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Wenn eine Sekunde das Leben verändert

Es ist der 19. September 2010. Erst vor zwei Tagen sind Bernd Blischke und Anja Janson in ihre neue Wohnung umgezogen. Jetzt ist Bernd mit seinem Motorrad unterwegs, um noch einige Dinge zu erledigen. Von seinem Handy aus ruft er zu Hause an: „Ich hole noch Zigaretten und fahre eine kleine Runde, aber ich bin gleich wieder da.“ Wie hätte der 48-Jährige auch wissen können, dass sich nur wenige Minuten später sein Leben grundlegend verändern sollte?

veröffentlicht am 20.07.2011 um 15:47 Uhr
aktualisiert am 20.07.2011 um 17:04 Uhr

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„Es klingelte an der Tür und mein Vater stand dort“, erinnert sich Anja Janson. „Ich sah sein Gesicht und wusste, dass etwas Schlimmes passiert war. Das ist ein Moment, den man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde.“ Ihr Lebensgefährte war mit dem Motorrad auf der Umgehungsstraße verunglückt und ins Klinikum Minden gebracht worden. Die Polizei hatte sie durch den Umzug nicht erreichen können und ihren Vater informiert.

Als Anja Janson in Minden ankommt, steht schon fest, dass Bernd nach Hannover in die Medizinische Hochschule geflogen werden würde. Ein paar Minuten kann sie zumindest mit dem Verunglückten sprechen. Minuten, die im Nachhinein besonders kostbar werden, denn es wird drei Wochen lang keine Möglichkeit mehr geben, miteinander zu reden.

Was nimmt man mit für einen Krankenhausaufenthalt, wenn man keine Ahnung hat, wie schwer die Verletzungen sind, was eigentlich passiert ist? „Ich habe Bilder eingepackt, CDs mit seiner Lieblingsmusik, mein Parfüm, was mir so alles im ersten Moment eingefallen ist“, erzählt die Lebensgefährtin. „Man funktioniert einfach nur. Dann bin ich nach Hannover gefahren und musste 24 Stunden lang warten. 24 lange Stunden, die sich endlos hinzogen. Hat er die Operation überlebt?“ Er hatte überlebt, aber sein Anblick war erst einmal ein Schock. „Er lag in einem Rotationsbett, war aufgeschwemmt von den Medikamenten und der OP, es war nicht der Anblick des Menschen, den man kannte.“ Der Verunglückte wurde ins Wachkoma versetzt, und von nun an begann das Warten darauf, dass er ansprechbar sein würde. „Der Moment, wenn das erste Mal die Augen aufgehen, ist ergreifend“, schildert Janson.

Woran erinnert sich Bernd Blischke selbst? Wann wurde ihm klar, dass er sich nicht bewegen kann, dass er gelähmt ist? „Von dem Unfall weiß ich gar nichts“, sagt er. Erinnerungen hat er an einzelne Dinge aus der Zeit des Wachkomas. „Eine Verständigung war nicht möglich, weil ich künstlich beatmet wurde. Fast drei Wochen lang konnten wir nicht miteinander reden, obwohl doch so viel zu sagen war.“ Die Lebensgefährtin brachte eine Tafel mit Buchstaben mit ins Krankenhaus, später eine „Zaubertafel“, auf der die Worte wieder weggewischt werden können. Und welch ein glücklicher Augenblick für die beiden, als er das erste Mal schafft, eine Hand zum Gruß hochzuheben.

Erst in der Reha-Klinik in Schwerin hat Blischke nach und nach begriffen, was alles nicht mehr funktioniert. „Es sagt einem niemand etwas Genaues, man begreift es nur sehr langsam.“ Was dann kommt, sei ein Wechselbad der Emotionen. Hoffnung und Ängste wechseln sich ab, dazu Zukunftsängste und finanzielle Probleme.

„Von einem Tag auf den anderen bekommt man mitgeteilt, in welche Klinik der Verunglückte gebracht wird“, erinnert sich Anja Janson. „Wie kommt man da jetzt hin? Wo wohnen? Aber man muss und möchte in der Nähe bleiben, und dann bewältigt man auch diese Probleme.“

Während der Verunglückte zwei Wochen später von Leezen bei Schwerin in das nahegelegene Hessisch Oldendorf verlegt wird, beginnt seine Lebensgefährtin damit, die Wohnung völlig neu zu gestalten. Türen werden ausgebaut, alle Möbel im unteren Bereich mit Rollen versehen, Platz für das Bett geschaffen und die Dusche rollstuhlgerecht umgebaut. Das meiste macht die patente Frau selbst. „Mit dem Duschrollstuhl sind meine Tochter und ich durch die Wohnung gefahren und haben getestet, wie groß die Durchgänge werden müssen, welche Hindernisse noch im Weg sind“, berichtet Anja Janson. Die Umgebung des Bettes hat sie farbenfroh gestaltet, in Erinnerung an das ferne geliebte Griechenland den Kleiderschrank blau angemalt, Erinnerungsfotos an die Wände geklebt.

Am 25. Februar darf Bernd Blischke wieder nach Hause. Zusätzlich zu seinen Behinderungen hat er einen schweren Dekubitus, der kurze Zeit später einen erneuten Krankenhausaufenthalt erforderlich macht. Er wird operiert. Mit der Pflege ihres Mannes ist Anja Janson voll ausgelastet. Sie ist 24 Stunden lang für ihn da. Alle drei Stunden muss Blischke zwischen Sitzen und Liegen wechseln, auch nachts. Das Paar ist inzwischen ein eingespieltes Team.

Neben dem neuen Alltag, der völlig anders abläuft als vor dem Unfall, kommen auch finanzielle Probleme auf die beiden zu. Über die Treppe an der Haustür kann der Mann im Rollstuhl nicht ins Haus gelangen. So baut Anja zusammen mit ihrem Papa Dieter eine Rampe an die Terrasse. Eine Firma kommt zur Beratung für einen geeigneten Treppenlift, der 6000 Euro kostet. Nur stellt sich später leider heraus, dass der Lift doch nicht so geeignet ist wie erwartet. Anja, die ein Leben lang gearbeitet hat, ist jetzt 24-Stunden-Pflegekraft für ihren Mann. Und der wurde gerade einmal in Pflegestufe 1 eingestuft – das bedeutet, es gibt 220 Euro Pflegegeld. „Der bürokratische Weg nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“, sagt sie im Hinblick auf den Antrag zur nächsten Pflegestufe.

„Ausgaben für neue, der Behinderung angepasste Kleidung, für das Zimmer in der Nähe der Klinik, für Fahrtkosten, für tausend Kleinigkeiten, die jetzt erforderlich sind, da kommt eine ganz schöne Summe zusammen“, beschreibt die tapfere Gefährtin die Situation. „Aber ich bin Überlebenskünstlerin, ich schaffe das irgendwie.“

Ganz besonders geholfen hat ihr die 20-jährige Tochter Nikoletta. „Sie hat sich anfangs immer in meiner Nähe aufgehalten“, berichtet Janson auch heute noch bewegt, „sie ist nachts mit aufgestanden, hat ihr Auto für die Fahrten ins Krankenhaus zur Verfügung gestellt und war einfach immer da, wenn ich sie brauchte. Ohne diese selbstverständliche Nähe wäre ich wohl manches Mal noch viel mehr verzweifelt.“

Aber auch die ganze Familie gibt dem Paar Halt und Kraft. Es ist eine wunderbare Familie, in der jeder auf die Art hilft, die er am besten kann. „Jeder hat sein Gebiet“, sagt Blischke dankbar. „Der eine ist für die emotionale Seite da, der andere hilft tatkräftig, indem etwas gebaut wird oder sorgt für gute Laune – denn Tränen gab es schon genug.“

Wie sehr sich sein Leben verändert hat, beschreibt Blischke unter anderem so: „Es ist ein Unterschied, ob man 24 Stunden täglich miteinander lebt oder ob ein Partner 24 Stunden am Tag auf den anderen angewiesen ist.“ Denn das fällt ihm, dem Mann, der bisher immer bemüht war, für seine Frau da zu sein, ihr zu helfen oder Arbeit abzunehmen, besonders schwer. Und nicht nur das ist jetzt anders, auch den Freundeskreis gibt es fast nicht mehr. „In einer solchen Situation merkt man erst, wer wirklich ein Freund ist“, erzählen beide Partner übereinstimmend. „Menschen, die man zu kennen glaubte, haben offensichtlich Angst, dass diese Behinderung ansteckend sein könnte.“ Man lerne die Menschen neu kennen. Mancher wechselt die Straßenseite, der früher einen fröhlichen Gruß übrig hatte, oder wendet das Gesicht ab. „Das tut richtig weh“, weiß Blischke. Am unangenehmsten empfindet er aber den Eindruck, dass eine Behinderung häufig mit „geistig gestört“ gleichgesetzt würde.

Gerade hat er wieder einmal eine bittere Erfahrung gemacht. Auf einer öffentlichen Veranstaltung mit Musik hatte seine Frau die ganze Zeit neben ihm gestanden und bemühte sich nun, an einem nicht voll besetzten Tisch noch einen Sitzplatz zu ergattern. Er selbst hätte im Rollstuhl noch Platz am Tisch gehabt. „Nein, hier ist kein Platz mehr frei“ war die Antwort auf die höfliche Nachfrage. „Diese Plätze sind für unsere Kinder reserviert, die spielen gerade, aber die kommen bestimmt gleich.“

Doch es gibt auch schöne Begegnungen, Hilfe von unerwarteter Seite. So musste er mit einem Taxi nach Hannover gefahren werden. Der Taxifahrer erfasste die Situation, bat Anja Janson, sich einmal Ruhe zu gönnen und war den ganzen Tag über für den Rollstuhlfahrer da. „Er hat den Rollstuhl transportiert und Bernd den ganzen Tag über versorgt“, erinnert sich die Lebensgefährtin. „Die ganze Zeit war er mit in der MHH und bei jedem Handgriff zur Stelle. Solche Menschen gibt es nicht oft, und es tut gut, selbstlose Hilfe zu erfahren.“

Wie geht es weiter? Gibt es Hoffnung auf weitere Besserung? „Ich habe zwei Ziele“, antwortet Blischke. „Das erste habe ich schon erreicht. Ich hatte versprochen, dass ich bis März zu Hause bin. Das habe ich geschafft.“ Das zweite Ziel ist, bis Weihnachten an Krücken gehen zu können!“

Die Aussicht, das zu schaffen, ist gut. Sein Arzt hat eine Einweisung für eine Spezialklinik in Bad Wildungen geschrieben, Bernd und Anja warten täglich auf den Termin. „Ich wurde dort schon untersucht. Die Art, wie ich mich bewege und liege, spricht dafür, dass weitere Verbesserungen möglich sind.“ Anja Janson hat für ihren Bernd einen Spruch von Ernst Moritz Arndt an die Wand gemalt: „Wer an Wunder glaubt, vollbringt sie.“ Und sie beide glauben an das Wunder.

Täglich passieren Unfälle. Wir lesen darüber und wenden uns anschließend wieder unserem Alltag zu. Über das persönliche Schicksal hinter solchen Meldungen denken wir selten nach. Und dabei sind es nur Sekunden, die auch unser Leben jederzeit völlig verändern könnten.

Ohne die Hilfe seiner Lebensgefährtin Anja Janson (l.) und ihrer Tochter Nikoletta (r.) hätte Bernd Blischke keine Möglichkeit, zu Hause zu leben.

Foto: jaj



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