weather-image
×

Niedersachsen feiert ganz leise

Weites Land, kluges Land

So richtig krachen lassen wie in Nordrhein-Westfalen will es die rot-grüne Landesregierung nicht, wenn sie heute den 70. Geburtstag des Landes feiern will. Es stehe im Gegensatz zu Düsseldorf keine Wahl an, das rundere Niedersachsen-Jubiläum sei doch der 75. Geburtstag, heißt es lakonisch aus der Staatskanzlei.

veröffentlicht am 01.11.2016 um 07:00 Uhr

Autor:

Also kein strahlender Prinz William zum 70. Geburtstag wie im August in Düsseldorf, auch keine Toten Hosen und Bürgerfeste. Stattdessen ein Symposium im wiederaufgebauten Schloss in Hannover-Herrenhausen – und die Frage, wie es um die Zukunft dieses Bundeslandes bestellt ist. „Thesen, Fragen, Suchbewegungen“ stehen auf dem Programm sowie Vorträge zur „postmigrantischen Gesellschaft“.

Postmigrantisch – auch wenn man sich damals einfacher ausdrückte: So war die Lage zweifellos im Jahr 1946, als sich die Briten mit tatkräftiger Hilfe des preußischen Oberpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf daranmachten, aus der norddeutschen Trümmer- und Splitterlandschaft ein neues Staatsgebilde zu zimmern. Mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge hungerten und froren gemeinsam mit den Einheimischen, als die britische Militärregierung aus der bisherigen preußischen Provinz Hannover sowie den bis dahin selbstständigen Ländern Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe ein völlig neues Staatsgebilde zimmerte, das den alten Namen Niedersachsen tragen sollte. Lippe-Detmold hätte ebenfalls beitreten können, entschied sich aber für Nordrhein-Westfalen. Am 8. November 1946 trat mit der Verordnung Nr. 55 der britischen Militärregierung das neue Land Niedersachsen ins Leben. Aber weil für Gründungen neuer Staaten der Monatsbeginn einfach schlüssiger erschien, wurde die Landesgründung später auf den 1. November rückdatiert. „Weil’s runder ist, dafür gibt es keinen sachlichen Grund“, sagt der Historiker Thomas Vogtherr, langjähriger Vorsitzender der Historischen Kommission Niedersachsen. „Lower-Saxony“, wie die Briten sagten, oder Neddersassen, wie es auf Plattdütsch heißt, war übrigens ein seit mehr als 600 Jahren eingeführter Begriff, der im 19. Jahrhundert „in Buchtiteln eine erstaunliche Karriere machte“, wie Vogtherr berichtet. Denn noch vor der Herrschaft der Briten gab es vermehrt Überlegungen, dem als zu übermächtig erscheinenden Preußen etwas entgegenzusetzen.

Im hannoverschen Rathaus, das vorübergehend als Domizil in der weitgehend zerstörten Landeshauptstadt diente, fand Ende 1946 die konstituierende Sitzung des neuen, noch von den Briten ernannten Landtages statt. Beeindruckend aus heutiger Sicht sind die Portionen des Festessens zur Landtagseröffnung: 50 Gramm Fleisch, 25 Gramm Nährmittel, dazu 50 Gramm Brot mit zehn Gramm Fett als Eintopf auf Lebensmittelkarten.

2 Bilder

Das Essen fiel also spärlich aus. Noch schlechter stand es damals um die „niedersächsische“ Identität. Die Oldenburger maulten, die Ostfriesen auch. Von Braunschweig war für Hannover ohnehin wenig Gutes zu erwarten. Da konnte Hinrich Wilhelm Kopf, der das Land mit dem Hirn und auch der Leber regierte, noch so oft mit Besuchern persönlich das „Niedersachsen-Lied“ einstudieren. „Sturmfest und erdverwachsen“ waren sie zwar schon, die Niedersachsen, aber sie lebten, litten und fühlten als Bückeburger, Cuxhavener, Celler oder Braunschweiger. Noch Anfang der 2000er Jahre, als Hannover wirklich eine Weltausstellung ausrichtete und den Messeplanern mit diesem Jahrtausendprojekt die Untertunnelung der Pferdeturmkreuzung gelang, wurden führende SPD-Politiker in Braunschweig ausgebuht, nur weil sie aus Hannover kamen.

Es brauchte Jahrzehnte, bis sich die regionalen Rivalitäten allmählich abschliffen. Parteien wie auch die protestantischen Kirchen zelebrierten in ihren noch immer bestehenden Landesverbänden die Lust an der Differenz. Die besteht, wenn auch abgeschwächt, bis heute fort. Der Versuch, jemals eine zweite Nordkirche aus Braunschweig, Hannover, Schaumburg-Lippe und Oldenburg zu zimmern, dürfte zum Scheitern verurteilt sein. Margot Käßmann (Hannover) und Friedrich Weber (Braunschweig) haben es versucht – sie scheiterten.

Bis 1975 blieb Niedersachsen ein fragiles Gebilde, wie auch ein Volksentscheid zeigte. So stimmten damals die Bürger Oldenburgs gegen den Verbleib im Land Niedersachsen und für die Eigenständigkeit. Der Bund vereitelte 1976 per Gesetz die Loslösung. „Das ging haarscharf daran vorbei, dass man Niedersachsen zum Platzen brachte“, sagt Historiker Vogtherr. Aber heute, gut 40 Jahre später, seien die meisten „Gewohnheitsniedersachsen“ geworden. Selbst Oldenburger.

Nein, eine niedersächsische Identität gebe es wohl nicht, meint Margot Käßmann, die früher als hannoversche Landesbischöfin unheimlich viel herumgekommen ist. Aber eine hohe Identifizierung mit dem jeweiligen Herkunftsort gebe es und mit der Landschaft, die in Niedersachsen sehr viel prägender sei als in anderen Bundesländern. „Es gibt hier eine sehr große Heimatverbundenheit. Und in Niedersachsen ist, im Gegensatz zum Osten, wo ich jetzt lebe, die Kirche wirklich noch im Dorf.“ Das sieht auch der Historiker Vogtherr so, der die Rolle der regionalen Landschaftsverbände als ebenso positiv betrachtet wie andere Zugeständnisse eines aus mehreren Teilen zusammengesetzten Landes. „Auch wenn Niedersachsen eine ideale Größe hat und nicht mehr zerfallen wird, so wäre doch jeder Ministerpräsident erledigt, der glaubt, keine regionalen Rücksichten mehr nehmen zu müssen.“

Wallonien ist eben überall. Auch in Niedersachsen.

Information

Die Chronik

1946: Gründung des Landes Niedersachsen: Das am 8. November gegründete Land umfasst die bisherigen Länder Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Hannover. Hinrich Wilhelm Kopf wird zum Ministerpräsidenten ernannt.

1951: Erste Verfassung: Am 1. Mai verabschiedet der Niedersächsische Landtag eine vorläufige Verfassung.

1954: Hannover 96 wird Deutscher Fußballmeister: Am 23. Mai gewinnt das Team von Hannover 96 mit einem 5:1-Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern zum zweiten Mal den Titel – nach 1938. Im gleichen Jahr wird dann acuh das Niedersachsenstadion gebaut.

1961: Flüchtlinge kommen aus der DDR: In den Notaufnahmelagern Friedland und Uelzen werden im August 10 300 Menschen aufgenommen, die kurz vor und nach dem Mauerbau aus der DDR geflüchtet sind.

1963: Grubenunglück in Lengede: Bei einem Unglück in der Eisenerzgrube Lengede kommen 29 Bergleute ums Leben. 14 können gerettet werden.

1977: Atomendlager Gorleben wird errichtet: Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) kündigt am 22. Februar an, in Gorleben eine Atommülldeponie zu errichten. Die Proteste dauern bis heute an.

1981: Erster Tag der Niedersachsen: Zur Stärkung des Landesbewusstseins führt Ministerpräsident Ernst Albrecht einen Tag der Niedersachsen ein. Zum ersten Mal wird er in Celle gefeiert.

1998: Zugunglück von Eschede: Am 3. Juni sterben beim ICE-Unglück in Eschede auf der Strecke von Hannover nach Hamburg 101 Menschen. 88 werden schwer verletzt.

2000: Expo in Hannover: Vom 1. Juni bis 31. Oktober findet in Hannover die Weltausstellung Expo 2000 statt. Mehr als 18 Millionen Besucher kommen in die Stadt.

2010: Affäre um Christian Wulff: Der damalige Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) wird Bundespräsident. Der Verdacht der Vorteilsnahme führt 2012 schließlich zu seinem Rücktritt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige