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Heimische Künstler im Porträt – heute Volker Heine

Wenn der Zufall gelenkt wird

Wenn Künstler von ihrem beruflichen Werdegang erzählen, dann beginnen sie oftmals mit einem „eigentlich“. So auch Volker Heine: Eigentlich habe er zunächst eine andere Ausbildung absolviert. Er lernte Musterzeichner und Patroneur, ein Beruf, der mit Textilentwurf zu tun hatte.

veröffentlicht am 19.03.2018 um 09:25 Uhr

Volker Heine in einem angemieteten Ausstellungsraum des ehemaligen Besmer-Gebäudes, in dem auch sein Atelier untergebracht ist. Foto: amg
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Alda Maria Grüter Reporterin
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„Eine alte Bezeichnung aus den frühen 1970er Jahren.“ Apropos: In der Früh und insbesondere an Wintertagen wie heute sei es immer kalt in diesem riesigen Raum mit den hohen Decken. Volker Heine dreht die Heizung an der langen Fensterfront mit Blick auf Hallendächer auf, setzt den Filterkaffee auf. Und während das heiße Wasser in der Kaffeemaschine zischt und gurgelt, der Kaffee in die Kanne tröpfelt, legt er die Tüten mit Brötchen und Käse auf den gedeckten Tisch. Hier, in diesem gut 70 Quadratmeter großen Atelier eines Gebäudes an der Hamelner Marienthaler Straße, in dem gearbeitet und diskutiert wird, startet der Künstler oft seinen Tag. „So, erst mal frühstücken. Dabei plaudert‘s sich auch viel besser.“ Volker Heine sagt das mit der Gelassenheit eines Menschen, der voll und ganz und offenbar auch noch frei von so manchen Zwängen für die Kunst lebt. Mal eben die Papier-Tischdecke „bekritzeln“ – wen stört‘s? Also, kein Problem, bitteschön! Auf einer freien Fläche zwischen Teller, Tassen und Essbesteck sind auch schon einige seiner „Bleistiftzeichnungen“ verewigt: Ideen und Konzepte, als grobe Entwürfe kurzerhand auf der Unterlage des Esstisches skizziert. Fertige Werke hingegen hängen und lehnen einzeln oder hintereinander gestapelt an den Wänden dieses Raumes. Weitere in anderen Bereichen der angemieteten Räume in dem Gebäude, in dem einst das Labor der Teppichfabrik Besmer untergebracht war. Heute ist hier Heines „ArtLABOR“. Ein Atelier, in dem – getreu der Wortbedeutung von „Art“ im Sinne von Kunst – halt Kunst gemacht wird. Ein kleines Wortspiel, das auf die jetzige und zugleich auf die ursprüngliche Nutzung der Räume deutet. „Meine Mutter hat hier als Laborantin gearbeitet“, wirft Heine ein, um dann wieder auf seine eigene Ausbildung zurückzukommen. Also: Als Lehrling der Firma Besmer habe er sich mit Musterentwürfen für Teppiche beschäftigt. Der Lehre folgte ein Studium an der Werk-Kunstschule in Hannover (Fachhochschule) im Fachbereich Grafik-Design. Und danach: „Da wollte ich in die Werbung gehen – ein Bereich, der mich sehr interessierte.“ Gleichwohl: Visuelle Kommunikation und gesellschaftliche Fragestellungen interessierten den frisch gebackenen Grafikdesigner gleichermaßen, und unbedingt wollte er beruflich die beiden Fachgebiete kombinieren.

Volker Heine schrieb sich an der Universität Bielefeld für das Fach Soziologie ein und schloss nach neun Semestern das Studium erfolgreich ab. Der Soziologe fand eine Anstellung als Dozent an der Politischen Akademie Biggesee im Sauerland. „Es war eine schöne und lehrreiche Zeit, aber ich wollte wieder zurück ins heimische Umfeld“, erinnert sich der gebürtige Hamelner. Und damit auch zurück zur Verwirklichung seines Wunsches, „alle Erfahrungen zu verbinden“. Die künstlerischen und die soziologischen und die gesammelten Erfahrungen in der Erwachsenenbildung einsetzen – das konnte Volker Heine an der Volkshochschule Schaumburg, wo er die Fachbereichsleitung für Kunst und Kreativität innehatte. Fast 30 Jahre lang.

Der Mensch kann seine Welt erkennen, interpretieren und verändern.

Volker Heine

Seit dem Eintritt in den Ruhestand ist Volker Heine „Vollzeit-Künstler“. Für die Malerei habe er sich schon immer interessiert. „Ich habe auch während meiner Berufsjahre immer gemalt. Und vielleicht hätte ich damals auch von vornherein Kunst und freie Malerei studiert“, meint Volker Heine rückblickend. „Aber dafür war ich wohl zu feige.“ Weil: „Von seiner Kunst zu leben, das ist immer so eine unsichere Sache …“ Als Rentner sei das anders, er stehe nun nicht unter dem Zwang, Bilder produzieren und verkaufen zu müssen, um von den Erlösen sein Auskommen zu bestreiten. Kaum sind die Begriffe Ruhestand und Rente gefallen, da muss Volker Heine lachen und auf einer Korrektur bestehen: „Das sind Ausdrücke, die ich gar nicht mag. Das klingt alles so endgültig, so abgeschlossen.“ Schließlich gehe es mit der Kunst seitdem erst recht weiter. Passender sei deswegen die Formulierung: ein neuer Lebensabschnitt, in dem er sich intensiv der Kunst widmet. Fast täglich arbeitet der 68-Jährige in seinem Atelier. Im ArtLABOR entstehen seine Bilder und hier gibt Volker Heine zudem Malkurse für interessierte Hobby-Künstler für die Volkshochschule Hameln-Pyrmont. In vielen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, so etwa in der Hamelner Galerie arche, hat Heine seine Bilder präsentiert. Wie viele Exemplare er im Laufe der Jahre gemalt habe, das wisse er gar nicht. Doch die zahlreichen Werke vermitteln einen Eindruck von Umfang und Vielfältigkeit seines Schaffens. „Ich male im Grunde recht traditionell, mit Pinsel und Farbe. Meine bevorzugten Materialien sind Öl- als auch Acrylfarben“, sagt Heine. Recht wenig male er Aquarell. Großformatig dafür umso lieber: „Ich habe ja auch viel Platz, um groß malen.“ Für ihn gebe es zwei Möglichkeiten von Zugängen, um ein Projekt anzugehen: Manchmal, da habe er eine bestimmte klare Vorstellung, sodass er Vorzeichnungen anfertige. Dennoch würden in dem Malprozess selber wieder Veränderungen einfließen: „Selten halte ich alles sklavisch durch, vielmehr baut sich alles nach und nach auf.“ Der andere Zugang: „Dann habe ich gar keine feste Vorstellung, setze Farben aneinander – und stelle das Bild erst mal für eine Weile weg, betrachte es immer wieder.“ Einen großen Teil der Zeit verbringe er dann weniger mit aktivem Tun, sprich mit Malen, als vielmehr mit passivem Anschauen. „Das Weiter-Erarbeiten braucht seine Zeit.“ Manchmal gehe alles flüssig von der Hand, und quasi in einem Tag ist das Bild fertig. Manchmal müsse es seinem Blick länger standhalten, um zu prüfen, ob es seiner Vorstellung vom Resultat entspreche. Früher hat er sich auch mit Fotografie, Radierung und Siebdruck beschäftigt. Was ihn in der Malerei grundsätzlich reize, sei der Charakter des Unikats. Als Jugendlicher habe er sehr dunkel, sehr mystisch gemalt. Mit der Zeit sei er sozusagen optimistischer geworden in seinen Arbeiten.

Fertige Werke hängen und lehnen einzeln oder hintereinander gestapelt an den Wänden. Foto: amg
  • Fertige Werke hängen und lehnen einzeln oder hintereinander gestapelt an den Wänden. Foto: amg
In vielen Bildern dominiert die Farbe Rot. Foto: amg
  • In vielen Bildern dominiert die Farbe Rot. Foto: amg
Ideen und Konzepte skizziert Volker Heine als grobe Entwürfe kurzerhand auf die Unterlage des Esstisches – hier: das Bild des Menschen. Foto: amg
  • Ideen und Konzepte skizziert Volker Heine als grobe Entwürfe kurzerhand auf die Unterlage des Esstisches – hier: das Bild des Menschen. Foto: amg

Auffällig ist: Bei den verwendeten Farben, die durch Klarheit und Intensität bestechen, dominiert das Rot. So gut wie gar nicht kommt die Farbe Grün vor. Und das, obwohl er sich selbst doch als naturverbunden bezeichne und auch viele Landschaftsbilder male. Aber seine Wälder sind eben nicht realistisch interpretiert, also grün, sondern rot. Nicht ohne Bedeutung ist folglich die Farbsymbolik: Rot als Warnung, als eine Farbe, die Aufmerksamkeit herausfordert. Aktuell integriert Heine teilweise den „gelenkten Zufall“ in seinen Bildern: „Beispielsweise, wenn ich Farbe auf der Leinwand auslaufen lasse, dann geht sie nicht zufällig ihren Weg, sondern den, den ich steuere. Es bilden sich auf diese Weise neue Zusammenhänge.“ Jackson Pollok als Vertreter des abstrakten Expressionismus und Begründer des Action Painting (Aktionsmalerei), entstanden in den USA in den 1950er Jahren, habe ihn dabei inspiriert. Wobei bei Heine die Farbkleckse mit Pinsel und Spachtel zielgerichtet verteilt werden. Wenn man eine stilistische Einordnung seiner Werke will: Dann könnten die Arbeiten von Volker Heine als abstrakter Realismus bezeichnet werden. In seiner Malerei bearbeitet er primär die zwei Themenbereiche Figuren und Landschaft. In vielen seiner Arbeiten erkennt man, bei tieferer Betrachtung, Köpfe und Figuren, die manchmal auch rein zufällig im Arbeitsprozess entstanden sind. Um nicht in dem subjektiven Interpretationsspielraum einzugreifen, haben die meisten seiner Bilder keine Titel.

Für Volker Heine ist der Maler Autor eines visuellen Schöpfungsaktes, in dem der Mensch die Krönung ist: „Der Mensch kann seine Welt erkennen, interpretieren und verändern.“ Besonders bei den figürlichen Darstellungen versuche er, sich der Eindeutigkeit zu entziehen, sie im Unklaren zu lassen. „Es gibt nicht nur ein Motiv, sondern viele, sodass sich unterschiedliche Deutungsmuster ergeben.“ In vielen seiner Bilder kristallisieren sich Elemente und Fragmente von Köpfen, Körpern und ganzen Figuren daher „mehr oder weniger eindeutig“ heraus.

„Man könnte es als einen malerischen, zielorientierten Prozess interpretieren, als ein Herausarbeiten des Menschen, die menschliche Figur als Manifestation im Gesamtbild“, erläutert Heine. Man könnte es aber auch als eine Einbettung des Menschen im Gestaltungsprozess, ein Einfügen von figurativen Elementen, als einen integralen Bestandteil der Welt deuten. „Dadurch wird eine Erweiterung der visuellen Wahrnehmung herausgefordert.“ Und letztere Interpretation, findet Volker Heine, die sei ihm eigentlich die sympathischste.



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