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Sieben Frauen und Männer sprechen über ihre Suchtprobleme

Wenn das Verlangen die Vernunft besiegt

Beate, 49, aus Rinteln: Sucht, was heißt schon „Sucht“? Man, also „frau“, wird ja wohl noch friedlich ihren Wein trinken dürfen, den so klaren, trockenen Riesling, der auf wundersame Weise das Leben erleichtert, ach, nicht nur erleichtert – der Wein bereichert mein Leben. Ich bin nämlich ein eigentlich durchaus disziplinierter Mensch. Mein Über-Ich hat so einiges zu sagen.

veröffentlicht am 20.12.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:07 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Tränke ich nicht den geliebten Wein, ob ich mir dann wohl jemals eines dieser mitreißenden PC-Spiele erlaubt hätte, mit denen ich mir manche Nacht um die Ohren schlage. Ich würde ohne den Wein kaum einen dieser Briefe schreiben, die man nur nachts schreibt und die doch, so gewagt sie sein mögen, meistens das sagen, was gesagt werden sollte. Und ich wüsste nichts von diesem heroischen Gefühl, nur vier Stunden geschlafen zu haben und trotzdem tapfer aufzustehen.

Aber neulich, da kam meine Teenager-Tochter nachts noch in mein Zimmer und sagte: „Mama – ich wünsche mir, dass du nicht so viel Wein trinkst. Immer, wenn ich abends reinkomme, steht da die Flasche Wein. Ich habe gelesen, dass Frauen nur ganz wenig trinken dürfen. Wenn ich ein Kind bekomme, vielleicht bist du dann schon tot!“ Verdammt! Kinder sollten ihren Eltern in so was nicht reinreden. Was wäre, wenn nur der Wein mir die nötigen Endorphine fürs Überleben verschafft? Vielleicht wäre ich ohne Wein einfach nur eine ganz garstige Großmutter.

Ja, ich bin ein Kiffer

David, 19, aus Hameln: Ich bin ein Kiffer. Ja! Eine Zeit lang war es echt toll. Auf eine spezielle Weise toll. Jetzt, wo ich wieder ein „nützliches Mitglied der Gesellschaft“ bin, sehe ich ein, dass ich es übertrieben hatte. Dieses gute Gefühl, alles im Griff zu haben, es kam vom „Gras“, vom Rauchen, natürlich kam es davon, denn die offiziellen Dinge, die es so zu erledigen gilt, na ja, die hatte ich nicht erledigt. Schule geschwänzt, beim Praktikum verpennt, in meinem Zimmer gab es Mäuse, was mich nicht groß störte, aber meine Eltern, die kriegten regelmäßig Anfälle, na ja, im Grunde hatte ich kaum noch mit ihnen geredet.

Das Schöne, das wirklich Schöne am Kiffen ist ja, dass man trotz allem mit sich zufrieden ist. Obwohl, so halb im Unbewussten spürt man, dass es doch nicht gut ist. Man nimmt wahr, dass alte Freunde ihre neuen Wege gehen, und man selbst bleibt stehen. Mein jüngerer Bruder studierte plötzlich schon, und ich hing immer noch zu Hause rum. Meine Eltern sagten, sie würden mich rausschmeißen.

Ich hab meine ganze Überredungskraft eingesetzt, um das zu verhindern. Schließlich bot mir der Vater eines Freundes einen Job in seiner Gärtnerei an. Gärtnerei, ich bin am Ende, dachte ich erst. Aber der Typ ist cool. Streng, aber er gibt mir das Gefühl, ich werde gebraucht. Er lobt mich und sagt mir, ich sei sehr gut im Team. Kiffen tue ich trotzdem noch. Immer mal wieder nach Feierabend. Ist irgendwie was anderes.

Serienjunkie – so heißt meine Internetseite

Leon, 26, aus Rinteln: Serienjunkie – so heißt eine Internetseite, und das ist meine Seite! Früher habe ich Bücher verschlungen, heute verschlinge ich Serien. Ich kenne sie alle – „Breaking Bad“ und „House of Cards“, „Homeland“, „Walking Deads“, „The Tudors“, „Die Brücke“, aber auch alle Folgen von den „Simpsons“, den „Dinos“, „How I met your Mother“, na ich will nichts weiter aufzählen, ich kann bei allem mitreden.

Einige dieser Serien sind wirklich großartig, ich meine, sie sind genau so gut wie gute Bücher, „Game of Thrones“ zum Beispiel, das kann glatt mit Tolkiens „Herr-der-Ringe“ mithalten. Trotzdem erwischt mich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder drei oder vier Folgen hintereinander geguckt habe. Als würde ich meine Zeit vertrödeln. Als seien die Filme weniger wertvoll als Literatur. Aber haben nicht in früheren Zeiten Eltern auch ihren Kindern vorgeworfen, dass sie Leseratten wären, und nur nachkauen, was andere vorgedacht hätten? Das Beste ist, auf andere Leute zu treffen, die genau so serienverrückt sind wie ich. Dann kann man stundenlang reden. Und ist glücklich dabei.

Ich muss immer shoppen

Hannah, 33, aus Bückeburg: Ich muss shoppen. Wenn ich einen Tag nicht irgendwas Besonderes kaufe, habe ich das Gefühl, es ist nichts Wirkliches passiert. Ja, ich habe so an die 50 Paar Schuhe im Schrank, und meine beste Freundin lacht mich aus. Sie sagt, eigentlich hätte ich nur drei Paar, weil alle fast gleich aussähen.

Ich besitze unzählige Shirts, und so viele Jacken und Mäntel, dass ich halb Russland damit ausstatten könnte. Ich verschenke oft Sachen, so ist es nicht. Wenn meine Geschwister zu Besuch kommen, gehen sie oft mit vollen Taschen wieder weg. Ich bin auch beim Kleiderkreisel, dieser Internetplattform, wo man Sachen tauscht oder verkauft. Das macht mir Spaß, auch wenn ich selten einen finanziellen Gewinn davon habe – wenn ich Klamotten auf nette Weise loswerde, habe ich einen guten Grund, mir wieder was Neues zu kaufen. Ja, ja – es ist so was wie eine Konsumsucht, ich gebe es ja zu. Aber wenn nicht das, wovon wäre ich dann abhängig? Ich will es lieber nicht wissen.

Ich glaube, ich bin fresssüchtig

Magret, 29, aus Hannover: Was mich betrifft, so bin ich, glaube ich, fresssüchtig. Verdammt, ich glaube es nicht nur, ich bin es wirklich. 80 Prozent der Zeit, in der ich nachdenke, denke ich übers Essen nach. Ich wiege zu viel, mindestens zehn Kilo, eher 15 Kilo. Ich denke darüber nach, was ich Lust hätte zu essen. Und darüber, was ein vernünftiges Essen wäre. Ich überlege, jetzt nur einen Salat zu essen, damit ich abends die dick mit Käse überbackene Lasagne haben kann oder umgekehrt, dass ich jetzt den Kuchen esse, weil es heute Abend bestimmt nur noch Schwarzbrot mit Frischkäse sein wird.

Ich bin in einem Internetforum aktiv, da geht es um Fragen rund um den eigenen Garten, aber man redet auch über seinen Alltag miteinander. Ich schrieb dort: „Ab morgen mache ich eine Diät! Ich schreibe alles auf, was ich esse. Ihr müsst mich bestärken!“ Zwei Wochen hielt ich durch, ich war ganz ehrlich und zählte alle meine Mahlzeiten auf. Alle amüsierten sich, kein Wunder: Fast jeden Tag quälte ich mich mit Diät durch, und fast jeden Abend stand da, dass es mich doch erwischt hatte, mit Pizza und Pasta, mit Kräuterbutter-Steak (mehr Kräuterbutter als Steak) oder mit der Bratwurstbude um die Ecke. Eigentlich wünschte ich, ich könnte mich als Miss Moppel akzeptieren.

Das bloße Glücksspiel reizt mich nicht

Günther, 42, aus Hameln: Manchmal frage ich mich schon, ob ich nicht einfach spielsüchtig bin. Nicht, dass ich ins Kasino fahren oder mich in Spielhallen an stupiden Geldautomaten rumtreiben würde. Das ist es nicht, was mich reizt, nicht das bloße Glücksspiel. Was mich so mitreißt, sind Spiele, bei denen alles in allem der Bessere gewinnt.

Quizduell zum Beispiel, dieses Spiel, wo deutschlandweit Leute online Fragen nach dem Multiple-Choice-Verfahren beantworten und dabei Punkte sammeln. Je öfter man spielt, desto besser wird man, allein schon deshalb, weil sich die Fragen doch irgendwann wiederholen. Oder Pokern, gar nicht mal um Geld, sondern einfach um die Ehre, so hoch wie möglich im Ranking, der Bestenliste, dazustehen. Wer länger pausiert, fällt automatisch zurück. Also, wenn man Ehrgeiz hat und eh ziemlich gut ist, spielt man möglichst täglich weiter.

Ohne den Wettbewerb würden mich solche Spiele gar nicht groß reizen. Aber einmal eingestiegen in den Kampf mit Chance auf einen Platz unter den Besten, und mich kann nichts mehr aufhalten, außer: dass ich irgendwann die Lust verliere.

Ehrlich, ich bin pornosüchtig

Sebastian, 34, aus Hameln: Ehrlich gesagt, ich bin pornosüchtig. Das kann man eigentlich keinem Menschen anvertrauen, es klingt, als habe ich Ersatzhandlungen nötig, und – ich habe sie auch wirklich nötig! Manchmal glaube ich, dass ich nie wieder eine Freundin finden werde. Wenn ich daran denke, was ich abends so unternehmen könnte, denke ich daran, vor meinem Computer zu sitzen und mir Pornos reinzuziehen.

Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, zieht es mich die ganze Zeit über irgendwie nach Hause, an den PC. Ich klappere alles ab, was es an kostenlosen Pornos so gibt – und das ist unendlich viel. Und man wählt immer krassere Dinge. Irgendwann wird echter Sex so was von unwirklich. Ein bisschen Langeweile, ein bisschen Frust, ein bisschen Lust – drei Klicks am PC, und schon ist der Abend gerettet. Okay, der moralische Kater gehört dazu, das ist der Preis. Ich will, ich muss dafür zahlen.

Ob Alkohol-, Drogen- oder Kaufsucht, Fresssucht, Tablettensucht, Sexsucht oder Spielsucht – die Abhängigkeit ist fatal. Schätzungen zufolge haben 90 Prozent der Menschen etwas, worauf sie nicht mehr verzichten können. Schokolade, Kaffee, Nikotin, Glücksspiel, Internet oder Einkaufen – die Liste ist lang. Sieben Betroffene geben Auskunft über ihre Gelüste, Neigungen und Süchte.



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