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Neue Studie besagt: Katzen bedrohen Vogelbestände / Verwilderte Tiere sind größtes Problem

Wenn der Frühling verstummt

Die Hauskatze ist bei uns seit Jahrhunderten das beliebteste Haustier. Katzen stammen von der ägyptischen Falbkatze ab. Sie gehören nicht zu unserer heimischen Tierwelt und weisen – auch als Haustier – noch wesentliche Merkmale ihrer wild lebenden Stammform auf. So durchstreifen Katzen zur Jagd gerne größere Gebiete. Obwohl sie zu Hause gut gefüttert werden, erbeuten sie Kleinsäuger, Vögel, Reptilien und andere Kleintiere. Besonders gern werden Jungtiere gefangen, weil es eben so einfach ist. Nicht alle Beutetiere werden gefressen, denn oft dient die Jagd nicht dem Nahrungserwerb, sondern dem Jagdtraining. Satt macht nicht faul, hat Leonhard Hielscher vom Naturschutzbund (Nabu) Obernkirchen dieses Phänomen auf einen Nenner gebracht. Die Folge: In den heimischen Gärten verstummt der Frühling.

veröffentlicht am 04.05.2013 um 00:00 Uhr

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Und damit sind die Beutejäger immer wieder Streitthema zwischen Katzen- und Singvogelfreunden und unter Nachbarn. Tatsächlich ist die Hauskatze in vielen Siedlungen der häufigste Beutegreifer und zahlreicher vertreten als alle anderen Beutegreifer zusammen.

Lars Lachmann ist Vogelexperte beim Nabu. Der studierte Landschafts- und Freiraumplaner ist seit 26 Jahren im Vogelschutz aktiv, seit 2012 ist er als nationaler Vogelschutzreferent wieder für den Nabu tätig. In den Medien wird in den letzten Tagen lebhaft darüber diskutiert, ob Katzen eine ernst zu nehmende Bedrohung für unsere Artenvielfalt darstellen. Das plötzliche Interesse entfacht hat eine Studie aus den USA, die dieser Tage veröffentlicht wurde. Sie kam zu dem Ergebnis, dass jedes Jahr in den USA zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und zwischen 6,9 und 20,7 Milliarden kleine Säugetiere von Katzen getötet werden. Inzwischen kursieren außerdem grobe Schätzungen, die für Deutschland von 200 Millionen von Katzen getöteten Vögeln pro Jahr ausgehen.

Über diese absoluten Zahlen, sagt Lachmann, könne man lange diskutieren, aber tendenziell hält der Ornithologe sie für zu hoch: „Ausgehend von nach der Brutzeit etwas mehr als 400 Millionen Vogelindividuen in Deutschland müsste dann jeder zweite Vogel von Katzen getötet werden. Geht man dazu davon aus, dass Katzen meistens im Siedlungsbereich jagen, müsste nach diesen Zahlen dort jeder Vogel von Katzen gefressen werden.“

Es sei aber völlig müßig, die absoluten Zahlen zu diskutieren, sagt Lachmann, denn man könne von einer Anzahl getöteter Tiere ohnehin nicht direkt auf eine Bestandsgefährdung einer oder mehrerer Arten schließen. Um in dieser Frage ein wissenschaftlich belastbares Ergebnis zu erhalten, müsste man ein Populationsmodell entwickeln, das Vogelbestandszahlen, Reproduktionsraten und andere Todesursachen mit einschließt. Was allerdings nicht heißen soll, dass die Katzen ihr niedliches Kuschel-Image behalten werden, meint Lachmann.

Es gibt kein

Gleichgewicht zwischen Räuber und Beute

Es sei das Verdienst der Studie, zumindest die Größenordnung der Problematik klar zu machen und diese ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. In Deutschland sei die Situation anders, da es hier schon immer zahlreiche Landraubtiere gab, unter ihnen zum Beispiel auch die seltene Europäische Wildkatze. Flugunfähige Vogelarten gibt es hier nicht, „und daher werden Katzen bei uns wohl keine Vogelart jemals vollständig ausrotten“, so Lachmann.

Dennoch könnten Katzen aufgrund ihrer durch menschliche Zufütterung unnatürlich hohen Bestände dem Vogelbestand mancherorts empfindlich schaden. Der Grund: Es gibt hier kein natürliches Räuber-Beute-Gleichgewicht, da Katzen im Zweifelsfall am heimischen Futternapf oder im Abfall von Menschen immer genug zu fressen finden.

Experte Lachmann plädiert dafür, sich das Gesamtbild anzusehen: Nur im menschlichen Siedlungsbereich sind Katzen ein ernst zu nehmender Faktor, der partiell zu einem Rückgang von Vogelpopulationen führen kann. Tatsächlich steigen die Vogelbestände dort aber eher an, während sie vor allem in der Agrarlandschaft, aber auch im Wald eher abnehmen. Diese Rückgänge den Katzen anlasten zu wollen, wäre daher viel zu einfach: „Die größte Bedrohung für die Artenvielfalt ist und bleibt die fortschreitende Verschlechterung von Lebensräumen durch den Menschen.“

Trotzdem sieht Lachmann Handlungsbedarf: Vogelbestände im Siedlungsbereich, und vielleicht auch in unmittelbar angrenzenden Teilen der Agrarlandschaft, sind in vielen Fällen sicherlich niedriger, als sie es ohne Katzen wären. In extremen Fällen, bei sehr hoher Katzendichte, könne es sogar den Anschein haben, als gäbe es fast keine Vögel mehr in den Gärten – was die Singvogelfreunde dann zu der Ansicht kommen lässt, dass der Frühling verstummt, wo die Katze sich herumtreibt. Obernkirchens Nabu-Vorsitzender Hielscher hatte kürzlich darauf verwiesen, dass die Katze schon in das Leben der Gartenvögel eingreift, wenn sie einfach nur vor die Haustür kommt: Viele Vögel fütterten dann ihren Nachwuchs nicht mehr, dieser verhungere in den Nestern.

In Siedlungsbereichen ist die Zahl der Katzen besonders groß. Da es dort, vor allem in den Gärten, meist auch eine hohe Singvogeldichte gibt, ist für diese Beutegreifer der Tisch immer reich gedeckt. Ihre Jagd auf Amseln, Finken, Rotkehlchen, Meisen und andere Gartenvögel führt daher regelmäßig zu Verstimmungen zwischen Katzenhaltern und Vogelfreunden. Aber auch Singvögel gehören zum Beutespektrum. Wie das Institut für Haustierkunde der Universität Kiel ermittelt hat, machen sie immerhin gut 20 Prozent aus. Doch längst nicht alle Opfer werden gefressen. Das Anpirschen und Ergreifen der Beute dient neben dem Nahrungserwerb auch dem Ausleben des Spieltriebs und bei Jungkatzen dem Einüben des Jagdverhaltens.

Entscheidender Faktor für die Stabilität der Vogelpopulationen ist allerdings nicht die Zahl ihrer Feinde, sondern die Lebensraumqualität. Wo ausreichend Futter, Nist- und Versteckmöglichkeiten vorhanden sind, können sich die Vögel erfolgreich fortpflanzen und Verluste durch Beutegreifer einschließlich der Katzen meist gut verkraften. Da die gefiederten Nachbarn in der Kulturlandschaft vielfältigen schädigenden Einflüssen ausgesetzt sind, kann die hohe Katzendichte in städtischen und dörflichen Randbereichen bei bestandsgefährdeten Vogelarten wie der bodenbrütenden Feldlerche entscheidend zum Erlöschen lokaler Populationen beitragen.

Rund sieben bis acht Millionen Hauskatzen gibt es in Deutschland, vermuten Schätzungen. Sie teilen sich allerdings in verschiedene Gruppen auf. Da sind die Stubentiger. Sie sind für die Vogelwelt harmlos. Und Freigänger, die dennoch ein Zuhause haben, jagen nur zum Zeitvertreib. Das größte Problem für die Vögel stellen verwilderte Hauskatzen dar, sagt Lachmann. Deren Zahl wird auf zwei Millionen geschätzt: „Sie sind gezwungen, ihren Nahrungsbedarf außer über menschliche Abfälle praktisch komplett durch die Jagd auf Kleintiere zu decken.“ Wenn es gelänge, die Bestände verwilderter Hauskatzen zu reduzieren, hätte man das Problem sicherlich auf ein erträgliches Maß verringert.

Der Folgeschluss für den Ornithologen: Ein optimales Ergebnis würde man mit umfassenden Programmen zur Kastration aller verwilderten Hauskatzen erzielen. Dies würde dazu führen, dass der Bestand verwilderter Katzen in kurzer Zeit deutlich abnehmen würde, und es gäbe auch keinen „Nachschub“ mehr durch Freigänger, die mit den verwilderten Katzen Nachkommen zeugen. Kastrierte Katzen zeigen übrigens auch deutlich weniger „Jagdfieber“.

Bedrohte Vogelarten

waren früher einmal jedermann geläufig

Aber es sind nicht nur die vierbeinigen Gartentiger, die die Zahl der Vögel sinken lässt. Auch die Vermaisung der Landschaft hat dramatische Folgen und ist zum großen Nachteil für die biologische Vielfalt. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) und der Bund für Naturschutz (BfN) wiesen im letzten Winter auf dramatische Bestandsentwicklungen der Vögel in der Agrarlandschaft hin: Allein in Deutschland seien seit 1990 mehr als eine Million Feldlerchen verstummt.

In Deutschland hätten erhebliche Grünlandverluste einerseits und die vielfache Intensivierung der Ackernutzung mit massiv gestiegenem Maisanbau sowie der Beseitigung von Kleinstrukturen wie Hecken und Feldrainen vielfach den Charakter der Agrarlandschaften und Landschaftsbilder stark verändert. Neben den Verlusten an biologischer Vielfalt seien vielerorts hohe Belastungen von Böden und Grundwasser die Folge dieser Intensivierung.

Und so finden sich auf der Roten Liste der bedrohten Vogelarten Namen, die einst jedermann geläufig waren: Rotmilan, Kiebitz, Weißstorch. Oder Rebhuhn: Dessen Gesamtbestand ist in den letzten 50 Jahren um mehr als 70 Prozent gesunken. Oder die Goldammer, die vor 20 Jahren noch jeden Spaziergang auf einem Feldweg mit ihrem Gesang begleitete. Heute hat der Feldvogel unter der Intensivierung der Landwirtschaft stark gelitten.

Die Belastungsfaktoren sind vielfältig: Der Rückgang des Dauergrünlandes; die Zunahme des Raps- und Maisanbaus; das Ausräumen der Landschaften; immer kürzere Bewirtschaftungsintervalle auf den Feldern; die Ackerbearbeitung zur Brutzeit der Vögel; das vermehrte Ausbringen von Dünger und Gülle; der größere Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Verdichtung der Vegetationsstruktur; die geringeren Fruchtfolgen; der Wegfall der brachliegenden Flächen; die Flächenversiegelung durch den Bau von Hühner-, Schweine- und Putenmastanlagen; die geringere Vielfalt der angebauten Kulturpflanzen – in einem gemeinsamen Positionspapier hatten DDA und die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft im letzten Winter die Ursachen ausführlich aufgezählt.

Aber was genau tummelt sich neben Amsel, Drossel, Fink und Star in den heimischen Gärten, Parks und Grünflächen? Der Nabu Niedersachsen ruft vom 9. bis zum 12. Mai zum elften Mal Naturfreunde auf, eine Stunde lang die Vögel in ihrem Garten, vom Balkon aus oder im Park zu beobachten, zu zählen und für eine Auswertung zu melden. Je mehr Menschen ihre Beobachtungen zusammentragen, desto aussagekräftiger sind die Ergebnisse. Die Daten geben Aufschluss über den Zustand der Umwelt, den Klimawandel und die Entwicklung der Artenvielfalt. Von den Ergebnissen erwarten die Vogelkundler wichtige Hinweise zur Situation der Vogelwelt in Städten und Dörfern. Sinnvolle und notwendige Schutzstrategien können anschließend darauf aufbauen.

Katzen rangieren als Haustiere in der Beliebtheitsskala ganz oben. Mehr als sieben Millionen leben in Deutschland, und längst nicht alle stehen unter der Obhut des Menschen: Fast zwei Millionen streunen herrenlos umher. Zugleich geht auch die Zahl der Vögel zurück, vor allem in der Agrarlandschaft sinkt ihre Zahl dramatisch. Doch einfache Lösungen sind schwer zu finden.



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