überzeugt – wieso sollte man also nicht das Wissen zusammenführen, fragt er.

Vom Begriff Heimatforscher hält der Uni-Professor im Übrigen nicht allzu viel. „Laienforscher“ käme als Bezeichnung dem näher, was die unentgeltlich arbeitenden Amateure dann tatsächlich tun. Sie können wesentliche Beiträge zur wissenschaftlichen Forschung liefern. Laienforscher sind laut Schneider inzwischen teils hoch motivierte und kompetente Forscher geworden, denen allerdings oft der Bezug zur Wissenschaft fehlt, während andererseits wissenschaftliche Forschung bislang kaum die Erkenntnisse von Laien genutzt hat. Die Kooperation von Laien und Fachwissenschaftlern würde die Möglichkeit eröffnen, dass beide Seiten voneinander profitieren, sagt Schneider. „Das bietet die Chance, den Krieg und die Folgen in der Region neu zu betrachten.“

270_008_6423286_hi_sterbeliste_2.jpg

Der Krieg war ein gesamteuropäisches Ereignis, so der Geschichtsprofessor, er verband aber individuelle, lokale, regionale, nationale und transnationale Geschichte miteinander. An dieser Schnittstelle könne dieses Kooperationsprojekt ansetzen, indem es den Blick auf eine Personengruppe lenke, die aber bislang nie systematisch untersucht worden sei: die Kriegstoten.

Woher sie kamen, wie alt sie waren, welche Berufe sie ausgeübt haben, ob sie verheiratet oder ledig waren, in welchen Einheiten sie dienten, wo sie wann starben – das sind laut Schneider die Fragen, die im ersten Schritt erforscht werden sollen.

Im Nachgang eines ersten Untersuchungsschritts könne es dann darum gehen, welche Auswirkungen es auf die Zivilgesellschaft gab und wie sich Dörfer in der Nachkriegszeit entwickelt haben. „Wenn zum Beispiel in jedem zweiten Haus eines Dorfes der Mann im Krieg gefallen ist, dann hat das sicher Folgen gehabt“, sagt Schneider. Ein erstes überraschendes Ergebnis habe die Durchsicht der Verlustlisten bereits gebracht. Bislang war Schneider davon ausgegangen, dass das Durchschnittsalter der Schaumburger Gefallenen bei etwa 18 Jahren lag. Das haben die Quellen aber nicht bestätigen können: „Im Durchschnitt waren die Soldaten 26 Jahre alt, als sie starben.“

In Schaumburg bestehen, so Schneider, derzeit besondere Möglichkeiten für die gemeinsame Forschung von Laien und Universität. Es gebe einerseits ein enges Gefüge von verschiedenen, miteinander kooperierenden Institutionen und der Regionalarchive – die „Schaumburger Landschaft“ hat bereits ihre Unterstützung zugesichert –, andererseits gebe es die räumliche Nähe zum Historischen Seminar der Leibniz-Universität.

Am Freitag, 5. Juli, findet in der Zeit von 10 bis 15 Uhr ein erster Workshop zum Thema im Vortragssaal des Bückeburger Staatsarchivs, Schlossplatz 2, statt. Prof. Schneider wird das Projekt vorstellen. Auch eine Diskussion ist geplant. Alle Interessierten sind zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Laienforscher aus Schaumburg und Historiker der Leibniz-Universität in Hannover hatten bislang noch nicht sehr viele Berührungspunkte. Vom Wissensaustausch könnten aber beide Seiten profitieren. Ab Juli soll es ein gemeinsames Forschungsprojekt zum 1. Weltkrieg und den Folgen in Schaumburg geben. Die gefallenen Soldaten stehen dabei im Mittelpunkt.

Prof. Karl-Heinz Schneider (r.) und Bernd Wehrenpfennig, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Leibniz-Universität, sichten am Computer eine Verlustliste. ll

So sind die Gefallenen des 1. Weltkriegs verzeichnet: mit Namen, Sterbedatum und Ort. Über die Herkunft der Soldaten, und ihre Familienverhältnisse ist darüber hinaus noch nicht sehr viel bekannt. Das wollen Laienforscher und Wissenschaftler der Universität in Hannover nun mit einem gemeinsamen Projekt ändern. pr



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt