weather-image
×

Wenn Betriebe auf die alte Garde setzen

Seit 1991 arbeitet der gelernte Dreher Helgo Hennig bei der Aerzener Maschinenfabrik. „Bis zu meinem Unfall habe ich an einer CNC-Maschine gearbeitet“, sagt der heute 58-jährige, dem 2003 nach einem schweren Motorradunfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste. „Das war für mich natürlich ein Schock. Aber als dann Berufsgenossenschaft und Ärzte feststellten, dass ich nicht wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren konnte, da wäre für mich fast die Welt zusammengebrochen.“

veröffentlicht am 20.05.2011 um 00:00 Uhr

Autor:

Dass sie aber eben nicht zusammenbrach, das verdanke er einerseits seinem unbändigen Willen, weiterhin arbeiten zu wollen, andererseits aber auch seinem Arbeitgeber, so Hennig. Rita Spiegel, in der Personalabteilung des Aerzener Maschinenbauunternehmens zuständig für Gesundheits- und Sicherheitsfragen, klärt auf: „Herr Hennig ist ein erfahrener Mitarbeiter, den wir im Unternehmen halten wollten. Glücklicherweise wurde in der Messmittelkontrolle ein Arbeitsplatz aus Altersgründen frei, den wir dann entsprechend den besonderen Vorgaben durch Herrn Hennigs Beeinträchtigung umgestaltet haben.“

Neben der Anschaffung eines sogenannten Arthrodesenstuhls – ein medizinisches Sitzmöbel – wurde die Beinfreiheit so gestaltet, dass Hennig trotz des fehlenden Unterschenkels uneingeschränkt arbeiten kann. „Das Stehen fällt mir besonders schwer, deswegen wurden auch die Laufwege an meinem Arbeitsplatz massiv verkürzt,“ beschreibt Hennig, der an seinem neuen Arbeitsplatz seine Erfahrung als ehemaliger Dreher einbringen kann.

Torsten Muscharski kennt solche plötzlich notwendig werdenden Arbeitsplatzumgestaltungen ebenfalls. Dem Personalleiter des Hamelner Unternehmens Volvo-ABG ist es wichtig, zu unterscheiden: „Es gibt grundsätzlich drei Szenarien, bei denen die Gestaltung eines Arbeitsplatzes vor dem Hintergrund gesundheits- und sicherheitsrelevanter Fragen von Bedeutung ist.“ Erstens würden bereits bei einem völlig neu einzurichtenden Arbeitsplatz, infolge von Expansion zum Beispiel, die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt. Zweitens würden Unternehmen in diesen Zeiten des Fachkräftemangels nahezu alles unternehmen, um das Know-how und die Erfahrung langjähriger Mitarbeiter im Unternehmen zu halten, selbst dann, wenn sich die gesundheitlichen Vorgaben eines Mitarbeiters – wie das Beispiel der Aerzener Maschinenfabrik zeige – ändern. In diesem Zusammenhang sei eben nicht nur Flexibilität des Arbeitnehmers gefordert, sondern auch zunehmend die Bereitschaft der Arbeitgeber, flexibel auf die Vorgaben seiner Mitarbeiter zu reagieren. Drittens aber werde in seinem Unternehmen ein großes Augenmerk auf die Umgestaltung bereits vorhandener Arbeitsplätze gelegt. Dabei spiele das Alter der Mitarbeiter, die an diesem Arbeitsplätzen arbeiten, gar nicht einmal die entscheidende Rolle. Muscharski: „Richtig ist, dass mit zunehmendem Alter eines Mitarbeiters das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen zunimmt, aber von einer Arbeitsplatzumgestaltung profitieren alle betroffenen Mitarbeiter, unabhängig ihres Alters.“

Gerader Rücken, eine Maschine, die die Bauteile auf die Metallwelle presst: „Keine Frage: Den Job mache ich bis zur Rente“, stellt Horst Schulski klar. „Diese schweren Wellen musste ich früher per Hand zur Werkbank tragen“, erinnert sich Horst Schulski. Fotos: roh

Als eine Art präventive Maßnahme bewertet der Volvo-ABG-Sicherheits- und Umweltingenieur Jörg Cornelsen das firmenspezifische Programm, das das Unternehmen seit einigen Jahren konsequent verfolge: „Je früher ein Mitarbeiter beispielsweise von den gelenkschonenden Fußmatten profitieren kann, mit denen wir zahlreiche Arbeitsplätze ausgerüstet haben, desto nachhaltiger ist die Wirkung einer solchen Maßnahme.“ Langzeitfolgen, zum Beispiel durch langes Stehen oder das Einatmen von Lösungsmitteln, so Cornelsen, gelte es zu vermeiden.

Laut Muscharski wolle das Unternehmen im Laufe der nächsten Jahre alle Arbeitsplätze der rund 600 Beschäftigten in Hameln analysieren und sie im Bedarfsfall umgestalten. Der Bereichsleiter Montage bei Volvo-ABG, Günter Schaper, nennt ein plausibles Beispiel für eine solche Umgestaltung: „Eine Arbeitsplatzumgestaltung setzt eine präzise Analyse des Ist-Zustandes voraus. So haben wir zum Beispiel an einem Arbeitsplatz eine Laufwegentfernung von 1500 Metern errechnet, die wir nach einer Umgestaltung des Arbeitsplatzes auf 200 Meter verringern konnten.“

Ein weitaus aufwendigeres Beispiel, wie Volvo-ABG insbesondere ältere Mitarbeiter entlastet, zeigt sich in einer der Werkshallen. Dort zieht Horst Schulski mit einem entspannten Gesichtsausdruck seine Kreise. Mit geradem Rücken schiebt der 54-Jährige einen Rollwagen vor sich her, auf den er aus den kreisförmig um seinen Arbeitsplatz befindlichen Regalen Teile lädt. Bücken muss er sich kein einziges Mal, auch nicht recken. Sein Arbeitsplatz wurde bereits umfassend umgestaltet, und er erinnert sich: „Früher musste ich die schweren Wellen mit der Hand von hier nach da tragen. Für das Zusammenbauen hatte ich einen Hammer.“ Auf die Frage, wie lange er den Job noch machen werde, antwortet er: „Bis zur Rente, keine Frage, aber hätte es diese Veränderungen nicht gegeben, na ja, ich weiß nicht, aber ich glaube, dann hätte ich an diesem Platz nicht so lange arbeiten können.“

Sein Abteilungsleiter Ingo Beermann: „Das Gute an dem Konzept hier in der Firma ist, dass wir als Mitarbeiter im Grunde genommen genau vorgeben können, was für uns optimal wäre.“ Muscharski: „Anders macht eine solche Umgestaltung für uns auch keinen Sinn. Der Mitarbeiter spielt in jedem Fall die zentrale Rolle, auch wenn es natürlich wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen gilt.“ Der Schwerbehindertenobmann und Mitglied des Betriebsrats, Achim Rostmann, bestätigt: „Es ist für die Mitarbeiter schon ein gutes Gefühl, wenn sie gefragt werden und mitentscheiden können, wie ein Arbeitsplatz besser werden kann, aber dennoch haben wir natürlich auch klare Ziele, die es zu erfüllen gibt.“

Beermann, Schulski und Rostmann sprechen von einer Wertschätzung, die ihnen nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Mensch gegenüber gebracht wird, und das, so Muscharski, sei auch so gewollt: „Es gibt in der Wirtschaft unterschiedliche Unternehmensphilosophien, und die skandinavische ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt.“ Rostmann: „Durch diese Einbeziehung fällt es den Mitarbeitern sehr leicht, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren.“

Neben aufwendigen Umgestaltungen von Arbeitsplätzen sind schnelle Lösungen für kleinere Problemstellungen in der heimischen Wirtschaft fast schon an der Tagesordnung, wie Rita Spiegel für die Aerzener Maschinenfabrik erklärt: „Das geht über Fußstützen und andere entlastende Hilfsmittel, wie beispielsweise höhenverstellbare Sitze, ergonomische Rücken- und Nackenlehnen für Bürostühle oder eben größere Monitore.“ Gemeinsam mit Werksarzt, Abteilungs- und Personalleitung werden individuelle Lösungen gesucht, um für ältere Mitarbeiter, aber eben nicht nur für diese optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen. Auch in sozialen Berufen spielen solche Überlegungen zunehmend eine wichtige Rolle, wie die Heimleiterin der Julius-Tönebön-Stiftung, Angelika Rudolf, erklärt: „Der Pflegeberuf ist ein sowohl physisch als auch psychisch anstrengender. Deswegen gilt es hier natürlich, präventiv durch Hilfsmittel wie zum Beispiel Hebehilfen tätig zu werden.“ Jutta Mießen hat 22 Jahre als Pflegeassistentin gearbeitet, als sie aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Dennoch ist sie der Senioreneinrichtung als Arbeitskraft erhalten geblieben, und zwar weil sie einerseits nicht gewillt war, mit Mitte 50 in den Ruhestand zu gehen, andererseits aber auch, weil das Unternehmen nicht auf ihre langjährige Erfahrung verzichten wollte. „Ich habe mich dann zur Alltagsbegleiterin qualifizieren lassen und arbeite nun in der Tagespflege.“ Dort – so Rudolf – sei sie genau an dem Ort, an dem das Unternehmen sie brauche. „Sie gibt den Gästen der Tagespflege die Geborgenheit und die Verlässlichkeit, die unsere Gäste benötigen.“

Dass der Wert älterer Mitarbeiter nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern auch ein gesellschaftlicher ist, davon ist Personalleiter Muscharski überzeugt. „Der demografische Wandel hat nicht nur die Situation auf dem Arbeitsmarkt signifikant verändert.“ Immer mehr verabschiede man sich in der Wirtschaft von vornehmlich auf Profit ausgerichteten Konzepten hin zu sozial verträglicheren Lösungsansätzen. Rund 20 Prozent der Beschäftigten seines Unternehmens seien über 50 Jahre alt, und der Anteil der über 60-Jährigen liege bei rund fünf Prozent. Experten verweisen darauf, dass sich der Anteil der älteren Mitarbeiter in allen Branchen in den nächsten Jahren deutlich erhöhen werde.

Im Schatten der beinahe alles beherrschenden Diskussionen um Energieeffizienz und einen Umgang mit Rohstoffen, der die Ressourcen schont, widmen sich Unternehmen bereits seit Jahren einem gleichfalls wichtigen Baustein in der Produktionskette: den Mitarbeitern. Wie der infolge des demografischen Wandels zunehmende Fachkräftemangel abgebremst werden kann, zeigen Beispiele aus der Region.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt