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Zug weg, Warten im Niemandsland: Eindrücke vom Elzer Bahnhof / Unzuverlässigen Betreibern drohen Konsequenzen

Wenn Bahnfahrer den Anschluss verpassen

Es ist kalt, ein eisiger Wind weht, und die Menschen am Rintelner Bahnsteig sind nicht begeistert, dass die Nordwest-Bahn in Richtung Hildesheim zehn Minuten zu spät kommt. Manche außerdem müssen in Elze umsteigen und wissen, dass sie dafür nur fünf Minuten Zeit haben. Der Zug holt allerdings auf, doch dann, kurz vor Elze, eine sehr leise Ansage: „Sie werden Ihre Anschlüsse nicht erreichen.“ Aber warum nicht? Der Metronom-Zug nach Hannover steht doch noch auf dem Gleis, als die Fahrgäste aussteigen. Etwa zehn von ihnen hetzen los, um ihn noch zu erwischen. Nichts zu machen, die Regionalbahn fährt auf die Sekunde pünktlich ab. Eine Stunde Wartezeit an dem öden Elzer Bahnhof stehen bevor.

veröffentlicht am 02.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:16 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Es gibt Gründe, vielerlei Gründe dafür, warum so etwas passieren kann, immer wieder passiert, nicht nur in Elze, wenn auch dort mit entnervender Regelmäßigkeit. „Fahrpläne zu schaffen und zu kontrollieren, das ist wie dreidimensionales Schach zu spielen“, sagt Rainer Peters, Pressesprecher der Landesnahverkehrs-Gesellschaft (LNVG) Niedersachsen in Hannover, die im Auftrag des Landes Niedersachsen das öffentliche Verkehrsangebot rund um Bahnen und Busse koordiniert. Doch bevor die Gründe dargelegt werden sollen, noch ein Blick auf die Menschen, die in Elze ausgestiegen sind, den Anschlusszug vor ihrer Nase wegfahren sahen und einfach nicht fassen können, dass man sie als Bahnkunden so derartig in der großen Kälte stehenlässt.

Da ist eine Mutter mit vierjährigem Sohn, dazu eine junge Frau mit großem Gepäck, ein Teenager mit Rucksack, eine Gruppe junger Türken, darunter einige Kinder und ich. Ich selbst bin in Hamburg verabredet. Dann steht da noch eine dunkelhaarige Frau, die müde lächelt und sagt, sie steige hier regelmäßig um und habe so eine Situation schon unzählige Male erlebt.

Es ist Samstagnachmittag, nirgends ein Bahn-Angestellter zu sehen, der Auskunft geben könnte. Die Bahnhofshalle, wo man etwas Schutz vor dem Winterwind finden könnte, ist abgeschlossen.

Im Schweinsgalopp durch den Bahnhofstunnel: Fürs Umsteigen bleiben nur wenige Minuten Zeit.

Hier in dieser Trostlosigkeit soll man es eine Stunde aushalten müssen, weil die Nordwest-Bahn sechs Minuten Verspätung hatte und der Metronom keine Minute auf uns Reisende warten konnte?

Während die Türken gute Miene zum bösen Spiel machen und sich mit lustigem Dauerlauf auf dem Bahnsteig warmhalten, wandern die anderen um den Bahnhof herum, entdecken auf der schräg gegenüberliegenden Straßenseite ein Hotel und immerhin, dort gibt es einen Frühstücksraum, ohne Fenster zwar und ungeheizt, aber mit einer netten Bedienung, die Getränke anbieten kann und für den Vierjährigen ein Eis. „Ich bin hier schon Stammgast“, meint die dunkelhaarige Frau. „Letztes Mal berührte ich noch die Tür des Zuges, und trotzdem fuhr er ab.“ Sie habe schon sowohl mit der Metronom-Gesellschaft als auch der Nordwest-Bahn gesprochen, aber nur ein Schulterzucken zur Antwort erhalten.

In dem Frühstücksraum stellt man allerlei Vermutungen darüber auf, warum die Züge nicht wenigstens ein paar Minuten aufeinander warten. Vielleicht kommunizieren Nordwest-Bahn und Metronom aus Konkurrenzgründen nicht miteinander? Oder sie glauben, die Kunden hätten eh keine andere Wahl, als ihre Züge zu benutzen und man habe es nicht nötig, um sie zu werben?

War es früher nicht üblich gewesen, dass Nahverkehrszüge eine gewisse Verspätung hinnehmen und auf dem Umsteigegleis erst dann abfahren, wenn die unschuldig verspäteten Gäste den Zug erreicht haben? Und wieso stellt man den Fahrplan nicht um auf eine längere Umsteigezeit, wenn es mit den fünf Minuten so offensichtlich nicht klappt?

Katrin Hofmann, Pressesprecherin bei der Nordwest-Bahn, muss im ersten Moment lachen, als ich sie zwei Tage später mit solchen Fragen konfrontiere. „Entschuldigung“, sagt sie, „es ist nicht so gemeint, aber das alles ist ja ganz anders, als die Fahrgäste es annehmen.“

Sie erklärt: Auf eingleisigen Strecken könne man nicht einfach so zusätzliche Verspätungen in Kauf nehmen, im Grunde gäbe es da, außer spätabends, null Toleranz. Selbstverständlich gäben die Zugbegleiter Verspätungen an die übergeordnete Transportleitung in Hannover weiter, aber nur selten könne das berücksichtigt werden, weil dann weitere Anschlüsse ebenfalls zu Problemen führen würden. Auf die Frage, warum man dann nicht gleich eine längere Umsteigezeit plane, verweist sie an Rainer Peters von der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) Niedersachen. „Es ist ja das Land, das den Fahrplan bestellt, wir können da allenfalls Vorschläge machen.“ Rainer Peters nun betont, dass auch die LNVG nicht wirklich Herrin der Fahrpläne sei. Zwar würden sie hier ausgearbeitet, doch Besitzerin der Trassen und der Infrastruktur sei die Deutsche Bahn AG, und die entscheide, ob die Fahrpläne mit Berücksichtigung aller Konsequenzen fahrbar sind. „Da geht es geradezu um Sekunden, jeder winzige Zeitraum wird massiv umkämpft“, sagt er. „Fünf Minuten zusätzlich, das sind Welten.“

Worauf es ankäme, sei, dass die Regionalbahnen trotz gewisser Schwierigkeiten dabei alles für ihre Pünktlichkeit täten. Früher habe man durchaus mal fünf Minuten warten können, doch seit dem Jahr 1996, als die LNVG gegründet wurde, sei die Anzahl der Fahrgäste zwar um etwa 20 Prozent gestiegen, die Trassen aber seien nicht mitgewachsen, ja teilweise sogar stillgelegt worden. „Die Infrastruktur im Schienenverkehr ist vom Bund her unterfinanziert. Wir würden ja gerne einfach mehr Züge einsetzen, doch das geht nicht, solange es nicht neue Trassen gibt.“

In Hamburg zum Beispiel überlege man, so Peters, ob man nicht Brückenbauwerke planen solle, so dass Züge wie bei manchen Autostraßen, an den Knotenpunkten in zwei Ebenen verkehren könnten. Wenn das denn finanzierbar wäre.

Muss man also Situationen wie diese in Elze hinnehmen? Am besten gleich den früheren Zug nehmen, damit zur Verspätungswartezeit nicht auch noch der Ärger verpasster Verabredungen hinzukommt? Und am besten kein Länder- oder „Schönes-Wochenende“-Ticket kaufen, weil man damit selbst bei großen Verspätungen keinen Anspruch auf Entschädigung hat?

„Nein!“, sagt Hagen Grützmacher, der die Metronom-Eisenbahngesellschaft vor der Presse vertritt. „Es gibt keine Züge, die immer unpünktlich sind. Wir erreichen Pünktlichkeitsquoten von um die 97 Prozent, und das mit 95 000 Fahrgästen pro Tag.“ Und obwohl man diesen Anspruch der Pünktlichkeit habe, sei es nicht so, dass der Metronom niemals warte. „Wir haben ja nichts davon, wenn unsere Kunden sauer sind.“

Doch sei auch das Warten auf einen verspäteten Zug ein komplizierter Prozess. Über mehrere Instanzen hinweg müssten Informationen ausgetauscht und Freigaben erhalten werden. „Kein Zugfahrer darf einfach so warten, und wenn die Türen einmal geschlossen sind, der Prozess des Anfahrens in die Wege geleitet wurde, dann gibt es sowieso kein Zurück mehr.“

Die geschilderte Situation in Elze lässt ihn dennoch nicht kalt. „Wir reagieren auf solche Kritik“, betont er. „Nicht umsonst ist die Verkehrsplanung bei uns die größte Abteilung.“

Er überlegt sogar, ob man nicht mit den Mitarbeitern des kleinen Hotels gegenüber vom Bahnhof sprechen sollte, damit sie den enttäuschten Fahrgästen eine Aufmerksamkeit im Namen des Metronoms zukommen ließen. „Allerdings, wir sind ja auf den Strecken nicht allein. Die Verantwortung für Probleme liegt nicht nur bei uns. Das beginnt ja schon bei der Anweisung, dass der Fernverkehr immer Vorrang hat und die Regionalbahnen zurückstehen müssen, wenn es darum geht, Verspätungen beim ICE zu vermeiden.“

Und es liegt offensichtlich auch daran, dass die Pünktlichkeit speziell der Nordwest-Bahn auf der Strecke zu wünschen übrig lässt. Rainer Peters von der LNVG sprach mit den Planern in der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft, und dabei bestätigte sich der Eindruck der dunkelhaarigen Frau vom Elzer Bahnsteig, dass man mit der Nordwest-Bahn unverhältnismäßig oft den jeweiligen Anschlusszug verpasse. Jetzt würden der Nordwest-Bahn Konsequenzen angedroht, in Form eines Schreibens der LNVG, das ankündige, die „Bestellerentgelte“ einzubehalten, also die Zahlungen, die die LNVG an die einzelnen Regionalbahn-Gesellschaften für den Verkehrsbetrieb zu leisten hat. „Wenn Züge häufiger zu spät kommen, dann erhöhen wir den wirtschaftlichen Druck“, sagt LNVG-Sprecher Peters.

Im Nachhinein kann das ein kleiner Trost sein.

Die nette Stimme im Zug sagt: „Sie werden Ihre Anschlüsse verpassen.“ Für viele Reisende heißt das: Warten. Das kann ziemlich öde sein. Wartezeiten ließen sich aus technischen Gründen nicht vermeiden, argumentiert die Landesnahverkehrsgesellschaft. Dennoch: Sie will Betreibern, deren Anschlusszüge oft nicht erreichbar sind, die Zahlungen kürzen.



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