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Wenn’s knistert, ist es meist falscher Alarm

Sprechwunsch, Sprechwunsch, Sprechwunsch“. Eine monotone, männliche Computerstimme teilt Leitstellendisponent Sebastian Fröhlich mit, dass die Krankenwagenbesatzung Redebedarf hat. Der Einsatz der Rettungskräfte ist vorerst beendet, sie warten auf weitere Anweisungen aus der Einsatzleitzentrale im Stadthäger Kreishaus. „Einrücken“, spricht Fröhlich kurz und knapp ins Funkgerät. Auf Leitung drei kommt ein Notruf herein – niemand meldet sich. „Fehlalarm“, befindet der Leitstellendisponent. Aus Erfahrung weiß er, dass dies nicht der einzige Anruf über die 112 ist, der ihn heute noch zu diesem Urteil veranlassen wird. „Das passiert wirklich häufig“, sagt Fröhlich.

veröffentlicht am 30.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Rund 30 000 Einsätze koordinieren Fröhlich und seine Kollegen pro Jahr aus der Leitstelle in Stadthagen. Darunter fallen etwa 28 000 Einsätze des Rettungsdienstes, etwa 2000 Mal wird die Feuerwehr im Landkreis Schaumburg alarmiert. „Von den 28 000 Einsätzen des Rettungsdienstes entfallen gut 13 000 auf Notfälle“, schlüsselt Rolf Hartmann, Chef der Schaumburger Leitstelle, auf. „Bei dem Rest handelt es sich um ganz normale Krankentransporte.“ Auch die wollen gut organisiert und koordiniert werden – und ab dem kommenden Jahr werden es noch mehr.

Denn ab Januar 2013 nimmt die gemeinsame Leitstelle der Landkreise Schaumburg und Nienburg ihren Betrieb auf. Standort dafür ist Stadthagen. Die Bauarbeiten zur Erweiterung der bestehenden Leitstelle haben unlängst begonnen. Wenn ab dem kommenden Jahr die Leitstelle für gut 280 000 Menschen in Schaumburg und Nienburg zuständig sein wird, wird alles eine Dimension größer werden. Sebastian Fröhlich und seine Kollegen werden dann nicht mehr nur vor drei Monitoren sitzen und die Einsätze planen, dann werden es fünf Monitore sein, vor und mit denen jeder einzelne Disponent arbeiten wird. Die Struktur der Alarmierung werde sich durch die zusammengelegte Einsatzzentrale zwar nicht ändern, sagt Leitstellenleiter Hartmann. Aber in Zukunft werde die neue Leitstelle „auf neuestem technischen Stand“ sein. „Das ist gesetzlich vorgeschrieben, und zurzeit pfeifen wir technisch aus dem letzten Loch.“

Mit der neuen Leitstelle und der neuen Technik sollen dann die Positionsdaten der Fahrzeuge für die Disponenten auf den Monitoren sichtbar werden, erläutert Hartmann. „Geplant ist auch, dass die Kranken- und Rettungswagen in den Landkreisen gleich Patientendaten an die zuständigen Krankenhäuser übermitteln können“ – so weit werde es aber erst kommen, wenn das neue Klinikum Schaumburg in Betrieb geht. Es gibt hoch und hinunter fahrbare Arbeitstische, die Disponenten arbeiten mit Touchscreen-Monitoren. Rund drei Millionen Euro investiert der Landkreis in die neue Leitstelle.

Bagger sind am Kreishaus angerückt. Anbau und Erweiterung der Leitstelle haben begonnen. Foto: tol

Rolf Hartmann wird die Inbetriebnahme der neuen Zentrale indes nicht mehr als Chef begleiten. Mit Thomas Reiter ist bereits ein Nachfolger für den in Ruhestand gehenden bisherigen Leiter gefunden.

Seit sieben Jahren wird über die „kleine“ und „große“ Lösung der Leitstelle diskutiert. Mit der Einrichtung einer gemeinsamen Einsatzzentrale für Nienburg und Schaumburg hat man sich für die „kleine Lösung“ entschieden. Dabei drohte das Thema schon eine unendliche Geschichte zu werden: Seit 2004 tagen Arbeitsgruppen aller beteiligten Landkreise Schaumburg, Nienburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden. Hintergrund waren die Pläne des niedersächsischen Innenministeriums, die Leitstellen des Landes von 49 auf etwa 10 zu reduzieren.

Nach Vorstellung der Landesregierung sollten sogenannte „bunte Leitstellen“ des polizeilichen und des kommunalen Bereichs, der die Feuerwehren und den Rettungsdienst umfasst, gemeinsam unter einem Dach entstehen. Pläne einer Zusammenlegung der Rettungsleitstellen der Stadt Hameln und der Kreise Hameln-Pyrmont und Holzminden gab es ohnehin. Und im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Göttingen bestanden Pläne, die gesamte Koordination der polizeilichen Einsätze an einem Standort in Hameln zu bündeln. So wird es denn auch kommen. Was die Polizei betrifft, werden in der Kooperativen Leitstelle in Hameln alle Einsätze und Dienstfahrten von Göttingen bis Nienburg bearbeitet. Seit August 2008 wird am Standort Hameln bereits kooperativ gearbeitet, Feuerwehr und Rettungsdienst der Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden sowie die Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden haben dort ihren Dienst aufgenommen.

Die Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg plant, mit der Einführung des Digitalfunks ihre Einsätze von Hameln aus zu steuern.

Lange war allerdings auch im Gespräch, die Feuerwehr- und Rettungsleitstellen aus Schaumburg und Nienburg nach Hameln zu verlegen. Diese „große Lösung“ zu einer gemeinsamen „bunten Leitstelle“ wurde mit Einsetzung der Arbeitsgruppen aus allen beteiligten Landkreisen diskutiert. Zwischenzeitlich wurde sogar auch die Einrichtung einer „bunten Leitstelle“ in Obernkirchen vom damaligen Schaumburger Landrat, Heinz-Gerhard Schöttelndreier, ins Spiel gebracht. Am Ende machte Hameln das Rennen um die „große Lösung“. Und die Landkreise Schaumburg und Nienburg verständigten sich auf die „kleine Lösung“ – die Zusammenlegung der kommunalen Einsatzkoordinierung von Feuerwehr und Rettungsdienst in Stadthagen.

Im März vergangenen Jahres beschloss der Schaumburger Kreistag, die gemeinsame Leitstelle mit Nienburg am Standort Stadthagen einzurichten. Der Nienburger Kreistag sprach sich im April 2011 für die „kleine Lösung“ aus.

Wie Landrat Jörg Farr erklärt, hat der Landkreis im Jahr 2009 Gutachten in Auftrag gegeben, die die „große“ wie auch die „kleine“ Leitstellen-Lösung beleuchteten. In Nienburg und Schaumburg haben sich die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung eindeutig für die „kleine Lösung“ entschieden.

Farr begründet das so: „Zielsetzung war es, für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz eine funktionierende und wirtschaftliche Lösung zu finden. Die Wirtschaftlichkeit der Leitstelle für Schaumburg und Nienburg ist gutachterlich belegt“, so der Landrat. Durch die Gutachten habe sich ergeben, dass sowohl die „große“ als auch die bevorzugte „kleine“ Lösung wirtschaftlich arbeiten können. „Deshalb haben letztlich die organisatorischen Gründe den Ausschlag gegeben“, sagt Farr.

Zu den organisatorischen Gründen zählt unter anderem die „Nähe“ zu den Einsatzkräften vor Ort. „Bei unklaren Meldungen sind oftmals Ortskenntnisse erforderlich“, erläutert Rolf Hartmann. „Da spielen Kontakte vor Ort eine große Rolle.“ Die Feuerwehren hatten sich im Laufe der Debatten ebenfalls klar für die „kleine Lösung“ ausgesprochen.

Hameln-Pyrmonts Landrat Rüdiger Butte will die Entscheidung der Schaumburger und Nienburger für die „kleine Lösung“ nicht näher kommentieren. „Das haben wir so hinzunehmen“, sagt er. „Die beiden Landkreise haben so entschieden.“ Seit Amtsantritt im Jahr 2005 gilt Butte als Befürworter einer regionalen Leitstelle, die Polizei-, Feuerwehr- und Rettungsdiensteinsätze übergreifend koordiniert. Deshalb sieht Hameln-Pyrmonts Landrat die Regionalleitstelle am Standort Hameln als Einrichtung mit Vorzeigecharakter. „Die Entwicklungen im Bereich der Polizei machen uns vor, dass die Einsätze von einer zentralen Stelle aus koordiniert werden können.“

Dass die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Nienburg eine Entscheidung gegen Hameln-Pyrmont ist, will Schaumburgs Landrat Farr nicht gelten lassen. „Es geht hierbei um themenorientierte Arbeit, die sich zusammen mit Partnern anbietet“, sagt Farr. Im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit gebe es auch mit dem Landkreis Hameln-Pyrmont Kooperationen, etwa bei der Tourismusförderung; im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs orientiere sich der Landkreis in die Region Hannover. „Weil beide Lösungen wirtschaftlich waren, haben beim Thema Leitstelle die organisatorischen Gründe den Ausschlag gegeben“ sagt Farr. „Dem haben schließlich auch die Kostenträger zugestimmt“, führt er an. Kostenträger sind die Krankenkassen. Sie tragen 60 Prozent der laufenden Kosten.

Bei Sebastian Fröhlich geht erneut ein Notruf über die 112 ein. Über die Lautsprecher in der Leitstelle ist nur Rascheln und Knistern wahrzunehmen, dann sind Schritte zu hören. „Da hat wieder jemand sein Telefon in der Jackentasche und hat aus Versehen den Notruf gewählt“, sagt Fröhlich. „Es wird heute nicht das letzte Mal gewesen sein.“ Fröhlich hat recht behalten.

In Stadthagen entsteht eine gemeinsame Feuerwehr- und Rettungsleitstelle der Landkreise Schaumburg und Nienburg. Moderne Technik schafft für die Leitstellendisponenten ganz neue Möglichkeiten der Einsatzplanung. Was lange diskutiert wurde, soll ab Januar 2013 endlich an den Start gehen.



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