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Wenn Armut ganz deutlich sichtbar wird

Ina K. war noch in der Schule, als sie die Bedeutung des Wortes „Sozialschmarotzer“ kennenlernte. Das Blut schoss ihr in den Kopf, sie lief aus der Klasse. Thema waren an diesem Tag die Berufe der Eltern gewesen. Inas Mutter, allein mit zwei Töchtern, hangelte sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten. Ein Mitschüler, Sohn eines Arztes, warf Ina vor: „Du lebst doch von den Steuern, die mein Vater zahlt!“

veröffentlicht am 21.11.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Jan-Christoph Prüfer

Überflüssig war der Kommentar nicht zuletzt gewesen, weil die damals 13-Jährige ihren sozialen Status gezwungenermaßen offen zur Schau trug. Sie spürte die wissenden Blicke ihrer Klassenkameradinnen, die die modischen „Miss Sixty“-Hosen trugen – rund 70 Euro kostete das Paar. „Eine Freundin hatte sogar drei davon“, erinnert sich Ina. Sie selber besaß nur zwei Hosen: eine Leggins, eine Jeans, beide aus dem Discounter-Markt. Knapp wurde es im Winter, wenn Ina wegen der Kälte die Jeans über den Leggins trug. „Als Kind war das besonders fies“, erinnert sich die heutige Mittzwanzigerin. „Ich habe mir das nicht ausgesucht und konnte nichts dagegen machen.“ Sie versuchte es. Mit 14 verteilte Ina Prospekte. „Das war Knochenarbeit, im Winter den Berg bei Heye hoch, fünf Stunden für 20 Euro.“ Das Geld reichte am Ende wenigstens für eine Jacke. Kein teures Marken-Produkt, aber wenigstens etwas modischer als der Rest ihrer Garderobe. Irgendwann konnte sie sich sogar eine „Miss Sixty“-Hose leisten, ein Angebot aus dem Schlussverkauf.

Kleidung wurde wichtig, weil die Jungs wichtig wurden. Genützt hat Ina ihr „Täuschungsversuch“ mit der neuen Jacke allerdings nichts. In der Schule wussten alle, was sie „für eine“ war. Zwar musste sie mit ihrer Mutter oft umziehen, in eine günstigere Wohnung, was auch immer eine neue Schule bedeutete. Doch selbst vor der Zeit der einen Jeans und der einen Leggins hat Ina sich immer früher oder später „verraten“, bereits in der Grundschule. Die anderen Kinder redeten nach den Sommerferien von Mallorca und Sylt, Ina vom Spielen im heimischen Garten.

Heute ist Ina selbst Mutter zweier Kinder. Sie versucht, ihnen die Unwissenheit dieser Phase des Lebens so lange wie möglich zu bewahren. Das ist nicht leicht, denn der Konsum-Druck auf die Tochter und den Sohn steigt bereits jetzt, im Kindergarten. Alle anderen feiern ihren Geburtstag im angesagten „Ramba Zamba“ in Luhden, alle anderen haben „Prinzessin Lillifee“-Tassen. „Ich muss da immer ein bisschen kreativ werden“, schmunzelt Ina. „Als Abschiedsgeschenk gibt’s bei uns auch nicht für jedes Kind einen dicken Stoffbeutel mit Riesenlutschern drin. Das geht einfach nicht.“ Ina ist alleinerziehend und arbeitssuchend, so wie ihre Mutter es war.

Dabei hat sie eine Ausbildung gemacht, hatte gute Noten in den ständig unterschiedlichen Schulen. Das war eine Möglichkeit, sich zu beweisen, glaubt sie. Sich zu fühlen, als wäre sie etwas wert, unabhängig von den Hosen, die sie trug. Bei den Erwachsenen jedenfalls sei sie mit den tollen Klassenarbeiten gut angekommen. Bei den Mitschülern „nicht so“.

Einiges, was ihre Kinder jetzt erleben, kennt Ina aus der eigenen Vergangenheit. Genauso wenig „drin“ wie der Geburtstag im „Ramba Zamba“ ist der Besuch einer Musikschule. „Das gibt das Bildungspaket nicht her.“ Auch in ihrer Schulzeit spielten Klassenkameraden Instrumente. „Das war immer ein Ansatz, Freunde zu finden, da hatten sie gleich etwas, worüber sie reden konnten.“ Ina konnte nicht mitreden. Ein Instrument lernen oder im Verein Sport machen, das alles sind Hobbys, die Geld kosteten, das ihre Mutter nicht hatte.

„Ich bin dann eben spazieren gegangen“, sagt Ina. Spazieren gehen, draußen spielen. Allein. „Ich wusste, wo die coolsten Flüsse und Bäche in Schaumburg sind.“ Das habe aber niemanden interessiert. Keine gute Gesprächsgrundlage.

Doch, einmal gab es da ein Mädchen, das wollte immer nach draußen. Das Problem war: Ina wollte rein, denn die Freundin hatte eine Spielkonsole und eine Gitarre. „Ich kannte das nicht, ich hab so was nie gehabt.“

Gitarre und Konsole sind nicht überlebensnotwendig, Essen und Trinken schon. Einmal in der Woche gab es bei Ina zu Hause ein „Vollmenü“. Das bedeutete, dass es nicht bei Kartoffeln mit Butter und Salz blieb. In der Schule hatte sie ein Trinkpäckchen und ein Brot mit. „Ich hatte eigentlich immer Hunger.“ Ihren eigenen Kindern versucht sie, eine gesunde Ernährung zu ermöglichen. Einfach sei das nicht. Gesundes Essen ist oft auch teuer. Auf vielen der Lebensmittel in Inas Küche prangt das Etikett der Eigenmarke einer Lebensmittelkette, die in der Werbung eher mit dem Preis als mit der Qualität ihrer Produkte argumentiert.

Ina ist klar, dass sie für viele um sich herum Klischees erfüllt, die oft von effektheischenden Unterhaltungsformaten im Fernsehen propagiert werden. Sie hat gelernt, damit zu leben, aber manchmal gibt es noch Situationen, in der die Vorurteile ihrer Mitmenschen sie wütend machen. Einmal war ein Ausflug im Kindergarten geplant gewesen. Ina hatte dafür Geld aus dem Bildungspaket beantragt. Als ihr zuständiger Sachbearbeiter beim Sozialamt erkrankte, ließ die Unterstützung auf sich warten, das Geld für den Ausflug fehlte. Die Leiterin des Kindergartens warf Ina vor, sie vernachlässige ihre Fürsorgepflicht. „Die hat das gesagt, als wollte sie eigentlich sagen, gucken Sie halt nicht den ganzen Tag Fernsehen“, erinnert die junge Mutter sich. Ihr Fernseher läuft nur kurz am Tag, nach Absprache. Kindersendungen.

Das Jobcenter hat Ina aus ihrer Wohnung auf dem Land gejagt. Sie war froh, dass sie die hatte, weil sie aus der Stadt wusste, womit Kinder dort in Kontakt kommen – auch im verträumten Schaumburg. Die Wohnung war günstig gewesen, aber groß. Zu groß für eine Hartz-IV-Empfängerin, die vorgeschriebene Quadratmeterzahl war überschritten. Ina hatte extra nicht viel geheizt, um die Nebenkosten-Abrechnung gering zu halten. Das war ihr auch gelungen.

„Aber das Jobcenter hat gesagt, theoretisch wären ihre Nebenkosten dort zu hoch, deshalb müssen sie raus.“ Die 40 Euro, die die Wohnung über dem lag, was ihr an Wohngeld zustand, hätte sie gern draufgezahlt. Zum Umzug gab das Jobcenter einen Zuschuss, deshalb konnte Ina es sich leisten, ihren Helfern eine Pizza zu spendieren. Sie schämte sich, dass ihr mehr nicht möglich war.

Nach einem weiteren Umzug wohnt Ina mit ihrer Tochter und ihrem Sohn jetzt im Schaumburger Süden, in einem Stadtteil, von dem sie weiß, dass er als „Hartz-IV-Siedlung“ verschrien ist. Dafür musste sie erst einmal die Klischees überwinden, die auch in ihrem eigenen Kopf herumspukten. Die Klischees: Stütze kassieren, Alkohol trinken, den ganzen Tag Fernsehgucken. Die vermeintlich vorherbestimmten Pfade, von denen sie sich hatte fernhalten wollen. „Aber die Menschen hier in der Siedlung sind nett, die Kinder sind fröhlich und spielen viel draußen“, hat Ina festgestellt. Die Klischees erfüllen viele ihrer Nachbarn ebenso wenig wie sie selber.

Vielleicht wäre es auch anders gekommen, wenn sie die Kinder nicht so früh bekommen hätte – das Erste mit 19. Bis dahin war eigentlich alles so sehr nach Plan gelaufen, wie das in den schwierigen Verhältnissen möglich ist, in denen Ina aufgewachsen war. Mit 15 hatte sie bereits einen Platz in einem betreuten Wohnprojekt, jobbte, um ihren Schulabschluss zu finanzieren. Danach ging es nahtlos weiter in die Ausbildung zur Friseurin. „Aber dann bin ich an Leute geraten, die ich irgendwie falsch eingeschätzt habe.“ Allen voran war das ihr Freund, der sich die Zeit mit Alkohol, Amphetaminen und LSD vertrieb. In der Schaumburger Partydrogenszene lernte Ina eine ganz eigene Art von Kinderarmut kennen, denn darin suchten auch viele Söhne und Töchter aus „gutem Hause“ nach dem Kick, den Pillen und Pappen versprechen. „Die Kids langweilen sich hier zu Tode“, bemerkte Ina in den Kreisen, die sie selbst fluchtartig verließ, als sie schwanger wurde. Ihr Freund zog zwar zunächst mit, fand aber unter dem Stress des Vaterseins bald zurück zu alten Gewohnheiten. Ina trennte sich und steht seitdem mit den beiden Kindern allein da.

Unterstützung findet die junge Mutter heute vor allem beim Familienzentrum der Arbeiterwohlfahrt in Stadthagen. Ihre Kinder sind noch zu jung, um sich „arm“ zu fühlen. Ina wünscht sich, dass das möglichst lange so bleibt. Und dass die erste Bekanntschaft mit dem Wort „Sozialschmarotzer“ in weiter Ferne liegt.

Chancengleichheit – wenigstens die sollte es doch geben, wenn die Welt schon ungerecht ist. In der Kindheit sollte sie anfangen, die Chancengleichheit. Das ist aber nicht so, auch in Schaumburg nicht. Die Kreisverwaltung meldet zwar weniger Kinder mit Bezug zu Hartz-IV-Leistungen, gibt aber zu bedenken: Es gibt auch weniger Kinder. Eine prozentuale Abnahme bedeuten die Zahlen also nicht. Eine Kindheitserinnerung.

Klischees treffen in der Nachbarschaft nicht zu



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