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Serie zur Altersarmut: Brigitte Dunker war alleinerziehende Mutter, Putzfrau und Lkw-Fahrerin

Wenn die Rente nicht reicht

Zum Glück hat Brigitte Dunker ihren kleinen Hundefreund Rambo. Ohne ihn würde sie ihre Wohnung nur selten verlassen. „Ich würde so gern mal wieder durch die Stadt gehen, mir was Schönes kaufen oder einen Kaffee trinken“, sagt die 67-Jährige. „Aber das überlege ich mir vorher fünf Mal.“ Zusammen mit Witwenrente und Wohngeld kommt Brigitte Dunker auf ein Einkommen von 820 Euro im Monat. Nach Abzug von Miete und Nebenkosten bleiben 300 Euro für das tägliche Leben.

veröffentlicht am 29.01.2019 um 16:27 Uhr
aktualisiert am 04.02.2019 um 16:40 Uhr

Brigitte Dunker mit ihrem Hund Rambo. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Ihre eigene Rente ist kaum der Rede wert. Dunker hat schon mit 18 Jahren geheiratet und war gerade 19 Jahre alt, als sie ihr Kind bekam. Bereits drei Jahre später war sie geschieden und seitdem alleinerziehende Mutter.

„Natürlich hab‘ ich da auch gearbeitet, das musste auch sein, denn mein Ex-Mann zahlte keinen Unterhalt für mich und das Kind“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das waren meistens Putzstellen und meistens ohne offizielle Anstellung, in den Siebziger- und Achtzigerjahren sah es schlecht aus mit der Kinderbetreuung für Alleinerziehende.“ Rentenbeiträge kamen da nicht zusammen. Erst als der Sohn selbstständig wurde, machte sie den Lkw-Führerschein und konnte damit dann auch in Vollzeit arbeiten.

Ja, vom Geld her bin ich schon arm. Aber ich habe mich damit arrangiert.

Brigitte Dunker, Rentnerin

„Ich war eine leidenschaftliche Autofahrerin, ich liebte meinen Beruf“, sagt sie. „Aber jetzt habe ich kein Auto mehr, nicht mal ein Fahrrad.“ Irgendwie klappt es nicht, darauf zu sparen. „Immer kommt was dazwischen, zum Beispiel jetzt ein Receiver fürs Fernsehen, wegen der Umstellung auf digital.“ Einkaufen tut sie nur beim Discounter, wo sie auch das Futter für ihren Rambo besorgt. „Und ja, ich rauche – Selbstgedrehte. Ich habe mein Leben lang geraucht. Aufhören, das schaffe ich jetzt nicht auch noch.“ Viel Geld besaß Brigitte Dunker nie, auch nicht als Lkw-Fahrerin. Ihr zweiter Mann war selbstständig, Schulden hatten sich angehäuft, die beiden gaben ihre Wohnung auf und zogen auf einen Campingplatz. Schließlich wurde der Mann schwer krank, sie kümmerte sich um ihn, bis er vor acht Jahren starb. Grundsicherung bekomme sie nicht, sagt sie. Man habe ihr auf dem Sozialamt erklärt, dass sie mit Wohngeld besser dastünde.

So etwas gibt es in Deutschland: Rentner, die sich durch das Sammeln von Pfandflaschen etwas hinzuverdienen. Foto: dpa

Gerade macht ihr etwas Sorgen, dass sie demnächst ins Krankenhaus muss und dafür noch einen neuen Schlafanzug braucht. „Ich war früher schon einige Male bei der Kleiderkammer“, sagt sie. „Die Sachen dort passen mir leider nicht.“ Auch die Tafel habe sie vor Jahren mal besucht. Da wolle sie aber nicht mehr hin, weil man oft lange warten müsse, und sie habe einen kaputten Rücken. „Ja, vom Geld her bin ich schon arm“, sagt sie. „Aber ich habe mich damit arrangiert.“

Eine große Hilfe und Freude ist ihre junge Nachbarin, eine alleinerziehende Mutter, mit der sie sich freundschaftlich versteht und auf deren Kind sie manchmal aufpasst. Im vergangenen Sommer sind sie zusammen ans Meer gefahren, früh morgens los an die Nordsee, Picknick und Spielzeug dabei, am späten Abend wieder zurück. „Den ganzen Tag am Strand, das war so schön! Und wir kamen mal raus.“ Unbedingt wollen sie das in diesem Jahr wiederholen.

Dann lebt man eben spartanisch

„In meiner Beratung sind schon Tränen geflossen“, sagt Jutta Weidlich-Depping. Sie ist ehrenamtliche Versichertenälteste und hilft angehenden Rentnern dabei, ihre Anträge auszufüllen. Nicht selten stellt sich bei Sichtung der Papiere heraus, dass die Rente viel niedriger ausfällt als erhofft. Besonders betroffen davon sind die Frauen.

Insgesamt seien die Leute inzwischen schon besser darüber informiert, was sie erwarte, so Weidlich-Depping. Viele ehemals berufstätige Frauen aber hätten sich nicht wirklich klargemacht, was es bedeutet, vielleicht nur 300 Euro eigene Rente zu erhalten, weil die Erwerbsbiografie durch Kindererziehung oder Teilzeitjobs unterbrochen war. Wenn sie dann Witwenrente beantragen, beträgt die (aktuell) nur 60 Prozent der Rente des verstorbenen Partners. „Die Betroffenen sagen dann: ,Mehr ist das nicht?‘ Und wenn ich als Beraterin vorschlage, einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen, heißt es: ,Nee, ich hab mich doch immer irgendwie durchgeschlagen.‘“ Doch auch, wer mit seiner Rente gerade eben über dem Grundsicherungssatz liegt (der orientiert sich an den Hartz-IV-Sätzen), stehe kaum besser da. „Gerade die kleinen Rentner hatten ja schon vorher wenig übrig, um zu sparen“, so Weidlich-Depping. „Die Aufforderung, zusätzlich fürs Alter zu sparen, ist da ein Hohn.“

Sie sei immer wieder beeindruckt davon, wie stoisch gerade die ganz alten Leute reagieren. Kein Auto mehr? Keinen Urlaub? Kino oder Cafébesuch vorausschauend zusammensparen? Na gut, dann lebt man eben spartanisch. „Die Alten sind da anders als die Generation der Babyboomer, die oft richtig geschockt sind“, sagt sie. Das Schlimme sei: „Wenn die Leute erst über ihre finanzielle Lage nachdenken, wenn sie den Rentenantrag stellen, dann ist es eigentlich schon zu spät.“

Manche würden sich vornehmen, weiterhin zu arbeiten, auch wenn das Einkommen dann mit der Witwenrente verrechnet wird. Andere überlegen, mit einer Freundin zusammenzuziehen und dadurch Kosten zu sparen. „Mein Rat kann nur sein, sich frühzeitig kundig zu machen, wie es mit der Rente aussieht und für die Zukunft zu planen“, so Weidlich-Depping.

Information

Solange die Gesundheit mitspielt – immer mehr Ältere arbeiten

Spätestens mit 65 Jahren ist Schluss mit der Arbeit? Dieser Grundsatz gilt für immer weniger Menschen in Niedersachsen. Die Gründe zum Weiterarbeiten sind zwar unterschiedlich, doch viele Senioren brauchen schlicht Geld, weil die Rente nicht reicht. Die Zahl der erwerbstätigen älteren Niedersachsen steigt an: Nach einer Erhebung des Landesamtes für Statistik waren im vergangenen Jahr rund 113 700 Menschen im Alter von 65 oder mehr Jahren erwerbstätig. Dies sind etwa viermal so viele wie fünf Jahre zuvor.

Nach Einschätzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes hängen die gestiegenen Zahlen vor allem mit dem gestiegenen Armutsrisiko älterer Menschen zusammen. „Viele sind darauf angewiesen, ihre mickrige Rente mit Nebenjobs aufzubessern“, sagt der Vorsitzende des DGB-Bezirks Niedersachsen, Bremen, Sachsen-Anhalt, Mehrdad Payandeh.

Als erwerbstätig im statistischen Sinn gelten Menschen, die pro Woche mindestens eine Stunde lang gegen Bezahlung arbeiten. Der Anteil der Erwerbstätigen im Rentenalter liegt inzwischen bei sieben Prozent. Vor zehn Jahren betrug die Quote noch 3,2 Prozent, seither ist sie kontinuierlich angestiegen. DGB-Vorstand Payandeh macht dafür in erster Linie die zunehmende Altersarmut verantwortlich. Seinen Angaben nach hatten im Jahr 2005 in Niedersachsen noch 11,6 Prozent aller Rentner ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. Im vergangenen Jahr seien es bereits 17 Prozent gewesen. Das sei eine Zunahme der Altersarmut um 47 Prozent. „In keiner anderen Personengruppe ist die Armut so rasant angestiegen“, sagt Payandeh.

Gründe für die zunehmende Altersarmut sieht der Gewerkschaftsbund vor allem in niedrigen Löhnen, befristeten Jobs oder Brüchen im Erwerbsleben, etwa wegen Arbeitslosigkeit, der Erziehung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen. Hinzu komme eine Rentenpolitik, die auf selbst finanzierte private Vorsorge setze, sagte der Gewerkschaftsvertreter. dpa



Kontakt: Deutsche Rentenversicherung, Auskunfts- und Beratungsstelle in Hameln, Sandstraße 20a, Hameln, Telefon 05151/94780.
Kontakt: Bundesverband der Rentenberater, Rentenberater Bernd Adomat. Rüdiger-straße 7, Hameln, Telefon 05151/941294.



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