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Wenn Kinder scheinbar grundlos schreien

Jedes zehnte Kind zeigt Symptome einer Angst-, jedes 20. Kind Symptome einer depressiven Störung. Unter den 17-Jährigen finden sich bei fast jedem dritten Mädchen und etwa jedem achten Jungen Symptome von Essstörungen.“ Die Ergebnisse der Studie des Robert-Koch-Instituts lassen Betroffene aufhorchen und stellen sie vor Herausforderungen.

veröffentlicht am 07.06.2011 um 00:00 Uhr

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Wenn Kinder scheinbar grundlos schreien, boxen oder aggressiv werden – dann zeigen sie Verhaltensauffälligkeiten. „Das sind überwiegend Disziplin-Konflikte im Schulbereich, die Lehrer fühlen sich vom Verhalten eines Kindes gestört“, erklärt Birgit Herz, Professorin für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Leibniz Universität Hannover. Doch es gebe auch Kinder mit Verhaltensstörungen, die nicht auffallen. Sie leiden an Ängsten oder verletzen sich selbst. „Oft sind die Kinder traumatisiert durch Missbrauchserfahrungen, Vernachlässigung und Gewalt in der Familie“, so die Professorin. Eine Untersuchung an Kindergärten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2010 habe ergeben, dass die Erzieherinnen 45 Prozent der Kinder motorisch unruhig erlebten, 60 Prozent verbal aggressiv, und bei 42 Prozent sei die Aufmerksamkeit gestört, führt Herz an. „Förderschulen für verhaltensgestörte Schüler sind in den letzten 15 Jahren explodiert, es gab bundesweit 300 Schulgründungen.“

Bereits in den ersten Klassenstufen zeigen einige Kinder Verhaltensauffälligkeiten, wie Horst Ahlswede, Schulleiter der Grundschule Nord in Rinteln, weiß: „Wir haben in den neun ersten Klassen unserer Schule Kinder, die durch unterschiedliche, durchaus problematische Verhaltensweisen während des Unterrichts und außerhalb dessen, auffallen“, berichtet er. Die Lehrkräfte würden „ihr Nötigstes“ tun, um den Kindern zu helfen, doch in der Schule habe man nur begrenzte Möglichkeiten, so Ahlswede weiter.

Einige Fachleute sehen in den Auffälligkeiten der Kinder ein gesamt-gesellschaftliches Problem, das durch fehlende emotionale Zuwendung seitens der Eltern hervorgerufen und auch verstärkt werden kann. Ahlswede jedoch will sich nicht festlegen, was die Ursachen für die auffälligen Verhaltensweisen sein können: „Einen speziellen Grund gibt es sowieso nicht. Und die Schuld auf das Elternhaus zu schieben, wäre zu einfach. Meistens sind es verschiedene Faktoren, die zusammenkommen und die Auslöser sein können.“

Die Frage, mit der sich nicht allein Schulleiter auseinandersetzen müssen: Wie kann diesen Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten begegnet werden? „Die Grundschule Nord arbeitet eng mit dem Jugend- und Gesundheitsamt, dem psychologischen Dienst und dem Schularzt zusammen“, erzählt Ahlswede. Außerdem habe die Grundschule eine speziell ausgebildete Lehrkraft, die sich überwiegend um diese Kinder kümmere. An der Grundschule Nord herrscht nach Aussage von Grundschulleiter Ahlswede „enge Zusammenarbeit mit dem schulischen Beratungszentrum des Landkreises Schaumburg in Obernkirchen, das Eltern und Lehrerinnen im Hinblick auf therapeutische Möglichkeiten hilft“. Wie können die auffälligen Kinder besser im Unterricht integriert werden und wie verhalten sich die Lehrer pädagogisch angemessen? Das seien die Problemfelder, die bearbeitet werden.

Schule ist das eine Umfeld, in dem es zu Konflikten zwischen den Kindern und ihrer Umgebung kommt. Das andere ist das Zuhause. „Ich komme mit meinem Kind nicht klar“, „ich weiß nicht, was mit meinem Kind los ist“ – diese Sätze hört Eckhard Meier oft. Der Diplompsychologe von der Erziehungsberatungsstelle begegnet immer wieder Eltern mit Erziehungsunsicherheit. Da gibt es den Zappelphilipp und den Träumer, Kinder, die sich nicht an Regeln halten und in Streitereien verwickelt sind, und ängstliche Kinder, die sich nicht viel zutrauen. „Die meisten Kinder leiden an emotionaler Labilität, haben also eine geringe Frustrationstoleranz, sind weinerlich, schnell zu verunsichern, empfindlich bei Ansprache sowie Kritik und haben eine traurige Stimmung“, beschreibt Meier.

„Das Wissen der Eltern über Erziehung, was früher selbstverständlich war, ist heutzutage verloren gegangen“, stellt der Erziehungs- und Familienberater fest. Wenn Eltern ihrer Erziehungsverantwortung nicht nachkommen, machten sie sich schwächer, die Kinder würden dann stärker, lautet Meiers Beobachtung. So würden Eltern von ihren Kindern nicht ernst genommen.

Wichtig sei es immer, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, sagt Meier. Dabei reiche es nicht aus, wenn Kinder ihre Hausaufgaben selbst machen und ihr Zimmer aufräumen.

„Mädchen und Jungen sollten regelmäßig im Haushalt mithelfen, sonst werden sie weltfremd“, so der Psychologe. Dies könne beim Kochen sein, beim Wäscheaufhängen und -abnehmen oder beim Toiletteputzen.

Doch auch die Kinder selbst beklagen sich ihrerseits bei dem Psychologen über ihre Eltern: „Mama und Papa hören mir nicht richtig zu.“ Kinder merkten, wenn ihre Eltern in Gedanken schon an ihrem Arbeitsplatz oder beim Einkaufen sind. „Eltern sollten sich für ihre Kinder Zeit nehmen, es ist ja nicht die Menge der Zeit“, rät der Psychologe. Besonders für Kinder, die sowieso nicht viel sprechen, sei dies sehr wichtig. Bei der Schnelllebigkeit heutzutage stünden Erwachsene ständig unter Strom. „Da bleibt was auf der Strecke.“

Obwohl es immer weniger Kinder gibt, steigen die Wartezahlen bei den Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie, stellt Meier fest. Ein halbes Jahr bis zu einem ganzen Jahr Wartezeit sei nicht ungewöhnlich. Auch bei den erwachsenen Familienmitgliedern gebe es immer mehr psychische Auffälligkeiten: Burn-out-Syndrom, Ängste, Alkohol-Probleme, Depressionen.

„Die Eltern können so nicht dem Erziehungsauftrag nachkommen, was wieder Rückwirkung auf die Erziehungsfähigkeit hat“, so der Psychologe.

Die Professorin Birgit Herz hat eine deutliche Meinung: „Das, was an Förderung gemacht wird, ist zu wenig, die Hilfen setzen erst zu spät ein.“ Deshalb müsse, so die ehemalige Sonderschullehrerin, die Prävention schon im Kindergarten ausgebaut werden, Eltern brauchten Schulungen für ihre Kinder. Den Förderschulen, die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eher ausgrenzen, seien integrative Schulen vorzuziehen, meint Herz.

Auch die Obernkirchener Albert-Schweitzer-Schule leiste Integration, indem von dort aus Förderschulkräfte allgemeinbildende Schulen im Umkreis besuchen und dort Lehrkräfte beraten sowie die Kinder begleiten, erklärt der Schulamtsleiter des Landkreis Schaumburg, Friedrich-Wilhelm Dehne: „Hier bekommen die Kinder, die laut Untersuchungen der Schulbehörde Bedarf an Fördermaßnahmen haben, angemessene und individuelle Hilfe.“

Ein besonderes Augenmerk müsste laut Professorin Herz auf die Einkommensverhältnisse der Eltern gelegt werden. „Wir müssen den Blick auf die Armutsentwicklung bei Kindern werfen, weil als verhaltensgestört etikettierte Kinder Bedarf haben an Hilfen für Erziehung“, fordert Herz. In Hannover lebten zurzeit 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die Hilfen zur Erziehung erhalten, in Armutsverhältnissen.

„Es gibt für mich einen deutlichen Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Verhaltensproblemen“, sagt die Professorin. Ihre Forderung: Bessere Rahmenbedingungen schaffen für Kinder aus ärmeren Familien. Außerdem gebe es zu wenig Personal – in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Schulbereich. Bei der Ausbildung des Personals werde zu viel gespart, merkt Herz an.

Und was können die Eltern tun, damit ihre Kinder erst gar nicht Verhaltensstörungen entwickeln? „Sie sollten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, Fürsorge neu entdecken und mit den Medien bewusster umgehen“, fordert Professor Herz.

Komplexe Probleme wie Unruhe und Konzentrationsschwäche könne man nicht einfach mit Ritalin-Rezepten lösen. Für die Pädagogin steht fest: „Unsere Kinder brauchen Zeit.“

„Psychische Auffälligkeiten sind auf dem Vormarsch“, heißt es in einer Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Das Robert-Koch-Institut untersuchte im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit bundesweit den Gesundheitszustand und Lebensstil von Kindern und Jugendlichen. Ergebnis: Bei circa 12 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen wurden Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme festgestellt. Was tun?



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