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Wer hier landet, teilt ein trauriges Schicksal

Stubentiger „Paulchen“ ist kein Draufgänger. Nur zögerlich streckt er seinen Kopf aus der runden Öffnung der knallorange gestrichenen Hütte. „Paulchens“ Mitbewohner hingegen sind putzmunter drauf. „Tricolor-Elke“, die gerne mit Menschen zusammen ist, „Tine“, die ihr zwar äußerlich sehr ähnelt, indes eine richtige Zicke sein kann und ein lieber roter Kater – sie alle sausen herum, springen auf den Katzenbaum, machen von dort aus einen Luftsprung, landen auf dem Boden und jagen dem Spielzeugmäuschen hinterher, das ihnen Praktikantin Natascha Huber, 24, entgegenhält. Zwischendurch wird aus den Näpfen genascht, die Tierpflegerin Gianna Ludwig mit Happen gefüllt hat.

veröffentlicht am 10.08.2015 um 09:50 Uhr
aktualisiert am 11.08.2015 um 14:11 Uhr

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Autor:

von alda maria grüter

„Paulchens“ grüne Augen verfolgen aufmerksam, was da draußen so alles passiert, und irgendwann wagt der kleine Kater den Schritt nach draußen. Neugierig erkundet er sein Quartier. Sein Zuhause ist das Tierheim. Gleichwohl: Freiwillig ausgesucht haben sich diese Unterkunft weder „Paulchen“ noch die anderen Katzen, die hier untergebracht sind. Ausgesetzt, gefunden, abgegeben – wer hier landet, teilt meist ein trauriges Schicksal. „Erst vergangenen Sonnabend wurden bei uns zwei ausgesetzte Perserkatzen abgegeben“, sagt Gianna Ludwig. „Stanley“ und „Hardy“ heißt das schneeweiße Paar – „wir hatten bei der Namensvergabe gerade die amerikanische Woche“, erklärt die Tierpflegerin lachend.

Hat man zwei Katzen

vermittelt, kommen schon wieder fünf Neue

Nach dem bekannten US-amerikanischen Komiker-Duo benannt, sind „Stanley“ und „Hardy“ jedoch weder dick noch doof. Ganz im Gegenteil. Zutraulich und wie Katzen-Models aus der Werbung sind die Samtpfötchen anzuschauen, „Stanley“ fällt zudem durch die unterschiedlichen Farben seiner Augen auf: rechts bernsteinfarben, links blau. Die Kater sind etwa ein Jahr alt, kastriert und bewohnen mit Katzenlady „Püppi“ das großzügige Zimmer mit der Nummer 53 und Blick auf das Freigehege hinter dem Tierheim. Bei allen guten Eigenschaften, die „Stanley“ und „Hardy“ vorweisen können: Ihre Besitzer haben sich, aus welchen Gründen auch immer, ihrer entledigt. Wunderschön ist auch die Mieze „Missy“. Jetzt. 2012 aber, als sie mit ihren fünf Katzenbabys zum ersten Mal ins Tierheim kam, da war sie in „völlig verlottertem Zustand“, sagt Gianna Ludwig. Kinder und Mama wurden aufgepäppelt, die Welpen konnten schnell vermittelt werden, Katzenmutter „Missy“ kam damals zu einer Seniorin. Nun aber, drei Jahre später, ist „Missy“ wieder im Tierheim. Ihre Besitzerin sei ins Altenheim gezogen, könne das Tier nicht mehr versorgen, erklärt Ludwig.

Ein neues Zuhause sucht ebenfalls „Riu“, „schätzungsweise 2008 geboren, ein Riesentyp von Kater und herzensgut“. Apropos: Gut haben es die Katzen im Tierheim. Keine Frage. Vier Tierpfleger kümmern sich an sieben Tagen in der Woche um die Katzen und die anderen Fundtiere; ein Tierarzt betreut sie tiermedizinisch. Keineswegs gut ist aber die Entwicklung, die Tierschützer seit Jahren mit Sorge beobachten: Nicht nur zum Ferienbeginn landen mehr Tiere im Tierheim – Katzen sind ein ganzjähriges Problem. Zumal, wenn sie nicht kastriert sind, die Katzenpopulation unkontrolliert steigt, nehme auch die hoch ansteckende und tödlich verlaufende Krankheit Katzenaids zu, erläutert Ludwig.

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  • „Stanley“ hat zwei Augenfarben.
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  • Ein Leben hinter Gittern: „Ivy“ wartet im Tierheim auf eine Familie.
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Habe man gerade zwei Katzen vermittelt, kämen auch schon fünf Neuzugänge herein, beschreibt die Leiterin Claudia Gebhardt die Situation. Ausnahmsweise sei die Lage im Moment relativ entspannt. Am heutigen Weltkatzentag sind es nur 45 Katzen, die im Tierheim an der Klütstraße 127 leben. Doch das könne sich schnell ändern. „Manchmal verschiebt sich alles auch einfach nur. Beispielsweise hatten wir letztes Jahr im Frühsommer kaum junge Katzen, dafür umso mehr im Herbst.“ Viele von ihnen seien sehr jung, gesundheitlich in schlechtem Zustand gewesen, das Immunsystem stark geschwächt, einige seien gestorben. Bis zu 90 Katzen werden in Spitzenzeiten in dem Hamelner Tierheim gezählt.

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen von ihrem Haustier trennen. Katzenbesitzer seien sich beispielsweise nicht darüber bewusst, dass aus dem herzigen kleinen Kätzchen einmal ein erwachsenes Tier wird, um das man sich über viele Jahre kümmern und in das man nicht nur Zeit und Zuwendung, sondern auch Kosten investieren muss, erläutert Ludwig. Man dürfe nicht aufgeben, müsse weiter Aufklärungsarbeit leisten, sagt die 35-jährige Tierpflegerin. Seit ihrem zehnten Lebensjahr engagiert sie sich ehrenamtlich für Tiere. „Verantwortungsbewusste Menschen lassen ihre Katzen kastrieren, chippen und registrieren“, sagt Ludwig. Zum Schutz, zur Mahnung an artgerechte Haltung und zur Aufklärung wird denn auch seit 2002 der 8. August weltweit zum Katzentag ausgerufen. Für Tierfreunde ist der heutige Sonnabend also kein „08-15-Tag“, sondern er steht ganz im Zeichen der Katze: Das sei gut und sinnvoll, sagt Tierpfleger Eugen Herrmann. Wobei: „Bei uns im Tierheim ist jahraus, jahrein an 365 Tagen im Jahr ,Tag der Katze‘.“

Eine Vermittlung gehört

zu den schönsten Momenten im Tierheim

Belohnt wird die Arbeit der Tierpfleger und ihre Bemühungen um das Wohl der Katzen auch mit einem speziellen Erfolg wie diesem: Selbst „Oma Pauline“, obwohl nicht jung und schön, sondern ziemlich betagt, hat eine gute Bleibe gefunden. Gebhardt: „Das gehört zu den schönsten Momenten unserer Arbeit: Eine liebevolle Familie hat der 16 Jahre alten Katze ein Zuhause und damit ein angenehmes Katzenleben geschenkt.“ Genau darauf warten nun auch Paulchen“, „Stanley“ und „Hardy“ und all die anderen herrenlosen Katzen …

Kontakt: Das Tierheim ist heute zwischen 11 und 13 Uhr unter 05151/61550 zu erreichen. Am 13. September findet ein Tag der offenen Tür statt.

„Paulchen“ im Tierheim.



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