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Deutsche Begriffe finden sich in über 60 Sprachen der Welt

Wenn Wörter auswandern

Wenn der Finne seine „Kahvipaussi“ macht, der Isländer seinen Nachbarn als „Besserwisser“ beschimpft und der Amerikaner im „Beergarden“ etwas „kaffeeklatsching“ betreibt – dann ist Deutschland in aller Munde. Beziehungsweise die deutsche Sprache. Denn nicht nur im Deutschen finden sich zahlreiche Einflüsse aus anderen Sprachen. Auch deutsche Begriffe schaffen es, sich im ausländischen Sprachgebrauch zu etablieren. In mehr als 60 Sprachen wurden deutsche Begriffe im Laufe der Zeit aufgenommen. Warum manche Germanismen – so die korrekte Bezeichnung für ausgewanderte Wörter – es ins Englische, Finnische, Chinesische oder auch Africaans schaffen und andere nicht? Das kommt immer auf die jeweilige aufnehmende Sprache und Sprachlücken in dieser an.

veröffentlicht am 24.11.2015 um 10:20 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:37 Uhr

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„Deutsche Wörter kommen über Politik und Medien, über deutsche Literatur, aber auch durch deutsche Auswanderer ins Ausland. Besonders in die USA, wo auch heute noch deutsche Lexik gern aufgegriffen wird“, erklärt Dr. Armin Burkhardt, Universitätsprofessor für Germanistik und ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache. Er nennt Beispiele wie „Bratwurst“, „Strudel“, „Schadenfreude“ und „Zeitgeist“. Und: „Die Gründe dafür sind meist Lücken im eigenen Wortschatz, die Übernahme ausländischer Benennungen mit den entsprechenden Produkten oder Sachen oder auch die bloße Freude am Spiel mit dem Fremden“, sagt Burkhardt.

Wenn sich in einer Sprache also eine Sprachlücke auftut, kann es sein, dass sie mit einem entsprechenden ausländischen Wort aufgefüllt wird. Das ist meist der Fall, wenn das neu zu benennende Phänomen im Land nicht entsprechend in Erscheinung tritt, als dass dafür bereits ein eigener Ausdruck geprägt wurde.

Wir kennen dieses Phänomen aus dem deutschen Sprachgebrauch. Als neue Technologien wie E-Mail, Smartphone und Tablet-PC aufkamen, entstanden Wortlücken. Statt die Neuerungen „einzudeutschen“ wurden die englischen Bezeichnungen übernommen. Daher sagen wir weiterhin „smartphone“ statt „intelligentes Handy“. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Handy kein Anglizismus, sondern ein deutsches Wort und damit ein Pseudoanglizismus ist. Amerikaner oder Engländer sprechen von ihrem cell-phone. Auch Smoking ist ein Wort, dass nur Englisch zu sein scheint, in Wahrheit aber von den Deutschen etabliert wurde. Was die Deutschen Smoking nennen, ist den meisten Briten und Amerikanern der „tuxedo“.

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Wenn der Finne seine „Kaffepaussi“ macht, dann steht das auch vorn am Bus.

Welche Wörter in andere Länder auswandern, darauf hat eigentlich niemand einen Einfluss. „Neben vielen Wörtern aus den Bereichen Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Küche sind leider als Folge des deutschen Totalitarismus und Militarismus im 20. Jahrhundert viele Wörter, die mit Polizei oder Militär zu tun haben – wie Blitzkrieg, Schlagbaum oder Strafe in andere Sprachen übernommen worden“, erklärt Burkhardt. Tatsächlich hat es „Blitzkrieg“ gleich auf mehreren Kontinenten zu sprachlichem Erfolg gebracht.

In Großbritannien sind vor allem die kurzen, hart klingenden Germanismen vertreten: „Halt“, „Sitz“, „Platz“, „Pfui“. Ein Grund dafür ist, dass Deutsch von Nicht-Muttersprachlern oft als hart und nicht besonders wohlklingend empfunden wird und diese Begriffe bewusst als Befehlston (meist für deutsche Schäferhunde) übernommen werden.

Manchmal werden also Wörter entlehnt, gerade weil sie besonders deutsch klingen. Aber auch Wörter wie „Kindergarten“, „Malzbier“, „Poltergeist“, „Schadenfreude“, „Fräuleinwunder“ und „Wunderkind“ sind in den USA, Südamerika und Australien verbreitet. Besonders lautmalerisch ist ein weiteres Beispiel aus Australien. Dort ist „Oom Pah Pah Music“ ein gängiger – wenn auch ironischer – Begriff für Marsch- und Blasmusik. Der Begriff leitet sich von der Bezeichnung „Humtata“-Musik ab.

In einer Folge der amerikanischen Serie „Die Simpons“ erklärt Tochter Lisa ihrem Bruder Bart: „Ich bemitleide dich und zugleich verachte ich dich. Die Deutschen haben bestimmt ein Wort dafür.“ Welche deutschen Wörter es meist bis ins Ausland schaffen, bringt Lisa hier auf den Punkt. Nämlich die, die einen komplexen Sachverhalt beschreiben, ein starkes Gefühl wiedergeben oder eine besondere Wortneuschöpfung darstellen. In den USA sind „Weltschmerz“, „Entscheidungsproblem“ und „Weltanschauung“ gebräuchlich. In Neuseeland spricht man vom „Fingerspitzengefühl“ und verspürt die „Wanderlust“. Auch das noch recht junge Wort „Willkommenskultur“ hat durchaus Chancen, es ins Ausland zu schaffen. Die Besonderheit der deutschen Sprache ist es, dass nahezu beliebig viele verschiedene Wortstämme kombiniert werden können, um so ein neues Wort – einen Neologismus – zu schaffen.

Die meisten ausgewanderten Wörter würde auch ein Muttersprachler auf den ersten Blick wiedererkennen. Doch wer hätte gedacht, dass auch Knalpot (Indonesisch für Auspuff), Parikmacher (Russisch für Friseur oder Perückenmacher) und Vahtimestari (Finnisch für Wachtmeister oder Hausmeister) ursprünglich aus dem Deutschen stammen? Der Unterschied besteht in Fremdwörtern und Lehnwörtern.

„Fremdwörter sind den Sprachteilnehmern zwar meistens durchaus geläufig, solange sie aber ihre fremdsprachliche Form beibehalten – Aussprache, Schreibung, Flexion – bleiben sie als eine Art Fremdkörper erkennbar“, sagt Burkhardt. Sobald Wörter grammatisch, lautlich oder grafisch angepasst werden, gelten sie aber als Lehnwörter. „In diesem Sinne ist Spin-Doctor im Deutschen ein Fremdwort, Streik – vom englischen strike – dagegen ein Lehnwort. Die Grenze ist jedoch fließend“, erklärt der Germanistikprofessor. In den aufnehmenden Sprachen machen manche Wörter also eine Veränderung durch – sie werden im Laufe der Zeit angepasst.

Es kann auch vorkommen, dass Wörter zwar noch wie ein deutscher Begriff geschrieben werden, jedoch eine vollkommen andere Bedeutung angenommen haben. Lädt ein Norweger zum „vorspiel“ ein, hat er nicht etwa erotische Absichten. Es handelt sich lediglich um eine Einladung zu einem alkoholischen Getränk vor einem Disko- oder Kneipenbesuch.

Es kursieren Vermutungen, dass sogar das kurze Wörtchen „okay“ seinen Ursprung in Deutschland haben soll. Im frühen deutschen Verlagswesen hätten Korrektoren Seiten mit dem kleinen Kürzel „o. K.“ für „ohne Korrekturen“ abgezeichnet. In der amerikanischen Aussprache sei daraus dann „okay“ enstanden. Die Deutschen hätten diesen Begriff dann wiederum übernommen. Ob das wirklich stimmt, oder eine der zahlreichen anderen Herkunftsvermutungen wahr ist, ist nicht nachzuweisen.

Die deutsche Sprache ist nicht einfach. Immerhin haben wir eine komplexe Grammatik und auch an der Aussprache scheitert mancher Nicht-Muttersprachler. Einige deutsche Begriffe haben es im Ausland dennoch zu Ruhm gebracht. Germanismen, so die genaue Bezeichnung, finden sich auf der ganzen Welt.



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