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Wenn Kilos Kinder zu Außenseitern machen

Mit 14 Jahren war der Rintelner Stefan Mertens (Name von der Redaktion geändert), ein eigentlich recht hübscher Junge, richtig dick. Wie viel genau er wog, dass wussten damals weder er noch seine Mutter. Um die Waage machte er einen großen Bogen. Wenn selbst Freunde ihn in der Schule „Bomber“ und „Fettsau“ nannten, lachte er gutmütig, tat es als Scherz ab und hielt sich an seine Mutter, die zwar manchmal mahnte, er solle lieber ein bisschen weniger essen, ihm aber dennoch süße Säfte, Chips und Schokolade anschleppte. Heute ist Stefan Mertens 20 Jahre alt. „Ich liebe meinen Sohn doch so, wie er ist“, sagt sie. „Wir haben einfach verdrängt, wie schlimm es in Wirklichkeit war.“

veröffentlicht am 04.11.2011 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Etwa zehn Prozent aller Kinder in Deutschland haben deutliches Übergewicht, und von diesen übergewichtigen Kindern ist mehr als jedes dritte fettleibig. Stefan wog, das stellte sich dann heraus, fast 30 Kilo mehr als es seiner Körpergröße entsprochen hätte. Damit war er nicht der einzige „Bomber“ in seiner Klassenstufe, aber das nützte ihm wenig für sein Selbstwertgefühl. Wer so dick ist, hält sich von anderen Dicken lieber fern. Die Anfeindungen verstärken sich eher, als dass da geteiltes Leid halbes Leid wäre.

„Mir tat mein Sohn schon manchmal leid“, sagt die Mutter. „Aber ich dachte dabei gar nicht an die gesundheitliche Gefahr, die das Übergewicht bedeutet. Ich sah, wie er sich dagegen wehrte, ein Außenseiter zu sein. Wenn er traurig war, umsorgte ich ihn um so mehr. Ich kochte leckere Sachen, und brachte ihm seine Chips mit, die er so gerne haben wollte.“ Ganz schwierig wurde es beim Kleiderkauf. Mit seinen 14 Jahren passte Stefan nur in Männerkleidung, die nicht gerade dem entsprach, womit man sich auf anerkannte Weise unter den Gleichaltrigen bewegen konnte.

Eigentlich hätte es gar nicht erst so weit kommen sollen, weder mit Stefan noch mit all den anderen Kindern und Jugendlichen, die physisch und psychisch unter hohem Übergewicht leiden. In den regelmäßigen Schuluntersuchungen machen Ärzte die Eltern auf gesundheitliche Risiken aufmerksam, Kinderärzte wollen ihre jungen Patienten noch bis zum 18. Lebensjahr in ihrer Praxis sehen, um rechtzeitig auf Probleme aufmerksam zu werden, und die Krankenkassen bieten eine ganze Palette von Präventionsmaßnahmen an, damit bereits Kleinkinder und ihre Eltern lernen, was es mit gesunder Ernährung und genügend Bewegung auf sich hat.

Neben der psychischen Belastung stellen sich nämlich bei übergewichtigen Kindern erschreckend früh Krankheiten ein, die man sonst nur bei älteren, ja alten Menschen findet: Gelenkprobleme, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und sogar Herz-Kreislauferkrankungen. Stefan Mertens geriet durch sein hohes Körpergewicht schließlich so oft in ernsthafte Atemnot, dass seine Mutter mit ihm zum Arzt ging, wo weitere erschreckende Gesundheitsdefizite festgestellt wurden, die alle mit seinem Körpergewicht zu tun hatten. So ernst stand es um ihn, dass ihm ein zweimonatiger Kuraufenthalt in einer Klinik in Witzenhausen verschrieben wurde. Eine teure Angelegenheit, die ihm aber in gewisser Weise das Leben rettete.

„Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, das wirklich schwer in den Griff zu bekommen ist“, meint Ulrike Fieback, in Hameln Pressesprecherin der Techniker Krankenkasse. „Manchmal wünschte ich, die Politik würde da ganz entschieden eingreifen und Eltern, Kindergärten, Schulen zwingen, an den Gesundheitsprogrammen der Krankenkassen und der Landkreise teilzunehmen.“ Zwar gibt es ausgefeilte Konzepte für Schulen und Kitas, in denen es darum geht, Bewegungsspiele und gemeinsames Essen und Kochen in den Kindergarten- und Schulalltag zu integrieren, doch die Nachfrage ist deprimierend gering.

In den 13 Jahren, die Carsten Wahle in Rinteln für die Barmer Ersatzkasse tätig ist, wurde nur ein einziges Mal das Präventionsprogramm für Kinder im Schaumburger Land angefordert, im Kindergarten am Kreiskrankenhaus. Auch andere Krankenkassen können allenfalls Einzelfälle konkreter Zusammenarbeit rund um Schaumburg und Hameln-Pyrmont nennen. „Das ist leider gar nicht so verwunderlich“, meint dazu Silke Krumdieck, in der AOK unter anderem zuständig für die Präventionsarbeit im Landkreis Schaumburg. „Die Erzieher und Pädagogen kommen oft einfach nicht mehr hinterher mit all den Ansprüchen, die von den Familien an sie gestellt werden. Wir brauchen die Eltern, um den Kindern zu helfen. Und gerade die Eltern dicker Kinder spielen am wenigsten mit.“

Das liege – darin sind sich alle Beteiligten einig – daran, dass es immer schwer ist, sein Leben zu ändern. „Bei der Ernährung sieht es nicht viel anders aus als mit dem Rauchen“, so Carsten Wahle. „Schlechte Gewohnheiten abzustellen, bedeutet Mühe und konsequente Umstellung des gesamten Alltags.“ Berufstätige Eltern müssten einen Weg finden, trotz Zeitdruck zusammen mit ihren Kindern zu frühstücken, ihnen ein vernünftiges Pausenbrot mitzugeben, zusammen einzukaufen und zu kochen und vor allem: „Eltern müssen ein Vorbild sein, sonst geht meistens gar nichts!“

Bevor die elektronischen Medien – Fernseher, Spielekonsolen und PCs – einen so großen Raum in den Kinderstuben einnahmen, waren übergewichtige Kinder und Jugendliche eher ein Randproblem. „Nun aber sitzen die Kids oft viele Stunden ihrer Freizeit vor dem Bildschirm“, so Silke Krumdieck. „Selbst ihre Freunde treffen sie über ,Facebook‘ und ICQ. Man muss sich schon richtig Mühe geben, einen Anlass für Bewegung zu finden.“ Falsche Ernährung plus Bewegungsmangel – kein Wunder, dass bereits unter den 76.651 Kindern des Landkreises Schaumburg, die im Jahr 2010 zur Einschulung ärztlich untersucht wurden, 4462 übergewichtig waren und 3188 sogar adipös, also fettleibig.

Unter diesen Umständen ist die Präventionsarbeit eine Art Sisyphusarbeit, von der man hofft, dass sie doch irgendwann ihre Wirkung tun wird. Oft genug aber wurde die wertvolle Zeit in der frühen Jugend bereits verpasst und Krankenkassen und Ärzte sind mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die ohne Unterstützung von außen nicht mehr aus der Übergewichtigkeit herausfinden. Alle Krankenkassen ermuntern die Versicherten, sich so früh wie möglich um solche Hilfsangebote zu bemühen. Das kann über direkte Anfragen geschehen oder über die Vermittlung durch den Hausarzt. Es gibt da individuelle Beratungsstunden bei Ernährungsberatern, den Ökotrophologen, ebenso wie Gruppenseminare, an denen Eltern und Kinder gemeinsam teilnehmen können.

Ernährungsberater wie Bianca Henze aus Hessisch Oldendorf machen gegebenenfalls sogar Hausbesuche, um vor Ort zu klären, wie es gelingen kann, das Ernährungsverhalten einer Familie umzukrempeln. „Insgesamt geht es darum, sich bewusst zu machen, wann, wie und was man zu sich nimmt“, meint sie. „Viele Kinder essen fast immer nur nebenbei, vorm Fernseher oder am PC. Sie merken dann gar nicht mehr, dass sie eigentlich längst satt sind.“ Andere dagegen würden viel zu wenig essen und sich dann bei Heißhunger-Attacken den Magen vollschlagen, Kalorien, die bei dem unterversorgten Körper sofort in Fettreserven angelegt werden. Manche dicke Kinder wagen gar nicht mehr, an Schulmahlzeiten teilzunehmen, aus Angst, gehänselt zu werden, wenn man sie beim Essen sieht.

Stefan Mertens, der zwei Monate in der Witzenhausener Kurklinik verbrachte, er kam, so berichtet es seine Mutter, als ein neuer Mensch zurück. Unter der Aufsicht von geschulten Kräften lernten er und seine Leidensgenossen das gesunde Kochen und vor allem auch, wie gut es schmecken kann. Die Pfunde purzelten nur so, ein Erfolgserlebnis, das nachhaltig wirkte. Süßigkeiten, Chips und vor allem zuckerhaltige Getränke strich er von seiner Speisekarte, und es fiel ihm gar nicht so schwer, weil er erstmals gemerkt hatte, dass eine Ernährungsumstellung spürbare Folgen hat. Die Rezepte, die er damals mit nach Hause brachte, werden noch heute in der kleinen Familie nachgekocht. „Immer noch hat er leichtes Übergewicht, man würde ihn als ,kräftig‘ bezeichnen, doch seine Teenagerprobleme rund um die Übergewichtigkeit sind jetzt Vergangenheit“, sagt die Mutter. „Allein hätten wir das niemals geschafft.“

Das war der gute Ausgang einer schwierigen Lebensphase, von der Krankenkassen und Ärzte wollen, dass sie so gar nicht erst eintritt. Schulen und Kindergärten, die Interesse an langfristig angelegten Programmen haben, „Bewegte Schule“ etwa oder „Tiger Kids“, „Gemeinsam schwer in Ordnung“ oder „Gemeinsam schmausen in den Pausen“, sie finden Informationen bei ihren Krankenkassen oder auch im Internet auf den Seiten des Niedersächsischen „Portals für Ernährung und Bewegung“ unter: www.inform.niedersachsen.de

„Bomber“ oder „Fettsau“ wurde Stefan Mertens von Mitschülern tituliert. Mit 30 Kilo Übergewicht hatte der damals 14-Jährige zu kämpfen. Durch einen Kuraufenthalt fand Stefans Geschichte zwar einen guten Ausgang – das Problem Übergewicht war für ihn dennoch nur schwer in den Griff zu bekommen.



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