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Ärzte warnen Männer: Osteoporose-Risiko sollte nicht unterschätzt werden

Wenn die Knochen brüchig werden

Dass Osteoporose zu Knochenbrüchen führen kann, wissen Frauen seit langem. Was Männer nicht wissen: Sie haben mit 70 ein genauso hohes Risiko wie Frauen mit 60.

veröffentlicht am 23.10.2018 um 18:18 Uhr

Osteoporose ist keine Frauenkrankheit, auch Männer können daran erkranken. Ab 60 Jahren steigt das Risiko. Foto: dpa

Autor:

Christiane Oelrich
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Osteoporose als Krankheit von Frauen abzutun, kann für viele Männer fatale Folgen haben. Zum Welt-Osteoporose-Tag an diesem Samstag rufen Experten ältere Männer und ihre Ärzte auf, einen möglichen Abbau der Knochensubstanz ernst zu nehmen. In Bad Pyrmont fand dazu bereits am vergangenen Samstag ein Patientenkongress mit 600 Teilnehmern statt (wir berichteten). Nach Angaben der Internationalen Osteoporose-Stiftung (IOF) ist das Risiko für Männer höher, an Osteoporose zu erkranken, als an Prostatakrebs. Ein Drittel der Hüftbrüche passiere bei Männern. Prominente Osteroporose-Kranke waren der ermordete US-Präsident John F. Kennedy und der 2007 gestorbene Ex-Tatort-Kommissar Hansjörg Felmy.

„2010 gab es in Deutschland 725 000 osteoporotisch bedingte Frakturen. Darunter waren gut 95 000 Hüftbrüche bei Frauen und 34 000 Hüftbrüche bei Männern“, sagt der Orthopäde und Unfallchirurg Andreas Kurth, Vorsitzender des Dachverbands Osteologie (Knochenkunde). Nach einer IOF-Studie waren in dem Jahr in Deutschland eine Million Männer und vier Millionen Frauen von Osteoporose betroffen. „Männer trifft es lediglich ein bisschen später. Männer mit 70 haben etwa ein so großes Osteoporose-Risiko wie Frauen mit 60“, sagt Kurth.

„Osteoporose tut erst weh, wenn man sich etwas bricht“, sagt Christian Hinz, Chefarzt der Klinik Fürstenhof in Bad Pyrmont mit Behandlungsschwerpunkt Osteoporose. Viele Menschen glaubten, der Bruch sei auf den Sturz zurückzuführen. „Aber bei geringer Fallhöhe brechen Knochen in der Regel nicht.“ Wenn man etwa beim Hinsetzen auf einen Stuhl abrutsche, zu Boden falle und sich dabei einen Wirbel breche, könne Osteoporose der Grund für die Fraktur sein. Nach IOF-Schätzungen bricht sich weltweit jeder fünfte Mann über 50 einen Knochen wegen Osteoporose. „Bei den meisten von ihnen wird diese stille Erkrankung weder erkannt noch behandelt, nicht einmal, nachdem sie eine Fraktur hatten“, schreibt die Stiftung.

„Osteoporose tut erst weh, wenn man sich etwas bricht.“ Christian Hinz, Chefarzt der Klinik Fürstenhof in Bad Pyrmont
  • „Osteoporose tut erst weh, wenn man sich etwas bricht.“ Christian Hinz, Chefarzt der Klinik Fürstenhof in Bad Pyrmont
Krafttraining tut nicht nur den Muskeln gut, es stärkt auch die Knochen. Foto: dpa
  • Krafttraining tut nicht nur den Muskeln gut, es stärkt auch die Knochen. Foto: dpa

Risikofaktoren bei Männern seien beispielsweise bestimmte Behandlungen wegen Rheuma, Prostatakrebs oder chronischen Darmerkrankungen. Gerade anti-hormonelle Therapien hemmten die Testosteronproduktion, was die Knochen schwächer mache.

Hinz verweist auch auf höhere Risiken durch den veränderten Lebensstil: „Eigentlich bietet die Natur zu allen Jahreszeiten, was wir brauchen: zum Beispiel im Herbst Kohl und Obst mit vielen Spurenelementen, Vitaminen und Kalzium und im Winter fettes Fleisch und fetten Fisch mit gespeichertem Vitamin D. Aber das isst man heute nicht mehr. Deshalb ist auch ernährungsbedingt die Wahrscheinlichkeit größer, einen Mangel und Osteoporose zu entwickeln.“ Die Ärzte empfehlen Männern wie Frauen zur Vorbeugung gesundes Essen und Bewegung. „In schweren Fällen gibt es auch Medikamente, mit denen man den Großteil der Frakturen verhindern kann“, sagt Kurth. Nur 20 Prozent der Patienten, die Medikamente haben müssten, würden jedoch tatsächlich behandelt, sagt Hinz. Die Ärzte nehmen auch Haus- und Unfallärzte sowie Urologen in die Pflicht. Sie würden bei Männern viel zu selten abklären, ob eine Osteoporose vorliege. Männer sollten ab 60, spätestens 70 ihr Osteoporoserisiko abklären, sagt Hinz. Das geht mit einem Fragebogen zu Krankheiten, Medikamenteneinnahme, Sturzhäufigkeit, genetischer Veranlagung und Lebensstil.

Vorbeugung durch Ernährung, Bewegung, Licht

Menschen mit Osteoporose brechen sich viel häufiger Knochen als Gesunde. Jeder kann aber selbst etwas dafür tun, dass die eigenen Knochen stabil bleiben, erläutert Prof. Heide Siggelkow aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Wer sich ausgewogen ernährt, wenig Alkohol trinkt und nicht raucht, leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Knochen. Entscheidend sei auch Bewegung. Denn starke Knochen brauchen eine starke Muskulatur. Ein weiterer Baustein ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Kalzium. Neben der richtigen Ernährung gilt es also auch, in den Sonnenmonaten viel draußen zu sein.

Vitamin D wird mit Hilfe von UV-Strahlung in der Haut gebildet. Genetische Faktoren lassen sich dagegen bisher nicht beeinflussen. Wer ein hohes Risiko für Knochenbrüche hat, sollte sich vom Arzt beraten lassen. Neben Veränderungen des Lebensstils kommt auch eine Behandlung mit Medikamenten infrage. Dafür stünden eine ganze Reihe von Wirkstoffen zur Verfügung. Einige hemmen den Knochenabbau, andere fördern den Knochenaufbau. Um Osteoporose vorzubeugen, ist eine kalziumreiche Ernährung ratsam. Dazu eignen sich etwa Parmesan, Emmentaler, Spinat, Grünkohl, Brokkoli oder Walnüsse. Denn Kalzium ist gut für die Knochen, erklärt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Für den Kalziumspiegel im Blut ist es wichtig, dass der Körper genug Vitamin D bekommt. Es fördert die Aufnahme und Verwertung von Kalzium.

Wichtig ist auch Bewegung im Alltag. Ein einfacher Tipp: besser Treppen steigen, statt den Aufzug zu nehmen. Denn das stärkt Muskeln und Knochen – und das ist die beste Prävention. Das Problem bei Osteoporose: Die Krankheit kommt schleichend – bis plötzlich die Knochen brechen. Damit es nicht so weit kommt, sollten Männer ab dem 60. Lebensjahr und Frauen nach den Wechseljahren ihr Risiko untersuchen lassen. Das gilt insbesondere, wenn sie öfters starke Rückenschmerzen haben oder bereits familiär vorbelastet sind. Im Alter nimmt die Knochendichte ab – das ist ganz normal. Jeder kann aber selbst etwas dafür tun, dass die eigenen Knochen möglichst stark bleiben.

Günstig seien zum Beispiel Aktivitäten, bei denen man sein eigenes Körpergewicht trägt: Joggen, Walken oder Krafttraining etwa. Darauf weist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) auf seinem Portal gesundheitsinformation.de hin. Schwimmen oder Radfahren dagegen trainieren eher die Ausdauer. Frauen nach den Wechseljahren sind besonders gefährdet, eine Osteoporose zu entwickeln. Dabei nimmt die Knochendichte früher und schneller ab – das Risiko für Knochenbrüche steigt entsprechend. Für sie sei es sinnvoll, neben alltäglichen Aktivitäten wie Treppensteigen auch gezielt zu trainieren. Ideal sind dem IQWIG zufolge dreimal 45 Minuten pro Woche. Menschen mit Osteoporose, die sich schon mal etwas gebrochen haben, lassen sich bei der Wahl des für sie geeigneten Trainings am besten von ihrem Arzt beraten.

Information

Der Fürstenhof

Die Klinik „Der Fürstenhof“ ist osteologisches Schwerpunktzentrum und zertifiziertes osteologisches Forschungszentrum. Einer der vier osteologischen Spezialkurse, die in Deutschland currikulär jeder angehende Osteologe durchlaufen muss, findet unter der Federführung der Klinik in Bad Pyrmont statt. Der Gründer der Klinik Prof. Dr. H. W. Minne ist heute „Senior Consultant“ im „Fürstenhof“ und führt regelmäßig Qualitätszirkel durch. Dr. Michael Pfeifer aus dem Forschungsinstitut der Klinik ist Vorsitzender der Leitlinienkommission Osteoporose. Medizinische Leitlinien sind die wichtigsten Behandlungsempfehlungen für Ärzte. In eine Leitlinienkommission werden die renommiertesten Experten eines Fachgebietes berufen. Dr. Pfeifer ist einer der Herausgeber der Zeitschrift „Osteologie“ sowie wissenschaftlicher Berater (Reviewer) für renommierte internationale Fachzeitschriften. Durch die Klinik „Der Fürstenhof“ wurde die integrierte Versorgung bei Osteoporose initiiert (Start 2005). Die integrierte Versorgung ist eine engere Vernetzung von Fachärzten, Krankenhäusern, Rehabilitationseinrichtungen und anderen Leistungserbringern. Der ehemalige Chefarzt der Rheumatologie und jetzige „Senior Consultant“ Dr. Wolfgang Brückle hat die aktuelle Leitlinie Fibromyalgie 2012 mitgestaltet.



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