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Wenn „Trolle“ im Netz nur Ärger machen

Sucht man im Internet nach einer Definition für das Wort „Troll“, dann erscheint in der Auflistung der Antworten keineswegs zuerst ein Hinweis auf dickfellige mythologische Zauberwesen aus dem Norden, auch nicht auf Riesenmonster, wie sie in Fantasiefilmen und -romanen zur Atmosphäre beitragen, sondern auf eine ganz neue Art von Unhold, dessen Lebensraum das Internet selbst ist und der sich mit Vorliebe störend dort herumtreibt, wo andere friedlich miteinander kommunizieren wollen: In Diskussionsforen und Blogs, unter den Kommentatoren von Online-Artikeln und auf Ratgeberseiten, wo Leute Fragen zu Haus, Garten und sonstigen Alltagsthemen stellen.

veröffentlicht am 23.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:23 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Ein „Internet-Troll“, das ist ein Mensch, dessen Online-Existenz kein weiteres Ziel hat, als andere zu ärgern.

Wer an den vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten des World Wide Web kein großes Interesse hat, wird von diesen modernen Trollen vielleicht noch nie was gehört haben. Doch schon eine private Homepage mit einem Gästebuch kann durchaus einen Troll-Besuch erhalten, ebenso wie zum Beispiel die von Grund auf seriöse Internetseite der evangelisch-reformierten Kirche, die von der Rintelner Theologin Barbara Schenck betreut wird, oder PC-Technik-Foren, wie sie Tierärztin Claudia Daum aus dem Auetal regelmäßig nutzt, um sich Rat bei Softwarefragen zu holen. „Besonders gemein ist es, wenn jemand eine Anfängerfrage stellt und dann die Anleitung bekommt, wie er wichtige Systemdateien löscht“, sagt sie.

„Es gibt verschiedene Unterarten von Trollen“, so Sergej Petrov aus Hameln, der jede Menge Erfahrung mit dieser Spezies hat, ist er doch Moderator in einem großen Spiele-Forum, wo täglich Tausende von Beiträgen hinterlassen werden, teils, weil man dort Hilfe rund um PC-Spiele erhält, teils, weil man sich über Gott und die Welt unterhält. „Die schlimmsten Trolle sind diejenigen, die in Diskussionen hineinknallen, irgendeinen extremistischen Mist hinterlassen, alle anderen zu Dummköpfen erklären und im Handumdrehen dafür sorgen, dass sich alles nur noch um sie dreht, sei es, weil die Leute sich über sie aufregen, oder weil es total sinnlos ist, sie von irgendwas überzeugen zu wollen.“

Genau diese Aufregung, die sie verursachen, die Wut, die sie auslösen, die negative Aufmerksamkeit, die man ihnen gönnt, das alles lieben die Internet-Trolle. Davon leben sie. „Don’t feed the troll“ („Nicht den Troll füttern“) ist ein beliebter Ratschlag, der meint, man solle Trolle einfach ignorieren. Doch das gelingt nie. Ein Rintelner Schüler, der unter dem Namen „Flikks“ häufig Online-Spiele spielt, hat riesengroßen Spaß daran, sich in einer Mannschaft anzumelden, die gegen eine andere kämpft, in der sein Freund mitmacht. Wo man sonst gewinnen will, wetten sie, wer seine Mannschaft zum Verlieren bringt, indem sie so schlecht wie möglich spielen. „Es ist einfach lustig, die anderen zur Weißglut zu bringen! Die toben dann herum, schreiben die übelsten Beschimpfungen, und wir lachen uns tot“.

Ebenso destruktiv tätig sind die sogenannten „Spammer“, die sich durch sämtliche vorhandenen Themen eines Forums klicken und überall ein „Warum willst du das wissen?“ oder „Dazu kann ich nichts sagen“ oder „Laaaaangweilig!“ hinterlassen. „Als Moderator habe ich da allerdings die einfache Möglichkeit, solche Beiträge zu löschen“, sagt Sergej Petrov. „Ist aber mal längere Zeit kein Moderator online, chaotisiert auch ein solcher Troll schnell den ganzen Betrieb.“

Es gäbe manchmal Tage in den Plauderecken seines Forums, wo ein Troll hintereinander lauter sinnlose oder auch anstößige Themen eröffnet. Dann klickt man auf ein Thema mit scheinbar harmlosem Inhalt und erblickt unvermutet ein Porno- oder Gewaltbild. „Ohne Moderation kann man kein Forum führen“.

Eine weitere Unterart des Trolls tarnt sich als selbst ernannte Foren-Polizei. Wo immer ein Neuling Fragen stellt, verweist er darauf, dass man sich per Suchfunktion die Informationen selbst zusammensuchen solle, dass es eine Zumutung sei, die Energie der anderen mit dummen Fragen zu verschwenden, oder er schreibt einfach: „Google ist dein Freund!“, mit einem Link zur leeren Google-Suchmaschinenseite. Außerdem liebt er es, andere lang und breit auf ihre Rechtschreibfehler hinzuweisen. Claudia Daum, die nicht nur PC-Technik-Foren nutzt, sondern als Mutter von vier Kindern häufig auch in speziellen Mütterforen unterwegs ist, sie findet diese Leute besonders nervend: „Wer so in einem Forum empfangen wird, traut sich doch nie wieder, was zu schreiben.“

Theologin Barbara Schenck hatte in der Anfangszeit als Redakteurin des Kirchen-Internetauftritts „reformiert-info.de“ öfter mal das Problem, dass sich eifernde Missionare auf den Seiten herumtrieben und moralisierende Kommentare unter den sachlichen Informationsartikeln ausbreiteten. „Wenn so etwas überhand nimmt, schreckt das natürlich andere Nutzer ab“, sagt sie. „Wir lassen schon längst nicht mehr zu, dass Kommentare ungeprüft veröffentlicht werden.“

Der Ausdruck „Troll“ für nervtötende Internet-Störenfriede hat übrigens ursprünglich gar nichts mit einem grobschlächtig neckischen oder zerstörerischen Fantasiewesen zu tun, sondern leitet sich von dem englischen Wort „to troll“ ab. „Trolling“, das ist das Angeln mit einer Schleppangel, es meint ein „Ködern“, nämlich von unerfahrenen Internetnutzern, die sich durch Hohn und Spott einfangen lassen, oder auch von Vertretern bestimmter Weltanschauungen, die man provozierend mit dem Gegenweltbild konfrontiert.

Felix Hau, streitbarer Redakteur aus Rinteln und früher leidenschaftlicher Teilnehmer in einem philosophischen Diskussionsforum, erinnert sich sehr gern daran, wie seine radikalen Thesen die etwas gesetzteren Gespräche aufmischten.

„Ich fühlte mich wohl, wenn ich die anderen gegen mich aufbrachte, ich kam dann erst so richtig in Fahrt“, sagt er. „Vielleicht wohnt in mir tatsächlich ein kleiner Troll.“ Nun sei es allerdings nicht so gewesen, als wenn jemand in einem Veganer-Forum die Vorzüge des Fleischgenusses anpreist, oder in einem Nichtraucher-Forum über das Rauchverbot am Arbeitsplatz herziehe. „Ich habe nicht aus ’L’art pour l’art‘-Gründen ’getrollt‘, sondern weil ich ja echte Anliegen hatte. Mir ging es dabei kaum um die konkreten Gesprächspartner, die ich eh nicht hätte überzeugen können, sondern um andere Mitlesende, die ich auf diese Weise erreichen wollte.“ Seine Einschätzung: Der traditionelle Troll werde von heilen Welten magisch angezogen, erfreue sich daran, diese in Aufruhr zu versetzen und gleichgeschaltete Diskussionen als solche zu entlarven. „Inzwischen hat sich der Begriff gewandelt, meine ich. Heutige Internet-Trolle kommen mir vor wie Leute, die durch die Straßen wandern und Autoantennen abbrechen.“

Das muss nicht jeder so sehen, selbst Foren-Moderator Sergej Petrov nicht. „Manche Trolle können durchaus unterhaltsam sein“, meint er. „Durch ihre Provokationen heizen sie manchmal die Diskussion erst richtig an. Das ist ab und zu ein Gewinn, keine Frage. Wenn es zu schlimm wird, greifen eben wir Moderatoren ein.“

Überall da, wo Internet-Kommunikationen verantwortlich überwacht werden, kommen bösartige Trolle meistens nicht weit. Üble Beiträge werden gelöscht, Querulanten gesperrt oder gar für immer ausgeschlossen. „Oft beginnt dann unter den anderen eine Diskussion darüber, ob es sich bei solchen Maßnahmen um ,Zensur‘ handele“, so Sergej Petrov. „Das ist es aber nicht, es ist nur das Durchsetzen von Kommunikationsregeln, ohne die jedes Gespräch all zu bald zusammenbricht. Die wenigsten Internet-Plattformen wollen, dass bei ihnen virtuelle Prügeleien stattfinden.“ Andere dagegen setzen die Wut- und Empörungswellen, die Trolle regelmäßig auslösen, dafür ein, selbst möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Dort werden zum Beispiel Kommentare zu einzelnen Artikeln zwar erst durch einen Moderator geprüft, man lässt trotzdem aber regelmäßig Beiträge zu, die durch Übertreibungen oder beleidigende Ausdrücke extrem provozieren. Denn gerade dort, wo Trolle sich herumtreiben, gibt es die größte Beteiligung von Lesern. Die Maßgabe: „Don’t feed the troll“, sie scheitert regelmäßig. Es ist eben doch zu verführerisch, ab und zu mal richtig den Troll rauszulassen.

Sie sind keine Zauberwesen und auch nicht aus dem hohen Norden: „Internet-Trolle“ gelten als Menschen, die in Netz-Foren kein anderes Ziel haben, als andere Internetnutzer zu ärgern. Diese Trolle einfach zu ignorieren, wäre ein Rezept gegen Beleidigungen und dumme Kommentare. Doch das gelingt eigentlich nie.

Unerfahrene ernten Hohn, Spott und Provokationen



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