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Wer keine Zeit hat, riskiert sein Leben

Der junge Mann, der ins Visier der Verkehrsfahnder geraten ist, hat es sehr eilig. In der 70er-Zone gibt er Gas. Dass ihm seit einiger Zeit zwei zivile Verkehrsfahnder mit einer als Familienkutsche getarnten Hightech-Limousine folgen, bekommt der Autofahrer nicht mit. Er gibt Gummi.

veröffentlicht am 07.04.2011 um 00:00 Uhr

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Die Hamelner Polizeioberkommissare Werner Sagebiel (58) und Olaf Leisering (48) verfolgen den Skoda Roomster. Sagebiel schaltet die versteckte Videokamera ein und leitet gleichzeitig eine Messung ein. Den Rest erledigt ein Computer. Aus Geschwindigkeit, Zeit und Wegstrecke errechnet das „Police Pilot System“ die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Skoda ist bis zu 118 km/h schnell. Würde das Fahrzeug in diesem Moment geblitzt, wäre der Fahrer seinen Führerschein los. Der Schnellfahrer hat Glück, dass die Messanlage des mehr als 200 PS starken Zivilstreifenwagens lediglich die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit auswirft. Nach 500 Metern bricht Sagebiel die Messung ab: 110,14 km/h ist der Seat Roomstar gewesen. Bevor die Polizisten den Wagen überholen und stoppen können, beschleunigt der Fahrer erneut. Dort, wo 100 km/h erlaubt sind, fährt er deutlich schneller. Sagebiel löst eine zweite Messung aus. Ergebnis: 132,14 km/h. Jetzt gibt auch Verkehrsfahnder Olaf Leisering Gas. Der Motor des Streifenwagens heult auf. Leisering setzt zum Überholen an, fährt links neben den Skoda. Sein Kollege Sagebiel zeigt dem Fahrer die rote Kelle. Doch der Mann scheint in Gedanken zu sein, er schaut nicht nach rechts, nicht nach links und nicht wirklich gerade aus. Sein Blick ist schräg nach unten gesenkt. Es sieht so aus, als gucke er angestrengt auf den Tacho. Erst nach ein paar Sekunden bemerkt der Mann das Anhaltezeichen und gibt dem Beamten durch ein leichtes Nicken zu verstehen, dass er verstanden hat. Oberkommissar Leisering zieht an dem Auto vorbei und fährt in Hachmühlen rechts ran.

Dass er einen heißen Reifen gefahren ist, weiß der Mann. Er streitet den Verstoß nicht ab, fügt sich seinem Schicksal. Die Messung in der 100er-Zone lassen die Fahnder unter den Tisch fallen. Sie werfen dem Hannoveraner nur den Verstoß im 70er-Bereich vor. 6 km/h zieht Werner Sagebiel von den 110,14 km/h an. „Fünf Prozent gehen vom Messergebnis runter. Das ist der Toleranzwert, der zugunsten des Sünders angenommen wird“, erklärt der Beamte. „Sie sind 104 km/h gefahren, 70 km/h waren aber nur erlaubt“, sagt Sagebiel. Der junge Mann, der auf dem Weg zur Arbeit ist, wird um ein Bußgeld in Höhe von 120 Euro und drei Punkte in der Verkehrssünderkartei nicht herumkommen. „Ich bin ein bisschen im Stress und schon ziemlich spät dran“, sagt der 29-jährige Familienvater. Er habe daheim mit seinem Baby geschmust und dabei die Zeit vergessen. Um nicht zu spät zum Schichtdienst zu kommen, hat er ordentlich Gas gegeben. Gut, dass die Polizisten nicht gehört haben, was er dem Reporter erzählt hat. Denn: Wer Zeitnot als Motiv für einen Geschwindigkeitsverstoß angibt, wird in der Regel härter bestraft. „Der Bußgeldkatalog ist auf Fahrlässigkeit ausgelegt. Wer sich damit entschuldigt, dass der Termindruck groß und die Zeit knapp ist, handelt mit Vorsatz“, erklärt Oberkommissar Leisering – und fügt hinzu: „Die Verkehrsbehörde verdoppelt in solchen Fällen schon einmal das Bußgeld.“

Zeitnot als Motiv, sagen die Verkehrsfahnder, werde aus Unwissenheit sehr häufig als Motiv für das zu schnelle Fahren angegeben. „Bei 60 bis 70 Prozent aller Verfahren spielt das eine Rolle“, schätzt der Leiter der Spezialeinheit für Verkehrsüberwachung, Polizeihauptkommissar Ernst-August Sagebiel.

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Oberkommissar Werner Sagebiel erledigt den Papierkram. Der Lkw-Fahrer ist zu schnell gefahren. Er muss mit einem Punkt und einem Bußgeld in Höhe von 80 Euro rechnen. Fotos: ube

In der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden sind im vergangenen Jahr 1781 Geschwindigkeitsverstöße registriert und 157 Fahrverbote ausgesprochen worden. Zu schnelles Fahren, so der Verkehrspsychologe des ADAC, Ulrich Chiellino, „wird häufig als ein Bagatelldelikt angesehen“. In der sogenannten Beschleunigungsgesellschaft haben sich Zeitabläufe verdichtet. „Alles ist auf Effizienz aufgebaut“, sagt der Diplom-Psychologe und nennt Zeitnot als eines von mehreren Motiven für das Rasen. „Das Autofahren ist eine hoch komplexe Tätigkeit. Es erfordert viel Aufmerksamkeit und Konzentration. Diese Grundanspannung kann durch sogenannte Hintergrund-Stressoren verstärkt werden, zum Beispiel bei Termindruck, wenn der Sitz unbequem ist oder starke Sonneneinstrahlung das Temperaturempfinden negativ beeinflusst. Wenn zu diesen Stressoren auch noch ein anderer Autofahrer einen Fehler macht, dann entlädt sich der erlebte Stress in Wut.“

Wer Verkehrsregeln missachtet, kann in der Eigenwahrnehmung durchaus ein guter Autofahrer sein. Regelkonformität steht damit in keinem direkten Zusammenhang zur Einschätzung des eigenen Fahrverhaltens. Das hat eine repräsentative Umfrage unter 1010 Testpersonen ergeben, die jüngst von tns-emnid im Auftrag der Präventionskampagne „Risiko raus!“ durchführt wurde. Die Befragten sollten die eigene Fahrkunst auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht gut) bis 10 (sehr gut) einordnen. Knapp die Hälfte, 46 Prozent, schätzen ihre Kompetenz am Steuer als gut bis sehr gut (8 bis 10) ein. In augenfälligem Gegensatz zu diesem insgesamt positiven Selbstbild steht die Tatsache, dass viele Autofahrer gleichzeitig Verstöße gegen Verkehrsregeln einräumen. Wobei weibliche Autofahrer nach ihrer Selbstauskunft seltener bereit sind, Regeln zu missachten als Männer. Immerhin 70 Prozent aller Befragten gaben allerdings an, dass sie hin und wieder Geschwindigkeitsbegrenzungen übertreten.

Jeder weiß, dass Rasen tödlich enden kann. Schilder und Plakate am Straßenrand verfehlen – so scheint es – manchmal ihre Wirkung. Vor allem das vermeintlich starke Geschlecht tritt gern ein bisschen mehr aufs Gas. 73 Prozent aller im Straßenverkehr getöteten Personen waren im Jahr 2009 Männer. Die hohe Differenz zwischen den Geschlechtern ist nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht nicht allein durch die stärkere Verkehrsteilnahme der Männer zu erklären. Im Gegensatz zu Frauen sind sie öfter an Alkohol- und Geschwindigkeitsdelikten beteiligt und häufiger der Unfallverursacher. „Stress und Termindruck sollen nicht zu einer riskanten Fahrweise führen“, mahnt Hannelore Herlan von der Deutschen Verkehrswacht – und rät: „Lieber fünf Minuten später ankommen, als gar nicht.“

Beschleunigung braucht inzwischen Entschleunigung: In der Stadt Hameln sind die Wohnbereiche fast flächendeckend als Tempo-30-Zonen oder verkehrsberuhigte Bereiche ausgewiesen. Verkehrsexperten im Rathaus schätzen, dass 80 Prozent des befestigten städtischen Straßennetzes entschleunigt wurden. „Das schafft Sicherheit und bedeutet vor allem ein Mehr an Wohn- und Standortqualität“, sagt Anja Sprich von der Stadt Hameln.

Auch Kapitäne der Landstraße stehen unter Termindruck. Sie müssen ihre Ladung schnell von A nach B transportieren und bekommen nicht selten per Handy neue Aufträge. Lastwagen über 7,5 Tonnen dürfen auf Bundesstraßen nicht schneller als 60 km/h fahren. Das stresst die Fahrer und verleitet sie, mitunter schneller als erlaubt zu fahren. „Sie geben das natürlich nur selten zu, denn Berufskraftfahrer wissen genau, dass eine solche Aussage eine Vorsatztat beweisen könnte“, sagt der Leiter der Verkehrsfahndung, Ernst-August Sagebiel. Nur selten sage ein gestoppter Brummi-Fahrer zum Polizisten: „Meinen Sie, ich mache das zum Spaß?“

Die Fahnder Werner Sagebiel und Olaf Leisering sind inzwischen auf der B 83 zwischen Deckbergen und Hameln unterwegs. Sie schwimmen unauffällig im Verkehrsfluss mit. Bei Hessisch Oldendorf fällt den Beamten ein 40-Tonner auf, der augenscheinlich zu schnell fährt. Die Polizisten nehmen die Verfolgung auf. Die Messung ergibt: Auf einer Strecke von 1418 Metern war der Sattelzug mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 87,54 km/h unterwegs. Minus 5 km/h ergibt 82,54 km/h. Auf der Fischbecker Landstraße wird der Schwertransporter aus Brandenburg gestoppt. Den Fahrer muss mit einem Punkt in Flensburg und einem Bußgeld in Höhe von 80 Euro rechnen. Warum er zu schnell gefahren ist, weiß er angeblich nicht. Mit Termindruck habe der Verstoß jedenfalls nichts zu tun, behauptet der Trucker und grinst.

Zeitdruck ist nach Meinung von Verkehrsfahndern der mit Abstand häufigste Grund für zu schnelles Fahren. Zeitdruck erhöht nach Angaben des Verkehrspsychologen Ulrich Chiellino die Bereitschaft, sich nicht mehr an Regeln zu halten.



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