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Wenn Schüler Spießrutenlaufen müssen

Im Physikraum einer weiterführenden Schule in Hameln steht eine Lehrkraft an der Tafel und versucht, rund 30 Schüler mit unterschiedlicher Lernbereitschaft für die physikalischen Gesetze zu begeistern. Unruhig ist es in der Klasse, aber noch nicht störend. In einer Ecke des Unterrichtsraums wird Christine (Name von der Redaktion geändert) von einer Gruppe Jungen umringt. Sie kennt das schon. Immer wieder sind es vor allem drei Mitschüler, die sie seit Wochen nicht in Ruhe lassen und immer wieder beleidigen, quälen und sie auch körperlich bedrängen. Völlig fassungslos hört die heute 14-Jährige, wie einer der Jungen den Vorschlag macht, sie aus dem Fenster zu werfen. Gelächter bei den gewaltbereiten Jungs, Entsetzen und Angst bei Christine. Tatsächlich öffnet einer der Jungen das Fenster, während die anderen sie bereits gepackt haben.

veröffentlicht am 30.06.2011 um 00:00 Uhr

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Gott sei Dank befindet sich der Unterrichtsraum im Erdgeschoss. Sie fällt nicht tief, verletzt sich nicht – jedenfalls nicht körperlich – und betritt die Schule durch den Haupteingang, klopft an die von außen nur mit einem Schlüssel zu öffnende Tür des Fachraums. „Nanu, wo kommst du denn her?“, fragt die Lehrkraft. Christine schweigt. Die Übeltäter feixen im Hintergrund, knuffen sich voller Stolz über ihren Sieg in die Seite.

Wie die Lehrkraft haben die meisten Schüler den Vorfall gar nicht realisiert, und Christine blickt verängstigt in die Gesichter ihrer Mitschüler. Ohnmächtig ist sie, hilflos fühlt sie sich und schweigt.

Erst Wochen später wird sie ihren Eltern von diesem Vorfall erzählen. Wochen, in denen sie zunehmend isoliert wurde. „Bevor das alles losging, hatte ich schon einige Freunde, Jungs und Mädchen, aber als ich dann mein Aussehen verändert habe, fingen einige Mitschüler an, mich zu beleidigen und immer wieder zu bedrängen.“ Wie scheiße sie doch aussehe, hätte man ihr jeden Tag mitgeteilt. Es sei aber nicht bei verbalen Übergriffen geblieben. „Die haben mir die Haare rausgerissen, mich getreten und mir auch das Handy weggenommen.“

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Dr. Michael Heilemann

Nicht nur den Lehrern, sondern auch den Eltern hat Christine das Mobbing lange Zeit verschwiegen. Erst als einer der Haupttäter ihr drohte: „Wir haben Kanakenfreunde, die auch Mädchen platt machen“, stimmte sie schließlich zu, sich professionelle Hilfe zu holen und zeitgleich mit dem Haupttäter ein klärendes Gespräch zu führen.

Christines Mutter erinnert sich noch gut an dieses Gespräch: „Als uns unsere Tochter das erste Mal von den Vorfällen berichtete, wollten wir natürlich sofort intervenieren, aber Christine wollte das anfänglich partout nicht. Als der Bursche dann in Begleitung seiner Mutter hier bei uns auf dem Sofa saß, da habe ich zwar auch Reue gesehen, aber auch eine gehörige Portion Ignoranz.“

Zwar ließ das Mobbing nach, allerdings war die 14-jährige Schülerin dem Unterricht immer häufiger ferngeblieben, sodass am Ende des Schuljahres ein Schulwechsel unausweichlich war. „Das war das Beste, was mir passieren konnte, meine Noten sind wieder so wie vor dem Mobbing, und wenn alles gut läuft, werde ich bald eine der Hamelner Berufsfachschulen besuchen und versuchen, mein Abitur zu machen.“

Für Pierre (Name von der Redaktion geändert) endete das Mobbing gegen ihn im Krankenhaus. „Es gab in meiner Klasse einen Schüler, der hatte es einfach auf mich abgesehen“, erinnert sich der 15-jährige Schüler. Anfänglich seien es Beleidigungen gewesen, mit denen der auch bei Lehrern als gewaltbereit geltende Mitschüler Pierre gepeinigt hätte. Neben den unterschiedlichsten Fäkal- und Genitalbeschimpfungen sei er auch immer wieder wegen seiner Lernbereitschaft diskreditiert worden. Als „Scheiß-Streber“ sei er bezeichnet worden. Später hätte der Mitschüler ihn gemeinsam mit anderen Schülern hinter die Tür eingeklemmt, bis es schließlich zu dem massiven körperlichen Übergriff kam, der Pierre ins Krankenhaus brachte. Über die Details wollen Pierre und sein Vater lieber schweigen, aber: „Wir haben natürlich sofort Anzeige erstattet“, sagt Pierres Vater. Verwundert hätten ihn Nachfragen der Schulleitung und anderer Lehrkräfte, ob er denn tatsächlich eine Anzeige machen wolle. „Mir kam das so vor, als versuche die Schule, nach außen einen Schein zu wahren.“ Der damals wichtigste Zeuge für Pierre machte während des Zivilprozesses einen Rückzieher und schwieg sich über die Machenschaften des Täters aus. Tragisch für den Zeugen: Wenige Wochen später wurde er selbst Opfer des Jungen, der Pierre krankenhausreif geprügelt hatte. Aber dieser Vorfall hatte für Pierre auch sein Gutes, denn nach dieser erneuten Attacke wurde der gewaltbereite Mitschüler der Schule verwiesen.

Weder Pierre noch Christine haben das Schiller-Gymnasium oder die Südstadtschule besucht, deren Schulleiter Andreas Jungnitz und Manfred Wilcken aber unisono bekennen, dass Mobbing auch an ihren Schulen durchaus ein Thema sei. Dennoch vertritt Jungnitz die Auffassung: „Wir müssen Vorsicht bei der Verwendung des Begriffs Mobbing walten lassen. Nicht jede Auseinandersetzung unter Schülern ist Mobbing.“ So sieht das auch Wilcken. Wichtig sei eine Früherkennung, so Jungnitz weiter, die oftmals aber durch die Verschwiegenheit von Opfern und Tätern erschwert werde. Wilcken: „Die speziellen Strukturen hier an der Südstadtschule haben den positiven Nebeneffekt, dass körperliche Übergriffe unter den Jugendlichen nur höchst selten vorkommen.“ Jeder „Große“, der einem „Kleinen“ Gewalt androhe, wisse, dass hinter jedem „Kleinen“ auch mindestens ein „Großer“ stehe, so Wilcken weiter. Zudem gebe es an der Südstadtschule zwei Sozialarbeiter, die im Bereich Psychologie und Sozialpädagogik tätig seien.

Jungnitz klagt dennoch über Unterversorgung: „Die schulpsychologische Versorgung ist in Niedersachsen desaströs, erschreckend desaströs.“ Wartezeiten von drei bis sechs Monaten in konkreten Bedarfsfällen ständen dem Anspruch einer möglichst raschen Intervention beim Mobbing diametral gegenüber.

Eine gefährliche Brutstätte für Mobbing sei das Internet, so die Schulleiter. Dem stimmt der Hamelner Diplompsychologe Dr. Michael Heilemann vorbehaltlos zu: „Die Zeit, die ein Mensch im Internet damit verbringt, sich darzustellen und die Darstellung anderer in Augenschein zu nehmen, gehen in der realen Welt verloren.“ Aus psychologischer Sicht gebe es mehrere Phasen im Verlauf eines Mobbings. „Täter- und Opferprofil unterscheiden sich dabei stark, denn während das Opfer in der Regel sachorientiert, also auf die Schule bezogen beispielsweise auf das Lernen fokussiert ist, sind die Täter in der Regel beziehungsorientiert.“ Oftmals stünden Neid und Verachtung der Täter für das vermeintliche Opfer am Anfang des Mobbings. Die Krux dabei: „Häufig nehmen die Opfer zwar wahr, dass sie gemobbt werden, sehen aber ihrerseits keinen Handlungsbedarf, sondern versuchen im Gegenteil, die Täter von der Beziehungsebene auf die Sachebene zu locken.“

Als dritte Ebene, der Experte spricht von der Autoritäts-Instanz, fungieren in diesem Opfer-Täter-Mobbing-Geflecht laut Heilemann Eltern, Lehrer, Kollegen, Freunde, Psychologen, Ärzte und so weiter. Die Schwierigkeit für diese dritte Instanz bestünde darin, dass mit ihrem Eingreifen eine Ausgangsbehauptung der Täter („Du lernst ja nur so gut, weil du dem Lehrer gefallen willst“) Wahrheit wird. Heilemann: „Ein Mobbing-Opfer wird anfänglich versuchen, sich zu rechtfertigen, später auch die Ellbogen ausfahren. In der Regel bemüht sich das Opfer, häufig viel zu spät, Beziehungsprofi zu werden, während sich die Täter aber als einvernehmliche Gruppe in der Situation sauwohl fühlen.“

Warnsignale, so Heilemann, seien höchst unterschiedlich, könnten aber auf jeden Fall als Kommunikationssignale erkannt werden. Für Jungnitz ist eine vertrauensvolle Kommunikationskultur ein wichtiger Bestandteil schulinterner Bemühungen, dem Mobbing entgegen zu wirken. „Auslöser für Mobbing gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule. Hier müssen alle Beteiligten einen offenen Dialog führen.“ Für Wilcken gehört gleichermaßen konsequentes Handeln dazu: „Wer hier gewalttätig wird, bekommt unverzüglich Sanktionen, bis hin zum Schulverweis, zu spüren. Zudem ist er aber auch der Ansicht, dass sich die Schulen im Bereich Freiräume defizitär entwickelt hätten: „Schüler verbringen heute wesentlich mehr Zeit auf dem Schulgelände als früher. Teilweise wird bis weit in den Nachmittag unterrichtet.“ Völlig vernachlässigt worden sei bei der modernen Bildungspolitik die Erweiterung der Schulen um Freiräume und Auslaufzonen.

Christine und Pierre erinnern sich heute mit gemischten Gefühlen an die Zeit, als sie von Mobbing betroffen waren. Dennoch haben beide ihre Freude am Leben, am Lernen und an der Schule wiedergefunden. Selbstbewusster sind sie geworden und haben einen fast schon professionellen Blick für Mobbingsituationen entwickelt. Christine sucht sich ihre Freunde ganz genau aus, und Pierre begleitet und unterstützt in seiner Freizeit nun selbst Schüler, die vom Mobbing betroffen sind.

Anglizismen erfreuen sich in der modernen deutschen Sprache großer Beliebtheit. Die Leichtigkeit jedoch, mit der das Wort „Mobbing“ ausgesprochen wird, steht im krassen Widerspruch zu den Erfahrungen, die die Betroffenen machen; denn diese sind häufig alles andere als leicht.



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