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Bei Teenager-Müttern treffen viele Probleme aufeinander / Hebammen unterstützen, wenn familiärer Rückhalt fehlt

Wenn Kinder Kinder kriegen

In der heutigen Zeit ein Kind zu bekommen und all die Ansprüche und Erwartungen der Elternschaft zu erfüllen, ist sowieso schon schwierig“, sagt Heidemarie Hanauske, Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Landkreis Schaumburg. „Wie soll es da erst ganz jungen Müttern gehen, die kein wirkliches Vorbild dafür haben, wie das Leben mit Baby nun weitergehen soll?“

veröffentlicht am 20.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 09:32 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Sie und ihre Mitarbeiterinnen im Familienzentrum Stadthagen haben im Laufe von über 20 Jahren schon so viele junge Mütter kennengelernt und ihnen beigestanden, den zunächst so ungewohnten und oft überfordernden Alltag zu organisieren. Immer wieder besprachen AWO-Beraterinnen und Hebammen, Sozialarbeiter und Ärzte, wie man den Betroffenen noch effektiver zur Seite stehen könnte. „Es war klar, dass die ,aufsuchende Sozialarbeit‘ dabei die größte Rolle spielen müsste“, so Heidemarie Hanauske. „Gerade da, wo Verhältnisse besonders problematisch sind, wird am wenigstens von selbst Unterstützung gesucht, oft aus Unwissenheit, oft auch, weil da Angst vor Kontrolle und Kritik herrscht.“

Seit dem Jahr 2006 nun bildet die niedersächsische Stiftung „Eine Chance für Kinder“ sogenannte Familienhebammen aus, Hebammen und Kinderkrankenschwestern, die über die normale Hebammenbetreuung hinaus manchmal ein ganzes Jahr lang mindestens einmal in der Woche ins Haus kommen und für alle großen und kleinen Fragen und Probleme zur Verfügung stehen. Im Landkreis Hameln-Pyrmont sind es fünf, im Landkreis Schaumburg drei erfahrene Frauen, die diese Aufgabe übernehmen.

Eine der Schaumburger Familienhebammen ist Anke Hillmann, als Honorarkraft zusätzlich zu ihrer „normalen“ Hebammentätigkeit für den Landkreis angestellt bei der AWO im Projekt „Einstieg ins Leben“. Im Moment betreut sie insgesamt elf Mütter. Sieben von ihnen brauchen sie als Familienhebamme, oft als die einzige wirkliche Vertrauensperson, die sie durch das schwierige erste Jahr mit dem Baby kontinuierlich begleitet. „Ach ja, von vielen Kolleginnen höre ich: ,Das könnte ich nicht machen‘“, sagt sie. „Aber diese Arbeit ist so wichtig. Es geht dabei nicht nur um die Mütter, die ohne Familienhebamme verzweifeln würden, sondern auch um die Kinder. Viele glauben ja gar nicht, wie sehr schon Babys registrieren, wenn in ihrer Umgebung Dinge aus dem Ruder laufen.“

Kümmern sich um junge Mütter in Schaumburg: Gisela Schäfer von der AWO-Schwangerenberatung (v.l.), Familienhebamme Anke Hillmann und AWO-Geschäftsführerin Heidemarie Hauske. cok

Das bestätigt auch Gisela Schäfer, Koordinatorin im Projekt „Einstieg ins Leben“, die so eng mit den Familienhebammen zusammenarbeitet, dass sie jeden Problemfall kennt, als sei sie selbst vor Ort dabei. „Es gibt Babys, die schon mit sechs, acht Monaten Überlebenstechniken entwickeln, um nicht angeschrien oder geschüttelt zu werden. Sie versuchen, nicht zu stören, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, es ist, als wenn diese ganz Kleinen schon eine Verantwortung dafür spüren, dass die Stimmung in der Familie nicht ins Chaos umschlägt.“ Anke Hillmann nickt dazu. „Unser großes Ziel, dem alles, was wir tun, untersteht ist, dass die jungen Mütter einen respektvollen, achtsamen Umgang mit ihrem Kind erlernen, dass sie ihm einen Respekt erweisen können, den sie oft selbst gar nicht erfahren haben.“

Das beginnt bei scheinbar selbstverständlichen Dingen, wie zum Beispiel, in der Gegenwart des Babys nicht zu rauchen, nicht ständig den Fernseher laufen zu lassen, sich nicht laut zu streiten, keine Türen zu knallen, keine Partys zu feiern. „Es nützt auch nichts, nur mit Worten zu erklären, wie man einen Babybrei zubereitet, wir müssen dann schon zusammen kochen, genau so, wie wir zusammen zu den Vorsorgeuntersuchungen hingehen oder zu Terminen im Jobcenter“, sagt sie. „Für Teenager überhaupt ist es ja meistens schon unmöglich, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Wenn da kein familiäres Umfeld existiert, das ihnen einen Teil der Verantwortung abnimmt, wie sollen sie sonst all das lernen?“

Dabei sei es so, dass auch die jungen Mütter unbedingt das Beste für ihr Kind wollen. „Eigentlich alle haben dafür gekämpft, dass sie ihr Baby behalten“, sagt Heidemarie Hanauske. „So gut wie immer kamen aus ihrer Umgebung, sei es von den eigenen Eltern, sei es vom Freund oder den Freundinnen, der gutgemeinte Rat, lieber abzutreiben, als die Schule aufzugeben, alleinerziehende Mutter zu werden und so schnell die eigene Kindheit und Jugend hinter sich zu lassen.“ Das ganze Thema sei immer sehr emotional aufgeladen. „Viele der Mütter haben den einen Hauptgrund, warum sie ihr Kind bekommen wollen, nämlich, dass es ihnen ganz allein gehört und dass es nicht weglaufen wird.“ Eine meistens nicht besonders tief durchdachte Begründung, auf die man aber doch recht erfolgreich aufbauen könne.

„Es ist ein Vorteil, dass unser Unterstützungsnetzwerk nicht direkt über das Jugendamt, sondern schon früh über die Schwangerschaftskonfliktberatung hier in der AWO zum Tragen kommt“, meint Gisela Schäfer. „Jugendamt, das wird oft mit Autorität und Sanktionen assoziiert. Das macht es schwerer, ein echtes Vertrauensverhältnis aufzubauen und von sich aus Probleme anzusprechen.“

Familienhebamme Anke Hillmann kann das nur bestätigen. „Wenn ein Jugendamt-Mitarbeiter die Mutter darum bittet, das Baby mal auszuziehen, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist, wirkt das ganz anders, als wenn ich es bin, die dasselbe will. Ich bin ja eh bei diesen Verrichtungen dabei, es ist nichts Besonderes. Stellt sich heraus, dass das Baby Wunden am Po hat oder was auch immer, dann reden wir normal darüber, woran das liegt, wie man es besser macht, oder eben auch darüber, welche unbeherrschbaren Konflikte existieren, dass es so kommen konnte, dass ein Baby grob behandelt oder vernachlässigt wurde.“ Manchmal würde sie dann den psychosozialen Dienst einschalten. Oder, in anders gelagerten Situationen, bei deutlich werdenden Entwicklungsstörungen etwa, dafür sorgen, dass die Kinder in der „Frühförderung“ der Lebenshilfe angemeldet werden. „Solche Maßnahmen lassen sich viel leichter umsetzen, wenn wir Familienhebammen es sind, die weitere Hilfen heranholen.“

Kontakte zu Hebammen

stellen geschulte Sozialarbeiter her

Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist es zwar genau das Jugendamt, das den Einsatz der Familienhebammen koordiniert, doch geschieht das durch die Sozialarbeiterin Christiane Christ, die speziell für diese Tätigkeit angestellt wurde. Als dafür geschulte Vermittlerin ist sie als Ansprechpartnerin für Hebammen, Ärzte und Sozialarbeiter da, denen problematische Familien auffallen, und sorgt dann dafür, dass Familienhebammen und zu betreuende Eltern zueinanderfinden, ohne dass es beängstigend heißt: „Das Jugendamt kommt.“ In regelmäßigen Fallbesprechungen, die auch anonymisiert stattfinden können, sehen dann alle beteiligten Helfer, ob weitere Maßnahmen für die Sicherung des Kindeswohls nötig sind. „Als wir damals im Zusammenhang mit den ,Frühen Hilfen‘ überlegten, wo man den Einsatz von Familienhebammen andocken könnte, schien es ratsam, das über die AWO-Beratung zu machen, an die junge Mütter sowieso immer verwiesen werden“, sagt Gisela Schäfer. Und nicht nur die besonders jungen Mütter nutzen die Beratung der AWO, sondern überhaupt alle Eltern, bei denen ein ruhiger, ordnender Blick von Außen wichtig ist, Migranten etwa, die sich im deutschen Behördendschungel nicht allein zurechtfinden, psychisch kranke Eltern auch oder solche, die ein Drogenproblem in den Griff bekommen müssen.

„Drei Familienhebammen für den gesamten Landkreis, das ist viel zu wenig“, so Gisela Schäfer. „Aber trotzdem kann ich immer wieder nur betonen: Gott sei Dank, dass es diese Familienhebammen gibt! Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie es die vielen Jahre zuvor ohne sie eigentlich gegangen ist.“

Es kann auch alles gutgehen, wenn Mädchen schon als Teenager Mutter werden. Oft aber treffen in dieser Situation lauter Probleme zusammen: Der meist ebenfalls sehr junge Kindsvater flieht vor der Verantwortung, die Eltern kommen schon mit ihren eigenen Kindern nicht klar, das Baby ist besonders unruhig, die finanziellen Verhältnisse ungesichert. Seit einigen Jahren erst gibt es Familienhebammen, die die jungen Mütter bei der Bewältigung des Alltags unterstützen.



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