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Wenn der Kindergeburtstag zum Event wird

Früher gab es mal Topfschlagen, Schokoladenwettessen und „Stille Post“. Auf diversen Kindergeburtstagen der älteren Generationen sorgten diese Aktionen für Stimmung – tausendmal gespielt, immer wieder mit hohem Unterhaltungswert. Heute lockt „Topfschlagen“ kein Kind mehr hinter dem Ofen hervor. Während Mütter von damals es für hinreichend hielten, Torten zu backen und ansonsten kleinere Spiele mit Mini-Belohnungen vorzuschlagen, müssen heute neben dem kreativen Bastelangebot auch Action und Spannung geboten werden. In diversen Indoorspielparks gibt es längst das Komplett-Angebot: Spielen und Feiern, mit oder ohne Kuchen oder Pommes. Die Party kann als Ganzes ausgelagert werden, das freut nicht nur die Kleinen, auch Eltern entgehen so häuslichem Stress und chaotischen Wohn- und Kinderzimmern.

veröffentlicht am 09.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Inken Philippi

Dabei kann allen Ansprüchen Genüge getan werden. Immer noch bietet McDonald’s das Rundum-Sorglos-Paket für den Kindergeburtstag an. Bereits in den 80er Jahren hatte der Konzern die Nachfrage in Sachen Party erkannt, inzwischen haben jedoch längst Vereine, Museen, Schlösser, Bergwerke und kleine Cafés nachgezogen.

Es werden heute auf Kindergeburtstagen kaum noch hölzerne Kochlöffel auf alten Töpfen zerschlagen. Dafür wird wahlweise gefilzt, gemalt, getöpfert und gezaubert. Es gibt Schatzsuchen auf Schlössern, Brot-Back-Aktionen in Dorfmuseen, Mal-Angebote von Künstler-Cafés oder gar Ponys auf dem Reiterhof. Vorbei die Zeiten, in denen Väter abends Vogelhäuschen zusägten, um sie am Geburtstag mit den kleinen Gästen zu vollenden, oder Mütter Schatzsuchen vorbereiteten. Unvergesslich soll er sein, der Kindergeburtstag. Das setzt gute Planung voraus: Einladungskärtchen für das Fest werden nicht mehr gekauft, sondern in mühevoller Kleinarbeit selbst vom Geburtstagskind gestaltet und verteilt. Monate vorher muss die Party, so sie denn ausgelagert werden soll, von den Eltern gebucht werden. Wochen vorher geht es ans „Feintuning“: Die Gästezahl muss begrenzt und das Essen ausgewählt werden. Je nach Zusammensetzung der Geburtstagsgesellschaft werden Kreativ- oder Aktionsangebote mit dem Ausrichter besprochen und geplant. Selten müssen Eltern dann noch mehr leisten, als die Kaffeetafel zu bestücken. Dafür können sie mit glänzenden Augen beobachten, wie der Nachwuchs samt Freunden die Mühen der Vorbereitung zu schätzen weiß.

Es bleibt letztlich nur die Frage nach der Belastbarkeit des Geburtstagskindes selbst. Viel Aufregung vorher, der Tag selbst mit Präsenten und großer Feier an fremdem Ort mit außerordentlichen Aktionen – nicht immer beweist das zu feiernde Kind an solchen Tagen die ausreichende Nervenstärke.

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Das Internet liefert zum Suchbegriff „Kindergeburtstag“ inzwischen eine endlose Liste an Vorschlägen. Angefangen bei Tipps zum Spielen über „Ausleihkisten“, die die Feier komplett bestücken sollen, bis hin zur „Schminkfee“, die Gesichter bemalt oder den Kindergeburtstag im Zoo mit Safari wie beispielsweise im Erlebnis-Zoo Hannover. Eltern, die dem Stress der Planung und Durchführung gänzlich entgehen möchten, können einen Kindergeburtstagsplaner beauftragen. Dieser kümmert sich, ganz nach Absprache, von der Einladungskarte bis zum Heimtransport der Gäste, schlicht um alles. Dabei gilt oft die Regel: höher, weiter, schneller. Die Finanzierung eines solchen Geburtstages scheint kaum mehr eine Rolle zu spielen, ebenso wenig wie Anfahrtswege zur Party selbst. Einstündige Autofahrten werden von allen Beteiligten häufig klaglos in Kauf genommen, um das Gelingen des einzigartigen Tages zu gewährleisten. Damit wachsen sowohl bei Eltern als auch bei Kindern die Ansprüche an die Feier und grundlegende Dinge geraten dabei offenbar mehr und mehr aus dem Blickfeld – zum Beispiel die Tatsache, dass eine Einladung „zu mir nach Hause“ auch eine soziale Geste bedeutet. Aller Bequemlichkeit zum Trotz hat es Sinn, auch Kinder als Teil der Familie anzuhalten, Freunde ins eigene Wohn- oder Kinderzimmer einzuladen, selbst wenn das Chaos anschließend groß ist, denn nur so kann der Begriff „Gastfreundschaft“ auch für die Kleinsten Bedeutung bekommen. Gastfreundlich sein, meint geben und teilen, in diesem Fall eben auch eigene Spielsachen teilen. Dafür bedeutet „Gäste haben“ aber auch, neue Ideen ins Haus zu holen und die eigene Welt ein bisschen offener und größer zu machen. Den Grundstein dafür im Kindesalter zu legen, kann nicht verkehrt sein.

Möglicherweise bedeutet „weniger“ in Sachen Kindergeburtstag manchmal doch „mehr“, zumal da sich die Frage nach der Steigerungsfähigkeit stellt: Wenn bereits Siebenjährige durch die Lande gefahren werden, auf der Suche nach der ultimativen Action-Party, was soll Zwölfjährigen dann noch geboten werden? Beim Verhältnis von Anlass zu Aufwand hilft es, Augenmaß zu wahren, um langfristig keine überzogenen Ansprüche zu wecken und den Kindergeburtstag kindgerecht zu belassen.

Zweifellos bedeutet die Party „zu Hause“ dennoch immer einen Großangriff auf die häusliche Ordnung, den es auszuhalten gilt. Und so traurig es für das Geburtstagskind auch sein mag, für Eltern kommt an einem solchen Tag irgendwann der Punkt, an dem eine Tatsache tröstlich bleibt: Alles geht irgendwann zu Ende!

Der Sprössling hat bald Geburtstag, wird sieben Jahre alt – und das soll natürlich auch gebührend gefeiert werden. Aber wie? Eltern geraten schnell ins Grübeln, philosophieren über Topfschlagen und lustige Spiele für die Kleinen. Doch das war früher. Heute muss es schon eine richtige Party sein, ein unvergessliches Event – aber ist das auch gut so?

Herzlichen Glückwunsch: Zur Geburtstagsparty mit den lieben Kleinen haben die Eltern einen Clown verpflichtet.

Foto: Bilderbox

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