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Wenn Wörter auf der Strecke bleiben

E-Mail, SMS und Co.: Neue Kommunikationsformen verlangen unserer Sprache viel ab. Neue, vielfach als grausam empfundene Sprachstile entwickeln sich. Viele Menschen haben den Untergang ihrer Sprache vor Augen. Experten aber beruhigen.

Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden“, sagte die deutsche Opernsängerin Edda Moser kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie befindet sich dabei im Einklang mit einer Mehrheit der Deutschen, die ihrer Sprache den drohenden Verfall bescheinigen.

Die Gründe dafür sehen sie im Einfluss fremder Sprachen, schludriger E-Mails, SMS und des Fernsehens. Vor allem aber werde heute weniger gelesen – so ermittelte es eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache. Doch was ist dran an der Angst vor dem Niedergang unserer schönen Sprache?

veröffentlicht am 24.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden“, sagte die deutsche Opernsängerin Edda Moser kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie befindet sich dabei im Einklang mit einer Mehrheit der Deutschen, die ihrer Sprache den drohenden Verfall bescheinigen.

Die Gründe dafür sehen sie im Einfluss fremder Sprachen, schludriger E-Mails, SMS und des Fernsehens. Vor allem aber werde heute weniger gelesen – so ermittelte es eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache. Doch was ist dran an der Angst vor dem Niedergang unserer schönen Sprache?

„Es gibt einen Sprachwandel, aber keinen Sprachverfall“, stellt Dr. Torsten Siever klar. Er ist Sprachwissenschaftler an der Leibniz Universität Hannover. „Die Angst vor dem Niedergang der Sprache ist unbegründet.“ Aber sie ist nicht neu. Zeugnisse davon finden wir seit mehr als 2000 Jahren. Der Germanist Fritz Tschirch schrieb 1967: „Hätte die seit Jahrhunderten vorgebrachte These des Sprachverfalls Recht, würden wir heute vor einem Scherbenhaufen stehen, dass keiner den anderen mehr zu verstehen vermochte.“

Bei einem Vortrag in Obernkirchen letztes Jahr referierte Hermann Unterstöger, seit Jahrzehnten für die Süddeutsche Zeitung tätig, über den Sprachverfall. Er verdeutlichte dort die, vom profilierten Linguisten Prof. Dr. Rudi Keller beschriebene Problematik, dass Sprachkritik immer Fremdkritik sei. Nie höre man jemanden klagen: „Was spreche ich denn für ein verwahrlostes Deutsch.“ Die Kritik beschränke sich immer auf den Sprachgebrauch der anderen.

Am Ende seines Vortrages brachte Unterstöger seine Kritik auf den Punkt: „Die Sprachwahrer und Wortwarte hängen der Vorstellung an, die Sprache habe irgendwann den besten aller möglichen Zustände erreicht und könne von da an durch Neuerungen nur noch verlieren. Es ist nicht untypisch, dass sie besagtes Ideal in aller Regel dort verwirklicht sehen, wo es mit ihrem eigenen Sprachvermögen übereinstimmt.“

Denn obwohl seit Jahrtausenden über den Niedergang der Sprache geklagt werde, knüpft Rudi Keller an, gebe es keine einzige Sprache, die als verfallen gelte. Keller forscht und lehrt an der Universität Düsseldorf und beschäftigt sich intensiv mit der Entwicklung unserer Sprache. Er erklärt, dass das Bild des Sprachverfalls schon im 19. Jahrhunderts populär war. Damals wurde es verbunden mit dem Glauben an die Sprache als Lebewesen.

Führende Sprachwissenschaftler wie Wilhelm von Humboldt waren der Ansicht, die Sprache würde wie ein Organismus nach bestimmten Gesetzen wachsen, ihren Zenit erreichen und schließlich sterben. „Das nimmt man nicht mehr an,“ erklärt Siever den Stand der Wissenschaft. „Heute stellt man nur noch fest, was sich verändert.“

Die Sprache als aufblühendes und schließlich verfallendes Lebewesen. Diese Ansicht hätte wahrscheinlich auch das Bild von der toten Sprache Latein hervorgebracht, vermutet Keller. Doch sei Latein nicht tot, sondern habe sich lediglich weiter entwickelt. Es wird in seinen aktuellen Formen als Spanisch, Portugiesisch oder Französisch bezeichnet. „So gesehen ist Französisch nichts anderes als verfallenes Latein“, verdeutlicht Keller den Wandlungsprozess.

Wirklich tot sei eine Sprache erst dann, wenn sie sich nicht weiterentwickelt, also stagniert. „Es ist demnach in unser aller Interesse, dass unsere Sprache sich verändert“, erklärt Siever. „Eine Sprache, die sich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit entwickelt, wie die Gesellschaft, von der sie gesprochen wird, stirbt.“ Da gesellschaftliche und technische Veränderungen heute viel schneller vonstattengingen, als noch vor einigen Hundert Jahren, müsse sich auch die Sprache viel schneller an neue Gegebenheiten anpassen.

Wichtig sei daher, so Siever, eine möglichst große Anzahl aktiver Sprecher. „Denn je mehr wir Sprache gebrauchen, desto schneller ändert sie sich auch.“ Eine Sprache, die nur von einer kleinen Gruppe gesprochen werde, entwickle sich wesentlich langsamer weiter und werde sukzessive verdrängt. So erging es beispielsweise mehreren Sprachen der Ureinwohner Australiens. Sie konnten sich den radikal geänderten Lebensumständen ihres Volkes nicht anpassen und wurden daher verdrängt. So starben 2002 der letzten Sprecher von Gaagudju und 2009 jener von Nyawaygi.

Ebenfalls von Bedeutung seien Einflüsse von außen. Sprachräume, die viele Berührungspunkte mit anderen Sprachen und Kulturen haben, würden sich deutlich schneller verändern. Doch diese Veränderungen, auch wenn sie für unsere Sprache wichtig sind, würden zunächst meist kritisch beäugt. Warum, dass kann der Sprachwissenschaftler Keller erklären: „Jede Veränderung einer Konvention beginnt notwendigerweise mit deren Übertretung.“ In anderen Worten ausgedrückt, man begeht einen Fehler. Doch in dem Moment, wo alle diesen Fehler machen, wurde eine neue Konvention geschaffen.

Wer vor 100 Jahren schrieb: „Gestern backte der Bäcker das Brot“ beging einen Fehler. Korrekt hätte der Satz damals „Gestern buk der Bäcker das Brot“ gelautet. Eine Zeit lang waren beide Begriffe gebräuchlich, bis sich schließlich backte als neue Konvention herauskristallisierte.

Torsten Siever stellt auch eine aktuelle Entwicklung vor, die in naher Zukunft möglicherweise zu einer neuen Konvention wird: „Weil mit Verbzweitstellung“. Er verdeutlicht den sperrigen Begriff mit einem Beispiel: „Eigentlich müsste es heißen: Wir gehen raus, weil es schön ist.“ Denn weil-Sätze gelten in der Standardsprache nur dann als korrekt, wenn das Verb am Ende steht.

Doch immer öfter hört und liest man heute: „Wir gehen raus, weil es ist schön.“

Mittlerweile hat diese Form es als umgangssprachliche Ausdrucksweise in den Duden geschafft. Immer öfter wird sie auch bei Texten, vor allem in Fernsehen, Werbung und Zeitungen verwendet. Nur noch wenige Menschen stören sich daran. Möglicherweise wird sie bald allgemein als richtig angesehen werden.

Schriftsprache und gesprochene Sprache rücken laut Dr. Torsten Siever immer näher zusammen. „Wir haben noch nie so viel kommuniziert, wie wir es heute tun.“ Der Buchdruck hat die Tür zur Schriftlichkeit geöffnet, doch erst durch Internet und Handy wurde sie vollends aus ihren Angeln gehoben. Heute bewegen wir uns durch eine Welt, die undenkbar wäre ohne schriftliche Kommunikation. 157 Millionen SMS versenden die Deutschen jeden Tag. Millionen kommunizieren täglich über Chats, auf Facebook oder schreiben Kommentare im Internet. Diesem veränderten Nutzungsverhalten müsse sich die deutsche Sprache anpassen, sonst sterbe sie aus, betont Siever. Kaum jemand nehme sich heute noch so viel Zeit für eine E-Mail wie früher für einen Brief. Diese Entwicklung erkennt auch Dr. Holger Klatte vom Verein für deutsche Sprache – und kritisiert sie.

„Die Höflichkeit findet im Internet nicht in gleicher Form Platz“, stellt er fest. „Als Professor an einer Universität bekommt man von Studenten laufend E-Mails ohne Anrede, im umgangssprachlichen Ton.“ Doch sei nicht alles negativ.

Er betont, dass die aktuelle Entwicklung zeige, dass Sprache unglaublich kurz und effektiv sein kann, ohne an Eindeutigkeit zu verlieren. Bei einer SMS mit maximal 160 Zeichen muss jedes Wort einen Sinn erfüllen, bekannte Floskeln werden gerne abgekürzt. Aus „Habe dich lieb“ wird „hdl“, aus „Gute Nacht“ wird „gn8“.

Aber auch viele englische Abkürzungen finden ihren Eingang in den deutschen Sprachgebrauch. „WTF“ steht für „What the fuck“ und heißt so viel wie „Was zur Hölle“. Statt „bis später“ schreibt man „cu“, was für „see you“ steht. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Auch hier setzt die Kritik von Sprachpfleger Klatte an. „Gerade im Internet bewegen wir uns in einem Bereich, wo unzählige Begriffe unhinterfragt aus dem Englischen übernommen werden.“ Es gebe keinen Grund, dass ein Rechner als Computer oder ein Programm als Software bezeichnet werden müsse. Eine problematische Entwicklung findet er und wünscht sich hier mehr Kreativität der deutschen Internetbenutzer. Sonst bleiben Menschen, die nicht so gut Englisch sprechen, ausgeschlossen, befürchtet Klatte.

Wer viel über Internet und SMS kommuniziert, legt sich oft eigene Abkürzungen und Ausdrücke zu. Die ungezwungene schriftliche Ausdrucksweise ermöglicht einen spielerischen Umgang mit der Sprache. Nicht nur beim gesprochenen, sondern nun auch bei dem geschriebenen Wort. Auch das sieht Klatte grundsätzlich positiv. Ein kreativer Umgang mit Sprache belebe diese. Doch müsse man richtig einschätzen können, „dass es sprachliche Situationen gibt, in denen man anders spricht als in SMS und E-Mails an Freunde.“ Hier versage der Deutschunterricht, der den Schülern nicht ausreichend Gespür für den situativen Gebrauch von Sprache vermittle. Sie würden oft nicht erkennen, wo sie welche Sprachform anwenden müssten.

Auch Smileys sieht er eher kritisch. Zwar ermöglichen sie es, sehr kurz und platzsparend Gefühle auszudrücken. Doch verliere man damit gleichzeitig die Notwendigkeit, die eigenen Gefühle in Worte zu fassen. Mit der Zeit gehe dadurch viel Sprachkompetenz verloren.

Bei der schieren Masse an schriftlicher Kommunikation wäre es heute schlicht nicht möglich, so viel Zeit auf ein einzelnes Schriftstück zu verwenden wie noch zu Goethes Zeiten, meint Siever. „Das, was wir konserviert haben, ist Schriftliches von Adeligen und gebildeten Menschen.“ Den Normalsprechenden von früher kenne man nicht, erklärt er.

Bleibt man bei der Metapher von der Sprache als Lebewesen, steht die Menschheit auf einem Berg von Leichen. Unser junges Jahrtausend hat bereits neun Sprachen dahinscheiden sehen, unzählige weitere waren es im vergangenen. Andere entwickelten sich weiter, verschmolzen oder wurden gar, wie das Hebräische, wieder zum Leben erweckt.

Wird Deutsch sich demnächst in die Reihe jener toten oder im Sterben begriffenen Sprachen einreihen müssen? Nein, sagen die Sprachwissenschaftler.

Hoffentlich nicht, sagen die Sprachpfleger.



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